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Foto: dapd
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Nach dem 4:4 gegen Schweden gerät Joachim Löw unter Druck. Vor allem die Moral der Mannschaft wird nach dem verspielten 4:0-Vorpsrung in Frage gestellt.

Kontrapunkt Nationalelf: Der traurige Gute-Laune-Express

Das 4:4 nach 4:0-Führung gegen Schweden war kein Aussetzer, kein Betriebsunfall, wie der Fußballweise Franz Beckenbauer gnädig konstatierte. Diese Remis-Pleite war symptomatisch für die Amtszeit von Joachim Löw. Sechs Jahre, gepresst in 90 Minuten. 2006 trat Löw nach dem Sommermärchen mit einem 3:0 gegen eben jene Schweden an, um mit neuem Offensivstil Titel zu holen. Das wird ihm mit der Nationalmannschaft nicht mehr gelingen. Löw muss zurücktreten.

Apathisch, geradezu entrückt gab sich der Bundestrainer im Fernsehen nach dem „Dr. Jackyll und Mr. Hyde“-Auftritt der Nationalmannschaft. Resignation statt Wut, es war eine verzweifelte Ruhe, die der Bundestrainer ausstrahlte. Von überbordenden Emotionen war er ebenso weit entfernt wie seine Leitwölfe Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, die auf dem Platz durch peinliches Zeitschinden auffielen und in den anschließenden Interviews durch eine nach diesem Spielverlauf befremdliche Routine. Zeit hätte Löw selbst seinen Schützlingen spendieren können, mit einer dritten Auswechslung, doch wie in Schockstarre verzichtete er darauf. Dafür hatte er vorher zwei Offensivkräfte gebracht, als passe eine Aufholjagd des Gegners schlichtweg nicht in sein Konzept.

Wie schon beim 1:2 im EM- Halbfinale gegen Italien traf Löw die falschen Personalentscheidungen. Nach tagelangem Beschwören eigener Stärken hatte er damals die Aufstellung an den Gegner angepasst, Deutschland verlor. Eine richtige Aufarbeitung in der Öffentlichkeit fand anschließend nicht statt. Und wenn Kritik an der Wohlfühloase Nationalmannschaft kommt, wie zuletzt von Uli Hoeneß und Oliver Kahn, ermüdet sie Löw, wie er selbst sagt. Als es keinen aktuellen Anlass gab, sprach Löw dem jungen Marcel Schmelzer dessen Qualitäten ab, anschließend entschuldigte er sich. Wenn wirkliche Fehler passieren, gerade ihm selbst, schweigt der Bundestrainer oder gibt sie so gewunden zu, dass der Eindruck des Schweigens entsteht. Löws Lieblingswort ist „bisschen“. Was er zuletzt abgeliefert hat, war ein bisschen wenig.

Sicher, Löw hat der Nationalelf mitreißenden Kombinationsfußball eingeimpft. Niemand will in diese dunklen Zeiten zurück, als das deutsche Spiel aus Querpässen von Hamann auf Ramelow auf Jeremies und zurück bestand. Warum die Mannschaft jedoch das Siegen in den entscheidenden Partien verlernt hat, weiß Löw nicht, vor allem aber betrachtet er schon solche Fragen als Majestätsbeleidigung. Vorbei an bösen Begriffs-Klippen wie „Sieger-Gen“ oder „Führungsspielerdebatte“ will Löw seinen Gute-Laune-Express in Richtung Brasilien 2014 gleiten sehen.

Doch auch dort werden wieder Fußball-Halunken wie Balotelli oder Ibrahimovic warten, unbequeme Spieler, die keine Leitwolf- Diskussionen führen, sondern Leitwölfe sind. Was Löw dafür kann, wenn ihm nun mal keine ausgewiesenen Charakterköpfe zur Verfügung stehen? Einiges, denn er schafft eine Atmosphäre der harmlosen Harmonie im gesamten Umfeld. Es ist eine schleichende Breisgauisierung der Nationalelf. Der nette Ex-Freiburger Robin Dutt gibt als Sportdirektor sicherlich weniger Gegenworte als sein kratzbürstiger Vorgänger Matthias Sammer, doch die mit seiner Installation abgeschlossene Gleichschaltung der Nationalelf-Führungsebene verhindert die für Erfolge nötige Reibung.

Ob Löws Nachfolger zwangsläufig ein Vertreter der jungen Klopp-Slomka-Garde sein muss, sei dahingestellt. Warum nicht ein erfahrener Mann wie Jupp Heynckes? Wenn Löws Mission tatsächlich noch nicht vorbei sein sollte, kann er im Hintergrund agieren: Am wertvollsten war er für den DFB unter dem Chef Jürgen Klinsmann. So oder so, der Glaube daran, mit Joachim Löw noch einen großen Titel zu holen, ist verloren. Seine Zeit als Cheftrainer ist abgelaufen.

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