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Foto: Yannick Schurwanz
Foto: Yannick Schurwanz

Größenunterschied. Steuermann Martin Sauer (l.) im Boot neben Schlagmann Hannes Ocik.

Deutschland-Achter: Vor der Weltmeisterschaft Das Steuer des kleinen Mannes

Christopher Stolz

Plötzlich war er mehr gefordert, als ihm lieb sein konnte. Das Halbfinale beim Weltcup-Finale in Luzern war in vollem Gange, der deutsche Ruderachter gerade richtig in Fahrt gekommen. Und jetzt, ausgerechnet jetzt, fiel die Coxbox aus, der Lautsprecher, über den Steuermann Martin Sauer mit seinen acht muskelbepackten Athleten kommuniziert. Er ist der einzige im Boot, der sie und die Gegner im Blick hat – und muss nun gegen diese „Wand“, wie Sauer sie selbst nennt, anschreien. Zunächst merkte der 35-Jährige gar nicht, dass die Coxbox ausgefallen war: „Wenn ich spreche, gehen ich erstmal davon aus, dass ich gehört werde.“

Als der hintere Teil des Bootes weitermachte, als hätte er nichts gesagt, merkte Sauer es dann doch. In Luzern im Juli war das nicht weiter schlimm, der Achter ohnehin schon klar auf Siegkurs. Und trotzdem: „Das ist der Worstcase und zum Glück auch erst einmal passiert. Noch schlimmer wäre nur, dass das Steuer bricht.“ Dass der nur 1,69 Meter große Sauer seinen Achter in Luzern letztlich auch ohne Lautsprecher zum Halbfinalsieg schrie, spricht für ihn. Auch bei der Weltmeisterschaft im bulgarischen Plovdiv, die am Sonntag gestartet ist, soll es jetzt wieder zum Titel reichen, es wäre Sauers fünfter WM-Titel.

Am Mittwoch startet der Achter in die WM

Am Mittwoch startet der Deutschlandachter mit dem Vorlauf ins Turnier, am kommenden Sonntag steht dann das Finale an. Mit Sauer als Steuermann. Nicht wenige sagen, dass nicht die Ruderer, sondern er die wichtigste Position im Boot sei. Er muss nicht nur das Boot vernünftig lenken. „Die größte Herausforderung besteht darin, die Mannschaft zusammenzubringen. Eigentlich sind die Ruderer ja Einzelkämpfer“, sagt Sauer: „Und ich muss dafür sorgen, dass wir letztlich eine Einheit sind.“ Als Steuermann ist Sauer so wie der Mannschaftskapitän des Bootes – und das schon seit 2009.

„Der Steuermann hat einen riesigen Einfluss darauf, was wir machen. Und man sagt ja auch, dass ein guter Steuermann einen Achter mindestens eine Bootslänge schneller machen kann“, sagt Max Planer, einer der Ruderer. Wichtig dabei ist die Erfahrung. Und davon hat Sauer mittlerweile genug. Als er angefangen hat, war er noch einer der Jüngeren. Der 35-Jährige ist auch jetzt noch zwei Köpfe kleiner als die anderen – und doch der, der das Sagen hat. Dafür muss er sich durchsetzen können. Fällt ihm das heute, da er der Älteste ist, leichter als vor neun Jahren? „Nein, Durchsetzungsfähigkeit sollte jeder Steuermann haben, das gehört dazu, egal, wie alt er ist“, erklärt Sauer. „Du musst damit klarkommen, dass dich nicht jeder mag.“

Foto: Yannick Schurwanz

Wer hat das Sagen? Martin Sauer (l.) muss sich gegen seine acht Kollegen durchsetzen.

Foto: Yannick Schurwanz

Wer hat das Sagen? Martin Sauer (l.) muss sich gegen seine acht Kollegen durchsetzen.

Sein großer Vorteil ist, dass er über die Jahre Titel über Titel gewonnen hat, mehrfacher Welt- und Europameister und Olympiasieger ist. Das verleiht ihm Glaubwürdigkeit. Er selbst muss auch ein großes Verständnis vom Rudern haben, um die Vorgaben des Trainers im Boot umsetzen und schnell reagieren zu können. Nicht nur deshalb will niemand mit ihm tauschen. „Die Jungs würden das Boot bestimmt irgendwie steuern können – die Frage ist nur wie“, sagt Sauer. Ein schräger Versuch nach der EM im vergangenen Jahr gab Aufschluss. Aus Spaß setzte sich der Schlagmann ans Steuer. „Er hatte nach der Hälfte der Strecke schon keinen Bock mehr und meinte, es sei ihm zu eng und zu unübersichtlich“, berichtet Sauer.

Er selbst aber könnte auch nur schwerlich mit einem der acht Ruderer tauschen. „Ich könnte einigermaßen mitrudern, aber wäre da keine große Hilfe. Ich habe nicht diesen Zug und diese Dynamik – ich bin aber auch schon mein ganzes Ruderleben lang Steuermann.“ Genauer gesagt seit 1994. Als die Landestrainer in den Berliner Grundschulen nach Rudertalenten Ausschau hielten, kamen sie auch in die Klasse des 11-jährigen Martin Sauer. „Als der Trainer reinkam, meinte er, dass alle Großen aufstehen sollen. Da dachte ich mir schon, dass das für mich nichts wird“, erinnert er sich. Danach sollten alle Kleinen aufstehen, weil der Trainer Kinder suchte, die das Boot steuern sollen. „Ich dachte erst, das wäre ein Scherz“, sagt Sauer. Er stand auf und nahm einen Zettel fürs Probetraining mit nach Hause. Und so landete er schließlich beim Berliner Ruder-Club.

Größe ist Martin Sauer großer Vorteil

Martin Sauer stellte sich als Talent heraus. Wobei sein großer Vorteil seine Größe ist – die heute noch das entscheidende Auswahlkriterium ist. „Und man darf auch nicht zu schwer sein, wenn man so weit kommen will, wie ich es bin“, sagt er, der keine 60 Kilogramm wiegt. Zudem musste Sauer schon früh beweisen, dass er bereit ist, sich mit den Großen auseinanderzusetzen. Wichtig ist auch, „die Art, wie man ist, nicht zu verändern, damit die Athleten dir vertrauen und wissen, mit wem sie es zu tun haben“. Das ist deshalb wichtig, weil mit jeder neuen Mannschaft auch ein neuer Schlag Mensch im Boot sitzt.

Wie viele Schläge Mensch Sauer noch miterlebt, ist noch nicht klar. Er hat für sich entschieden, nach den Olympischen Spielen in Tokio 2020 aufzuhören: „Ich bin jetzt 35 und denke schon, dass ich an der Grenze bin von dem, das man da leisten sollte. Ich merke, wie bei jedem Leistungssportler, den körperlichen Verschleiß.“ Er sei stolz darauf, dass er diese Narben hat. Und er weiß auch, dass für Zukunft nach der Ära Sauer gesorgt ist – der Steuermann der U23-Nationalmannschaft, Jonas Wiesen, drängt sich auf. „Ich glaube, dass er mein Nachfolger wird“, sagt Sauer über den 22-Jährigen Junioren-Weltmeister.

Bis 2020 will er sich weiter beweisen. Muss er auch: Denn der Achter wird nach der WM wieder neu zusammengesetzt. „Und wenn dann jemand besser sein sollte, ist er der neue Steuermann“, sagt der Berliner. Doch damit das passiert, muss sich die Konkurrenz erst einmal gegen den zähen Martin Sauer durchsetzen. Gegen Sauer, der sich bislang noch immer durchgesetzt hat.

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