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Foto: Aaref Watad/AFP
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Auf der Flucht. Schon 30.000 Menschen sollen sich vor der drohenden Schlacht in Sicherheit gebracht haben.

Krieg in Syrien Ist ein Massaker in Idlib noch zu verhindern?

Die Beobachter sind sich weitgehend einig: Nur ein diplomatisches Wunder kann den Großangriff auf Idlib noch aufhalten. Denn das Regime von Baschar al Assad ist ebenso wie dessen Schutzmächte Russland und Iran fest entschlossen, die letzte Bastion der Aufständischen wieder zurückzuerobern.

Militärisch wäre damit der seit mehr als sieben Jahren tobende Krieg wohl entschieden. Die Führung hätte bei einem Sieg – von dem alle Experten ausgehen – die wichtigen, weil strategisch entscheidenden Teile des Landes wieder unter Kontrolle bekommen. Der Widerstand wäre weitgehend gebrochen.

Doch klar ist auch: Die Offensive dürfte ein Massaker zur Folge haben. Die Vereinten Nationen warnen bereits vor einer der größten humanitären Katastrophen des 21. Jahrhunderts.

In der Provinz im Norden des Landes leben etwa drei Millionen Menschen, fast die Hälfte ist aus anderen Teilen Syriens dorthin geflohen. Schon heute gelten ihre Lebensbedingungen als dramatisch. Es fehlt an allem, die provisorischen Lager sind völlig überfüllt. Der Alltag ist kaum zu meistern. Jetzt droht den Einwohnern eine beispiellose Tragödie.

Zwischen den Fronten

Denn die Zivilisten werden zwischen die Fronten geraten: Auf der einen Seite Assads Einheiten, die mit allen Mitteln die Region einnehmen wollen. Auf der anderen Seite mehr als 10.000 Hardcore-Islamisten, die als kampferprobt gelten und zu allem bereit sind.

Die Dschihadisten – es sind vor allem Mitglieder des Bündnisses Haiat Tahrir al Scham, das dem Terrornetzwerk Al Qaida nahesteht – werden zudem nicht davor zurückschrecken, die Bevölkerung in Geiselhaft zu nehmen. Schließlich ist es das finale Gefecht der „Gotteskrieger“.

Auch für Tausende Usbeken, Uiguren und Tschetschenen, die ihren „Heiligen Krieg“ in Syrien führen, ist Idlib der letzte Rückzugsort. Weder gibt es eine Ausweichmöglichkeit in Syrien noch können sie nach Hause zurückkehren Es ist ein Apokalypse mit Ankündigung.

Foto: Jean-Christophe Bott/Keystone/dpa

Seit vier Jahren versucht Staffan de Mistura im Auftrag der UN, den Krieg in Syrien zu beenden.

Foto: Jean-Christophe Bott/Keystone/dpa

Seit vier Jahren versucht Staffan de Mistura im Auftrag der UN, den Krieg in Syrien zu beenden.

Genau dieses Unheil will der UN-Sondergesandte für Syrien in letzter Minute noch verhindern. Bis Dienstag versucht der unermüdliche Staffan de Mistura in Genf, hochrangige Vertreter aus Russland und dem Iran vom Sturm auf Idlilb abzuhalten. Die Erfolgsaussichten sind allerdings gering.

Ankara fürchter Flüchtlingsansturm

Zwar pocht die Türkei (mit der ebenfalls Gespräche geführt werden) darauf, dass ein Militärschlag unterbleibt. Ankara fürchtet einen Ansturm von mehreren Hunderttausend Flüchtlingen. Doch Moskau und Teheran haben bereits klargemacht, dass sie nicht gewillt sind, den türkischen Bedenken Rechnung zu tragen.

Auch de Misturas Vorschläge, wie die Zivilisten aus Idlib in sichere Gebiete fliehen könnten, haben bisher kein Gehör gefunden. Der schwedisch-italienische Diplomat hatte bereits vor einigen Wochen vorgeschlagen, für eine bestimmte Zeit sogenannte humanitäre Korridore einzurichten.

In der Falle

Durch die sollten die Menschen unter Aufsicht der Vereinten Nationen abziehen können. Doch das wird kaum funktionieren. Keine der Kriegsparteien will sich darauf einlassen. Und: Idlibs Einwohner würden nur in Regionen fliehen können, die von Syriens Regime beherrscht werden. Nach Luftangriffen auf Idlib sind den UN zufolge diesen Monat bereits bis zu 30.000 Menschen innerhalb der Region vertrieben worden.

Dort könnte aber niemand für ihre Sicherheit garantieren. Baschar al Assad bezeichnet alle Aufständischen als „Terroristen“. Auch am Montag nahm die syrische Armee Ziele in Idlib unter Feuer. Viel spricht dafür, dass der Großangriff in den nächsten Tagen beginnt. Und Idlibs drei Millionen Einwohner sitzen bereits jetzt in der Falle.

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