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Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Sanfte Ruhe. Bestattet werden die Toten ohne Angehörige auf dem Friedhof mit den niedrigsten Kosten. Das ist derzeit der Domfriedhof St. Hedwig in Berlin-Mitte.

Discount-Bestattungen in Berlin Mit Tiefpreisgarantie ins Grab

In der schönen runden Kapelle steht eine schwarze Urne. Es ist sehr still. An diesem grabplattengrauen Novembernachmittag wird Gerda R. auf dem katholischen Domfriedhof Sankt Hedwig in Berlin zur letzten Ruhe geleitet. Aber keine Musik erklingt, niemand tritt nach vorn, um an ihr Leben zu erinnern. Keiner wird weinen, natürlich nicht, denn es ist ja niemand gekommen. Niemand nimmt Abschied von Gerda R..

Im Mai 1920 ist sie geboren, am 8. Oktober 2016 ist sie gestorben. Manchmal melden sich Angehörige erst nach Wochen, sogar Monaten. Vielleicht hat man auch deshalb so lange gewartet. Aber das Wunder geschieht nicht, kein Nächster, kein Fernster tritt im letzten Augenblick durch die Tür. Mr. May fehlt.

Mr. May ist der Funeral Officer des Londoner Stadtteils Kennington aus dem wunderbar skurril-melancholischen Film „Mr. May oder das Flüstern der Ewigkeit“, der vor ein paar Jahren in unsere Kinos kam. Es ist unmöglich, Eddie Marsan in dieser Rolle jemals wieder zu vergessen. Eigentlich hat der Officer nur die Aufgabe, die Angehörigen der Toten zu ermitteln, aber wenn er keine findet, lässt er sich von den verwaisten Dingen in den Wohnungen ihre Lebensgeschichten erzählen und erscheint als einziger Hinterbliebener auf ihren Trauerfeiern. Aber solche Gedächtnisfeiern gibt es gar nicht. Das bezahlt kein Amt.

Und selbst, dass die Asche von Gerda R. jetzt in dieser Kapelle steht, ist nur einer Geste des Friedhofs zu danken. Gerda R. hat kein Recht auf diesen letzten Augenblick. Urne? Es ist nur die Aschekapsel. Normalerweise würde jetzt keine Kerze für sie brennen. Und das schöne kleine Blumengesteck? Das erhält nur, wer aus Treptow-Köpenick oder Pankow kommt.

Die Beisetzung eines Menschen ohne Angehörige heißt ordnungsrechtliche Bestattung. Auf dem Schreiben, das beim zuständigen Institut eintrifft, steht dann meist: „anonym, ohne Feier, ohne Redner, ohne Blumen“. Rund 2000 solcher Beisetzungen gibt es jedes Jahr in Berlin. Und alle betreut ein einziges Unternehmen: Berolina Sargdiscount.

Sargdiscount? Der finale Discounter gewissermaßen?

Sargdiscount? Der finale Discounter gewissermaßen? Er bietet eine Tiefstpreisgarantie für sämtliche Bestattungsarten und: „Sollte jemand ein günstigeres Angebot abgeben als wir, unterbieten wir um 30 Euro.“ Das klingt nicht, wie soll man sagen, pietätvoll?

Als er die Treppe hochkommt, ist eines gleich klar: Mr. May ist das nicht. Was für ein gut gekleideter Mann, nein, nicht gut: erlesen. Obwohl auch Mr. Mays Kleiderordnung makellos war. Und da ist ein verwandter Ernst im Gesicht, das Gemessene der Bewegungen. Man fühlt sich sofort etwas linkisch, so unangebracht lebendig in seiner Gegenwart. Das ist er also, der Herr der herrenlosen Toten, der Bestatter der Unbegleiteten: Hartmut Woite, Gründer von Sargdiscount. Und welcher gewöhnliche Bestatter besucht schon am fortgeschrittenen Abend eine Autorin zu Hause, um ihr ein Interview zu geben?

Hartmut Woite wehrt den Dank ab: Irgendwann sei nun einmal jede Frist abgelaufen. Nichts lasse sich unendlich hinausschieben, nicht einmal ein Interview. Der Abgesandte der Friedhöfe blickt die Dankende prüfend an, ob sie die endlichkeitstheoretische Tragweite seiner Worte ermisst. Und dann schaut er sich mit professionellem Bestatterblick um, genau wie Mr. May. Die Wohnungen, die er betritt, sind schließlich die letzten Zeugen der Menschen, die er abholt. In diesem Fall steht in seinen Augen die Erkenntnis, dass Menschen manchmal auch unter ihren Büchern begraben werden können. Wie übersichtlich ist dagegen die letzte Immobilie, das Grab!

Berlin schrieb das Amt europaweit aus: Er war der Billigste

Berlin schrieb das Amt, das er inzwischen bekleidet, 2014 europaweit aus. Die Faustregel lautete: Der billigste Anbieter gewinnt. Am 19. Dezember 2014 bekam Hartmut Woite den Zuschlag, am 1. Januar 2015 gehörten ihm alle herrenlosen Toten von Berlin. Das war neu, denn vorher hatten fünf Bestattungsunternehmen die Bezirke unter sich aufgeteilt. „Aber ich schaffe das allein, das war meine Bedingung“, erklärt Woite. Doch an die ersten Tage, die ersten Wochen seiner neuen Existenzform kann er nicht zurückdenken, ohne dass sich etwas wie Temperament seiner gedämpften Daseinsform bemächtigt.

„Ich bin Tag und Nacht gefahren“, sagt Woite. Der erste Einsatz führte ihn in eine Querstraße des Kurfürstendamms. Ein Nachbar hatte sich bei der Polizei gemeldet, weil er schon seit Weihnachten nichts mehr aus der Wohnung nebenan gehört hatte. Die Polizisten sind über den Balkon hineingegangen. Wenn die Polizei anruft, hat die Firma genau 60 Minuten, um vor Ort zu erscheinen. Tote haben gewöhnlich alle Zeit der Welt, bloß die Polizei nicht. Anfangs wurde er noch gefragt: Wer seid ihr denn? Die Frage hat ihm gewiss wehgetan.

Was irritiert an diesem Mann?

Vielleicht bin ich egoistisch, räumt er selbst ein. Aber was bedeutet in seinem Gewerbe Egoismus? Alle Toten für sich allein haben zu wollen?

Ein Bestatter mit Ehrgeiz - das irritiert

Nein, es ist etwas anderes. Es ist Ehrgeiz. Der Ehrgeiz ist eine Eigenschaft, die man bei Bestattern eher nicht vermutet, aber er besitzt ihn ganz ohne Zweifel: Ich expandiere! Ich bin der Beste!

Nehmen wir nur die West-Berliner Sargengpässe früher. Es gab nun mal nicht jeden Sarg in jedem Preissegment zu jeder Zeit, West-Berlin war eine Insel, das sah doch jeder ein. Jeder, bis auf Woite. West-Berlin war umgeben von der DDR, es kam also darauf an, aus diesem eklatanten Nachteil einen eklatanten Vorteil zu machen. Und da der Sozialismus für Westgeld so ziemlich alles tat, stellten bald volkseigene Kombinate, die eigentlich ganz andere Dinge zu tun hatten, für Hartmut Woite Särge her. So viele konnte er unmöglich brauchen, aber er konnte sie natürlich weiterverkaufen, in die Bundesrepublik. Sargdiscount war geboren, als Im- und Exportgesellschaft.

Und was war denn so falsch daran, dass er sich nicht damit abfinden mochte, dass die Trauernden oft sechs Wochen warten mussten, wenn sie ihren Verstorbenen einäschern lassen wollten? Sechs Wochen! Keine gute Vorstellung. Woite schaute wieder über die Mauer, und richtig: Das Krematorium Baumschulenweg schob seine Osttoten in die Warteschleife, die Westler hatten Vorfahrt, selbst jetzt noch. „Am nächsten Morgen stand die Urne auf meinem Tisch“, erinnert sich Woite mit jener Zufriedenheit, mit der der Mensch an seine Erfolge zurückdenkt. Und der Preis stimmte auch, der Preis stimmte ganz ungemein. Und heute veranstaltet er schon mal Kennenlernfahrten zu jenem schönen Krematorium gleich hinter der tschechischen Grenze, mit angeschlossenem Hotel und Friedhof. Der Preis stimmt, der Preis stimmt ganz ungemein.

Es gibt immer eine Lösung!, sagt jeder Unternehmer.

Jetzt nicht mehr, jetzt gibt es nur noch meine!, sagt der Tod. Vielleicht ist das der Grund, dass sich etwas in uns weigert, in einem Bestatter einen gewöhnlichen Unternehmer zu erblicken.

Und jetzt sagen Sie jetzt bloß nichts von Pietät!, fährt Woite fort, als könne er Gedanken lesen. Was heiße denn Pietät?

- Pietät? Na, sinngemäß

ich will Ihnen sagen, was Pietät bedeutet, unterbricht Woite, es bedeute Zuwendung. Es bedeute auch, „die Tragweite einer Situation zu erfassen“.

Die Bestatter-Innung hat ihn ausgeschlossen

Keine Frage, der Mann, den die Berliner Bestatter-Innung einst ausgeschlossen hat, weil er behauptete, dass Bestatter bestechlich seien, reagiert gereizt auf das Wort Pietät. Wahrscheinlich missfällt ihm, dass die Firmen seiner Branche vorzugsweise „Bestattungshaus Pietät Schulze“ oder „Pietät Bestattungen Müller“ heißen, im Zweifel sogar „Pietät Freudensprung“. Das ist Bambergs führendes Lebensendunternehmen, das schon mehr als 45 000 Menschen zur letzten Ruhe begleitet hat.

Woite lehnt es ab, Eichensärge zu empfehlen mit der Begründung, andernfalls habe der Tote bei der Erdlast gleich den Sargdeckel im Gesicht. Er findet es auch nicht pietätvoll, Särge für Feuerbestattungen mit Tragegriffen zu verkaufen, denn die werden nicht getragen und die Griffe müssen vor der Einäscherung abgenommen werden, was noch mal Kosten verursacht. Sollte der Name Sargdiscount also gar nicht die ultimative kommerzielle Aggressivität symbolisieren, sondern vielmehr eine verbal leicht verunglückte Form der Aufrichtigkeit?

Ihm brauche keiner zu sagen, was Pietät ist. Wir werden geboren, um zu sterben, erklärt Woite. Falsch!, möchte man rufen, wir werden geboren, um zu leben, ganz gewiss sogar. Und wir kehren auch nicht „heim“, wenn wir sterben. Aber es ist bestimmt keine gute Idee, mit diesem Mann über solche Dinge zu streiten: Ich bin Mormone, bekennt er.

Nun ist auch klar, warum er nur Wasser wollte. Strenge Mormonen trinken keinen Alkohol, Kaffee oder Tee und dürfen auch nicht rauchen. Viel wichtiger aber ist: Die Mormonen glauben, dass sie durch gottgefälliges Handeln selbst gottähnlich werden können. Arbeitet Hartmut Woite gar an seinem ganz persönlichen Heilsplan?

Der Student der industriellen Formgestaltung hatte einst nachts bei Springer Zeitungen gepackt, um sein Studium zu finanzieren. Und dann saß er vor Dozenten, die gerade von den Anti-Springer-Demos kamen, noch feucht von den Wasserwerfern und mit den Gedanken ganz woanders. Nein, das passte nicht. Woite wollte eine Arbeit, wo Leistung noch zählt. Und wurde Bestatter.

Als Verantwortlicher für alle ordnungsrechtlichen Totentransporte zum Niedrigstpreis zeichnet er sich aus vor Gott. Indem er den Angehörigen eines Urnen-Anwärters keine Särge mit Griffen verkauft, zeichnet er sich aus vor Gott. Und natürlich auch dadurch, dass sein Institut niemanden wegschickt, der das Begräbnis seiner Angehörigen vom Sozialamt bezahlen lassen muss.

Als die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2004 das Sterbegeld strichen, bei dem jedem Mitglied im Todesfall in der Regel 525 Euro gezahlt wurden, begann die Armut auch nach den Toten zu greifen. Denn zugleich trat Hartz-IV in Kraft. Eine Versicherung für den eigenen Todesfall zu besitzen, schien vielen nun zu riskant, im Zweifel würde der Staat doch alles pfänden. Wer nicht mehr würdig leben kann, wie soll der denn würdig sterben?

Seit 2004 stieg die Zahl der Sozialbestattungen sprunghaft an

Seit 2004 stieg die Zahl der Sozialbestattungen in Deutschland sprunghaft an. Erst als Ende 2007 ein richterliches Urteil festlegte, dass der Staat eine angemessene Sterbeversicherung nicht pfänden darf, geht diese Zahl kontinuierlich zurück. Trotzdem ist in Berlin fast jedes zehnte Begräbnis ein Armenbegräbnis. 750 Euro zahlt die Stadt für eine „Sozialbestattung“.

Und was bekommt Hartmut Woite für eine ordnungsamtliche Beisetzung? Er will es nicht sagen. Mag sein, es verletzt sogar sein Schamgefühl. Es sind rund 135 Euro. Die Bezirke Treptow-Köpenick und Pankow geben noch zehn Euro dazu für den letzten Blumengruß.

Uwe Müller tritt in die Kapelle, er verbeugt sich vor der Asche der Gerda R. Er ist Leiharbeiter auf diesem Friedhof. Er könnte jetzt ihren Namen sagen, ein letztes Mal, es ist üblich, aber dieser Totengräber neigt nicht zur Redseligkeit. Und wer will sich schon all die Namen merken? Neun wie sie hat er an diesem Tag schon begraben. Doch ein „Ziehe in Frieden!“ spricht er und trägt die Urne in seinen schweren Händen hinaus.

Der Friedhof in Mitte ist einer der schönsten

Bestattet wird natürlich auf dem Friedhof mit den niedrigsten Kosten. Im Augenblick ist das fast immer der katholische Domfriedhof St. Hedwig in Mitte. Aber wer sagt denn, dass der billigste Friedhof nicht einer der schönsten sein kann? Es sind alte Grabmäler, Grabkunstwerke aus einer Zeit, als man noch groß von sich und seinen Toten dachte. Wer wollte das trennen? Die hier liegen, sind oft schon seit 150 Jahren nicht mehr unter den Lebenden, aber ihre Gräber zu zerstören, hieße Kunstwerke zu vernichten. Wie viele Urnen kann so ein einziges altes Familiengrab aufnehmen! So finden die vergessenen Toten von Berlin Obdach bei den einst besten Familien der Stadt. Ist das die Solidarität der Gegangenen? Und was heißt anonym?

Ich habe dich beim Namen gerufen!, sagt der Herr. Anonyme Bestattungen sind unchristlich. Auf diesem katholischen Friedhof bekommt jeder ein kleines grünes Schild mit Namen, Geburts- und Sterbedatum, auch Gerda R., selbst wenn sie mit Gott nie etwas zu schaffen hatte.

Und es ist auch nicht so, dass niemand in dieser Stadt an solche wie sie denkt. Pflegeheime und Kirchengemeinden kaufen manchmal ein Gemeinschaftsgrab und halten Gedenkfeiern, in Saarbrücken meldeten sich auf ein Inserat hin sofort „ehrenamtliche Trauergäste“. Sie sind wohl die wahren Nachfolger von Mr. May, den die Londoner Polizei sehr bald entließ. Wegen Ineffizienz.

Uwe Müller senkt die Urne hinab und legt das Gesteck daneben. In einer halben Stunde wird er wiederkommen und mit der Erde aus dem frisch gegrabenen Loch nebenan Gerda R.s Grab auffüllen.

Es gehört zur absichtslosen Pietät der Blumen, dass eine einzelne Rose mitunter mehr ist als ein ganzer Strauß. Könnte diese Stadt nicht jedem, den niemand begleitet, den niemand vermisst, eine letzte Blume aufs Grab legen, auch wenn er nicht in Pankow oder Treptow wohnte?

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