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Foto: dpa
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In vielen Ländern Afrikas wird Mandelas Geburtstag gefeiert. Hier die Feierlichkeiten in Südafrika.

100. Geburtstag von Nelson Mandela Was Mandela in Afrika hinterlassen hat

Mehr als 30 Jahre lagerten sie gut verstaut im Schrank: Nelson Mandelas Stiefel. Die tropische Feuchtigkeit hatte mit der Zeit Risse in das rotbraune Leder gefressen und die Gummisohle spröde werden lassen. Auch hatten die Schuhe über die Jahre ihre Form verloren. Dennoch bewahrte sie der tansanische Politiker Nsilo Swai pflichtbewusst auf – in der Hoffnung, sie eines Tages an Mandela zurückgeben zu können.

In Swais Besitz gekommen sind die Stiefel im Januar 1962. Mandela hatte sich aus Südafrika abgesetzt und auf eine geheime Reise durch Afrika begeben. Dabei besuchte er auch das sozialistische Tanganyika, das heutige Tansania. „Dort habe ich gemerkt, dass ich in einem Land bin, das von Afrikanern regiert wird“, erinnerte er sich später. „Zum ersten Mal war ich ein freier Mann.“

In Tansania ist Mandela bis heute ein Held

Mandela kam damals in der Hafenstadt Daressalam unter, in der Strandvilla des Handelsministers Swai. Dort führte er Gespräche mit Verbündeten und organisierte Unterstützung für den Freiheitskampf in seiner Heimat. Als Mandela wenige Tage später weiterreiste, vergaß er die rotbraunen Schuhe in Swais Haus.

Bei der Reise durch Afrika hinterließ Mandela jedoch viel mehr als ein Paar Lederstiefel. Überall, wo er 1962 als Botschafter des African National Congress (ANC) hinkam, sollte Mandela seinen politischen Fußabdruck hinterlassen.

So ist er in Tansania bis heute ein unbestrittener Held. Julius Nyerere, der erste Präsident des 1961 unabhängig gewordenen Landes, zählte zu Mandelas engsten Vertrauten. 10.000 ANC-Mitgliedern bot seine Regierung über die Jahre Asyl. Als Mandela nach der Haftentlassung 1990 wieder nach Daressalam reiste, begrüßten ihn Hunderttausende. Kein anderer ausländischer Gast hat in Tansania jemals so viele Menschen auf die Straße gebracht. Bei Mandelas Beerdigung 2013 rief der damalige Präsident Tansanias, Jakaya Kikwete, den südafrikanischen Trauergästen zu: „Nelson Mandela war genauso unser Held, unser Symbol, unser Vater wie er das für euch war.“

Ikone Mandela

Auch im westafrikanischen Ghana hinterließ Mandela bei der Reise im Jahr 1962 seine Spuren. Seither wird auch dort die Erinnerung an ihn hochgehalten – selbst von den Spätgeborenen. Gerade einmal fünf Jahre alt war John Dramani Mahama, als Mandela in Südafrika verhaftet wurde und für Jahrzehnte im Gefängnis verschwand. Er sei für ihn dennoch immer eine „Ikone“ gewesen, sagt Mahani, der von 2012 bis 2017 Ghanas Präsident war.
Der derzeit jüngste Regierungschef Afrikas, der 42 Jahre alte äthiopische Premier Abiy Ahmad, zeigte sich kürzlich ebenfalls als Mandela-Fan: Bei einem Auftritt in der Hauptstadt Addis Abeba trat er Ende Juni in einem T-Shirt mit einem „Free Mandela“-Logo auf.

Sein Land stand während der Apartheid stets an der Seite des ANC. Im Juni 1962 erhielt Mandela von der äthiopischen Regierung sogar militärisches Training und gefälschte Reisepapiere. Viele Einrichtungen im Land tragen heute Mandelas Namen, etwa an der Universität in Addis. Premier Abiy sieht sich in Mandelas Tradition: Kurz nach seinem Amtsantritt im vergangenen April entließ er Hunderte politische Häftlinge. Im ewigen Grenzstreit mit dem Erzfeind Eritrea setzt Abiy auf Aussöhnung und Dialog.

Mandela hat diese Art der Politik weltberühmt werden lassen – und zu einer Ikone in Afrika gemacht. Auch nach seiner Wahl zum Präsidenten bereiste er den Kontinent und versuchte dabei, seine politischen Ideen zu exportieren.

Junge Afrikaner kritisieren Mandelas Politik

Für das kleine ostafrikanische Land Burundi konnte er dabei im Jahr 2000 ein Friedensabkommen erreichen. Er holte in der tansanischen Stadt Arusha die verfeindeten Hutu und Tutsi an einen Tisch, die dort den als „Arusha Accords“ bekannten Friedensvertrag schlossen. In Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, klappte das hingegen nicht. Trotz intensiver Bemühungen Mandelas fanden die dortigen Bürgerkriegsparteien 1997 keine Einigung – Millionen Tote waren die Folge.

Bekannt bleibt Mandela aber für seine unvergleichliche Rolle als Friedensstifter. „In der afrikanischen Politik, in der seit dem Ende des Kolonialismus gute Anführer selten sind, steht Mandela da wie ein Koloss“, sagt Kithaka wa Mberia, einer der bekanntesten Schriftsteller Kenias. Auch James Ogude, Literaturprofessor an der Universität von Pretoria, hält Mandela für eine politische Ausnahmeerscheinung. Dass der südafrikanische Präsident nach wenigen Jahren freiwillig die Macht abgegeben hat, sei selten in Afrika und verdiene höchste Anerkennung, betont Ogude.

Bei den Jüngeren sei Mandelas Image heute jedoch nicht so makellos, sagt der Historiker Mwongela Kamencu aus Nairobi. Viele junge Kenianer bemängelten, Mandela habe zu wenig gegen die Vorherrschaft der Weißen und die andauernde Ungerechtigkeit getan.

Sein Land habe ohnehin schon immer ein gespaltenes Verhältnis zu Mandela und den südafrikanischen Freiheitskämpfern, sagt der Kenianer Kamencu. Die Regierungen des ostafrikanischen Staats seien lange dem Apartheidsregime näher gewesen als dem ANC. Ein offizielles Gedenken an Mandela gibt es dort deshalb nicht. In der Hauptstadt Nairobi ist nicht einmal eine Seitenstraße nach Mandela benannt – in der tansanischen Metropole Daressalam hingegen trägt ein kilometerlanger Boulevard seinen Namen. So unterschiedlich ist der Umgang mit Mandelas Erbe heute in Afrika.

Für den tansanischen Politiker Swai wäre es nie infrage gekommen, das Andenken an seinen Freund Mandela aufzugeben – weshalb er auch dessen alte Lederschuhe so lange aufbewahrte. „Wir müssen sicherstellen, dass er sie wieder bekommt“, sagte Swai immer wieder zu seiner Frau Vicki. Erleben konnte er das jedoch nicht mehr, er starb ein Jahr vor Mandelas Wahl zum Präsidenten. Seine Witwe reiste dann 1995 nach Südafrika, um Mandela die rotbraunen Lederschuhe zurückzugeben. Der steckte seine Füße in die alten, schweren Militärstiefel und rief begeistert: „Sie passen noch immer!“ Nach mehr als 30 Jahren.

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