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Foto: Jörg Carstensen/dpa
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Schluss mit der Blockparty. Die Basketballer von Alba Berlin müssen auf unbestimmte Zeit pausieren.

Alba Berlin und die Saisonunterbrechung „Das Virus wird vor Sportmannschaften nicht haltmachen“

Leonard Brandbeck

Marco Baldi, 57, ist seit über 30 Jahren als Geschäftsführer bei Alba Berlin tätig. Mit dem Klub feierte er in dieser Saison den Pokalsieg – der erste Titel seit 2016. Im Interview spricht er über die Unterbrechung der Basketball-Bundesliga, die finanziellen Gefahren für Sportvereine, das weitere Vorgehen und die Chancen, die Krisensituationen innewohnen.

Herr Baldi, haben Sie sich denn am Donnerstag nach der Krisensitzung aller Klubs der Basketball-Bundesliga (BBL) in Stuttgart die Hände geschüttelt?
Ich musste schon etwas früher gehen, von daher hat sich das erübrigt.

An der Entscheidung der Liga, den Spielbetrieb bis auf Weiteres ruhen zu lassen, waren Sie aber natürlich noch beteiligt.
Das ist eine haarige Situation, in der man nur so vernünftig wie möglich entscheiden kann – und ich glaube, das haben wir getan. Die Dinge ändern sich stündlich, da ist eine riesige Dynamik in dem ganzen Prozess. Insofern war das zu dem Zeitpunkt das mit Abstand Beste, was wir entscheiden konnten: Weil es die besonderen Umstände berücksichtigt und uns Zeit gibt, an verschiedenen Szenarien zu arbeiten.

Foto: Soeren Stache/dpa

Marco Baldi, 57, ist seit mehr als 30 Jahren das Gesicht von Alba Berlin.

Foto: Soeren Stache/dpa

Marco Baldi, 57, ist seit mehr als 30 Jahren das Gesicht von Alba Berlin.

Ziel ist es nach wie vor, die Saison zu Ende zu spielen – auch deshalb, weil es ohne die eingeplanten Spieltagserlöse um die Existenz einiger Klubs gehen würde?
Jeder Klub hat da seine Spezifika, und jeder muss schauen, wie er damit letztlich klarkommt. Wir haben jetzt Zeit gewonnen, um jedem zu ermöglichen, seine Hausaufgaben zu machen – und auch eine Bereitschaft zu entwickeln, sich gegenseitig zu helfen, wenn es denn notwendig ist. Es ist klar geworden, dass es wichtig ist, sich sehr eng abzustimmen und ein solidarisches Grundgefühl zu entwickeln.

Und diese Solidarität haben Sie gespürt?
Man versucht zumindest, sie herzustellen. Es ist klar, dass erst mal jeder versucht, sein eigenes Boot manövrierfähig zu halten. Jetzt wird sich aber auch zeigen, wie stark so eine Gemeinschaft am Ende ist – wie leidensfähig, aber auch wie fähig, kreativ zu sein, Dinge anzupacken und umzusetzen. Die Einsicht, dass echter Fortschritt eigentlich nur über die Gemeinschaft herzustellen ist, ist ein sehr wesentlicher Aspekt des Ganzen. Und der kann auch wieder zusammenbringen, was in letzter Zeit vielleicht etwas auseinandergedriftet ist.

Einige Manager von anderen BBL-Klubs haben sich schon vor der Sitzung öffentlich geäußert und darauf hingewiesen, für wie sehr existenzbedrohend sie die Situation halten.
Das kann man natürlich auch machen. Ich finde, gerade jetzt ist ein Moment, in der man die Gesellschaft als Ganzes betrachten und öffentlich durchaus auch eine gewisse Zurückhaltung hinsichtlich des Gebrauchs von Superlativen üben sollte.

Aus Frankfurt hieß es, man sei zu 98 Prozent vom Sponsoring und den Ticketerlösen abhängig, in Ludwigsburg rechnet man mit 140.000 bis 170.000 Euro Verlust pro abgesagtem Heimspiel. Wie sieht es bei Alba aus?
Je höher der Anteil an den Spieltagserlösen ist, desto härter wird es. Da ich noch nicht absehen kann, wie der weitere Verlauf aussehen wird, möchte ich das zu diesem Zeitpunkt für uns öffentlich nicht beziffern. Aber sicher ist: Wie die gesamte Wirtschaft werden auch wir sehr hart kämpfen, um da halbwegs rauszukommen.

Foto: Andreas Gora/dpa

Wie alle Basketball-Bundesligisten sind die Heimspiele auch für Alba Berlin eine sehr wichtige Einnahmequelle.

Foto: Andreas Gora/dpa

Wie alle Basketball-Bundesligisten sind die Heimspiele auch für Alba Berlin eine sehr wichtige Einnahmequelle.

Wäre die Existenz von Alba Berlin im Falle einer Komplettabsage der Saison denn gefährdet?
Wir befinden uns in einer Situation mit vielen Unklarheiten. Die Lage ist ernst, auch für Alba Berlin, aber ich neige nicht dazu Untergangsszenarien zu designen – sondern: Ärmel hochkrempeln und loslegen.

Gibt es denn zumindest Versicherungen, die wirksam werden können, falls Heimspiele ausfallen?
Nein.

Innerhalb der kommenden 14 Tage soll es ein weiteres Treffen geben, bei dem über den restlichen Saisonverlauf entschieden wird. Hoffen Sie in der Zwischenzeit auch auf klarere Ansagen von Seiten der Behörden?
Die Ansagen waren klar und notwendig. Es gibt eine ganz klare Aufgabe, die alle haben. Die Schwächeren unterstützen und die Ausbreitung des Virus so weit wie möglich verhindern und verlangsamen. Alles, was dem dient, wird gemacht.

Die Ausbreitung des Coronavirus scheint in Deutschland erst am Anfang. Sind da ein paar Wochen Pause mehr als nur das Prinzip Hoffnung?
Klar schwingt da Hoffnung mit, dass die Fortsetzung der Saison möglich sein könnte. Wir sind auch keine Traumtänzer. Aber dass man diesen Weg in unserer Situation jetzt komplett zumacht, ohne die Zeit gehabt zu haben, über verschiedene Szenarien nachdenken zu können, wäre verantwortungslos.

Es muss sich ja nur ein Spieler in einem Team infizieren – wie etwa in der NBA oder in der Euroleague geschehen –, und dann ist sowieso alles vorbei.
Natürlich kann das Virus jeden treffen. Und dass das ausgerechnet vor den Sportmannschaften haltmachen wird, wird so nicht sein. Schon deshalb haben wir auch die Idee verworfen, dass man Spiele ohne Zuschauer durchzieht. Das hört ja spätestens in dem Moment auf.

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Rudy Gobert von den Utah Jazz hat sich als erster NBA-Spieler mit dem Coronavirus infiziert.

Foto: Reuters

Rudy Gobert von den Utah Jazz hat sich als erster NBA-Spieler mit dem Coronavirus infiziert.

Doch selbst wenn es weitergehen sollte: Wann sollen die Spiele nachgeholt werden? Der Terminkalender platzt jetzt schon aus allen Nähten.
Da haben wir genug Zeit, das zu konkretisieren. Verschiedenste Szenarien sind in Arbeit. Es wird dann sehr viel davon abhängen, zu welchem Zeitpunkt man wieder einsteigen könnte.

Ein bisschen Luft würde es geben, falls die Olympischen Spiele und damit auch das vorherige Qualifikationsturnier verschoben werden. Wie steht es da um den Austausch mit dem Verbänden?
Der läuft auf allen Ebenen. Im Moment weiß keiner, wohin es geht, alles wird hinterfragt. Wenn man jetzt nicht intensivst kommuniziert, wann dann? Aber was morgen kommt, kann im Moment niemand vernünftig voraussagen.

Fällt dem Basketball nun der eng getaktete Spielplan auf die Füße, der kaum Spielräume für Verschiebungen zulässt und über den es ja auch bei Alba immer wieder Klagen gibt?
Nein. Da wurde gestern eine Pandemie ausgerufen, das ist eine Sondersituation und hat damit überhaupt nichts zu tun.

Sie glauben also auch nicht, dass es nun zu einem Umdenken kommen und das Coronavirus am Ende sogar dazu führen könnte, dass etwas Bewegung in den Konflikt zwischen dem Weltverband Fiba, der Euroleague und der NBA um ihre Präsenz im Terminkalender gerät?
Das ist ein interessanter Gedanke. Idealerweise führen solch schwere Krisen auch zu Erkenntnissen und zur Reflexion über das Wesentliche. Das ist die Chance in und durch die Krise.

Wie geht es denn nun in den kommenden zwei Wochen für das Profiteam weiter? Hat Trainer Aito Garcia Reneses nun endlich mal die Zeit, in Ruhe mit dem Team zu trainieren?
Das Wochenende ist frei. Dann besprechen wir – immer angelehnt an die aktuellen Situation – was wann konkret gemacht wird.

Foto: Andreas Gora/dpa

Wie es für die Alba Profis um Trainer Aito Garcia Reneses weitergeht, ist noch unklar.

Foto: Andreas Gora/dpa

Wie es für die Alba Profis um Trainer Aito Garcia Reneses weitergeht, ist noch unklar.

Nicht nur die Profis müssen nun pausieren. Alle 70 Teams im Klub sind von den Absagen betroffen. Die Saison der Frauen in der Zweiten Liga wurde sogar ganz beendet. Was bedeutet die derzeitige Situation für den Verein?
Zusätzlich zum Profibetrieb sind wir auch ein großer Sozialakteur mit 120 beschäftigten Trainerinnen und Trainern, die neben dem Vereinsbetrieb an 250 Kitas und Schulen der Stadt und im Umland aktiv sind. Das sind 120 Menschen und an die 10.000 Kinder und deren Eltern, die gerne wissen möchten, wie es weitergeht. Auch in diesem Sektor ändern sich die Dinge beinahe stündlich. Da kommen also sehr, sehr viele Fragen und Herausforderungen auf uns zu. Die Aufgabe ist auch hier: Ärmel hochkrempeln und kreativ werden, um den Fortbestand unseres Programms zu sichern.

Um den Klub zu unterstützen, wird in Fankreisen schon nach Soli-Tickets gefragt – also nach virtuellen Tickets für Spiele ohne Publikum, damit der Verein trotzdem etwas einnimmt.
(lacht) Das ist toll! Wenn Menschen in schwierigen Phasen solche Einfälle haben, dann geht’s mir gleich besser. Es ist jetzt eine Zeit, in der generell das Zusammenrücken und gelebte Solidarität die Spalter wieder zurückdrängen kann. In jeder Krise liegt auch eine Kraft.

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