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Würdigung einer Fast-Legende Michael Ballack: Rasant, pompös, schleppend

Die Unvollendete, die berühmteste Sinfonie von Franz Schubert, umfasst zwei Sätze. Einen schwungvollen ersten mit rasanten Themenwechseln und Temposprüngen, und einen zweiten eher pompöserer und doch irgendwie schleppender Art. Der Unvollendete, der berühmteste deutsche Fußballer der Neuzeit, hat in seiner Karriere diese beiden Phasen ebenfalls durchlebt. Das Finale furioso ist dem furiosen Michael Ballack, der nun seine Schuhe aus dem Spind wirft, verwehrt geblieben.

Der deutsche Fußball der Neuzeit, also jener nach der vollzogenen (wenn auch kaum geglückten) Spielvereinigung aus Ost und West, trägt eine stille Tragik in sich. Es ist die Tragik des Michael Ballack. Deutschland spielt schön und kombiniert unter Anleitung von Bundestrainer Joachim Löw wieder zügig und mit Zug, Deutschland kann schuften, wenn es drauf ankommt und hat auch mal Glück, wenn es ins Elfmeterschießen geht; aber dass am Ende immer die Deutschen gewinnen, kann man seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr behaupten.

Sogar der letzte EM-Titel 1996 zählt in den Köpfen und Herzen vieler Fans nur halb, denn damals pflügten die Mannen mit dem Bundesadler auf der Brust noch an Berti Vogts' Terrierleine über den Platz. Der 1990 in stillem Titeltriumph über den Rasen synfonierenden Franz Beckenbauer bleibt deshalb der letzte Fußballheld aller Generationen; der allseitig vorbereitende, verwandelnde, freistoßende und schnellfußige Michael Ballack stand immer kurz vor dieser Krönung. Doch er hat trotz aller erzwungenen Siege den letzten Schritt zur Legende nicht geschafft (vielleicht auch deshalb, weil er darüber seine Leichtigkeit verlor) – die deutsche Nationalmannschaft, die lange so sehr an seinen Beinen hing und sich bei der WM 2010 mit jugendlicher Leichtigkeit von ihm emanzipierte, teilt Ballacks Schicksal. Das ist natürlich nicht weiter schlimm – schlimm war der Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke -, aber es ist doch schade und nicht nur für Fans des synthetischen Leders ein Grund zum Grübeln.

Wenn Sport der Spiegel der Gesellschaft ist, und wenn Fußball dabei der Tagesspiegel ist, dann war Michael Ballack das ideale Gesicht hinter der Mattscheibe, in der sich die Gesellschaft anhand ihrer Stars selbst erkennt. Der in Chemnitz entdeckten Fußballer aus Karl-Marx-Stadt spielte sich nach oben, also tief hinein in den Westen, und löste doch die Frage aus, ob Ostdeutsche wirklich führen können – eine Frage, die Angela Merkel trotz gegenteiliger Fakten heute noch gestellt wird.

Später dann war Ballack eine Chiffre für das glatte Gegenteil: der Anhängigkeit eines Kollektivs, das sich jetzt Team nennt, von einer Person – ihrem Kopf, ihrem Können. Wie oft riss Ballack allein alles raus, und wie allzu oft verließen sich die anderen darauf?

Beim Sommernachtsmärchentraum 2006 tauchte dann die nächste Frage auf: Geht’s auch ohne Macker? Gerhard Schröder war gerade abgewählt; und Ballack, der keine Lust hatte, einen dritten Platz zu feiern, wurde von seinen Gefolgsleuten überstimmt - hinter Poldi und Schweini tanzte er auf der Berliner Fanmeile hinterher.

Ballack hatte die Stimmung unterschätzt, seine zweite Karrierephase begann: Er nahm sich desto wichtiger, umso weniger wichtig ihn die anderen nahmen. Bundestrainer Joachim Löw ließ ihn aussortieren durch die faktische Macht des Generationenwechsels, nicht durch die Kraft eigener offener Worte.

Und auch dahinter verbarg sich eine gesellschaftliche Frage: Wie geht Deutschland mit seinen Alten um? Das Gesicht, das Michael Ballack im Spiegel sah, war nicht mehr das, das die meisten anderen um ihn herum in ihm sahen. Es ist gut, dass Ballack seine Karriere nun selbst abblendet, bevor er zum deutschen Ailton wird. Denn das hat ein Großer wie er, eine Fast-Legende auf dem Platz, nicht verdient.

Der dritte Satz von Franz Schuberts unvollendeter Sinfonie bricht unvermittelt ab. Übrig bleiben ein paar Töne ohne Ziel und die Erinnerung daran, etwas Großes erlebt zu haben. Diese Erinnerung an Michael Ballack wird bleiben.

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