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Foto: promo
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Acht von 170. So viele Mitglieder hat der Club.

Frauen-Ruder-Club Wannsee Ihre eigene Regatta

Vieles hat sich geändert seit 1947. Damals starteten die Ruderinnen in Rock und Bluse, für Frauen gab es eigens das „Stilrudern“: Sie mussten an einer Tribüne mit Kampfrichtern vorbeirudern, anschließend wurde ihr Ruderstil beurteilt. Fotos zeigen verlegen lächelnde Mädchen mit Zöpfen. Regatten für Frauen gab es nicht, Klubs ebenso wenig. Als die Ruderinnen nach dem Krieg Teil der „Rudervereinigung Wannsee“ werden wollten, wurden sie abgewiesen – und gründeten kurzerhand ihren eigenen Verein: den Frauen-Ruder-Club Wannsee (FRCW).

Bis heute ist die männerdominierte Struktur vieler Rudervereine der Grund für das fortwährende Bestehen des Frauenruderklubs, der um die 170 Mitglieder zählt. Viele der Ruderinnen, die hier teilweise seit Jahrzehnten die Boote zu Wasser lassen, sind mit Männern verheiratet, die im traditionsreichsten deutschen Ruderverein, dem Berliner Ruderclub, Mitglied sind. Der liegt schräg gegenüber am Kleinen Wannsee. Ruderinnen haben keinen Zutritt, zumindest nicht als Mitglieder, das hat sich seit der Gründung 1880 nicht geändert und das wird es auch in absehbarer Zeit nicht. Deswegen kamen sie zum FRCW und fahren ihren Männern jetzt auf dem Wannsee über den Weg oder sehen sich auf Regatten.

Eines will Heike Stich aber gleich klarstellen: „Wir sind nicht männerfeindlich“, sagt die Klub-Vorsitzende. „Aber Frauenpower ist schon anders.“ Hier packt auch mal eine zusätzliche Hand mit an, trägt das Boot zum Steg oder hilft den teilweise über 80 Jahre alten Ruderinnen ins Boot. Heike Stich kam über eine Schulfreundin zum Verein, „die traute sich nicht allein“. Seit mehr als 30 Jahren hat sie jetzt den „Rudervirus“ – „der lässt einen nie wieder los“.

Endlose Sitzungen auf dem Ergometer

Trotz aller Geselligkeit geht es den Ruderinnen nicht um Kaffeefahrten und Pläuschchen, sondern um den Sport. „Die Männer unterschätzen uns oft und unterstellen uns, dass wir nicht durchziehen beim Rudern.“ Heike Stich erinnert sich an endlose Sitzungen auf dem Ergometer. „Die Trainerin hatte noch in der DDR gelernt“, flüstert sie und zwinkert. Es gab Langstreckenfahrten, bei denen sie so scharf anfuhr, dass sie gleich zu Anfang Nasenbluten bekam. Einmal verschob sie vor einer Deutschen Meisterschaft sogar eine Operation, weil sie trotz eines Bänderrisses ihren Achter nicht im Stich lassen wollte.

Zu Leistungssportzeiten trainierte sie neben ihrer Ausbildung acht Mal die Woche. Das prägt bis heute: Struktur und eine gewisse Portion Sturheit hat sie aus dieser Zeit mitgenommen, außerdem die Angewohnheit, morgens früh aufzustehen. „Wer diesen Weg durch den Leistungssport gegangen ist, kann sich durchbeißen“, sagt Stich. Diese Eigenschaft hilft der Verwaltungsangestellten in Wettkämpfen und wenn es im Privatleben turbulent wird, führte aber auch schon mal ins Unglück. Im Ski-Trainingslager unterdrückte sie mal ihre Angst vor der Abfahrt und verletzte sich prompt am Knie.

„Das hat mich die ganze Saison und mein Abitur gekostet“, sagt sie. „Aber es hat mir auch gezeigt: Man steht immer irgendwie wieder auf.“ Damals fing der Verein sie auf. Ihre Trainingskolleginnen nahmen sie trotzdem mit zu Regatten und bezahlten ihr die Reisen ins Trainingslager. Dadurch wurde ihre Verbindung zum Verein unzertrennlich, wie bei vielen der Mitglieder, die bei der Siegesfeier am Jahresende teilweise für ihre 60 Jahre währende Vereinsmitgliedschaft geehrt werden.

Kein Nachwuchsproblem für Ruderinnen

An Nachwuchs mangelt es den Ruderinnen nicht: Der Anfängerinnenkurs im Mai ist schon seit dem Spätsommer ausgebucht, wer die Grundlagen im Mannschaftsboot und später im Einer erlernt hat und sich auf dem vielbefahrenen Wannsee sicher bewegen kann, darf den Verein und sein Bootshaus frei nutzen. Im Sommer fährt man auf Regatten und auf Wanderfahrten, oft auch mit anderen Rudervereinen und in gemischten Booten. Die meisten Frauen finden sich in Trainingsgruppen zusammen oder kommen am Freitagnachmittag, um ins Wochenende zu rudern.

Für Heike Stich hört damit die Vereinsarbeit aber nicht auf. Manchmal sitzt sie noch Sonntagabends über den Unterlagen. „Ich sage meinem Mann dann, er soll Tatort gucken“, sagt sie. „Er meckert dann manchmal, aber er ist selbst beim BRC und versteht mich: Wer so vereinsverwachsen und ruderinfiziert ist, der kann nicht anders.“

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