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Foto:Reuters/Brendan McDermid/Files
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Qual der Wahl

Über 500 Jahre Reinheitsgebot - und ein paar Jahre Craft Beer Mein Bier - Dein Bier: Craftbeer - hui oder pfui?

PRO CRAFT BEER:

Wer Craft Beer mag, kann fast immer von einem Erweckungserlebnis berichten. Dem einen Glas, das schlagartig klargemacht hat: Bier kann so viel besser sein als das Standardgebräu aus dem Supermarkt. Bei mir handelte es sich um ein belgisches Trappistenbier, würzig-hopfig, angenehme Fruchtnote, mit hohem Alkoholgehalt und trotzdem sanft.

Ist Craft Beer immer so gut? Nein. Craft ist das englische Wort für Handwerk und bezeichnet Biere, die in eher kleiner Produktion hergestellt werden. Gemeint sein kann Bier für den Eigenbedarf, das im heimischen Keller gärt, ebenso wie eines, das in alle Welt exportiert wird. Die derzeitige Craft-Beer-Welle bedeutet erst mal nur, dass sich zu den etablierten Bieren, die in den vergangenen Jahrzehnten immer uniformer geworden sind, ein paar neue gesellen. Dass die Vielfalt wächst. Einerseits ökonomisch – denn bisher haben wenige Konzerne den Markt unter sich aufgeteilt. Andererseits geschmacklich – denn wer nicht für die Masse produziert, kann stärker experimentieren. Ist doch großartig.

Als wir das Thema in der Redaktion besprachen, ging es interessanterweise nicht so sehr um Aromen. Sondern um Hipster, die an Zapfhähnen stehen. Ich verstehe, dass einen das Buhei um diese Craft-Beer-Enthusiasten nerven kann. Aber daran haben nicht die Hipster Schuld und schon gar nicht die Biere, die sie brauen. Sondern die Medien.

Das Bier kann doch nichts für die Hipster

Denn auf jeden jungen Bärtigen in engen Hosen, der sich eine Passion zugelegt hat, die abseitig genug ist, um sich damit abzuheben und die gleichzeitig das Potenzial hat, als avantgardistisch durchzugehen, kommen zwei Journalisten, die das neue Hobby zum Trend ausrufen. Hipster, habe ich gelesen, töpfern jetzt auch, sie haben Keramikgeschirr wiederentdeckt, und sie fahren neuerdings aufs Land, um ihre Äpfel selbst zu pflücken. Von mir aus. Ich werde nie töpfern, und ich mag Craft Beer nicht deshalb, weil Hipster es vormachen. Sondern weil es den Biergenuss ungemein steigert, lässt man die Marken einmal hinter sich, für die im Sportfernsehen geworben wird.

Man kann kulinarische Verfeinerung natürlich grundsätzlich ablehnen. Es gibt Leute, die sind zufrieden mit dem billigsten Discounter-Bier zu leckeren Dosenravioli, vermutlich halten die unsere Essen & Trinken-Seite für dekadentes Geschwätz. Immerhin hat diese Position eine innere Logik. Nicht logisch ist es, beim Wein über Terroir und Bouquet zu philosophieren oder aus dem Espresso eine halbe Wissenschaft zu machen, beim Bier aber davon auszugehen, dass das erstbeste Massenerzeugnis es schon tun wird.

Die Belgier wissen längst, was Bier alles kann

Bier hat eben den Ruf, nichts Kultiviertes zu sein – und Leute, die Craft Beer ablehnen, finden, das sollte gefälligst so bleiben. Unter den Getränken ist es der Prolo oder das Dummchen, dem man nichts zutraut. In anderem Kontext wäre der Aufschrei groß: Diskriminierung!

Foto:Reuters/Brendan McDermid/Files

Qual der Wahl

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Qual der Wahl

In Wahrheit kann Bier eine ganze Menge, man weiß das seit Langem in Belgien und Franken und langsam auch in den USA, Italien, Japan. Es kann komplex sein, ein perfekt aufs Essen abgestimmter Begleiter und, ja, ein angenehmes Rauschmittel – ohne dass man es sich bloß schnell hinter die Binde kippt.

Natürlich ist Bier zunehmend auch Mittel zur Distinktion, was immer ein wenig albern ist. Allein, die Erfahrung lehrt mich: Selbst die größten Bier-Besserwisser sind angenehmere Menschen als der durchschnittliche Wein-Wichtigtuer. Björn Rosen

CONTRA CRAFT BEER:

Braune Lederschürze mit Fake-Patina, dickes Karohemd im Frühling, strähniger Männer-Bun, Rauschebart, die Stirn nachdenklich in Falten gelegt – so sieht er aus, der Craft-Beer-Typ in seiner Handwerker-Verkleidung. Kraftprotzig-urwüchsig und doch sensibel. Schließlich sollte er den duftigen Fliederton seines Gebräus auch herausschmecken können.

Die Pose des Beer-Hipsters ist ebenso leicht wiederzuerkennen wie sein natürliches Umfeld. Es sind die Markthallen dieser Stadt mit ihren Schiefertafeln, den Dauerfrühstückern und dem hölzernen Shabby-Schick-Inferno. Mit Tastings und Postings kämpfen diese Männer zwischen peruanischen Fischgerichten und handgeschmiedeten Gürtelschnallen gegen Beck’s, Heineken und Miller lite.

Das bedeutet: Wer Pale Ale trinkt und dafür sechs Euro zahlt, ist automatisch auf der richtigen Seite. Der Seite der Mikrobrauereien und der Nonkonformisten. Schlückchen für Schlückchen darf sich der Connaisseur an seiner moralisch-künstlerischen Überlegenheit berauschen.

Biertrinkerinnen und Biertrinker, wollt ihr diesen elitären Zirkus wirklich mitmachen? Die Craft-Beer-Bewegung ist ähnlich proletarisch wie die Vorstandsetage von Verdi. Da helfen auch die stylischen Flüche und die Zungenbrecher auf den Etiketten nicht. „Ein großes Fuck Art the Heathens are coming bitte, und für meine Freundin ein Kinn Skoddehav white IPA.“

Wenn das Loriot noch erlebt hätte.

Aufrecht bleiben!

Ich möchte trinken, nicht dauernd degustieren müssen. Deswegen schlürfe ich übrigens auch sehr gerne heißen Nescafé, um wach zu werden. Zum Mahlen, Aufschäumen und Tampern bin ich morgens viel zu müde.

In Zeiten, in denen Kuchen nicht mehr aus der Konditorei kommt, sondern aus der Krümelmanufaktur, hat man einfach die verdammte Pflicht, aufrecht zu bleiben. Und überhaupt, wer kontrolliert eigentlich dieses Zeugs? Bei Anheuser Busch kann sich jeder sicher sein, dass die Hefekulturen auch regelmäßig geprüft werden. Doch benutzt der Craft-Beer-Typ in seinem Hinterhof wirklich ein Haarnetz für seinen Bart? Wer sagt mir, wo der Löffel, mit dem er das rechtsdrehende Quellwasser in Schwung gebracht hat, vorher gesteckt hat? Man hat schon Brauereipferde kotzen sehen.

Wenn jetzt die Bier-Sommelière aufschreit und von gleichgeschalteten Geschmäckern spricht, ist das ihr Bier. Ich begrüße die mir – fast hätte ich geschrieben, seit meiner Kindheit – vertraute Malznote von Diebels Alt. Krombacher Alkoholfrei schmeckt besser als jedes plörrige Stout, und vor allem bekommt man davon nicht solche Kopfschmerzen.

Symptom einer verblockhütteten Generation

Trinkt einer etwa freiwillig Fritz Cola, wenn er so richtig unterzuckert ist? Dann muss es unbedingt Coca Cola sein.

Bizarr, dass jetzt auch die großen Brauereien einen auf Craft Beer machen – Veltins zum Beispiel mit Grevensteiner. Dieser Originalitätszwang ist doch nur das Symptom einer total verblockhütteten Generation, die sich längst mental in die tiefen Wälder Kanadas zurückgezogen hätte.

Gerade feierte die deutsche Brauereiwirtschaft 500 Jahre Reinheitsgebot, das entstanden ist, um Durstige vor Panschern und Giftigem zu schützen. Nie war es so wertvoll wie heute.

Die Masse irrt bestimmt häufig, aber nicht immer. Manchmal hat die Masse auch recht. Esther Kogelboom

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