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Foto: dpa
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Nationale Berühmtheit. Shaqueem Griffin von den Seattle Seahawks.

American Football Einhändiger Shaqueem Griffin gibt sein NFL-Debüt

Jedes Elternteil kennt das. Wenn der Sohn oder die Tochter ein gewisses Sportleralter erreicht hat, gibt es wesentlich coolere Szenarien als den Besuch eines Spiels von Mama und/oder Papa. Wie wahrscheinlich ist es also, dass sich zum Saisonstart in der US-amerikanischen National Football League (NFL) eine Mutter unter die Kleiderschränke an der Seitenlinie mischt, um ihren Jungs, zwei Mittzwanzigern, noch ein paar warme Worte der Zuwendung ins Ohr zu flüstern? Ausgerechnet in der testosterongetränkten Machowelt der physisch anspruchsvollsten und vielleicht brutalsten Sportliga der Welt? Eben.

Am Sonntag ist im Mile High Stadium von Denver im US-Bundesstat Colorado genau das passiert. Tangie Griffin, Mutter der Zwillingsbrüder Shaqueem und Shaquill, suchte vor dem Spiel der Broncos gegen die Seattle Seahawks ihre Jungs auf, herzte sie kurz vor dem Kickoff öffentlichkeitswirksam und schickte sie schließlich mit einem Klaps aufs Feld. „Ich bin unfassbar stolz auf die beiden“, sagte Mama Griffin später dem übertragenden Fernsehsender.

Griffin spielt im selben Team wie sein Zwillingsbruder

Nun wären zwei Zwillingsbrüder, die wie die Griffins Seite an Seite im selben NFL-Team spielen, für sich genommen schon eine nicht gerade alltägliche Geschichte. Besonders wird sie jedoch dadurch, dass einer der beiden, Shaqueem, den Sprung in die professionelle Football-Liga geschafft hat, obwohl er in Folge einer genetischen Fehlbildung nur über eine Hand verfügt. Einen Spieler wie Griffin hat es in der NFL noch nie gegeben – auch deshalb war das Interesse an dem 23-Jährigen groß, dessen Team am Sonntag zum Saisonauftakt mit 24:27 bei den Denver Broncos unterlag. Griffin zählte zwar vor allem deshalb zum Stammpersonal in der Seahawks-Verteidigung, weil der gesetzte Mann auf der Position als Outside Linebacker, KJ Wright, nach einer Verletzung noch nicht wieder im Vollbesitz seiner Kräfte ist. Diese Fußnote interessierte am Sonntagabend, bei Griffins NFL-Debüt, aber wirklich nur am Rande.

Griffin war bei der alljährlichen Talentwahl der Profisklub, dem sogenannten Draft, eine der am meisten beachteten Personalien, obwohl er in der fünften Runde vergleichsweise spät von den Seattle Seahawks ausgewählt wurde. Mittlerweile ist er mit der herzzerreißenden Story des kleinen Jungen, der sich gegen alle Vorurteile und Widerstände bis in die NFL hochkämpft, zu einer nationalen Berühmtheit geworden. Neben Basketball-Superstar LeBron James, Tennisspielerin Serena Williams und dem wegen seiner Proteste gegen Rassismus in der NFL geschassten Quarterback Colin Kaepernick ist Griffin eines der Gesichter für die neue Werbekampagne eines großen Sportartikelherstellers. „Wer hätte jemals gedacht, dass ein Kind wie ich Profi wird?“, fragt Griffin in der Anzeige und liefert die Antwort gleich mit: „Ich!“

"Er schafft das", sagt sein Coach, "denn er ist ein äußergewöhnlicher junger Mann"

Bei seinem Debüt hinterließ Griffin einen soliden, gefestigten Eindruck. Im ersten Viertel gegen die Broncos unterliefen dem 23-Jährigen zwar einige kleine Fehler taktischer Natur; einmal etwa hatte er Probleme bei der Zuordnung seines Gegenspielers, ein anderes Mal zeigte er Schwächen im Tackling. Insgesamt aber bestätigte Griffin, was zuvor schon zahlreiche Experten prognostiziert hatten; dass er sehr wohl mithalten kann in der NFL.

Auch sein Coach Pete Carroll hatte diesbezüglich zumindest leise Zweifel geäußert. Das mediale Interesse, die Aufmerksamkeit, der Druck – „es ist in mancher Hinsicht fast ein bisschen zu viel für ihn“, sagte Carroll. „Aber ich denke, er wird damit klarkommen“, ergänzte der Coach, „denn ich weiß: er ist ein außergewöhnlicher junger Mann.“

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