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Foto: Sven Darmer
Foto: Sven Darmer

Stephan von Orlow ist ein Aufheber und beseitigt Muell von der Strasse, in Berlin.

Berliner Bürgersinn Das ist unsere Stadt

Einfach mal bücken. Veränderung kann so einfach sein. „Die Aufheber“ glauben jedenfalls daran, dass ihr gutes Beispiel auch in Berlin dazu beitragen kann, dass Menschen sich gegen die Verschmutzung der Stadt engagieren. Täglich heben die Engagierten drei Müllstücke auf, die von gedankenlosen Berlinern fallen gelassen wurden. Man kann das naiv nennen, aber immer mehr Menschen schließen sich den „Aufhebern“ an.

Veränderung fängt oft mit Kleinigkeiten an. Sie kann jedenfalls nicht erfolgreich sein, solange sie nur von oben verordnet wird, sondern erst dann, wenn bei den Menschen ein Bewusstsein dafür entsteht, dass es um die Lebensqualität ihrer eigenen Stadt geht. Das weiß auch die Berliner Landesregierung, die vor einigen Monaten das Programm „Sauberes Berlin“ vorstellte. Ohne einen Mentalitätswandel scheitert das Vorhaben nämlich ebenso wie das Projekt, das unter dem gleichen Titel schon vor mehr als 20 Jahren vorgestellt wurde, als der Regierende Bürgermeister noch Eberhard Diepgen hieß.

Gestiegenes Engagement

Müllsheriffs für alle Bezirke, die gegen illegal abgeladenen Müll vorgehen, die Übernahme der Reinigung der Parkanlagen durch die Stadtreinigung, kostenlose Sperrmüllaktionen und erweiterte Öffnungszeiten für die Recyclinghöfe sind allesamt richtige Maßnahmen – doch ohne die Menschen, die sich selbst verantwortlich fühlen, wird es kein schöneres Berlin geben. Die rot-rot-grüne Senatskoalition kann durchaus offensiv die Berliner Bürgerschaft einbinden und etwa dort unterstützen, wo sich Ehrenamtliche zuweilen auf frustrierende Weise am Verwaltungsdickicht abarbeiten. Im eigenen Interesse. Denn eine Ehrenamtskultur, in der die Menschen jene Aufgaben übernehmen, die auch ein mitfühlender Sozialstaat nicht leisten kann, ist der Humus einer demokratischen Gesellschaft.

Hoffnung aber gibt es durchaus. In der zusammengewachsenen und zugleich wachsenden Stadt ist in den vergangenen Jahren das bürgerschaftliche Engagement enorm gestiegen. Immer mehr Berliner, alteingesessene wie zugezogene, engagieren sich auf unterschiedlichste Weise für ihren Bezirk und ihren Kiez. Das ist unsere Stadt und unsere Verantwortung – dieser Gedanke bewegt immer mehr Berliner. Die Aktionstage „Gemeinsame Sache“, zu denen der Tagesspiegel erstmals vor sieben Jahren aufrief, spiegeln dieses wachsende Engagement wider. Mehr als 250 Initiativen haben im vergangenen Jahr in allen Bezirken gezeigt, wie vielfältig der ehrenamtliche Einsatz in Berlin ist.

Lebendige Nachbarschaften

Mit dem Einsatz für das eigene Lebensumfeld wachsen dort, wo man zuvor anonym zusammenlebte, auch lebendige Nachbarschaften. Es sind dabei nicht nur jene Gruppen, die regelmäßig Verschönerungsaktionen machen oder, wie etwa am Arnswalder Platz oder Helmholtzplatz, seit Jahren mit großem Einsatz die Patenschaft für ganze Plätze übernommen haben. Zur Stadt der Hilfsbereitschaft gehören auch die vielen Initiativen, die sich um kranke und behinderte Menschen kümmern, oder jene, die das Vermächtnis der bösen Vergangenheit wachhalten und Stolpersteine pflegen.

Ohne den Einsatz sehr vieler Menschen hätte auch das institutionelle Versagen der Berliner Behörden in der Flüchtlingskrise vor zwei Jahren nicht bewältigt werden können. Die gute Nachricht trotz einer aus der populistischen Ecke befeuerten Herabsetzung von Flüchtlingshelfern ist, dass diese sich nicht entmutigen lassen und ihre Gruppen auch heute noch immer neue Mitstreiter finden, die tatkräftig mithelfen, geflüchteten Menschen einen Start in ihrer neuen Heimat zu erleichtern.

Die Teilnahme an den Aktionstagen „Gemeinsame Sache“, zu der wir von heute an aufrufen, ist deshalb eine Demonstration des guten Bürgersinns. Täglich stellen wir bis zu den Aktionstagen am Freitag, dem 7., und Sonnabend, dem 8. September, auf unseren Seiten Initiativen vor, die sich für ihre Stadt engagieren. Mitmachen ist ganz einfach – alle Berliner sind willkommen. Denn Veränderung fängt ganz klein an.

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