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Gemeinsam durch die Krise. Reinhard Grindel (links) steht Bundestrainer Joachim Löw unbeirrt zur Seite.

Analyse des WM-Debakels Ein Aussitzen der DFB-Krise ist keine Lösung

Dass es um die Stimmung im deutschen Fußball nicht zum Besten steht, ist keine ganz neue Erkenntnis. An der Basis grummelt es seit Jahren, weil sich die Amateure immer mehr in den Schatten gedrängt fühlen, während sich die Klubs aus der Bundesliga – bildlich – auf der Sonnenliege am Pool räkeln und sich bunte Drinks servieren lassen. Ab und an gibt es mal ein paar warme Worte der Verbandsführung, und wenn das Grummeln die Zimmerlautstärke übersteigt, wird eben ein schöner Imagefilm in Auftrag gegeben, in dem die Amateure als die echten Profis gefeiert werden.

Solange Schalke gegen Dortmund die Massen elektrisiert, Bayern gegen Real spielt und wir Weltmeister sind, interessiert sich die große Öffentlichkeit nur peripher für die Belange des TuSpo Kleinkleckersheim, dessen erster Mannschaft in der Bezirksliga Plattes Land am Sonntagnachmittag nur noch eine Handvoll Leute zuschauen will, weil zur selben Zeit bei Sky Bayern gegen Frankfurt läuft. Aber jetzt sind wir eben kein Weltmeister mehr.

Die Krise betrifft nicht nur die Nationalmannschaft

Die Krise der Nationalmannschaft hat längst den gesamten Deutschen Fußball-Bund (DFB) erfasst. Sie wirkt wie ein Katalysator, der die Prozesse, die bisher nur im Untergrund schwelen, entscheidend beschleunigen kann. Auch deshalb erhalten die Aussagen eines Hinterbänklers wie Hermann Winkler eine Brisanz, die sie unter anderen Umständen nicht gehabt hätten.

Winkler, Präsident des Sächsischen Fußballverbandes, ist über seinen Landesverband hinaus noch nicht auffällig geworden, und viel zu sagen hatte er im DFB bisher auch nicht. Aber wen interessieren solche Feinheiten schon, wenn Winkler, wie das so schön heißt, in der aktuellen Situation Klartext redet und als Einziger die Traute hat, gegen Bundestrainer Löw, Nationalmannschaftsmanager Bierhoff und DFB-Präsident Grindel aufzubegehren?

Wenn die Stimmung mies ist und die wichtigen Fragen immer noch nicht geklärt sind, erhalten selbst die Winklers von den hinteren Plätzen einen Resonanzboden, der ihre Stimmen gewaltig und bedrohlich klingen lässt. Das erklärt die Nervosität der Verbandsoberen. Bevor die Landes- und Regionalchefs am Donnerstag zu ihrer turnusmäßigen Sitzung zusammenkamen, erging an sie von oben die Bitte, sich doch nicht weiter zur großen Politik zu äußern. Dass die Verbandsspitze schon vor jemandem wie Hermann Winkler aus Sachsen zittert, hat sie sich selbst zuzuschreiben. Aber vielleicht merkt sie ja wenigstens jetzt, dass Aussitzen sicher nicht die beste Lösung ist.

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