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Foto: Soeren Stache/dpa
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Pause vom Eis. Eisbären-Profi Constantin Braun fiel bereits zweimal länger wegen Depressionen aus. Jetzt fehlt er, weil er alkoholabhängig ist.

Depressionen im Sport "Sollen wir warten, bis der nächste vor den Zug springt?"

Die Meldung kam am Mittwochmittag, einen Tag vor dem Trainingsauftakt der Berliner Eisbären, über Twitter. Constantin Braun steht vorläufig nicht zur Verfügung. Der 30-Jährige begibt sich aufgrund seiner Alkoholabhängigkeit freiwillig in medizinische Behandlung. "Da müsste viel mehr prophylaktisch getan werden", sagt Psychologe Kirchner.

Herr Kirchner, der Eisbären-Spieler Constantin Braun hat sich wegen seiner Alkoholsucht in Behandlung begeben. Alkohol und Leistungssport– wie geht das zusammen?
Kirchner: Leistungssport ist ein Abbild der Leistungsgesellschaft. Alles, was dort zu finden ist, findet man in der Extremform auch im Leistungssport. Dazu kommt, dass der Leistungssport ein paar Tabus hat. Deswegen lernen Sportler und die meisten Trainer übrigens auch nicht, wie man mit Depressionen umgehen muss. Deswegen suchen sich die Athleten dann Kompensationsmechanismen – Sucht hat auch mit „suchen“ zu tun, dem Süchtigen fehlt etwas und das versucht er auszugleichen. Das muss nicht unbedingt Alkohol sein. Viele Sportler fangen an, zu zocken, nehmen Drogen oder werden sexsüchtig.

Der ehemalige Bundesligaspieler Uli Borowka sagte in einem Interview über seine Alkoholsucht einmal, dass er sich ein Image als harter Mann aufgebaut hätte und deswegen mit Teamkollegen nicht über seine Probleme sprechen konnte. Braucht es ein anderes Männlichkeitsbild, gerade in einem kraftbetonten Sport wie dem Eishockey oder eben im Fußball?
Die größte Konkurrenz findet ja nicht innerhalb der Liga statt, sondern innerhalb des Teams. Wohin soll ich also, wenn ich nicht mit meinen Teamkollegen sprechen kann und auch nicht mit dem Trainer oder Manager. Denn wenn ich es denen erzähle, wissen es bald alle und meine Position ist gefährdet. Wir müssen dringend über die Belastung im Leistungssport sprechen, denn letztlich ist so etwas wie eine Alkoholsucht immer nur ein Symptom. Die Belastung heutzutage ist eine ganz andere als noch vor 30 oder sogar vor zehn Jahren.

Was müsste sich denn ändern?
Zum einen gibt es meines Wissens nach keinen Verband, der eine gute Politik hat, was psychologische Beratung angeht. Die Leute, die zu mir kommen, sind meist Spielerberater oder Athleten, die ein akutes Problem haben, einfach nicht mehr weiterkönnen. Da müsste viel mehr prophylaktisch getan werden. Außerdem ist die Trainerausbildung vollkommen unzulänglich. Natürlich haben Trainer keinen Beratungsauftrag – sie sind meistens selbst überlastet und holen sich teilweise selbst Beratung. Aber bei meinen Vorträgen für Trainer bekomme ich oft gespiegelt, dass sie mehr Wissen im psychologischen Bereich bräuchten und sich dieses häufig autodidaktisch aneignen.

Sollte also jeder Verein seinen eigenen Psychologen haben?
Es gibt schon Vereine, die das passiv anbieten, Borussia Dortmund etwa. Da können die Spieler Hilfe in Anspruch nehmen, wenn sie Bedarf sehen. Die Sportler, mit denen ich zusammenarbeite, sind oft sehr reflektiert und bewusst. Aber was ist mit denen, die nicht so guten Zugang zu ihren Ängsten haben? Das sind die, mit denen wir reden müssen. Die Anzahl der Athleten, die Angststörungen oder Depressionen haben oder in der Nähe davon sind -der Grat ist da sehr schmal -, ist dramatisch angestiegen, ich würde sagen, er liegt deutlich über zehn Prozent. Das wären bei einem Kader von 20 Spielern mindestens zwei Spieler.

Hat der Fall Robert Enke denn nicht dazu beigetragen, dass im Sport offener über das Thema Depression gesprochen wird?
Nein, ich nehme das nicht so wahr. Die Arbeit in diesem Bereich ist nicht in dem Maß verstärkt worden, wie es notwendig wäre. Ich finde, das ist eine Verantwortungslosigkeit gegenüber den Spielern. Seien wir doch mal ehrlich: Der Sport ist ein Entertainmentbusiness, die Athleten sind die Zirkuspferde. Klar, sie bekommen hohe Gehälter, aber die Vereine und Verbände haben immer noch eine Verantwortung ihnen gegenüber. Oder sollen wir warten, bis der nächste vor den Zug springt?

Foto: Henning Kaiser/dpa

Geduld gefragt. Constantin Braun wird eine ganze Zeit lang nicht auf dem Eis stehen.

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Geduld gefragt. Constantin Braun wird eine ganze Zeit lang nicht auf dem Eis stehen.

Wie bewerten sie denn das Verhalten der Eisbären als Arbeitgeber? Sie haben Braun auch, als er unter Depressionen litt, vor den Medien geschützt, sein Vertrag gilt jetzt noch vier Jahre und der Verein stellt sich hinter ihn, ganz nach der Maxime "Einmal Eisbär, immer Eisbär".
Ich finde das vorbildlich. Oft wird vonseiten der Vereine gesagt: „Die sind verletzt.“ Aus Sicht des Athleten ist das zwar nett, aber es ist wichtig, aus dem Stillschweigen auszubrechen. Das Problem anzuerkennen und kein Versteckspiel zu spielen, ist auch ein Schritt Richtung Heilung. Es ist auch mutig vom Spieler selbst, so offen zu sein. Im Idealfall kann das gesellschaftlich und speziell im Sport Veränderungen anstoßen. Andererseits ist es auch vorbildlich, dem Spieler Zeit zu geben und ihn zu schützen. Aber auch hier wäre eine Prophylaxe besser, als zu reagieren, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.

Wie kann man denn dafür sorgen, dass Leistungssportler unabhängiger sind von äußeren Faktoren wie Verletzungspech, Mannschaftsdynamiken oder dem medialen Druck?
Ich bin ein Fan der Persönlichkeitsdiagnostik, bei dem man feststellt, was ein Athlet braucht, um seine emotionalen Bedürfnisse erfüllt zu bekommen. Muss er sich anstrengen, um die Anforderungen zu erfüllen oder strengt es ihn an? Das kann man gut am Beispiel Kapitänsbinde festmachen: Indem man einem Spieler die Kapitänsbinde umbindet, kann man ihn in die Depression schicken, weil sie ihn unter so großen Druck setzt. Umgekehrt kann man einen anderen Athleten aber auch motivieren, weil ihn die Anforderungen wachsen lassen.

Ich vergleiche das gerne mit einem Bankkonto: Wenn man das Budget an einem Tag überzieht, passiert noch nicht so viel, passiert das ständig, kann das zur emotionalen Insolvenz, also zum Burnout führen. Dass es so weit kommt, liegt auch häufig daran, dass die Sportler sich selbst nicht besonders gut kennen, das müssten sie erst lernen. Im Jugendbereich gibt es dort schon gute Coaching-Maßnahmen, im Topprofibereich wird das bisher oft stiefmütterlich behandelt.

Nach Brauns Rückkehr hieß es, der Sport sei Teil der Therapie. Wäre es nicht sinnvoller, einen depressiven Athleten für eine Saison komplett aus dem Profi-Alltag zu nehmen, damit er erst einmal eine stabile Basis außerhalb des Sports aufbauen kann?
Die Wiedereingliederung in den Sport muss individuell mit dem Athleten besprochen werden. Einige Sportler verfallen allein bei dem Gedanken an Training wieder in eine Depression. Andererseits kann es gut sein, sie wiedereinzugliedern, ihnen Struktur zu geben. Tendenziell ist es gut, sie wieder zum Teil einer Gemeinschaft zu machen. Aber eigentlich muss man fragen: Woher kommt die Depression oder Belastungsstörung? Die muss ja nicht unbedingt mit dem Sport zusammenhängen, sondern kann aus dem Privaten rühren.

Die Fans malten Braun-Banner mit dem Spruch „stay strong“. Ist so etwas hilfreich oder sollte sich jemand wie Braun erst einmal komplett unabhängig machen von der Anerkennung von außen und sich vielleicht sogar fragen, ob er dem Druck des Profisports gewachsen ist?
Der Beruf ist die letzte Frage, an die er jetzt denken sollte. Auch der Alkoholentzug ist gar nicht mal das Wichtigste, denn das ist ein körperliches Problem. Vielmehr muss er jetzt in eine gründliche Analyse gehen und sich fragen, was er auf Dauer braucht, um glücklich zu sein. Denn die Wurzel des Problems ist oft eine emotionale Verletzung, eine Traumatisierung aus der Vergangenheit. Erst wenn die geheilt ist und er eine gewisse Stabilität erreicht hat, kann er sich damit auseinandersetzen, ob der Sport ihn glücklich macht oder ihn stresst. Natürlich würden die Fans sich freuen, wenn er schnell wiederkäme.

Da liegt aber auch eine Gefahr, denn viele Sportler wollen gerne die Erwartungen von außen erfüllen und schnell zurückkehren. Dadurch würden sie aber nur in ein Hamsterrad zurückkehren. Wenn man schon so lange mit Depressionen kämpft, ist es vielleicht sinnvoller, sich noch einmal zwei Monate länger Zeit zu nehmen und sich von äußeren Erwartungen freizumachen.

Foto: promo

Steffen Kirchner arbeitet seit 2008 als Redner und Mentaltrainer.

Foto: promo

Steffen Kirchner arbeitet seit 2008 als Redner und Mentaltrainer.

Steffen Kirchner ist Mentaltrainer und Personality-Coach. Er hat mehr als 500 Unternehmen, Profisportler und Teams betreut.

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