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Foto: dpa
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Monika Wulf-Mathies (r), frühere Gewerkschaftschefin, und Tom Buhrow, WDR-Intendant, stellen den Abschlussbericht zum Umgang des WDR mit sexueller Belästigung vor. Die frühere Gewerkschaftschefin war von Buhrow mit der Untersuchung beauftragt worden.

MeToo und die Folgen Sachverständige kritisiert „strukturelle Defizite“ beim WDR

Sonia Seymour Mikich, die scheidende Chefredakteurin des WDR Fernsehens, machte ihrem Ärger in einem Interview mit der WDR-Hauszeitschrift „Print“ gerade Luft. Als die Fälle sexueller Belästigung im Sender bekannt geworden seien, sei sie wochenlang deprimiert gewesen. Und empört über die Darstellung in der Öffentlichkeit, „als ob der WDR ein Bordell sei“. Seymour Mikich nennt das einen „böswilligen Spin“ jenseits aller professionellen Standards. Und fügte freimütig hinzu: „Das war wirklich eine Scheißzeit.“

Bei der Aufarbeitung hatte WDR-Intendant Tom Buhrow Ende April externen Sachverstand angefordert: Monika Wulf-Mathies (76, SPD), ehemalige EU-Kommissarin und Gewerkschaftschefin, sollte den Umgang des Senders mit den in der Öffentlichkeit bekannt gewordenen Fällen untersuchen. Und nachdem sie am Mittwoch in Bonn ihren Bericht vorgestellt hatte, räumte Buhrow ein, er habe „ein paar Mal schlucken müssen“.

Aber eine Verlängerung der „Scheißzeit“ mit Schlagzeilen über immer neue Fälle muss er wohl nicht befürchten. Buhrow sah sich sogar veranlasst, seinem in die Kritik geratenen Fernsehdirektor Jörg Schönenborn sein Vertrauen auszusprechen. Er habe sich im Fall eines beschuldigten Fernseh-Redakteurs im Jahr 2010 „nach damaligem Kenntnisstand gewissenhaft damit auseinandergesetzt“. Mittlerweile ist der Mann wieder im Dienst, weil die Vorwürfe nicht erhärtet werden konnten. Und Buhrow wird dem Rundfunkrat wohl bald vorschlagen, Schönenborns Vertrag als Fernsehdirektor zu verlängern.

Auch das Fehlen eines wertschätzenden Arbeitsklimas sei beklagt worden

Aber auch ohne neue konkrete Vorwürfe liest sich der Bericht von Monika Wulf-Mathies reichlich ernüchternd. Sie wirft dem WDR vor, dass in der Vergangenheit zu wenig zur Aufklärung unternommen worden sei. Führungskräfte hätten keine eigene Nachforschungen angestellt und es habe auch bis zu einer im Jahr 2015 erlassenen Dienstverordnung keine festen Regeln im Umgang mit solchen Fällen gegeben. „Es wäre größerer Ermittlungseifer nötig gewesen“, sagte Wulf-Mathies. Allerdings milderte sie ihre Kritik gleichzeitig etwas ab. Die meisten Fälle würden schon lange zurückliegen, bis in die 1990er Jahre. „Man muss berücksichtigen, dass die Sensibilität in der Gesellschaft für dieses Thema insgesamt nicht sehr groß war“, erklärte Wulf-Mathies. „Wir alle haben durch die #MeToo-Debatte einen Stoß bekommen.“

Besonders schmerzhaft für die Führungsriege des Senders: Wulf-Mathies bescheinigt dem WDR „strukturelle Defizite“. Bei der Vergabe von Führungspositionen werde zu wenig Wert auf soziale Kompetenz und charakterliche Eignung gelegt. Außerdem würden die dezentralen Arbeitsstrukturen ein „Eigenleben in den Direktionen“ fördern. Viele ihrer Gesprächspartner in den vergangenen Wochen hätten diese „Silo-Strukturen“ kritisiert, die zur Abschottung und Verfestigung hierarchischer Abhängigkeitsverhältnisse führten. Auch das Fehlen eines wertschätzenden Arbeitsklimas sei beklagt worden.

Vorwürfe gegen „ungefähr ein Dutzend Mitarbeiter"

„Kosmetische Korrekturen werden nicht ausreichen“, sagte Wulf-Mathies und schlug konkrete Maßnahmen wie die Einrichtung einer Clearingstelle und ein verbindliches Regelwerk im Umgang mit Fällen sexueller Belästigung und Machtmissbrauch vor. Der Intendant müsse das Thema zur Chefsache machen. Wulf-Mathies erklärte, sie wolle verhindern, „dass sexuelle Belästigung als Skandal- und Schlüsseloch-Thema durch die Gazetten wandert, aber sich nichts ändert“. Buhrow versprach, dass Wulf-Mathies' Vorschläge bei der Erstellung einer neuen Dienstvereinbarung berücksichtigt würden. „Ich möchte einen WDR, in dem wir angstfrei zusammenarbeiten“, erklärte er.

Seit Anfang April hatten Medien über mutmaßliche Fälle sexueller Belästigung durch verschiedene WDR-Mitarbeiter berichtet. Wegen entsprechender Vorwürfe kündigte die Rundfunkanstalt einem langjährigen Auslandskorrespondenten sowie dem ehemaligen Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie, Gebhard Henke. Mit Henke, der über seinen Anwalt selbst an die Öffentlichkeit gegangen war und die Vorwürfe mehrerer Frauen gegen ihn bestreitet, verglich sich der WDR im Juli außergerichtlich. Die Kündigungsschutzklage des Auslandskorrespondenten ist noch vor dem Arbeitsgericht Köln anhängig. Insgesamt soll es Vorwürfe gegen „ungefähr ein Dutzend Mitarbeiter“ (Buhrow) gegeben haben.

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