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Foto: imago/Westend61
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Zusammen unterwegs. Auf langen Autofahrten hat man wenig Privatsphäre - und viel Zeit für Streits.

Angie Pohlers sucht die Liebe Wie soll man sich nach jemandem sehnen, der nie abwesend ist?

Am Tag, als Thea und Simon aus Berlin losfahren, scheint die warme Augustsonne vom Himmel. Die Wohnung ist untervermietet, die Sabbaticals sind ausgehandelt, alle Freunde verabschiedet. „Es war ein verrücktes Gefühl, ein Jahr Urlaub vor sich zu haben“, erzählt Simon. Sofort stehen sie im Stau. Stadtautobahn, der Klassiker. Egal, die beiden freuen sich auf Schweden, erste Station ihrer Reise mit Eddie, einem blauen VW-Bus, Baujahr 2004. Sie nehmen die Nachtfähre nach Trelleborg. Und während oben die Sterne leuchten, gibt es unten Streit, den ersten von vielen: Simon will sich einen guten Schlafplatz sichern, Thea noch die Brise an Deck genießen. Kurz darauf ist Simons anvisierte Ecke belegt. Er geht wütend schlafen, sie bleibt wach.

Fast ein Jahr waren die beiden Endzwanziger unterwegs, kreuz und quer durch Europa, zwischendurch in Südostasien. So lange hatten sie alles geplant, waren gespannt und freuten sich. Auf die Dinge, die sie sehen würden. Die Zeit, die sie hätten.

Von Luft und Liebe leben

In den vergangenen Jahren ist das ja ein Ding geworden: Bulli ausbauen, Job kündigen oder pausieren, durch die Weltgeschichte juckeln, von Luft und Liebe leben. Was früher Hippiezeug war, heißt heute „Vanlife“. Innerhalb der Szene gibt es Paare, die mit werbefinanzierten Blogs und Instagram-Posts genug verdienen, um sich ihre Reise zu ermöglichen. So viel zum Thema Luft und Liebe. Online findet man Sonnenuntergangsfotos von Paaren, die sich, lässig an den Bulli gelehnt, dicke Bussis geben. Wirklich.

Mich können die nicht täuschen. Als ob zwei Menschen, die auf wenigen Quadratmetern zusammengepfercht sind, glücklich sein könnten! Selbst im Strafvollzug gibt es zumindest theoretisch den Anspruch auf Einzelunterbringung. Es geht nicht nur um Privatsphäre, es geht auch um ein eigenes Leben. Jobs sind so gesehen die Knautschzone jeder Beziehung: Nach acht Stunden Lohnarbeit freut man sich nochmal ganz anders auf den Partner. Doch wie soll man sich nach jemandem sehnen, der nie abwesend ist? Worüber spricht man, wenn man alles zu zweit erlebt?

Sie meckerte, er maulte zurück

In Theas und Simons Freundeskreis gab es durchaus Zweifel, ob sie zusammen zurückkommen würden. Berechtigterweise. „Die Streits auf der Reise“, erinnert sich Thea, „waren wirklich die schlimmsten, die wir je hatten.“ Oft war es so, dass Thea meckerte und Simon zurückmaulte, sie solle sich jetzt verdammt nochmal zusammenreißen. Das half – Überraschung! – nicht besonders. „Die typischen Triggersätze“, sagt Simon heute und schüttelt den Kopf. Und Thea: „In Spanien hätten wir die Sache fast abgebrochen.“ Beide wussten, so kann es nicht weitergehen. Also redeten sie, über Stunden hinweg – auf langen Autofahrten hat man dafür ja Zeit. „Ich habe nachgelesen, wie ich am besten reagiere, wenn es ihr nicht gut geht. Wir haben aufgeschrieben, was wir aneinander mögen, was wir verbessern können.“ Aha, ein bisschen Hippiezeug gehört also schon dazu. Was nun, fast zwei Jahre später, davon bleibt, sind vor allem die guten Erinnerungen. An die Dinge, die sie gesehen haben. Die Zeit, die sie hatten.

Dann sagt Simon den schönen Satz: „Ich kann mit Thea Abenteuer erleben. Ist doch krass, dass ich so eine Freundin habe.“ Und Abenteuer gab es: Eines Nachts verliefen sie sich im kroatischen Wald. In Sevilla wurden sie von einer Mädchengang ausgeraubt. Sie kletterten schwierige Routen, lasen sich gegenseitig vor und bekamen Besuch von Freunden. In ein paar Jahren soll es wieder losgehen. Mit allem, was dazu gehört.

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