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Foto: afp
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Mit den Enthüllungen von Edward Snowden begann vor einem Jahr der NSA-Skandal.

Edward Snowden Er ist nicht allein

Kein treuer Fan verpasst ein wichtiges Match, und das hier, an diesem Mittwochabend, könnte wichtiger nicht sein. Es spielt: Team Snowden gegen die USA.

Edward Snowden gibt sein erstes Interview im amerikanischen Fernsehen. Die Menschen, die ihn seit einem Jahr begleiten, sind heute zusammengekommen, bei Sake und türkischen Süßigkeiten in Brooklyn, um ihn dabei anzufeuern.

Laura Poitras sitzt in einem roten Sessel, die amerikanische Journalistin, die Snowdens erstes Video filmte. Zehn Juristen, Schriftsteller und Internet-Aktivisten gruppieren sich bei Snowdens Anwalt Ben Wizner daheim um den Fernseher. Es geht um viel heute Abend. Verräter oder Patriot? Das ist auch ein Jahr nach Snowdens Coming-out noch die Frage, und Ende Juli läuft sein Asyl in Russland aus.

Zehn Uhr abends, Anpfiff, Snowden betritt das Spielfeld, der Anzug sitzt schlecht, „psst“ machen die Freunde im Brooklyner Wohnzimmer. Snowden nennt sich jetzt einen Patrioten, der für sein Land sterben würde, er wirkt, als meine er es ernst. Wizner atmet auf.

Im vergangenen Jahr haben sich viele über Snowden lustig gemacht. Nerd, Milchgesicht, naiv nannte man ihn. Präsident Obama sagte abfällig: „Ich werde doch wegen eines 29-jährigen Hackers keine Jets schicken.“ Die US-Regierung machte aus Snowden einen kleinen Sachbearbeiter. Deshalb erklärt er seinen Landsleuten jetzt, dass er ein richtiger Spion war, ein Sicherheitsanalyst, bevor er geschätzte 1,7 Millionen Dateien entwendete und verschiedenen Journalisten zuspielte. Wizner runzelt nun die Stirn.

Snowdens Enthüllungen haben den größten Überwachungsskandal der Geschichte ausgelöst, ihm droht lebenslange Haft wegen Spionage und Landesverrats. Mal vom „Guardian“, mal aus der „Washington Post“, mal aus der „New York Times“ erfuhr die Welt in den vergangenen zwölf Monaten von „Tempora“ und „Prism“, von Datengewinn aus Tiefseekabeln und wie NSA und FBI Informationen großer Internetfirmen absaugen.

Google und Facebook haben daraufhin ihre Politik verändert, Obama hat Reformen angekündigt, amerikanische Gerichte prüfen, ob die Verfassung solch massenhafte Überwachung zulässt. Der Pulitzer-Preis ging in diesem Jahr an Enthüllungs-Journalisten.

Im Internet kann man Snowden-Pullover und Plastikfiguren bestellen, an Berliner Laternenmasten kleben Sticker mit seinem Konterfei. Der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele hat eine neue Aufgabe darin gefunden, für den jungen Whistleblower zu werben. Die „New York Times“ forderte Amnestie, der „Stern“-Chefredakteur Asyl in Deutschland. Snowden ist nicht nur Staatsfeind, er ist auch zur Ikone geworden.

Im Brooklyner Wohnzimmer zittern die Freunde bei den heiklen Fragen. Viele Kritiker halten Snowden für einen Mann Putins, seit dieser ihn auf seiner gescheiterten Flucht von Hongkong in Russland aufgenommen hat. Wie kann ein angeblicher Held der Freiheit in einem Land Zuflucht suchen, wo die Pressefreiheit nicht gilt? Snowden betont jetzt, dass er kein Geld von Russland bekommt, und attackiert seinerseits den russischen Präsidenten.

In Wizners Wohnzimmer freuen sich die Freunde, Treffer. Dann lachen sie. Edward Snowden, diese Schuhe! Schwarz, klobig, mit Schnallen. Ob er die in Russland gekauft hat?, fragt die deutsche Reporterin. Später schickt Snowden eine Mail: Nein, ihr Experten, die habe ich in der Schweiz gekauft, als ich dort für die CIA gearbeitet habe. Er habe eben wenig Geschmack bei Kleidung.

Am nächsten Morgen berichten die Zeitungen über das Model Gisele Bündchen oder Brad Pitt. Snowdens Interview, das sein Team begeistert feierte, hatte nur sechs Millionen Zuschauer. Hat Amerika das Interesse verloren?

Ben Wizner verteidigte Chelsea Manning und Häftlinge aus Guantanamo

Besuch im New Yorker Büro der American Civil Liberties Union (ACLU), eine der ältesten und größten Menschenrechtsorganisationen der Welt, eine Institution in den USA. In einem kleinen Raum sitzt, bei immer offener Tür, Ben Wizner, 42, der Mann mit dem vielleicht begehrtesten Mandat der Welt. Zuvor hat er Guantanamo-Insassen verteidigt, den vom US-Geheimdienst nach Afghanistan verschleppten deutschen Staatsbürger Khaled al Masri und den Whistleblower Chelsea Manning. Seine Arbeit wird von Spendengeldern finanziert.

Anzug trägt Wizner nur im Fernsehen oder vor Gericht, die Cordhose hängt ziemlich tief, das Hemd aus der Hose. Keine Papierstapel bedecken seinen dunklen Schreibtisch, wie man das sonst von Anwälten kennt. Stattdessen drei rührende Zimmerpflanzen und zwei Totenköpfe aus Plastik, die auf Knopfdruck tanzen. Wizner hat sie sich einst aus Spaß an Halloween gekauft.

Was glauben Sie, Mister Wizner, wird mit Ihrem Mandanten passieren?

Wizner ist kein Eiferer, kein Ideologe oder Träumer. Auch wenn man seine leise, singende Stimme so missdeuten könnte. Die Argumente, mit denen er Gegner angreift, sind oft rhetorische Fragen. Darum antwortet er so: „Sie sollten diese Frage besser der US-Regierung stellen. Welche Lösung will die? Ist es ihr lieber, wenn Snowden in Russland bleibt? Ist das die beste Lösung für unsere ,nationale Sicherheit’? Oder könnte sie einen Weg finden, Snowden heimzuholen, ohne exzessive Strafe, damit er zu den notwendigen Reformen beitragen kann?“

Verhandelt er denn darüber mit der US-Regierung? Dazu sagt Wizner nichts. Nur, dass Amnestie kein schmutziges Wort ist und er sich wünscht, man könne Snowden wenigstens eine Brücke in ein Drittland bauen.

„Die USA haben ein Problem“, sagt er. „Wenn sie ihn hier strafverfolgen, würde sich die Öffentlichkeit weltweit wehren.“ Und er fügt an: „Das wäre so, als würde man Mandela vor Gericht stellen.“ „Na ja, fast“, lacht er. Snowden jedenfalls soll in Würde zurückkehren können. Warum aber sollte sich irgendein Land einen Geheimnisverräter aufhalsen? Vielleicht, sagt Wizner, weil seine Bevölkerung es so will. Die Umfragen in Deutschland zeigen, dass die große Mehrheit Snowden aufnehmen würde. Die Amerikaner sind noch unentschieden.

Hat Snowden mit seinen Veröffentlichungen Individuen beschädigt, wie seine Gegner erklären? „Bislang“, sagt Wizner, schnell und leise wie immer, und sein Blick huscht jetzt über einen Bildschirm direkt vor ihm, „hat noch niemand so einen direkten Schaden aufgezeigt“.

Wenn es Nacht ist in Moskau, chatten Wizner und Snowden

Nicht so einfach, sich in diesen Tagen mit Wizner zu unterhalten. Vor ihm steht das Gerät, mit dem er den Kontakt zu Snowden hält. Wie genau das funktioniert, sagt er besser nicht, der Chat ist verschlüsselt. Wenn eine Nachricht von Snowden auftaucht, unterbricht Wizner seine Rede, dann fliegen seine Hände über die Tasten, er schickt ab, er wartet, oft lacht er. Edward Snowden ist lustig.

Inzwischen hat Snowden seine Arbeitszeiten Wizner angepasst. Sie chatten auch in tiefster Moskauer Nacht.

„Ich bin sein Pförtner“, sagt Wizner. Er koordiniert, welcher seiner vielen Anwälte – es gibt zum Beispiel den Strafrechtler Plato Cacheris in Washington, es gibt den Berliner Kollegen Wolfgang Kaleck – ihn wann besucht, welche Journalisten oder Politiker zu ihm dürfen. Wieder unterbricht Wizner seine Antwort, Kaleck, mit dem Wizner schon im Fall des von der CIA verschleppten Khaled El Masri zusammengearbeitet hat, braucht dringend ein paar Aussagen Snowdens, Wizner schickt die E-Mails über den verschlüsselten Chat. Snowden und Kaleck besprechen ihre Strategie für Deutschland – es geht um eine mögliche Zeugenaussage vor dem Untersuchungsausschuss. Noch immer ist nicht klar, ob der zu ihm nach Moskau reist oder Snowden doch nach Deutschland kommen darf. Wizner kommentiert die europäische Politik nicht, das überlässt er Kaleck. Wie eine Gruppe Fachärzte haben sie die Aufgaben unter sich aufgeteilt.

Wizner kam über Laura Poitras mit Snowden in Kontakt. Bereits ein halbes Jahr vor dem legendären Video aus Snowdens Hongkonger Hotelzimmer hatte dieser sich bei der Journalistin anonym gemeldet. Die fragte ihren alten Freund Wizner nach seiner Meinung. Wizner stieg ins Team Snowden ein und wurde zu dessen engstem Vertrauten.

Hunderte Stunden Chat gingen einem ersten Treffen in Moskau voraus. „Ed ist mit dem Internet groß geworden, er fühlt sich dabei sehr wohl“, sagt Wizner, der das Chatten erst lernen musste. Als sie sich schließlich trafen, im Januar 2014, seien sie vertraut wie alte Freunde miteinander umgegangen.

Dabei sind sie ziemlich unterschiedlich aufgewachsen: Edward Snowden wird 1983 in North Carolina geboren. Der Vater arbeitet bei der Küstenwache, die Mutter als Angestellte beim Bezirksgericht. Als Kind mag Snowden japanische Computerspiele, schmeißt später die Schule, bricht den Informatikkurs am College ab, die Universität interessiert ihn nicht. Er postet arrogante Sprüche in Online-Foren, meldet sich freiwillig zur Armee, um im Irak die Welt von einem Diktator zu befreien. Im Training bricht er sich die Beine, wird Wachmann bei der NSA, später wegen seiner Computerkenntnisse Sicherheitsanalyst – und noch später Whistleblower. Ein verschlungener Weg.

NSA: "National Supermarket Association"

Ben Wizner hingegen war immer klar, dass er einmal für das Gemeinwohl arbeiten würde. 1971 wird er in New Haven, Connecticut, geboren, wächst auf dem Campus der Eliteuniversität Yale auf, der Vater Juraprofessor, die Mutter Dekanin. Wizner studiert Literatur in Harvard – kürzlich erst hat er Snowden geraten, mal Tschechow zu lesen –, später Jura in New York. Dann kommt er zur Menschenrechtsorganisation ACLU. Mit der selbstverständlichen Eloquenz eines Bildungsbürgerjungen erzählt Wizner jetzt von deren Anfängen. 1920 gegründet, legte sich die Organisation politisch nicht fest, verteidigte nur die Verfassung. So vertrat sie etwa einen Lehrer, dem der religiöse Staat verbieten wollte, die Evolutionstheorie zu unterrichten. Später kämpfte sie für das Recht von Neonazis, durch ein Viertel, in dem viele Holocaust-Überlebende wohnten, zu marschieren. Als die Nazis demonstrierten, standen dieselben Anwälte, die das ermöglicht hatten, mit Protestplakaten auf der Straße. Heute ist die ACLU so mächtig, dass sie in einem riesigen Bürogebäude nahe der Wall Street residiert, fast 1000 Angestellte in Büros im ganzen Land hat und etwa eine halbe Million Mitglieder. Manche kümmern sich um das Recht auf Abtreibung, manche kämpfen gegen die Todesstrafe.

In den Büros neben Wizners offener Tür sitzen junge Überflieger, mit Abschlüssen aus Harvard und Yale, an ihren Bürowänden kleben Poster, „Dissens ist patriotisch“, „Muslim sein und beten ist kein Verbrechen“. Ein Schild weist zur genderneutralen Toilette im 18. Stock.

Seit 9/11 streitet Wizner gegen die Einschränkungen der Freiheitsrechte, die mit dem Angriff kamen und der ACLU eine Menge neuer Fälle bescherten. An der Tür eines Kollegen klebt eine gerahmte Plastiktüte, auf der steht: NSA. „National Supermarket Association“.

Schon damals, ohne Snowden, bemühten Wizner und seine Kollegen sich das, was sie als NSA-Verfassungsbrüche wahrnahmen, anzufechten. Doch vor Gericht hatten sie keine Chance. Erst mit Snowdens Veröffentlichungen gab es genug Beweise. Zum Beispiel seine erste Enthüllung: dass der Telefonanbieter Verizon der NSA täglich Informationen über Telefonate in und außerhalb der USA übermittelt. Der Prozess läuft.

Mit Edward Snowden sei das Misstrauen zu den Bürgern zurückgekehrt, sagt Wizner. „Ohne Snowden hätten wir jetzt keine Debatte.“ Er meint die Debatte darüber, wie demokratische Prozesse dem schnellen Fortschritt der Technologie angepasst werden können. Überwachung wird billiger und einfacher. Datenspeicherung immer günstiger. Das Team Snowden befürchtet, dass Menschen anders handeln, wenn sie wissen, dass sie überwacht werden, dass gespeicherte Daten sich irgendwann gegen einen richten können. Die Regierung argumentiert, durch die Erhebung von Massendaten habe sie einige Anschläge verhindern können. Darunter auch den der Sauerland-Zelle in Deutschland. „Wir bauen einen Heuhaufen für eine immer kleiner werdende Stecknadel“, sagt Wizner. Er wünscht sich eine gezielte Terrorbekämpfung, bei der ein Richter den Durchsuchungsbeschluss erteilen muss.

Wizner und Snowden stehen auch für die neue Koalition, die in den letzten Jahren gewachsen ist. Altlinke arbeiten jetzt mit Hackern zusammen, in den USA sind sich fortschrittliche Computerexperten plötzlich mit rückständigen Anhängern der Tea-Party-Bewegung einig. Snowdens Prominenz überträgt sich auf die ACLU – die ACLU schützt ihn im Gegenzug. Eine neue Welt für Snowden, eine neue Welt für Wizner.

Immer freitags, wenn die Praktikanten das Haus verlassen haben und die wichtigsten Fälle vor Gericht ausgefochten sind, steigt Ben Wizner hinauf in den 19. Stock. Da steht ein Roboter, ein Bildschirm auf Stelzen, mit elektrischen Rollen als Füßen. Den viereckigen Monitor-Kopf hat er aufs Wasser gerichtet, in der Ferne sieht er mit seinem Auge, einer Webcam, die Freiheitsstatue. Direkt vor ihm liegt Governors Island. Einst war Snowdens Großvater hier als Admiral stationiert.

War Edward Snowden immer schon so?

Wenn er die Zeit findet, loggt sich Snowden von seinem Moskauer Unterschlupf in diesen New Yorker Roboter ein. Mit seiner Tastatur kann er das Gerät vor und zurück bewegen. Beim ersten Mal sammelten sich hundert Mitarbeiter der ACLU und winkten ihm zu. Manchmal, wenn Wizner schnell ans Telefon muss, den nächsten Journalisten abwimmeln, bewegt sich Snowden als Roboter durch die Büros seiner neuen Freunde und diskutiert mit ihnen über das Verfassungsrecht. „Es wäre schön, wir hätten mehr von diesen Robotern“, sagt Wizner. Damit Snowden beispielsweise an der Universität Glasgow, die ihn zum Rektor gemacht hat, auftreten könne. Im März 2014 spricht er aus einem solchen Roboter heraus auf der Bühne des Ted-Talks, eines Internetformats, das Millionen Zuschauer hat. Nachdem er die üblichen Fragen über sich und seine Zukunft beantwortet hat, wirbt er dafür, das Internet zurückzugewinnen: Er wirbt fürs Verschlüsseln und für eine Debatte über gezielte, nicht uferlose, unterschiedslose Überwachung.

War Snowden immer schon so? Geht es ihm um mehr als seine eigene Rettung? Wer Winzner erlebt, begreift, dass dieser Mann auch Snowden beeinflusst haben muss. Spätestens er muss ihn zum Aktivisten gemacht haben. Es sei jedoch Snowden gewesen, erklärt Wizner, der wollte, dass sich nicht so viel um ihn dreht, der sich zurückzog, damit seine Dokumente sprechen konnten.

Das Telefon klingelt, am Apparat ist Daniel Ellsberg, 83, Snowdens Vorgänger, wenn man so will. 1971 hat der Vietnamveteran Tausende von Dokumenten an Journalisten weitergereicht. Ellsberg ist wütend, weil Außenminister John Kerry Snowden im Fernsehen einen Feigling genannt hat, der heimkommen und sich, wie damals Ellsberg, dem Spionagegesetz stellen solle. Der Fall, schimpft Ellsberg nun, liege doch völlig anders. Er habe damals Wahrheiten über einen verlorenen Krieg veröffentlicht und Snowden über einen, der noch läuft.

Der Espionage Act ist auch Wizners große Sorge. „Ich glaube nicht, dass es einen Präsidenten gibt, der Manning oder Snowden nicht vor Gericht gestellt hätte.“ Aber ein besseres System hätte diese Ausnahmefälle aufgefangen. Seit Jahrzehnten kämpfen Anwälte gegen dieses Gesetz, das für den und während des Ersten Weltkrieges geschaffen wurde. Snowden, erklärt Wizner, würde bei seiner Rückkehr in Isolationshaft kommen, ohne jegliche Chance auf Kaution, für den Rest seines Lebens. Man könnte ihn sogar für jedes Dokument einzeln bestrafen. Wizner fordert eine Reform, die das öffentliche Interesse als Verteidigung zulässt. „Wenn etwas von Anfang an illegal ist, kann es doch nicht strafbar sein, das zu enthüllen.“

Endlich spricht der Whistleblower

Wizner unterbricht das Gespräch schon wieder, blickt auf den Bildschirm. Snowden hat ihn gerade gebeten, einen Skype-Account einzurichten, damit er bei einem Vortrag in ein paar Tagen zu hören und zu sehen sein wird. Im Internet, wie immer. Snowden ist zweidimensional, eine Ikone, weit weg. Aus Sicherheitsgründen benutzt er dabei mal Skype, mal Google Hangouts, immer mit verschiedenen Konten. „Gott, ist das langweilig“, flucht Wizner, während er die Einstellungen durchklickt. Dann endlich tönt Snowdens Stimme durch den Raum: „Ben, kannst du mich gut hören? Wie ist die Qualität meines Videos?“

Wizner erzählt Snowden, dass eine deutsche Reporterin im Raum sitzt. Die beiden finden, dass wir uns kennenlernen sollten. Ich gehe zum Bildschirm, vor mir sitzt Edward Snowden, gelbes verwaschenes T-Shirt, schwarze Wand, sonst nichts im Bild.

Er sagt: „I’m Ed.“

Ed bittet, ihm etwas über deutsche Politik zu erzählen. Ob sich CDU und SPD beim Ermittlungsverfahren um das Kanzlerinnen-Handy gegenseitig blockieren? Er will noch viel mehr wissen, aber er möchte nicht, dass darüber geschrieben wird.

Er sagt auch nicht, dass Deutschland sein liebstes Asylland wäre. Aber alle vermuten es. Hier leben die Freunde aus seinem Team, sein deutscher Anwalt Kaleck, die Journalistin Poitras, die Wikileaks-Frau Sarah Harrison, der Internetaktivist Jacob Appelbaum.

Plötzlich, beim Versuch, Deutschland zu erklären, wird mir schwarz vor den Augen. Ich wache auf, mein Kopf liegt auf einen Sandsack gebettet, mein Körper in der stabilen Seitenlage. Vom Computerbildschirm dringt eine ruhige Stimme. „Die ersten Anfälle sind immer die schlimmsten“, sagt Snowden. Ich habe Glück: Snowden ist nicht nur Patriot oder Verräter, er ist auch Epileptiker. Er hat sofort erkannt, was mit mir geschieht. Er sei selbst erst mit 28 Jahren diagnostiziert worden, erzählt er nun. Als er vor einem guten Jahr aus den USA floh, informierte er seinen Arbeitgeber, dass er für ein paar Wochen wegen seiner Epilepsie in Behandlung müsse. Dann entschuldigt sich Snowden noch dafür, dass er mich dazu gebracht hat, auf den flackernden Bildschirm zu schauen. Das habe den Anfall ausgelöst.

Ben Wizner bringt ein Glas Saft. Er ist jetzt sehr bewegt. Seit einem Jahr reist er, weil Snowden in Russland festsitzt. Spricht, wo Snowden keine Stimme hat. Seit einem Jahr ist er im wahrsten Sinne des Wortes Snowdens Handlanger.

Gerade befolgte er dessen Skype-Ratschläge und verhinderte so, dass ich gegen die metallenen Aktenschränke seines Arbeitszimmers fiel. „Das war Ed, wie ich ihn kenne. Das Mitgefühl, die klare Stimme, die Fürsorge“, sagt Wizner.

Für einen Moment war Edward Snowden dreidimensional.

Foto: Tsp
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Julia Prosinger ist Reporterin beim Tagesspiegel. Vergangene Woche war sie in New York, um bei der American Civil Liberties Union zu recherchieren.

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