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Foto: Aus dem Buch "Big Bowls", Dagmar Reichel, Fotos: Barbara Bonisolli, Gräfe & Unzer Verlag
Foto: Aus dem Buch "Big Bowls", Dagmar Reichel, Fotos: Barbara Bonisolli, Gräfe & Unzer Verlag

Als Glücksbringer werden die Bowls präsentiert, egal ob mit Beeren, Gerste, Garnelen oder gebratenen Radieschen.

Bowl Food In Schale geworfen

Unter super geht nichts mehr. Chiasamen – Superfood. Quinoakörner – Superfood. Goji-Beeren – Superfood. Kostet dann gleich ein paar Euro extra. Über super allerdings, so dachten wir bisher, geht auch nichts mehr. Jetzt wissen wir es besser. Über allem steht die Bowl.

Seit ein, zwei Jahren taucht sie immer häufiger auf. 2015 eröffnete das vegane Lokal „The Bowl“ an einer besonders ruppigen Ecke der Warschauer Straße, „das erste clean eating Restaurant in Berlin“, wie es sich beschreibt. 2016 erschienen in Deutschland die ersten Anleitungen zum Selbermachen in gedruckter Form, in diesem Jahr gibt es kaum einen Kochbuchverlag, der nicht ein Bowl-Buch herausbringt. Der Lieferservice Foodora ernannte 2017 gerade zum Jahr der Bowl. Supertrend!

Natürlich könnte man einfach Schüssel oder Schale sagen, aber erstens klingt das nicht so sexy, zweitens kommt die Bowl, wie die meisten kulinarischen Trends, aus den USA, und drittens bezeichnet sie auch hierzulande eine ganz bestimmte Art des Essens – und des Anrichtens. Denn die Optik ist in diesem Fall so wichtig wie der Inhalt.

Je leuchtender und vielfältiger, desto besser und gesünder

Die Bowl ist eine Art, all die Superfoods, Power-Proteine, gesunden Fette, nährstoffreichen Kohlehydrate und Vitamine auf besonders geschmackvolle und ästhetische Weise zu servieren. Gute Idee, denn einige der zurzeit angesagten Zutaten sehen schlimm aus, schmecken nach nichts oder haben eine eklige Konsistenz, wie die glibberigen Chiasamen. Bei der Bowl spielt das Mundgefühl eine wichtige Rolle, und Vielfalt gehört zum Programm: Kaltes und Warmes, Cremiges und Crunchiges, Rohes und Gekochtes, Gedämpftes und Gebratenes, Körniges und Knackiges, Leichtes und Sättigendes, Sanftes und Geschmacksintensives.

Und dann erst die Farben! Je leuchtender und vielfältiger, desto besser – und gesünder. Als Leitbild dient der Regenbogen. Gelbe Mango, rote Tomaten, blaue Beeren, orangefarbene Orange, knallgrüne Erbsen, gelber Kurkuma. Der, falls Sie es noch nicht mitbekommen haben, gerade dabei ist, den Ingwer zu überholen. Noch superer.

Die Bowl funktioniert nach dem Baukastensystem. Nach unten kommen die schweren Sattmacher wie Haferflocken, Quinoa, Kichererbsen, Reis, Nudeln, darauf viel geschnitztes Obst und Gemüse und Toppings wie Nüsse, Samen, Kräuter, Sprossen. Die Krönung ist die Sauce, die dem Ganzen Saft gibt. Das kann eine Vinaigrette sein, ein flüssiger Hummus, Tzatziki, Misodressing, auch ein pochiertes Ei. Anders als beim Eintopf oder Salat werden die Komponenten nicht kunterbunt gemischt, sondern zu eigenen Grüppchen geordnet. Die Kombinationsmöglichkeiten sind unendlich, da kann sich jeder austoben, besonders bei der Dekoration. Nicht zuletzt dank Instagram hat sich der spezielle Look schnell verbreitet: Bei der Frühstücksbowl werden Früchte und Nüsse gern in akkuraten Streifen nebeneinander auf Porridge oder Acai-Brei gelegt, bei den herzhaften Schalen Avocado & Co. kreisrund arrangiert.

Das Essen aus der Schale erinnert an die Kindheit

Natürlich haben die Amerikaner das Speisen aus der Schale nicht erfunden. Die Asiaten aßen ästhetisch arrangiertes Superfood aus Schüsseln lange vor Erfindung des Begriffs. Dort versteht es sich von selbst, dass Essen nicht nur schmecken, sondern gut für Körper und Seele sein soll. Ein Vorbild für die Bowl ist der koreanische Bibimbap, ein Ein-Topf-Gericht: Auf einem Bett von Reis werden leicht angebratenes und rohes Gemüse, scharfe Paste, Fleisch, Sojasauce und oben drauf ein Ei arrangiert.

Während Japaner und Chinesen selbst Suppe mit Stäbchen verspeisen, nutzen Koreaner den Löffel, mit dem man die Bowl am besten isst, schon weil dann verschiedene Komponenten zusammen auf der Zunge landen. Mit dem Löffel, dem ältesten Besteck, lernt jedes Kind selbstständig speisen; aus der Schale, da rutschten die Erbsen nicht so schnell weg. Das avancierteste Besteck dagegen, das Messer, braucht man zum Essen nicht mehr. In der Kuhle lässt sich schwer schneiden.

Als Kind in Korea hat Young-Jae Lee, die seit den 80er Jahren die Keramische Werkstatt Margaretenhöhe in Essen leitet, alles aus Schalen gegessen und getrunken, ob Suppe, Reis oder Tee. Ein Teller mit Messer und Gabel wäre gar nicht zu handhaben gewesen, die Familie aß auf dem Boden, nicht am Tisch. Auch als sie zum Studium nach Deutschland kam, entwarf sie von Anfang an Schalen – „weil sie für alles zu benutzen sind“. Und weil sie Körper haben, einen richtigen Raum bilden, mal flacher und mal höher, dicker oder breiter, offener oder intimer. Das macht ihren Reiz aus: Die gewölbte Form des Gefäßes gibt dem Essen einen weichen und dennoch festen Rahmen. Während die einzelnen Elemente sich auf einem großen flachen Teller verlieren oder verlaufen können, haben sie hier Halt. Kuscheln sich, um in der Wohlfühlprosa der Bowl-Bücher zu sprechen, aneinander. Wenn man Pech hat, wird’s zu innig, vermanscht alles.

Foto: Aus dem Buch "Big Bowls", Dagmar Reichel, Barbara Bonisolli, Gräfe & Unzer Verlag

Die Bowl funktioniert nach dem Baukastensystem. Nach unten kommen die Sattmacher, darauf viel geschnitztes Obst und Gemüse und Toppings wie etwa Nüsse.

Foto: Aus dem Buch "Big Bowls", Dagmar Reichel, Barbara Bonisolli, Gräfe & Unzer Verlag

Die Bowl funktioniert nach dem Baukastensystem. Nach unten kommen die Sattmacher, darauf viel geschnitztes Obst und Gemüse und Toppings wie etwa Nüsse.

Sind Teller eher Teil eines einheitlichen, weißen Geschirrs, werden Schalen oft als farbige Einzelstücke gekauft und munter gemischt: Erbstücke, Flohmarktteile, kostbare Keramik, Souvenirs. Young-Jae Lee glaubt, dass auch das Müsli zur Popularität der Schalen in Deutschland beigetragen hat. Nicht zu vergessen die Reisefreude. Wer erinnert sich als middle ager nicht an den ersten Schrecken in Frankreich – wo sind denn die Henkel an der Tasse! – und das schöne Gefühl, den Café au lait mit beiden Händen zu umfassen.

Mit dem Frühstück fing es an, mit Acai-Bowls und Smoothie-Bowls, Porridge und Hirsebrei. Wie früher, nur moderner. Man könnte es auch Infantilisierung des Essens nennen. Mit der Schale kann man nämlich auch etwas machen, was sich so schön unerwachsen anfühlt und früher streng verboten war: Man hockt sich mit dem Essen aufs Sofa. Guckt Fernsehen dabei, blättert in der Zeitschrift, tippt auf dem Smartphone rum. Mit der Achtsamkeit beim Essen ist es damit allerdings vorbei. Und gerade die spielt doch eine so wichtige Rolle bei der Buddha Bowl.

Was das ist? „Bunte Schalen des Glücks“, schreibt Annelina Waller, die in Kalifornien erweckt wurde, in ihrem Buch „Buddha Bowls“. „Der Buddha sorgt dafür, dass unsere Bowl prall gefüllt ist, mit leckeren Zutaten, die sich wie der Bauch eines Buddhas aus der Schale wölben. Isst man die Bowl, ist man zufrieden wie ein Buddha und grinst innerlich.“ Halleluja. Viele Kochbücher erwecken den Eindruck, dass mit der gesunden Schale das Böse ausstirbt, alles Leid verschwindet. Weg da, Depressionen, Herzinfarkt und Krebs, hier kommt die Bowl.

Die Bowl fördert den Egoismus

Was nicht so recht zur Idee des Soul Foods passt: dass die Bowl die Gemeinschaft aufbricht, zur Vereinzelung einlädt. Jede Schale wird einzeln dekoriert, jeder isst für sich, statt dass man sich und seine Tischnachbarn aus Schüsseln bedient, das Brot teilt. Die Rezepte sind für eine, maximal zwei Personen. Es gibt auch eine gesellige Variante, die nach dem Prinzip Fondue funktioniert, wo alle Zutaten auf den Tisch kommen und jeder sich seine eigene Schale zusammenstellt. Aber das ist die Ausnahme. Die Bowl fördert, wenn man so will, den Egoismus. „Iss dich glücklich!“ heißt der Marschbefehl, „nur das Beste für dich“. Bloß ist das möglicherweise das Schlechteste für alle andern. Wie bei der Avocado, Hipster-Speise Nummer eins, die gerade als gewaltiger Umweltsünder gebrandmarkt wird.

Bowls, fast überflüssig zu sagen, kommen ganz oder weitgehend ohne Fleisch aus. Die Wirklichkeit sieht anders aus. „Schnitzel ist meine Goji-Beere“ titelte die „FAZ“ vor ein paar Wochen, als die Bundesregierung ihren Ernährungsreport 2017 vorlegte. Demnach erklärte die Mehrzahl der Befragten, nämlich 53 Prozent, Fleisch zu ihrem Lieblingsessen. Auf Platz zwei: Nudeln in allen Variationen (38 Prozent). Während man mit der Zubereitung des Schalenfutters viel Zeit verbringt – die Basilikumblättchen wollen gezupft, Haselnüsse geröstet, Erbsen gepalt, Paprika gewürfelt, Kohlrabi gestiftelt, Kichererbsen eingeweicht, Zwiebeln geschmort und das Ganze liebevoll zusammengestellt werden –, sagen 72 Prozent der 19- bis 29-Jährigen, dass das Kochen vor allem fix gehen soll. Eine Tiefkühlpizza in den Ofen zu schieben (machen 41 Prozent der Befragten regelmäßig) geht schneller. Da haben die Bowlianer noch viel Missionarsarbeit zu leisten.

DIE PIONIERE

Ben Donath & Viola Molzen: Bowl Stories. teNeues, 176 Seiten, 19,90 Euro. Eins der ersten Bücher. Die Berliner servieren aber raffiniertes Comfort food statt Super food.

DIE FARBENFROHE

Eva Fischer: Super Bowls. Life changing food. Brandstätter, 168 Seiten, 21,90 Euro. Von orientalisch bis mexikanisch.

DIE MALERISCHE

Dagmar Reichel: Big Bowls. Einfach gute Schüsselküche. Gräfe & Unzer, 128 S., 14,99 Euro. Erscheint am 2.2. Jahreszeitenküche, mit Fotos und Illustrationen bebildert.

DIE SELIGE

Annelina Waller: Buddha Bowls. Eine Schüssel voller Glück. Callwey Verlag, 160 S., 20 Euro. Erscheint am 9.3.

DIE 5 ELEMENTE

Andrea Scholdan: Suppito in a Bowl. Der Geschmack der ganzen Welt in einer Schale. AV-Buch im Cadmos Verlag, 96 S., 19,95 Euro.

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