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Foto: picture alliance / dpa
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Weg damit. Die scheidende Treuhand-Präsidentin Birgit Breuel entfernt am 30. Dezember 1994 mit einem Schraubenzieher das Firmenschild am Eingang der Treuhandanstalt in Berlin-Mitte, dem heutigen Sitz des Bundesfinanzministeriums.

Die Arbeit der Treuhandanstalt Ausverkauf im Eiltempo

Mit der Selbstbeschreibung als „Dienstleister für Menschen und Märkte“ bemühte sich die Treuhand im Frühjahr 1991 um mit der Marktwirtschaft vertrautes Personal aus dem Westen. Junge Leute „mit Mumm und Initiative“ wurden gesucht, selbstverständlich „nur die Besten“, denn es ging „um die Neugestaltung im Osten Deutschlands“. Die deutsche Vereinigung war einzigartig, entsprechend einmalig war die Gelegenheit für „Helden und Halunken", wie es in einem der vielen Bücher über die Treuhand hieß.

Knapp 5000 Mitarbeiter hatte die Treuhand

Ende 1993, als die Arbeit weitgehend erledigt und die meisten ostdeutschen Betriebe privatisiert oder abgewickelt waren, zählte die Treuhand noch 4839 Mitarbeiter. Auf ein paar Dutzend Führungskräfte – Direktoren und Niederlassungsleiter – wirft der Bochumer Historiker Marcus Böick einen Blick in seinem 760-Seiten-Werk „Die Treuhand. Idee – Praxis – Erfahrung 1990-1994.“

Es gibt viel zu erzählen von Karsten Rohwedder und Birgit Breuel, Thilo Sarrazin und Horst Köhler, die in der Bonner Ministerialbürokratie im Vereinigungsprozess die Weichen stellten. Und von Hans Modrow, dessen DDR-Regierung im März 1990 die Treuhandanstalt gründete, als Aufsichtsorgan für das Volkseigentum. Nicht mal ein Jahr später war die DDR Geschichte und die Treuhand der Verkäufer des Volkseigentums – eine „prekäre Organisation zwischen Sozialismus und Kapitalismus“, so Böick. Bis heute ist die Treuhand Synonym für Betriebsschließungen und Massenentlassungen, für die Abwicklung einer ganzen Volkswirtschaft im Kontext eines „pausbäckigen DM-Nationalismus“, wie es Jürgen Habermas damals schauderte.

"Arbeit für das Gemeinwohl"

Boick sieht seine Studie „angesiedelt an der Schnittstelle von Wirtschafts- und Kulturgeschichte“ und zeitlich verortet in einer Umbruchsituation, in denen die Akteure „oftmals eigentümlich unterbelichtet bleiben“. Das will er ändern, indem er sich das Treuhand-Führungspersonal zum Gegenstand der Betrachtung macht. Ganz wesentlich rekurriert er dabei auf die Interviews des Ethnologen Dietmar Rost, der Anfang der 1990er Jahre mit 52 Direktoren, Niederlassungsleitern und Abteilungsleitern ausführliche Interviews führte. Kernbotschaft der Treuhand-Elite: In einer unvergleichlichen Situation haben wir unter schwierigsten Arbeitsbedingungen inklusive zunehmender Attacken aus Politik und Medien die Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft geschafft. Oder, wie es Personalvorstand Alexander Koch formulierte: „Mitarbeit bei der Treuhandanstalt ist Arbeit für das Gemeinwohl.“

Es geht auch um "Yuppies, Frauen und Ausländer"

Böick strukturiert sein Werk in drei Teile. Auf die „Ideen- und Konzeptgeschichte. Wege und Alternativen zum deutsch-deutschen Treuhand-Modell“ folgt die „Organisations- und Praxisgeschichte“ und schließlich die „Sozial- und Erfahrungsgeschichte. Typologien und Erzählungen einer Übergangsgesellschaft“. Der dritte Teil gerät am schwächsten, in dem ein Interview nach dem anderen zitiert wird und die Redundanz einem die Lektüre verleidet. Auf den letzten 150 Seiten kommen Böick Konzentration und Relevanz abhanden. Im Kapitel „Yuppies, Frauen, Ausländer“ etwa greift er zurück auf Medien wie „Bild“ und „Madame“, weil diese über ein paar „junge, hübsche und ehrgeizige“ Frauen in der Treuhand berichten.

Die ersten 500 Seiten hingegen sind lesenswert, weil Böick enorm fleißig alle möglichen Daten zusammengetragen hat, sich dabei nicht im Klein-Klein verliert, sondern dem Leser einen zeitgeschichtlich runden Überblick verschafft. Abgesehen von Birgit Breuel spielen Frauen dabei keine Rolle: Die Führungskader der Treuhand sind männlich, älter als 50 und haben in der westdeutschen Wirtschaft gearbeitet. Rund zwei Drittel der Treuhand-Belegschaft stammen aus dem Osten, doch nur 8,2 Prozent der Führungskräfte. Die Wessis geben Ton und Richtung an – und sehen sich als „Fremdenlegionäre“ im Wilden Osten, wie ein Direktor sagt.

Treuhandmitarbeiter als "Legionäre"

Böick ist beeindruckt von dieser Mischung aus „Abenteuer und Exotik, Konflikt und Gefahr, Macht und Ohnmacht“, der sich die Legionäre aussetzen. „Sie übernehmen über tausend Unternehmen, ohne eine Unternehmensliste zu haben, ohne zu wissen, wie die Geschäftsführer heißen, ohne die Unternehmen zu kennen, haben keine Mitarbeiter, keine Kommunikation, haben kein richtiges Büro, schlafen in einem miesen Hotel und sollen das alles a) verwalten, und b) privatisieren“, zitiert er einen Manager.

Mehr als 8000 Betriebe sollte das Personal so schnell wie möglich in die Marktwirtschaft überführen, also privatisieren. Nach Schätzung der letzten DDR-Regierung im Mai 1990 waren davon 31 Prozent rentabel, 42 Prozent arbeiteten mit Verlust, galten aber als sanierungsfähig, 27 Prozent als konkursgefährdet. Rund 200 Regalkilometer umfassten Böick zufolge die Betriebsakten, die die Grundlage bildeten für Eröffnungsbilanz, Unternehmenswert und Verkaufspotenzial. Wer sollte da durchsehen?

Der Wert des Volksvermögens schrumpfte dramatisch

Der letzte DDR-Regierungschef Hans Modrow veranschlagte den Wert des Volkseigentums Anfang 1990 auf 980 Milliarden Mark, am Runden Tisch waren es ein paar Monate darauf noch 650 Milliarden. Gut zwei Jahre später kündigte Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) an, dass die Treuhandanstalt ihr Geschäft wohl mit einem Defizit von 250 Milliarden D-Mark abschließen würde; Sozialpläne, Altschulden und ökologische Altlasten inklusive. Ursprünglich hatte Waigel im Bundestag gesagt, die Restrukturierung der Betriebe werde sich „aus den zu erwartenden Privatisierungserlösen selbst tragen“.

Bevor die Währungsunion zum 1. Juli 1990 Fakten schuf und zumindest die ostdeutsche Exportwirtschaft damit erledigt war, hatte sich der Runde Tisch mit der „Suche nach einem konzeptionellen Kompromiss zwischen Sozialismus und Kapitalismus“ befasst. Das Regime der so abrupt eingeführten D-Mark beendete alle Gedankenspiele über einen Dritten Weg. Helmut Kohl hatte im Februar 1990 der DDR-Führung das Angebot einer Wirtschafts- und Währungsunion gemacht – um der Massenflucht aus der DDR zu begegnen und das Tempo Richtung Einheit zu erhöhen: Prinzip Schnelligkeit, damit Widerstand sich gar nicht erst entwickeln konnte. Und dann ruckzuck aus einem Arbeiter- und Bauernstaat ein Land der Kapitaleigner machen. Die Realität sah dann ganz anders aus: Weniger als ein Fünftel der privatisierten Betriebe landeten bei Ostdeutschen.

Treuhand als Puffer zwischen Politik und Belegschaften

Böick zitiert den Publizisten Michael Schneider, der sich 1990 in einer Studie mit der „DM-Kolonie“ befasste. „Die Linke hüben und drüben hat sämtliche Schlachten um die deutsche Einheit verloren“, Kohl habe „auf der ganzen Linie gesiegt“. Tatsächlich hat der „Kanzler der Einheit“ die Verheerungen im Beitrittsgebiet, abgesehen von ein paar Eiern im Mai 1991 in Halle, gut überstanden. Wohl auch wegen der Treuhandanstalt, die als „institutioneller Blitzableiter“ den Zorn der arbeitslosen und gedemütigten Menschen auf sich zog. Die Treuhandanstalt bildete einen Puffer zwischen der Politik und den betroffenen Belegschaften.

„Die im Osten haben geglaubt, alles, was wir machen, ist richtig“, zitiert Böick den ersten Treuhandchef Reiner Maria Gohlke. Dann kam die Zeit von Detlev Karsten Rohwedder. Der Stahlmanager aus dem Ruhrgebiet, in Gotha geboren, packte die „Aufgaben von furchterregender Dimension“ mit Leidenschaft und Pragmatismus an. Er sah sich als Lokführer auf einem Zug, dessen Waggons erst noch gebaut werden, und proklamierte als Leitspruch der Treuhand: „Privatisierung ist die wirksamste Sanierung“.

Rohwedder wurde von RAF-Terroristen ermordet

Am Ostermontag 1991 wurde Rohwedder von RAF-Terroristen in seinem Haus in Düsseldorf erschossen. Birgit Breuel, die bereits seit Herbst 1990 dem Treuhand-Vorstand angehörte, übernahm Rohwedders Platz und forcierte den Privatisierungskurs. Es ist irritierend, dass Böick den beiden prägenden Figuren an der Spitze kein eigenes Kapital widmet. Und er macht es sich einfach, wenn er das Mantra der Westmanager aus deren Interviews implizit übernimmt: Es gab keine Alternative zur hastigen Privatisierung. Abwicklungsdirektor Lohmann ist jedenfalls stolz auf seine Mitarbeiter. „Diese Truppe hat hier in den neuen Bundesländern roundabout eine Million Menschen auf die Straße geschickt, und es gab keine Volksaufstände, nichts.“


Marcus Böick: Die Treuhand. Idee – Praxis – Erfahrung 1990-1994. Wallstein Verlag, Göttingen 2018. 767 S., 79 €.

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