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Foto: Pavel Golovkin/AP/dpa
Foto: Pavel Golovkin/AP/dpa

Kadetten marschieren bei der russischen Militärparade zum Tag des Sieges.

Russlands Umgang mit Gewalt Meister der Muskelspiele

Heute, am 9. Mai, fahren sie wieder auf in Moskau: Panzer, Geschütze, Raketen. Alles zum Ruhm der Roten Armee, zu ihrem Triumph über Hitlers Wehrmacht vor nunmehr 73 Jahren. Martialisch ging es bereits im alten Kalten Krieg zu. Im Westen fürchtete man sich vor den zur Schau gestellten Waffen. Es war jedes Mal eine Machtdemonstration, die ihre beabsichtigte Wirkung tat.

Bis heute geht es nicht nur an diesem Tag in Russlands Politik martialisch zu. Vor allem im westlichen Europa ist man mehrheitlich der Meinung, staatliche Gewalt sei nur im äußersten Notfall einzusetzen. Im krassen Gegensatz dazu steht Russland: Der Kreml hat es in den letzten zehn Jahren nicht bei der traditionellen Zurschaustellung seiner Gewaltinstrumente am 9. Mai belassen – er hat sie wieder und wieder angewendet, ob in Georgien, in der Ukraine oder in Syrien.

Warum dieser bis heute aus westeuropäischer Sicht geradezu hemmungslose Einsatz von Gewalt in und durch Russland? Hat es nicht schon genug erlitten in seiner blutigen Geschichte? Oder vielleicht gerade deswegen? Wenn man auf der Suche ist nach Erklärungen für das Verhalten des Kremls, dann ragt aus den vielen Neuerscheinungen der letzten Jahre zu Russland Dietrich Beyrau heraus mit seiner Untersuchung russischer Erfahrungen. Der Osteuropahistoriker beleuchtet die Kultur der Gewalt, die sich in Russland durch die Kriege, Aufstände und Bürgerkriege im 19. und 20. Jahrhundert gebildet hat.

Politische Militanz und kriegerische Ausrichtung

Beyrau erinnert an die Studien seines Kollegen Wolfgang Schivelbusch, der am Beispiel des Bürgerkrieges in den Vereinigten Staaten, der Niederlagen Frankreichs 1871 und Deutschlands 1918 Merkmale einer Kultur der Niederlage entwickelt hat. Dazu zählt das Gefühl moralischer Überlegenheit trotz militärischer Unterlegenheit gegenüber dem Sieger und das nicht nur die politische Klasse beherrschende Gefühl von Kränkung und das Streben nach Revanche. Doch in der offiziellen Gedächtnispolitik der Sowjetunion waren dieser globale Konflikt und die in ihm erlittene Niederlage eher ein vergessener Krieg. Dies wurde in den Augen von Beyrau noch einmal veranschaulicht in der Figurengruppe auf dem Verneigungshügel in Moskau: Als erinnerungswürdig hätten nur die siegreichen Soldaten von 1613, 1812 und 1945 gegolten. Erst 2014 sei eine Figurengruppe aufgestellt worden, die des Heldentums von Offizieren und Soldaten im Ersten Weltkrieg gedenke.

Dieser russische Fokus auf militärische Siege könnte miterklären, warum bis heute der Einsatz von Gewalt als Mittel der Politik in Russland viel weniger infrage gestellt wird als im Westen. Hinzu kommt, dass die Sowjetunion als Vorgängerstaat des heutigen Russlands, dem nicht nur Putin nachtrauert, als konstitutive Merkmale der Staatsgründung administrativen Zwang, Gewalt und Vorbereitung auf einen Krieg aufweist. Entsprechend lässt sich nach Beyraus Analyse die Sowjetunion als modernes Beispiel des „kriegerischen“ Staates nach der Definition des englischen Philosophen und Soziologen Herbert Spencer beschreiben: hervorgegangen aus dem Krieg, geformt durch den Bürgerkrieg und ausgerichtet auf den großen Krieg zwischen Sozialismus und Imperialismus, wobei politische Militanz und kriegerische Ausrichtung eine Kontinuität in der russischen Geschichte bilden – vor wie eben auch nach der Existenz der Sowjetunion.

Es gibt auch Gegenbeispiele zur russischen Entwicklung

Beyrau weist zugleich darauf hin, dass es Gegenbeispiele für die russische Entwicklung gibt. Er führt Polen, die baltischen Staaten und Finnland als Belege dafür an, dass Polarisierungen und Gewalt auch gemildert oder sogar überwunden werden können. Ihre Geschichte nach 1922 zeige, dass Gewaltorgien wie 1905/06 oder im Bürgerkrieg in Lettland wie auch in Finnland sich nicht fortsetzten und nicht in Gewaltherrschaft mündeten. Als einen Grund hierfür bezeichnet Beyrau den Umstand, dass sich die neuen Eliten und maßgebliche Teile der Bevölkerung trotz aller Konflikte zu den Gewinnern des Krieges zählen konnten – im Unterschied zu den Kriegsverlierern und Parias des Versailler Vertragssystems.

Ist dieses Gefühl oder auch die Tatsache, dass Russland beziehungsweise viele Russen in der Geschichte immer wieder auf der Seite der Verlierer gestanden haben, ein Grund dafür, warum sich das Land in den letzten Jahren erneut radikal verändert hat? Thomas Franke bereist es seit mehr als zwei Jahrzehnten, hat in Moskau gelebt und für das Deutschlandradio, den SWR, RBB, MDR und die BBC Alltagsreportagen, Langzeitdokumentationen und politische Analysen aus Russland, der Ukraine, dem Kaukasus und vom Balkan produziert.

Die Kränkung, keine Weltmacht mehr zu sein, sitzt tief

Von der Aufbruchstimmung, die 2012 noch in Russland herrschte, als im Januar mehr als einhunderttausend Menschen in Eiseskälte gegen Wahlfälschungen demonstrierten, sieht Franke wenig geblieben. Damals ließ er sich von der euphorischen Atomsphäre in Moskau mitreißen, glaubte wie viele andere Beobachter aus dem Westen auch, Zeuge einer demokratischen Wende zu sein. Doch dann sah er sich bald gezwungen, zum Chronisten einer Entwicklung zu werden, die er – und auch da war er im Westen nicht der einzige – nicht für möglich gehalten hatte: die Reaktivierung sowjetischer Reflexe, die Rückkehr der Angst in die russische Gesellschaft.

Auch nach Frankes Beobachtung sitzen das Trauma des Zusammenbruchs der UdSSR und die damit verbundene narzisstische Kränkung, keine Weltmacht mehr zu sein, tief in der Seele vieler Russen. Zusammen mit der desaströsen wirtschaftlichen Lage führe dies zu jener Russian Angst, aus der Nationalismus und weltpolitischer Machismo erwüchsen.

Wird es zu einer Explosion kommen?

Diese Angst spürt Franke in Russland überall. Die Staatsmacht unter Putin befeuert und nutzt sie, um die eigene Autorität zu stärken und die Moral der ohnehin schwachen Opposition noch weiter zu untergraben. Zugleich schürt das Regime nach Frankes Urteil die Angst der Menschen vor dem Verlust von Identität und Macht, vor der weltpolitischen Marginalisierung: In der postsowjetischen Seele gäre eine explosive Mischung.

Wird es zu einer Explosion kommen? Oder ist sie nicht bereits erfolgt – in der Aggression gegenüber der Ukraine, der Intervention in Syrien, den militärischen Muskelspielen gegenüber den baltischen Staaten und anderen Nato-Mitgliedern? Frankes Fazit ist so klar wie ernüchternd: Putins Russland sei kein Partner mehr. Es sei ein Gegner und würde auch gar nichts anderes sein wollen. Franke nennt es treffend die Lust der russischen Regierungsvertreter an „destruktiver Teilhabe am Weltgeschehen“. Daher fahren sie auch am heutigen Feiertag wieder in Moskau auf: Panzer, Geschütze und Raketen.

Dietrich Beyrau: Krieg und Revolution. Russische Erfahrungen. Verlag Ferdinand Schönigh, Paderborn 2017. 311 S. m. 15 Tabellen u. 2 Karten, 56 €.

Thomas Franke: Russian Angst. Einblicke in die postsowjetische Seele. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2017. 260 S., 18 €.

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