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FC Bayern München oder Borussia Dortmund? Am Samstag ist es endlich soweit: Dann stehen sich die beiden deutschen Mannschaften im Champions League Finale in London gegenüber.

Champions-League-Finale FC Bayern München oder Borussia Dortmund - wer soll gewinnen?

Warum München gewinnen soll

Natürlich spricht, sprudelt, schreit aus dem wahren Fan zuallererst das Herz, der Instinkt, der Kehlkopf. Mehr als der Kopf. Das Fan-Sein hat ursprünglich nichts mit Logik und Verstand zu tun, zumindest nicht mit einem Verstand, der kühler ist als das Bier zum Spiel.

Also fällt es leichter, beim Finale der Champions League für Borussia Dortmund zu sein. Leichter für alle, die keine Bayern-Fans sind. Wer wie ich in Süddeutschland aufgewachsen ist und schon als Schüler zu Bayern-Spielen getrampt ist, als dort unterm Trainer Tschik Cajkovski ein gewisser Gerd Müller („kleines dickes Müller“) auch mal Verteidiger spielte, ist eigentlich ein geborener Bayern-Fan.

Aber mit meinen Gefühlen neige ich in einer gewissen Zerrissenheit auch zur Borussia, weil ich dem ärmeren und mit viel weniger Glanz und Glorie gesegneten Dortmund es gerne gönnen würde. Obwohl auf dem Wembley-Rasen nur junge Millionäre spielen, gilt meine soziale Sympathie eher: Dortmund.

Aber das Spiel gewinnen sollte doch: der FC Bayern. Und das ist hier ausnahmsweise – wo schon das ganze deutsch-deutsche Finale eine Ausnahme ist – keine Frage des Herzens. Sondern des Verstandes. Es gibt nämlich neben dem Bayern- oder Dortmund-Anhänger noch den Fan der deutschen Nationalmannschaft (drei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust). Und hier setzt er nun ein, der irgendwie übergeordnete Fußballfanverstand.

Wollen die Deutschen, was ja doch schön wäre, im kommenden Jahr bei der WM in Brasilien den ganz großen Pott holen, dann wäre es besser, wenn sich der schwarz-gelbe Kohlenpott am Samstagabend mit einer Vizeeuropameisterschaft zufrieden geben müsste. Denkt man nämlich an die nähere Zukunft des deutschen Fußballs, dann dürfen die Bayern nicht wieder verlieren.

Trotz Hummels, Bender, Reus, die entscheidende Achse der Nationalmannschaft bilden Neuer, Lahm, Schweinsteiger. Von Khedira und Özil in Madrid mal nicht zu reden, auch nicht von Götze, dem künftigen Bayern, oder Kroos oder Badstuber, die ja morgen verletzungshalber nicht dabei sind.

Für Philipp Lahm, den Kapitän der Bayern und der Nationalmannschaft, sowie für Bastian Schweinsteiger, den Mittelfeldstrategen, wäre ein weiteres Misserfolgserlebnis eine Katastrophe mit Signalwirkung. Nach den Niederlagen gegen Chelsea beim letzten Champions-League-Finale und dem Ausscheiden gegen Italien im EM-Halbfinale klebt an Leitfiguren wie Lahm und Schweinsteiger der öffentliche Verdacht, sie hätten kein „Sieger-Gen“. Sie gehörten zu einer Generation der hochbegabten Verlierer. Verlierer, wenn es ums Letzte, Höchste, Entscheidende geht. Das gilt für so junge Spieler wie Reus oder Götze so oder so bisher in keiner Weise.

Und für die Dortmunder, die in den beiden vergangenen Jahren in Europa noch hochkant gescheitert sind, ist das Finale von Wembley selbst im Falle einer Niederlage die Krönung einer triumphalen Saison auf internationaler Bühne. Für die Bayern aber wär’s trotz nationaler Meisterschaft ein Desaster. Und Schweinsteiger, Deutschlands größter Spieler seit Michael Ballack, der nie einen großen Titel gewann, wäre als Zweiter nur ein zweiter Ballack. Das Löw- Team in Brasilien aber braucht den zweiten Wind der Ersten.

Vergangene Woche in einem Restaurant in Malmö. Kellner: „Hey guys, welcome. Where are you from?“ Gast: „Germany“. „Okay, nice. Where in Germany – Dortmund?“ „No, we’re from Berlin. Why did you say Dortmund, you like football?“ „Yes, of course, love it.“ „Yeah, and Dortmund has to win in Wembley. We don’t like Bayern München.“ „Same here. Bayern München must lose that match. Die Schweine.“ So weit der kleine Dialog. Der Kellner hat tatsächlich Schweine gesagt, was natürlich eine Sauerei ist und nicht geht. Wie kann das aber sein, dass selbst im kühlen Schweden ein Fußballverein solche Äußerungen provoziert?

In Deutschland hat kein anderer Verein so viele Mitglieder und Fanclubs, so viel Geld und Stars wie der FC Bayern. Weil nichts erfolgreicher ist als der Erfolg, wenn es läuft, dann kommt vieles wie von selbst; dazu hat Uli Hoeneß den Club großartig gemanagt. Chapeau – müsste eigentlich auch der Schwede sagen.

Doch ausgerechnet in diesem Jahr, wo die Meisterschaft wirklich spielerisch gewonnen wurde und zwei Endspielsiege binnen der nächsten acht Tage möglich (wenn nicht wahrscheinlich) sind, ist die Distanz so groß wie nie. Und das ist nicht nur der übliche Neid der Verlierer. Es ist das Unbehagen über das „Mia san mia“; das hatte einst Charme, steht inzwischen aber für den Machtanspruch eines Konzerns, der seine Wettbewerber plattzumachen versucht, sobald sie ihm zu nahekommen. Es ist das Gebaren eines Monopolisten, der die Spielregeln diktiert, der immer mächtiger wird und nicht mehr verlieren kann, weil er in seiner Hybris nur Platz eins kennt. Monopole funktionieren aber nur begrenzt. Auf Dauer wird der Monopolist satt und fett und träge, weil der Wettbewerb fehlt. Deshalb wäre ein Sieg von Borussia Dortmund präventiv von hohem Wert, gewissermaßen eine therapeutische Niederlage für die Bayern. So wie in den vergangenen Jahren.

Zwei Meisterschaften der Borussia und der DFB–Pokalsieg im vergangenen Jahr haben die Bayern in Schwung gesetzt. Die Mannschaft wurde aufgerüstet wie nie und spielte in dieser Saison auch besser: schneller im Angriff mit Mandzukic und Müller, extrem sicher im defensiven Mittelfeld mit Schweinsteiger und Martinez, überragend auf den Außenverteidigerpositionen mit Alaba und Lahm. Das bräsige Ballgeschiebe und dann irgendwann ein Dribbling von Ribery oder Robben – das hatte die Bayern in den vergangenen Jahren berechenbar gemacht. Und schlagbar für das junge Team der Dortmunder, die schneller kombinierten als die arrivierten Bayern.

Als dann auch noch Marco Reus zu den Dortmundern ging und nicht zu den Bayern („Wenn wir einen Spieler wollen, dann bekommten wir den auch“), da war das Maß voll. Inzwischen haben die Bayern so viele gute Spieler im Kader, dass schon die zweite Mannschaft stärker ist als fast jeder andere Bundesligist. Außer Dortmund. Das darf natürlich nicht so bleiben, sodass nicht nur der teuerste Trainer der Welt (Guardiola), sondern auch der Dortmunder Ballkünstler Mario Götze eingekauft wurde. Die bayerischen Plutokraten bestimmen den Fußball – und machen das Spiel kaputt. Deshalb müssen sie am Samstag verlieren. Und sie werden verlieren, wenn sie die Schwelle vom Selbstbewusstsein zur Selbstgefälligkeit bereits überspielt haben.

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