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Foto: AFP
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Mit einer Startauflage von 1,2 Millionen Exemplaren ging die Steve-Jobs-Biografie in den amerikanischen Handel. Die Auflage der deutschen Ausgabe, die am heutigen Donnerstag erscheint, wurde auf 250 000 Exemplare erhöht. Foto: AFP

Steve-Jobs-Biografie iGod wird Mensch

Bei einem der letzten Treffen im August ließ Steve Jobs Walter Isaacson einige persönliche Bilder für die Biografie auswählen, darunter eines, auf dem ihn sein Adoptivvater auf dem Arm hält. Isaacson sagte zum Apple-Gründer, Paul Jobs wäre sehr stolz auf ihn gewesen, und Steve Jobs ergänzte: „Er war sehr stolz.“ Bei diesem Treffen verriet Jobs auch, warum er sich für die einzige vom ihm autorisierte Biografie geöffnet hat, obwohl er zeitlebens um sein Privatleben ein zumindest ebenso großes Geheimnis gemacht hat wie um jedes neue Apple-Produkt: „Ich wollte, dass meine Kinder mich kennen. Ich war nicht immer für sie da, und ich wollte, dass sie wissen, weshalb. Und dass sie verstehen, was ich getan habe“, sagte Jobs, der am 5. Oktober mit 56 Jahren an Krebs gestorben ist. Am heutigen Donnerstag kommt „Steve Jobs“ in der deutschen Übersetzung in den Handel.

Steve Jobs bereut darin, seine Familie und seine Kinder zu oft vernachlässigt zu haben. Sein größter Wunsch in den letzten Lebensjahren war, den Highschool-Abschluss seines Sohnes Reed zu erleben. Zugleich lässt er erkennen, wie er ihn gegenüber seinen beiden Töchtern bevorzugt hat. Steve Jobs liebte die Extreme, entweder war etwas fantastisch oder – wenn es ums Essen ging – ungenießbar. Menschen, die seinen Ansprüchen nicht genügten, bezeichnete er hingegen als hirnamputiert oder noch Schlimmeres. Isaacsons 704 Seiten starke Biografie lässt keinen Zweifel daran, dass Steve Jobs kein einfacher Mensch war, kein umgänglicher Chef und kein netter Zeitgenosse, auch wenn er durchaus Charme entwickeln konnte, wenn das seinen Zielen diente. Aber Isaacson scheut sich auch nicht, das unternehmerische Genie des Kaliforniers in eine Reihe mit Thomas Edison und Henry Ford zu stellen.

Steve Jobs war ein Kontrollfreak ohnegleichen, auch wenn er sich selbst nicht unter Kontrolle hatte. Nicht weil er nicht anders konnte, sondern weil er es so wollte: „So bin ich eben“, sagte er zu seinem Biografen. Oder bei einem Anruf bei einem Journalisten: „Sie haben also herausgefunden, dass ich ein Arschloch bin. Und – ist das vielleicht etwas Neues?“ Jobs, der in seinem unternehmerischen Handeln keine Zufälle duldete, gab Isaacson freie Hand für die Biografie. In 40 Sitzungen gewährte er ihm detaillierte Einblicke in sein Denken und Handeln. Und er ermunterte Familie und Freunde, Weggefährten bei Apple sowie Gegner dazu, mit Isaacson offen über ihn zu reden. Darunter auch Leute, die Jobs beleidigt, gefeuert oder im Stich gelassen hat.

Die Startauflage der US-Ausgabe beträgt 1,2 Millionen Exemplare. Mit 250 000 Exemplaren für die deutsche Übersetzung setzt auch der Verlag C. Bertelsmann die Messlatte hoch. Isaacson leitet das Aspen Institut, zuvor war er Chefredakteur des „Time“-Magazine und von CNN. Vor seiner Jobs-Biografie hat er über das Leben von Benjamin Franklin, Albert Einstein und Henry Kissinger geschrieben.

Jobs Offenheit hat indes Grenzen: Kindheit und Jugend nehmen in dem über 700 Seiten starken Buch gerade einmal 20 Seiten ein, auch das Kapitel über seine Beziehung zu seiner langjährigen Freundin Chrisann Brennan und deren gemeinsame Tochter Lisa ist vergleichsweise kurz. Über Laurene Powell, seine Ehefrau, mit der er drei Kinder hatte, berichtet Isaacson vor allem, wie sie Steve bei seiner Krebserkrankung beistand, deren Gefühlswelt bleibt weitgehend außen vor. Überhaupt wird der Aufbau der Biografie vor allem durch Jobs Karrierestationen und die großen Apple-Innovationen bestimmt, ohne dabei Gefahr zu laufen, eine reine Firmenchronik zu werden.

Lesen Sie auf Seite 2, welchen Einfluss eine Indien-Reise auf Steve Jobs hatte

Isaacson selbst nennt die Biografie ein „Buch über das schwindelerregende Leben und die unglaublich intensive Persönlichkeit eines kreativen Unternehmers, dessen Leidenschaft für Perfektion und ungebremster Tatendrang sechs Industriezweige revolutionierte: Heimcomputer, Animationsfilme, Musik, Telefone, Tablet-Geräte und Digital Publishing“.

Vor allem wird Jobs als Produkt seiner Zeit und seiner Umgebung gezeigt. Im Silicon Valley der 60er und 70er Jahre bestand diese Mischung aus der aufkommenden Computertechnik und der Hippie-Gegenkultur der Bay Area. Isaacson beschreibt die kongeniale Verbindung des schüchternen Nerds und Apple-Co-Gründer Steve Wozniak und Steve Jobs, der von seinem Adoptivvater das Verhandeln mit Geschäftspartnern gelernt hatte. Er erläutert, welchen Einfluss die siebenmonatige Reise nach Indien auf Jobs und darauf hatte, die Technik so zu vereinfachen, dass sie intuitiv bedienbar wurde. Er erzählt, wie sich Jobs am elitären Reed-College, das sich seine Eltern eigentlich nicht leisten konnten, mehr für Dylan, Zen und LSD als für die Pflichtvorlesungen interessierte, aber auch, wie er in einem Kalligrafiekurs alles über Serifen und serifenlose Schriftarten erfuhr. Wie diese Verbindung von Kunst und Technologie sich später in allen Apple-Produkten wiederfindet. Ohne Indien und die Kalligrafie wäre die elegante Proportionalschrift möglicherweise nie auf den Computerbildschirm gelangt.

Jobs war weder ein klassischer Erfinder noch Ingenieur, dennoch hat er mit Apple Bedürfnisse befriedigt, von denen die Menschen zuvor nicht wussten, dass sie sie hatten. Insbesondere galt dies für den Ur-Mac und das iPhone, das mit einem Musikplayer, einem Telefon und einem Internetzugang drei Geräte vereinte. Vor allem aber zeigt Isaacsons Biografie, dass es nur durch Jobs’ Mischung aus Leidenschaft und Perfektionismus, Unvernunft und Zielstrebigkeit sowie Kunstverständnis, Wahnsinn und Kontrollsucht möglich war, diese Produkte zu schaffen.

Die ganz große Frage aber ist, wie ein so intelligenter Mensch im Umgang mit seiner Gesundheit sich so unvernünftig verhalten konnte. Als bei einer Nierenvorsorge-Untersuchung ein behandelbarer Tumor an der Bauchspeicheldrüse entdeckt wurde, lehnte er einen chirurgischen Eingriff neun Monate ab und ließ sich mit Saftfasten, Akupunktur und Kräuterpillen behandeln. „Er hat die Fähigkeit, alles zu ignorieren, was er nicht sehen will“, sagte seine Frau Laurene. Auch später, als Metastasen die Leber befallen hatten, war Jobs weder bereit, sich die Schwere der Krankheit einzugestehen, noch die Öffentlichkeit und die Aktionäre darüber zu informieren. An seinem Wesen änderte die Krankheit nichts. Selbst halb bewusstlos riss er sich bei einer anstehenden Operation die Atemmaske herunter und sagte, er hasse das Design und befahl, ihm eine Auswahl von fünf verschiedenen Modellen vorzulegen, von denen er sich eines aussuchen würde.

Nun schreiben andere seine Geschichte und die von Apple weiter.

Walter Isaacson: „Steve Jobs. Die autorisierte Biografie des Apple-Gründers“. 704 Seiten in deutscher Übersetzung im C. Bertelsmann Verlag, 2011. Als Hardcover 24,99 Euro, als E-Book 19,99 Euro.

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