Abo Abonnement
Foto: picture alliance / dpa
Foto: picture alliance / dpa

Im Dienst Ihrer Majestät. Daniel Craig als 007, hier in „Casino Royale“.

Im Dienst Ihrer Majestät James Bond - Lizenz zum Abriss

In den dreitausend Jahren seit seiner Gründung hat Istanbul schon so manchen Eroberer und so manche Zerstörung gesehen – die Stadt hat sie alle überlebt. Doch jetzt befürchten manche in der Stadt das Schlimmste. James Bond macht am Bosporus Station, und da geht innerhalb kürzester Zeit so einiges zu Bruch.

Die Dreharbeiten für den neuen Bond-Film „Skyfall“ (Himmelssturz) mit Daniel Craig verursachen Wirbel – nicht nur, weil einige Straßen in der Altstadt über Tage gesperrt wurden, was die ohnehin schon beträchtlichen Verkehrsprobleme in der 15-Millionen-Stadt noch verschlimmerte. Action-Aufnahmen auf dem Dach und im Innern des mehr als 500 Jahre alten Großen Basars sollen schlimme Schäden verursacht haben. Zeitungen berichten zudem, ein Dutzend alte Bäume seien gefällt worden, weil sie den Kameras im Weg gestanden hätten.

Filmpremiere im Jahr 2008 in Berlin: Ein Quantum Trost

Der Große Basar in der Nähe von Topkapi-Palast, Hagia Sophia und Blauer Moschee ist eine der Hauptattraktionen für die jährlich acht Millionen Touristen, die Istanbul besuchen. Auch für die Macher von „Skyfall“ war der überdachte Basar mit seinen mehreren zehntausend Quadratmetern ein Magnet. In einer Szene des neuen Films liefert sich Bond eine Motorrad-Verfolgungsjagd mit Bösewichtern auf dem Dach des Gebäudes aus dem 15. Jahrhundert. Dabei seien jede Menge alter Dachziegel zerschlagen worden, meldeten die Zeitungen aufgeregt – „Lizenz zum Abriss“, titelte ein Blatt.

Im Innern des Basars blieb auch nicht alles heil. In einer Szene mit rasenden Motorrädern verlor ein Stuntman die Kontrolle über sein Gefährt und fuhr, um der am Set stehenden Filmcrew auszuweichen, geradewegs ins Schaufenster eines uralten Basar-Geschäftes. Das Fenster des mehr als 300 Jahre alten Juwelier-Ladens zersprang in tausend Teile, wertvolle Schmuckstücke wurden durcheinander gewirbelt. Dennoch habe sich niemand von der Filmfirma nach seinem Verlust erkundigt, beklagte sich Ladeninhaber Mete Boybeyi, dessen Vorfahren einst Lieferanten für den osmanischen Sultanshof waren. Boybeyi erstattete Strafanzeige bei der Polizei. Denn alles im Großen Basar steht unter Denkmalschutz, so dass man beinahe nichts verändern oder gar abreißen darf, wenn man nicht gerade James Bond heißt. Ladenbesitzer Boybeyi etwa rechnet damit, dass es Monate dauern wird, bevor die Behörden eine neue Schaufensterscheibe bewilligen.

Schnell wurden die dritten Bond-Dreharbeiten in Istanbul – schon „Liebesgrüße aus Moskau“ im Jahr 1963 und „Die Welt ist nicht genug“ von 1999 wurden zum Teil am Bosporus gefilmt – deshalb zum Politikum. Nirgendwo sonst auf der Welt dürfe eine Filmfirma an solch historisch wertvollen Orten einen Actionfilm drehen und alles kurz und klein schlagen, schimpfte der Oppositionspolitiker Yusuf Halacoglu. Der Kunsthistoriker Gönül Cantay kritisierte, Filmaufnahmen im Herzen von Istanbul müssten von den Behörden strikt kontrolliert werden.

Die Regierung wies die Kritik zurück. Der neue Bond-Film werde in der ganzen Welt für Istanbul werben, sagte Kultur- und Tourismusminister Ertugrul Günay. Und was die Schäden im Großen Basar angehe, so sollten sich manche Ladenbesitzer dort mal lieber ansehen, in welch erbärmlichem und verwahrlostem Zustand ihre Geschäfte auch ohne Motorrad-Unfall durch Stuntmänner seien. Im übrigen sei die ganze Aufregung übertrieben.

Auch die Händlervereinigung im Basar versuchte, die Kritiker zu besänftigen. Die Dachziegel, die bei der Motorrad-Jagd auf dem Dach zerbrachen, seien nicht die echten Ziegel des Basars gewesen, sondern Attrappen aus Kunststoff, die von den Filmleuten auf dem Dach ausgebreitet worden seien.

Unterdessen rächte sich Istanbul auf seine Weise an den Bond-Leuten. Als die Filmcrew für eine weitere Szene in einem anderen Teil der Altstadt einen farbenfrohen Wochenmarkt aufbauen ließ, fegte ein plötzlicher Frühjahrssturm die Kulissen hinweg. Innerhalb nur einer Minute seien alle Aufbauten zerstört worden, berichtete die Presse. Die Dreharbeiten mussten unterbrochen werden. Auch diesmal wird Istanbul die Oberhand behalten.

Der unaufhaltsame Untergang des Empire dauert nun schon ziemlich lange. Keine roten Telefonhäuschen mehr, keine Beatles, keine Bobbys mit lustigen Helmen, die Kolonien sind auch weg und als dann noch der Barman fragte: „gerührt oder geschüttelt“, sagte der Agent Ihrer Majestät: „Sehe ich aus, als würde mich das kümmern?“ Das stieß schon bitter auf. Und jetzt? Im neuen Film trinkt 007 Bier. Ganz ungerührt. Heineken! Daniel Craig hat die Fans um Entschuldigung gebeten. Na super. Darauf einen Dujardin. (os)

Zur Startseite
Outbrain