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Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Johannes Öhman auf den Stufen des Götz-Friedrich-Platzes bei der Deutschen Oper.

Staatsballett Berlin Ein Intendant zum Anfassen

Eigentlich hatte Johannes Öhman ganz andere Pläne. Sein Vertrag als künstlerischer Leiter des Königlich Schwedischen Balletts lief bis 2019, danach wollte der 50-Jährige der Welt des Tanzes den Rücken kehren. Mit Kindern zu arbeiten hätte ihn gereizt. Doch dann fragte ihn die Berliner Choreographin Sasha Waltz ganz überraschend, ob er sich vorstellen könne, gemeinsam mit ihr die Intendanz des Staatsballett Berlin zu übernehmen.

Er habe erst über das Angebot nachdenken müssen, erzählt der schwedische Balletttänzer beim Gespräch in der Kantine der Deutschen Oper. Aber ihm war klar: So eine Gelegenheit kommt nie wieder. Also hat er das Stockholmer Ballett vorzeitig verlassen. „Ich muss es einfach versuchen – zusammen mit Sasha“, sagt er über seine Berufung zum Ko-Intendanten. „Wir sind beide Kämpfernaturen, aber unterschiedliche Charaktere. Und wir wollen beide unbedingt diese Weiterentwicklung.“

Öhman wird nun schon am 1. August den bisherigen Intendanten Nacho Duato ablösen, der Berlin auf eigenen Wunsch vorzeitig verlässt. Sasha Waltz wird wie geplant im August 2019 nachfolgen und mit Öhman eine Doppelspitze bilden. Doch bis dahin wird der Schwede allein den Hut aufhaben. Er ist nicht nur der Quotenmann fürs klassische Ballett, er ist auch der Richtige, um eine Brücke zu schlagen zwischen der Tradition und dem zeitgenössischen Tanz. Zudem ist er ein glühender Verfechter des Doppelspitzen-Modells: „Alle künstlerischen Entscheidungen werden von uns beiden getroffen“, betont er und schwärmt von dem fruchtbaren Dialog mit Waltz.

Aufgewachsen ist Johannes Öhman in Stockholm. Als Jugendlicher spielte er Fußball und Schlagzeug. Als er mit 14 Jahren seinen ersten Ballettabend mit Choreografien von Jiri Kylian sah, stach ihm besonders der Tänzer Niklas Ek ins Auge, der Bruder des berühmten Choreografen Mats Ek. Es war ein Initiationserlebnis. Er studierte dann klassischen Tanz in Stockholm und Paris, tanzte als Solist beim Basler Ballett. Ab 2007 leitete er die Göteborg Dance Company. 2011 wurde er zum künstlerischen Direktor des Königlich Schwedischen Balletts berufen. „Sasha Waltz bin ich damals drei Jahre hinterhergejagt“, erzählt er lachend. Schließlich vertraute sie der Göteburger Kompagnie ihr Stück „noBody“ an, in Stockholm wurde es als „Körper“ aufgeführt.

Öhman zeigt Präsenz

Ein wichtiger Unterschied zu seinem glücklosen Vorgänger Nacho Duato besteht darin, dass Johannes Öhman Präsenz zeigt. In den letzten Monaten konnte man ihn immer wieder in Tanzaufführungen in Berlin sehen. Zur letzten Staatsballett-Premiere in dieser Saison kam er in Begleitung von Mats Ek in die Komische Oper. „Wir sind im Gespräch über eine zukünftige Kollaboration“, bestätigt Öhman. Doch auch bei zeitgenössischen Tanzperfomances wurde Öhman gesichtet. Er ist kein Phantom, sondern ein Intendant zum Anfassen. Das schätzen mittlerweile auch die Tänzer der Deutschen Oper, die ja nach der Ernennung der Doppelspitze auf die Barrikaden gingen. Der Protest kulminierte in der Online-Petition „Rettet das Staatsballett!“. Es war ein veritabler Kulturkampf, der hier ausgefochten wurde.

Als es dann endlich zu einem Treffen kam, konnten Waltz und Öhman die Ängste der Tänzer zerstreuen. Die Doppelspitze kündigte einen Spielplan an, der zu 50 Prozent aus klassischen Produktionen und zur anderen Hälfte aus zeitgenössischen Werken besteht. Das zeigt: Die beiden planen keinen Umsturz, sie sind keine Klassik-Killer, sondern behutsame Reformer, die sich um Ausgewogenheit und Ausgleich bemühen.

Johannes Öhmann, der stets betont ruhig und besonnen auftritt, war schon etwas erstaunt über die hiesigen Grabenkämpfe: „Es gibt überall eine Kluft zwischen dem klassischen Ballett und dem zeitgenössischen Tanz, aber hier in Berlin scheint sie extrem groß – mit Vorurteilen auf beiden Seiten.“

So musste er sich also gleich als Krisenmanager bewähren. Doch er weiß: Kommunikation ist der Schlüssel. Auch das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Nacho Duato. Sein Verhältnis zur Presse ist angenehm professionell. Im Gespräch wirkt er kompetent, gut vorbereitet, aufgeschlossen. Fragt man ihn, wie das Arbeitsklima derzeit sei, sagt er: „Ich habe den Eindruck, dass die Tänzer sehr empfänglich sind und sich auf den Neustart freuen.“

In den letzten sechs Monaten war er fast jede zweite Woche in Berlin. Der neue Chef hat viele Gespräche geführt, sich die Klassen angeschaut und in die Finanzpläne vertieft. Eine Wohnung ist auch schon gefunden, in Charlottenburg, sein Büro bezieht Öhman erst im August, doch hat er Zugang zu den Räumen des Staatsballetts. Dass er sich in den Berliner Job ganz anders reinknien muss, war dem Balletttänzer von Anfang an bewusst. Doch gerade das reizte ihn: Dass er hier ganz andere Möglichkeiten hat als in Stockholm. Die Oper habe dort einen sehr viel höheren Stellenwert, die Sparte Ballett müsse dagegen ständig um Geld betteln. Die Konstruktion der Berliner Opernstiftung findet er einzigartig: „Die Kompanie ist autonom. Sie bespielt alle drei Opernhäuser, es gibt mehr Geld und mehr Produktionen, das Ensemble ist größer. Das ist ein Segen – aber auch Furcht einflößend.“

Eine Phase des Übergangs

Das nächste Jahr sei eine Phase des Übergangs, stellt der künftige Intendant klar: „Es wird länger als eine Saison dauern, das Schiff auf einen anderen Kurs zu bringen.“ In Zukunft wollen Waltz und er mehr Neukreationen zeigen. Doch für die erste Saison muss er auf seine Kontakte und auf Bewährtes zurückgreifen. Den Auftakt im September wird zeitgenössisch: „Your Passion is Pure Joy to Me“ von Stijn Celis entstand 2009 für das Göteborg Ballet. Sharon Eyal und Gai Behar kreierten „Half Life“ 2017 für das Königlich Schwedische Ballett Stockholm.

Doch insgesamt dominiert die Klassik. Alexei Ratmansky, der sich mit Rekonstruktionen von Klassikern einen Namen gemacht hat, wird „La Bayadère“ nach der Originalfassung von Marius Petipa choreografieren. Der dänische Bournonville-Kenner wird das romantische Ballett „La Sylphide“ herausbringen, ergänzt vom dritten Akt aus „Napoli“. „Der Auftrag ist, wirklich das Original zu studieren“, erklärt Öhman. „Das kann ein Diskussion darüber in Gang bringen, was diese Kunstform in ihren Anfängen einmal war und was ihre Werte heute sind.“ Das klassische Erbe ist beiden wichtig, doch wollen sie auch Entwicklungslinien nachzeichnen – über die Neoklassik bis zum zeitgenössischen Ballett.

Zehn der laufenden Verträge werden zur nächsten Spielzeit nicht verlängert, dafür hat Öhman zehn neue Tänzerstellen ausgehandelt. Künftig wird es am Staatsballett neben den klassischen auch rein zeitgenössische Tänzer geben. „Es ist eine Kompanie mit unterschiedlichen Kompetenzen“, sagt Öhman. Auch eine Evaluation der Strukturen hat er sich vorgenommen. Als Schwede ist ihm jedenfalls schon aufgefallen, dass die Hierarchie sehr steil ist beim Staatsballett. Waltz und er hätten dagegen gute Erfahrungen mit anderen Modellen gemacht. „Als Direktor musst du mehr auf einer visionären Basis arbeiten“, findet er. Das sind ganz neue Töne!

Johannes Öhman ist bewusst, dass er auch weiterhin Überzeugungsarbeit leisten muss. „Ich erwarte nicht, dass man uns Rosen auf den Weg streut.“ Wichtig sei, dass Sasha Waltz und er sich ihrer Kunstform verpflichtet fühlten. Damit haben die beiden auch die Tänzer überzeugt. „Sie konnten sehen, dass es uns ernst ist mit unseren Engagement,“ sagt Öhman. Und genau das braucht diese Kompanie.

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