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Foto: VPC Photo/Alamy Stock Photo
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Sakrale Kaffeemühle. Das Haus am Horn wird derzeit saniert und fürs Bauhaus-Jubiläum schön gemacht.

100 Jahre Bauhaus Leben im Ur-Haus der Moderne

Wie begrüßt man ein neues Haus auf Erden? Dieses hier, gleich schräg hinter Goethes Gartenhaus auf der Anhöhe am Park gelegen, hörte bei seiner Ankunft Sätze wie: „Es hat eine verzweifelte Ähnlichkeit mit jenen auf öffentlichen Plätzen der Großstadt, die gegen einen Obolus auf der einen Seite ’für den Herren’, auf der anderen Seite ’für die Dame’ zugänglich sind.“ Oder: „Man könnte sich vorstellen, dass Strindbergs ’Totentanz’ hier gespielt würde, und man meint zu spüren, wie die Menschen einander hassen müssen, die in diesem konstruktiven Gehäuse einander täglich und stündlich begegnen müssen.“

Es war herabstimmend. So empfingen die Menschen also das bis heute vielleicht folgenreichste Haus überhaupt, das erste des neuen Bauens, die Wiege der Moderne, errichtet 1923. Vor Traurigkeit bekam es umgehend Feuchtigkeitsschäden. Im kommenden Jahr wird das Bauhaus 100 Jahre alt, Zeit für einen Vorbesuch.

„Wohin wollen Sie – zum Haus am Horn?“, fragen Weimarer Taxifahrer noch heute. Meist sind es Ausländer, Japaner oder Amerikaner, die etwas von einer Kathedrale sagen, die sie besichtigen wollen. Die Weimarer Taxifahrer sind wie die meisten Thüringer sehr freundliche, hilfsbereite Menschen. Und wenn da oben etwas garantiert nicht stehe, sei das eine Kathedrale, erklären sie den Reisenden. Goethes Gartenhaus ja, das Weinberg-Haus von Goethes Sohn August – ja, aber definitiv keine Kathedrale.

Manchmal bemerken sie dann ein mildes Lächeln auf den Gesichtern der Auswärtigen: Im Falle der Kathedrale des neuen Bauens, des Ur-Hauses der Moderne, erschließe sich die sakrale Gestalt nicht auf den ersten Blick. Widerständlerisch blicken nun die Kraftfahrer: Ein Haus ohne Dach, in dessen oberem Stockwerk man nicht mal aufrecht stehen kann, und wo keine Gardinen vor den Fenstern hängen – sakral? Alte Kaffeemühle, sagen sie. Es fehle nur die Kurbel obendrauf.

Von der Ruine zum Weltkulturerbe

In der DDR war vieles knapp, aber manches war noch viel knapper, und dazu gehörten Wohnungen. „8000 Wohnungssuchende gab es, als ich 1966 nach Weimar kam“, sagt Marlis Grönwald. Sie war eine von ihnen. „Trotzdem wollte niemand ins Haus am Horn ziehen.“ Wohl auch, weil die Zimmer so klein sind, dass da keine gewöhnlichen Möbel reinpassen.

Damals wusste die Leipziger Philosophiestudentin noch nicht, dass ihr dieses Haus einmal zum Schicksal werden würde. Dass sie ihm die größten Freuden verdanken wird und die schwersten Stunden. Hier nahm sich ihr Mann nach der Wende das Leben, mit drei Söhnen blieb sie allein zurück. Und doch wäre sie niemals ausgezogen, nicht freiwillig. Eigentlich wohnt sie noch immer dort, Seelen lassen sich nicht entmieten. Als sie kam, war das Haus eine volkseigene Ruine. Als sie wieder ging, war es Unesco-Weltkulturerbe.

Marlis Grönwald arbeitete früher als Kustodin an der Weimarer Hochschule für Architektur und Bauwesen. Sie ist eine sehr redliche, aufrechte Frau, zupackend, ohne Arg gegen die Welt geboren, nicht zum Sarkasmus neigend, und doch spielt manchmal ein kleines, satirisches Lächeln um ihren Mund.

Sie legt Wert auf die Feststellung, dass das Haus mit ihr drin, ihren Bäumen und Sträuchern im Garten und den Anbauten des Erstbesitzers 1996 zum Weltkulturerbe wurde. Erweiterbarkeit gehörte zur Ursprungsidee. Zuletzt hat man ihr doch angeboten zu bleiben, auf 30 Quadratmetern ihres Hauses. 30 Quadratmeter! Ein Ausdruck unhintergehbarer Selbstachtung erscheint auf ihrem Gesicht. Jetzt hat sie 240, ganz nah am Goetheplatz. Sie hat Flügeltüren, auch zum Balkon, hohe Fenster, hohe Decken, all das, was das Bauhaus verachtete. Ist das eine Art Protestwohnen?

Marlis Grönwald lässt sich auf keine Polemik ein. Es sei zumindest konsequent, auch passt eine große Bibliothek besser in hohe Regale. Und außerdem sind es gewissermaßen drei Wohnungen in einer, nebenan lebt ihr Sohn mit seiner Familie. Und es ist ein Wohnen in öffentlichem Interesse: Allein diese große alte Glaseingangsfront aus lauter durchsichtig runden Scheiben ist wunderschön, und sie wäre verloren bei einer Sanierung nach „zeitgemäßen Grundrissen“.

Umkehrung der Ideale im Bauhaus

Zeitgemäße Grundrisse. Das Thema haben Corbusier und Gropius zuerst aufgebracht. Die Frage lautete nicht: Wie viel Raum braucht der Mensch?, sondern: Wie wenig Raum braucht der Mensch? Ihr Ideal war gewissermaßen das Auto und seine spezifische Deckenhöhe, weshalb die ersten Besucher des Hauses am Horn weniger von Zimmern, sondern mehr von „Kabinen“ sprachen, was natürlich auch an den weniger als zehn Quadratmeter pro Raum lag, abgesehen von dem großen in der Mitte.

Der Vormieter, ein Carl-Zeiss-Jena-Mann, bewohnte es unter stummem Protest. Doch als sich die Zahl wildfremder Leute, die vor seiner Tür standen, um sein ungeliebtes, feuchtes, kaputtes, viel zu kleines Haus zu besichtigen, dramatisch häufte, schrieb er eine Eingabe an den Rat der Stadt. Im Interesse des Erhalts seiner Arbeitsfähigkeit und der Nerven seiner Frau bitte er dringend um Zuteilung angemessenen Wohnraums, so ungefähr. „Und dann stand das Haus leer und verfiel“, sagt Marlis Grönwald. Schließlich fragte ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung ihren Mann, ob er da nicht einziehen wolle. Das war 1970.

Wie für die meisten Weimarer war auch für Marlis und Bernd Grönwald Weimar an Goethes Gartenhaus zu Ende. Sie hatten „die Wiege der Moderne“ noch nie zuvor gesehen, es war gleichsam exterritoriales Gebiet. Wir könnten es uns wenigstens einmal anschauen, beschlossen sie. Marlis Grönwalds Mutter nahm den Standpunkt des Realismus ein, schlug die Hände zusammen und rief: Um Gottes willen, lasst die Hände davon, das schafft ihr nie!

Wie formulierte doch Bauhausdirektor Walter Gropius 1922? „Ihr Schwung, und sei er auch aus Wahn geboren, ist Nerv für unsere Ausstellung. Ich mache mit. Ihr Gropius.“ Der Empfänger dieser Nachricht war der jüngste Bauhaus-Meister, der Maler, Weber und Nicht-Architekt Georg Muche. Die Botschaft lautete: Ihr Haus wird gebaut! Die Studenten hatten das Musterhaus-Projekt ihres Direktors zugunsten seines Entwurfs durchfallen lassen.

Wirtschaftskrise und Inflation

Am 1. Januar 1922 hatte ein Dollar noch 186,75 Mark gekostet. Zur Grundsteinlegung im April 1923 kostete er 21.000 Mark, im August 1923, als es fertig war, kostete er 1,1 Millionen. Am Ende dieses Jahres würde die Inflation den kompletten deutschen Mittelstand verschluckt haben, ein böses Omen für die Zukunft. Die Menschen überlebten in ihren Häusern, aber keiner baute eins, doch nicht 1923.

Dass die Baukosten innerhalb eines Jahres von 100 auf 450 Millionen Mark gestiegen waren, verstimmte Gropius’ Freund und Hauptfinanzier, den Holzhändler und Bauunternehmer Adolf Sommerfeld erheblich. Da kannte er den noch offenen Schlussbetrag nicht: 650 Millionen Mark, worauf die Summen aufhörten, in Zahlen überhaupt ausdrückbar zu sein. Millionäre waren nun alle. Als die Menschen im November 1923 für ein Kilo Brot 42 Milliarden Mark zahlten, ließ der missvergnügte Investor alle bewegliche Ausstattung daraus entfernen und bot es zum Kauf an. Niemand wollte es haben.

Foto: privat

Marlis Grönwald und ihr Mann zogen 1970 in das Haus am Horn.

Foto: privat

Marlis Grönwald und ihr Mann zogen 1970 in das Haus am Horn.

Nein, es stand unter keinem guten Stern, aber schlimmer als 1923 konnte es nicht werden, sagten sich die Grönwalds. Konnte es nicht? Die großen Ulmen vor dem Haus waren tot, die Weimarer liefen längst quer durch ihren Garten, wenn sie vom Arzt zur Bushaltestelle wollten, denn das war kürzer.

Die jungen Paare, die sich unter ihren Büschen liebten, sahen erst nach und nach ein, dass sie da nicht bleiben konnten. Marlis Grönwald lernte mit der Sense zu mähen, denn über Rasenmäher lachte das Gras. Und um das, was Euphemisten einmal das Haus genannt hatten, stand es kaum besser. Neubauen wäre einfacher gewesen, dennoch spricht Marlis Grönwald auch retrospektiv mit äußerster Zartheit von seinen Gebrechen. Nur Grobiane würden sagen: „Es regnete durch.“ Sie sagt: „Das Flachdach war durchlässig.“

Die Nazis sehen Kulturbolschewismus

Es hatte gleich das Misstrauen der Kritiker erregt. „Von der Oase Biskra nach Weimar geweht“, vermutete ein lokaler Anzeiger, ganz zu schweigen von den Nationalsozialisten später, denen es als „kulturbolschewistische Wüstenarchitektur“ galt. Mag sein, Marlis Grönwald und ihr Mann haben später manchmal daran gedacht, wenn sie oben auf ihr Dach kletterten und den Schnee runterschaufelten.

Den Kleingärtnern nebenan war ihr Garten immer zu ungepflegt, dafür kam die Gärtnerei, die alljährlich die Goethe-Kutsche schmücken musste, immer zu ihr: Solche Zweige und solche Gräser wie in ihrem Garten gäbe es in ganz Weimar nicht – da ist sie wieder, die kleine sich ironisch schlängelnde Bitterkeit um ihren Mund. Besser ironisch, als bitter.

Sie mussten alles neu machen, die Kanalisation, die Elektrik, die Wände. Kollegen und Freunde halfen. Marlis Grönwald sieht noch den Bauhäusler Werner Claus, der im Krieg ein Bein verloren hatte, sein Kunstbein abschnallen, und dann saß er auf dem Fußboden im Wohnzimmer und putzte die Gropius-Türklinken.

Auch wegen der Klinken würden die Bauhaus-Pilger kommen, das wussten sie. Sie machten sich keine Illusionen, dass sie in ihrem Wohnzimmer würden wohnen können und gewöhnten sich auch bald daran, dass in entlegenen Erdteilen Bildbände darüber erschienen. Sie statteten es mit Schautafeln und Originalmöbeln aus, soweit die noch aufzutreiben waren. „Die ganze Welt war bei uns zu Gast“, sagt Marlis Grönwald, „wohl 40.000 Menschen über all die Jahre“, und schlägt eins ihrer Gästebücher auf. Es ist gerade die Franco-Stella-Seite: „Von Palladio bis Bauhaus“, schrieb der heutige Berliner Schlossarchitekt am 26. September 1973.

Der Vergleich ist nicht abwegig. Palladios Villa Rotonda, 16. Jahrhundert, gilt ob seiner vollkommenen Symmetrie nicht wenigen als das schönste Haus überhaupt. Das hat der Weimarer Taxifahrer nicht gewusst, als er sich über das obere Zimmer beschwerte, in dem man nicht mal stehen könne. Der vermeintlich erste Stock ist gar keiner, die Fenster sind nur die Oberlichter des vier Meter hohen Wohnzimmers, in das alle Türen ringsum münden. Der Schauplatz eines neuen Lebens in einer neuen Architektur, das war die Hoffnung. Sie zahlten DDR-Miete, 75 Mark für 75 Quadratmeter.

Wohnungsnot in der DDR

Mag sein, es war der Geist des Hauses, das er bewohnte, der Bernd Grönwald, den jungen Professor an der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar die Zuversicht und den Mut gaben, die Stimme gegen den größten Bauherrn der DDR zu erheben. Der eigentliche Architekt der Republik war der VIII. Parteitag der SED. Er hatte die Lösung des „Wohnungsproblems“ bis 1990 versprochen, koste es, was es wolle.

Immer billiger, immer provisorischer wurde gebaut, in gewissem Sinn erfüllte sich auf traurigste Weise Gropius’ Bauhaus-Utopie des industriellen Städtebaus. Grönwald rief mit Kollegen die Bauhaus-Kolloquien ins Leben, seine Studie „Die DDR-Architektur nach 1986“ atmete schon die Revolte, und als Bernd Grönwald dann ab 1986 nach Berlin an die Bauakademie ging, galt er vollends als Hoffnungsträger.

Historiker werden dem „sozialistischen Städtebau“ wohl nur „den Rang eines historischen Experiments“ einräumen, formulierte er anlässlich des letzten Republikgeburtstages im Oktober 1989. Er durfte die Rede nicht halten, die Plenartagung der Bauakademie wurde abgesetzt.

Kurz darauf zählte Bernd Grönwald wie der halbe Osten über Nacht zu den Altlasten. Es war kein Platz für ihn vorgesehen im neuen Land, nicht für einen, der wie die Bauhäusler an den Sozialismus geglaubt hatte. Und 150 Mitarbeiter müsse er auch entlassen. Grönwald trat von seinen Ämtern zurück. Aber wie tritt man von sich selbst zurück?

Er fuhr zur Kur nach Bad Elster, aber ein in Abwicklung begriffenes Kurwesen stimmt nur begrenzt zuversichtlich. Am 28. Januar 1991 nahm sich Bernd Grönwald im Keller des Hauses der Zukunft das Leben. Im letzten Brief an seine Frau heißt es: „Lebend oder tot, neu kann ich nichts bewegen. ... Mein Wunsch für die, die so oder ähnlich dachten und handelten wie ich: Sich zurechtfinden in den nächsten Jahren, aber nicht scheitern an sich selbst!“

Das „Haus am Horn“ wird schon wieder saniert, damit es zum Bauhaus-Jubiläum im nächsten Jahr so nagelneu aussieht wie vor 100 Jahren. Als hätte niemals irgendwer darin gewohnt.

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