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Foto: imago/Imagebroker
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Nicht alle Männer sind für werdende Mütter im Kreißsaal eine gute Hilfe.

Berliner Gynäkologin im Interview "Schwangersein würde ich gern outsourcen"

Frau Mangler, von Januar bis Oktober 2017 mussten 405 Berlinerinnen die Klinik wechseln oder in Brandenburg entbinden, weil die Kreißsäle überfüllt waren. Es hat sich nicht viel geändert, seit Maria in einen Stall ausweichen musste, oder?

Eigentlich gibt es in Berlin genug Platz für die Frauen. Wenn wir nur besser planen könnten: Maria kommt morgens um acht, Sarah um zehn, Rebecca um zwölf – das geht natürlich nicht. Also haben wir uns beim „Runden Tisch“ zum Thema Geburtshilfe im September unter anderem überlegt, dass wir ein Online-Programm brauchen, mit dessen Hilfe wir freie Slots in anderen Kliniken nutzen können. Noch müssen die diensthabenden Kollegen herumtelefonieren: „Ist bei euch was frei?“

Wie beurteilen Sie, ob es eine Frau unter der Geburt rechtzeitig von Ihrer Auguste-Viktoria-Klinik in Schöneberg zum Sana Lichtenberg schafft?

Bei einer Viertgebärenden mit geöffnetem Muttermund wäre ich vorsichtig, doch eine Erstgebärende mit unregelmäßigen Wehen hat genügend Zeit, verlegt zu werden. Die Frau wird ja im Rettungswagen transportiert. Es sei denn, sie will lieber von ihrem Mann gefahren werden … keine gute Idee. Erst vor Kurzem mussten wir auf dem Parkplatz Geburtshilfe leisten.

Ihre Klinik zählt knapp 1700 Geburten im Jahr.

Wir versuchen, dieses Geschäft berechenbarer zu machen, also größtmögliche Sicherheit zu ermöglichen und eine Supergeburt zu garantieren, damit die Frauen zufrieden sind.

Was ist eine Supergeburt?

Für das Team im Kreißsaal, wenn Mutter und Kind gesund sind, es keine oder gut behandelbare Verletzungen gibt und der physiologischen Geburt ihr Lauf gelassen wird. Kann sein, dass die Frau das anders sieht: „Moment, ich lag 20 Stunden in den Wehen!“ In meinem Freundeskreis höre ich oft furchtbare Geburtsgeschichten: „Wie Eisenstangen in meinem Becken.“ Angenommen, Sie und ich hätten einen Tumor, dann würden Sie mich doch eher bestärken, mir Mut zureden. Nur eine Geburt schildert man gerne als blutiges Spektakel.

Foto: Mike Wolff

Mandy Mangler ist Chefärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin.

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Mandy Mangler ist Chefärztin der Klinik für Gynäkologie und Geburtsmedizin am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin.

Der „Runde Tisch“ zum Thema Geburtshilfe hat auch festgestellt, dass acht Prozent aller verfügbaren Stellen für angestellte Hebammen unbesetzt bleiben.

Ich hatte gedacht, dass noch viel mehr Hebammen fehlen. Aber dadurch, dass dieses Problem von so vielen Seiten angegangen wurde, die Ausbildung verbessert und ausländische Hebammen rekrutiert wurden, sind wir fast auf dem Weg zum Hebammen-Überschuss.

Die Versicherungsprämien für freie Hebammen sind extrem gestiegen. Die Betroffenen können sich die Begleitung einer Schwangeren, die nicht in der Klinik entbinden will, kaum mehr leisten. Rechtfertigen die Risiken einer Hausgeburt die Steigerung der Beiträge?

Gestern Nacht wurde hier eine Heimgebärende eingeliefert, deren Plazenta auch nach längerer Wartezeit nicht rauskommen wollte. Wir leben in einem Hochleistungsland mit Hochleistungsmedizin. Was spricht gegen eine Klinikgeburt, die ich mir so gestalten kann, wie ich will?

Verfechterinnen der außerklinischen Geburt wenden ein: Im Krankenhaus bin ich vom automatischen Legen eines venösen Zugangs bis zum Moment, in dem das Neugeborene erst mal vom Arzt untersucht wird, komplett fremdbestimmt.

Stimmt schon, ein Venenkatheter ist von der Evolution nicht vorgesehen – eine Säuglings- und Müttersterblichkeit hingegen leider schon. Schauen Sie sich dazu gerne in Entwicklungsländern um.

Viele Hebammen klagen über „arbeitsfremde Tätigkeiten“. Ihnen wird abverlangt, den Kreißsaal zu putzen. Warum wird ihre Arbeit so gering geschätzt?

Hebammen, Krankenschwestern und Erzieherinnen tragen große gesellschaftliche Verantwortung, sind aber oft weiblich. Deswegen rufen die wenigsten: „Gebt mir mehr Geld und Anerkennung!“

Was ist für Sie eine extreme Nacht?

Zehn Geburten, dann ist Ausnahmezustand. Da rennen alle Beteiligten. Nervenstärke sollte man in diesem Beruf schon mitbringen. Ansonsten müssen Sie Pathologe werden, da können Sie die Dinge gemütlich unterm Mikroskop betrachten. Ich bin ein Fan des Simulationstrainings. Vorgestern haben wir eine Schulterdystokie am Modell simuliert – ein relativer Notfall, bei dem eine Schulter des Babys an einem Knochen der Frau hängen bleibt. Dabei kann das Baby sterben.

Erfahrene Hebammen mahnen, die Kaiserschnittrate sei mit etwa 30 Prozent auch deswegen so hoch, weil junge Kolleginnen nicht mehr wüssten, wie man zum Beispiel Beckenendlagen entbindet.

Wahrscheinlich wird nur bei einer von zehn dieser Fälle eine spontane Geburt versucht. Die schwangere Frau sollte Chefin der Situation sein. Wir klären sie auf, bis sie eine mündige Entscheidung fällen kann. Wenn ich als Geburtshelfer wissen will, wie man einem Kind mit dem Po zuerst auf die Welt hilft, finde ich dazu viel mehr Informationen als vor 20 Jahren – es gibt Puppen und YouTube-Videos.

Ist das Ihr Ernst?

Ja, wieso denn nicht? Ein Pilot trainiert eine Notlandung auch nicht im abstürzenden Flugzeug, sondern am Simulator.

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Immer mehr Frauen wollen hormonfrei verhüten und setzen die Pille ab.

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Immer mehr Frauen wollen hormonfrei verhüten und setzen die Pille ab.

Wie entbindet man also eine Steißlage?

Man darf nicht der Versuchung nachgeben, den Prozess zu beschleunigen, wendet verschiedene Manöver an, die alle nach klugen Menschen benannt wurden – schließlich den Veit-Smellie-Handgriff, bei dem man einen Finger in den Mund des Babys steckt und mit der anderen Hand den Nacken stabilisiert, um das Rückenmark zu schützen.

Geburten unterliegen Trends. Wunschkaiserschnitte mit Bauchdeckenstraffung, nachträgliches Einreiben des Neugeborenen mit Vaginalkeimen …

Bislang hat keine Studie bestätigt, dass das Einreiben mit Geburtskeimen dem Baby zuträglich ist. Eine Sache, die ich mit gutem Ergebnis an einer rationalen Freundin getestet habe, ist die Kaisergeburt. Dabei sieht die Frau beim Kaiserschnitt, wie ihr Kind rausgehoben wird, manchmal kann sie das sogar selbst übernehmen.

Sie bringen die Babys Ihrer Bekannten auf die Welt?

Klar! Wer sollte sich mehr Mühe geben als der, der eine emotionale Bindung zu den Menschen hat? Manchmal musste ich rausgehen, weil ich die Schmerzen meiner Freundinnen nicht mehr ertragen habe. Das kann hart sein: ihren Plan zu respektieren und keine Periduralanästhesie zu legen.

Also keine lokale Betäubung ... Was beobachten Sie noch?

Ich vermute, dass es bald Tools geben wird, mit deren Hilfe man den Geburtsfortschritt am Handy mitverfolgen kann. Man gibt ein: Muttermund bei drei Zentimetern, das Baby ist fast unten, und …

… das funktioniert, wenn die Mutter imstande ist, diese Daten einzutippen. Wie kommuniziert das Ungeborene in der Austreibungsphase mit der App?

Manche Mütter pressen – chatten – pressen – chatten. Verwandte sind per FaceTime zugeschaltet. Es gibt nichts mehr, was es nicht gibt.

Mussten Sie schon mal einen Mann im Kreißsaal reanimieren?

Das nicht, aber einer fiel so ungeschickt um, dass er mit dem Hinterkopf auf eine Stuhlkante schlug. Wir mussten ihn mit Verdacht auf Hirnblutung ins CT bringen. Na danke, sehr hilfreich.

Frau Mangler, Sie erwarten Ihr fünftes Kind. Werden Sie in Ihrem eigenen Kreißsaal entbinden?

Sicher, denn dies ist natürlich die beste Klinik der Stadt! Ich habe eine ganz andere Handhabe, weiß, wo die Schmerzmittel lagern. Ich bin mit einer befreundeten Kollegin verabredet, bei der ich den Gedanken ertragen kann, dass sie später weiß, wie ich in dieser Situation war.

Und Sie planen, nach zwei Monaten wieder an Ihren Arbeitsplatz zurückzukehren?

Ja, ein wenig reduziert. Also, in den ersten paar Wochen schläft so ein Säugling doch nur oder wird gestillt, da könnte ich auch arbeiten, doch in diesem Zeitraum greift der Mutterschutz. Ab Monat drei wäre eine bessere Zeit für die Schonzeit, wenn das Baby langsam aufwacht.

Eine Frage, die wir männlichen Kollegen nie stellen würden: Wer betreut Ihr Kind, wenn Sie im OP sind?

Eine ehemalige Krankenschwester, die selbst Mutter von fünf Kindern ist und sich jetzt langweilt, wird mir helfen. Alle Beteiligten werden ein bisschen zusammenrutschen müssen.

Stammen Sie, wie so viele in Ihrem Beruf, selbst aus einer Ärztedynastie?

Nein. Meine alleinerziehende Mutter war drei Jahre mit mir zu Hause, damals in Leipzig. Als ich zehn war, wurde ihr Ausreiseantrag bewilligt, und wir und unser Koffer kamen ins Auffanglager Marienfelde. Ich frage mich manchmal, wie sie das gemacht hat.

Hart im Nehmen sind Sie auch: Jeden Morgen um 5.30 Uhr radeln oder joggen Sie in die Klinik, schuften ohne Pause bis 16 Uhr …

… ich nenne das „dichtes Arbeiten“. Wenn mir ein Kollege vom Urlaub erzählt, muss er akzeptieren, dass ich nebenher zwei bis drei andere Sachen erledige oder ihn über den Flur mitschleife.

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Nicht alle Männer sind für werdende Mütter im Kreißsaal eine gute Hilfe.

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Nicht alle Männer sind für werdende Mütter im Kreißsaal eine gute Hilfe.

Eine weitere Frage, die wir männlichen Kollegen nie stellen würden: Wer bringt Ihre vier Kinder zur Kita und in die Schule?

Mein Partner und ein Au-pair-Mädchen sind für das Morgenchaos verantwortlich, ich wäre sonst schon am Ende, bevor ich in der Klinik anfange. Ich übernehme die Kinder nachmittags. Wissen Sie, ich habe viele Männer in leitenden Funktionen aus dem Dienst scheiden sehen – bei diesen Feiern bedanken die sich bei ihren Frauen, dass sie ihnen den Rücken freigehalten haben. Viele werden sentimental, manche weinen, weil sie bedauern, ihre Kinder nicht aufwachsen gesehen zu haben.

Warum sind Sie Gynäkologin geworden, wegen der fehlenden Geschwister?

Ich mag Frauen, sie sind die angenehmeren Menschen.

Was möchten Sie Ihren bald zwei Töchtern mit auf den Weg geben?

Neulich hatte ich eine Geflüchtete als Patientin, die war hochschwanger, sie kam zu Fuß aus Afghanistan. Meine Kinder – diese gelegentlich maulende Brut! – sollen dankbar sein für alles, was sie hier haben. Was mich gesellschaftspolitisch bewegt, ist die Hoffnung, dass wir Frauen besser zusammenhalten und uns gegenseitig unterstützen. Frauenförderung in der Medizin lohnt sich auch für Patienten. Eine neue kanadische Analyse zeigt, dass die Sterblichkeit von Patienten geringer ist, wenn sie von weiblichen Operateuren behandelt werden.

Wir wollten eigentlich wissen, wie Sie Ihre Töchter auf die erste Menstruation vorbereiten werden – der „Guardian“ sieht eine Menstruationsrevolution, bei Instagram posieren Frauen mit Blutflecken …

Ich könnte mir vorstellen, dass es da auch um Provokation geht. Man möchte der glatten Instagram-Oberfläche seine Flecken und seine Achselhaare entgegensetzen. Im Alltag hat das Thema jetzt nicht so eine große Relevanz, finde ich.

Mittels Pille könnte man die monatliche Blutung einfach abschaffen. Ist die Menstruation überhaupt noch sinnvoll oder ein überflüssiger Dinosaurier?

Die heutige Frau blutet viel häufiger als ihre Vorfahrinnen. Noch vor 300 Jahren war die Frau im Prinzip dauerschwanger, weil sie nicht verhüten konnte, oder sie hat gestillt. So steht man noch nicht lange vor dieser Frage.

Wünschen Sie sich manchmal, dass Ihre Kollegen auch hormonellen Schwankungen unterlegen sind?

Vor allem muss aufhören, dass Frauen zu Opfern ihrer Stimmungsschwankungen gemacht werden. Schon Gloria Steinem schrieb 1978 in ihrem großartigen Essay „If Men Could Menstruate“: „Was immer eine überlegene Gruppe ausmacht, wird sie nutzen, um ihre Überlegenheit zu rechtfertigen. Und was immer eine unterlegene Gruppe ausmacht, wird für ihre Misere verantwortlich gemacht.“ Was ich mir vor allem wünsche, ist, dass Männer schwanger sein könnten! Ein Kind du, ein Kind ich. Schwanger sein ist eine extreme körperliche Beeinträchtigung. Das würde ich gerne outsourcen. Also, wenn man etwas Gutes über Männer sagen wollte, dann wohl, dass sie steter und beständiger sind. Man könnte auch sagen, relativ berechenbar. Wir dagegen …

… launische Hysterikerinnen?

Also: Aus dem Gehirn kommen Hormone, die wirken auf die Eierstöcke und die Gebärmutter. Das Produkt ist eine relativ große Zelle, die mit viel interessanter DNA gefüllt ist. Ich glaube, der Preis für so ein wertvolles Produkt sind diese hormonellen Schwankungen. Die auszuhalten – bei sich selbst und bei anderen –, ist gelegentlich nicht einfach.

Stellen Sie sich vor, Sie seien Chefberaterin der Evolution. Welches alternative Konzept empfehlen Sie?

Den geschlechtsverkehradaptierten Eisprung. Die Frau ist nur fruchtbar, wenn ein ernst zu nehmender Sexpartner da ist. Großartig!

Eine Schwangerschaft kann doch auch schön sein.

Geht so. Es beginnt mit Müdigkeit, Übelkeit, auf Lakritz verzichten, weil es beim Baby Bluthochdruck auslösen kann. Und man wird bevormundet. Sagt der Bäcker zu mir: „Da ist Alkohol drin, das dürfen Sie nicht essen.“ Dann wird man komplett deformiert. Warum läuft das nicht wie beim Känguru, wo das Embryo einfach in den Beutel kraucht und …

… nach der Geburt können Sie outsourcen: Lassen Sie Ihren Partner dem Baby die Flasche geben.

Schaffe ich emotional nicht. Das Manko der Frau.

Das Buch „Freiheit von der Pille“ thematisiert eine aktuelle Strömung: Immer mehr Frauen setzen die Pille ab – wegen der Nebenwirkungen.

Es spricht nichts gegen die Pilleneinnahme an sich, doch man sollte sich schon darüber klar sein, dass ein Hormon darin steckt. Verhütung ist aber zunächst eine gute Sache, weil sie die Frau schützt. Unzählige Abtreibungen weltweit finden unter hygienisch fragwürdigen Zuständen statt.

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In Deutschland werde fast jede zehnte Schwangerschaft abgetrieben, sagt Mandy Mangler.

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In Deutschland werde fast jede zehnte Schwangerschaft abgetrieben, sagt Mandy Mangler.

Warum sind alle Versuche, eine alltagstaugliche Pille für den Mann zu entwickeln, bisher gescheitert?

Sperma wird mechanisch aus dem Hoden geschleudert, Millionen Zellen begeben sich auf die Autobahn. Diesen riesigen Samenladen aufzuhalten, ist schwer.

Sehr bequem, dass Männer sich darauf verlassen können: Die Frau wird sich schon kümmern?

Ja. Wenn jetzt weniger Frauen mit der Pille verhüten, sind Männer gezwungen, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Die „Pille danach“ gibt es rezeptfrei in der Apotheke. Die Mehrheit der Gynäkologen ist gegen die Abgabe des Präparates ohne Beratung. Sie auch?

Wir Ärzte wollen nicht, dass die „Pille danach“ als reguläre Verhütungsmethode eingesetzt wird. Ich kenne jedoch keine Frau, die da gefährdet wäre.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt Mädchen, prophylaktisch einige Päckchen auf Klassenfahrt mitzunehmen.

Die Alternative wären Teenager-Schwangerschaften, gesundheitlich wie auch sozial ein großes Risiko. Besser wäre, der Teenager würde gleich verhüten. Die Unerwünschte-Schwangerschafts-Rate ist übrigens am höchsten bei den Jungen und bei den Älteren. Neulich kam eine 50-jährige Lehrerin schwanger zu mir, die stand unter Schock.

Finden Sie die aktuelle Regelung zum Schwangerschaftsabbruch – Straffreiheit nach einem Beratungsgespräch, bis zur zwölften Woche – zeitgemäß?

Damit ist man als Frauenärztin extrem häufig konfrontiert. In Deutschland wird fast jede zehnte Schwangerschaft abgetrieben. Ich glaube, eine Frau, die abtreibt, hat sich das reiflich überlegt. Sie steckt in einer Sackgasse, ist verzweifelt. Alles, was die Betreffende nicht stigmatisiert, ist sinnvoll.

Ihre Kollegin Kristina Hänel wurde jetzt zu 6000 Euro Strafe verurteilt, weil sie auf ihrer Homepage angegeben hat, dass sie Abbrüche durchführt.

Mir fällt es schwer, mit solch einer Doppelmoral umzugehen. Wir machen die Dinge, nennen sie aber nicht beim Namen.

Der umgekehrte Fall: Eine Frau freut sich über ihre Schwangerschaft, doch Sie stellen bei einer Untersuchung keinen Herzschlag fest. Haben Sie eine Taktik für solche Patientengespräche?

Ich handhabe das so, wie ich es mir auch als Patientin oder für ein Familienmitglied wünschen würde: Ich gebe medizinischen Rat – aber mit Empathie. Ich sage so etwas wie: „Das tut mir jetzt sehr leid für Sie, ich bin auch traurig.“

Sie sind Expertin für Gebärmutterhalskrebs, dank Ihrer minimalinvasiven Operationsmethode müssen Frauen danach nicht auf ihren Kinderwunsch verzichten. Was können Sie, was andere nicht können?

Ich finde die Methode gar nicht so toll, wissen Sie, warum? Nur drei Ärzte in Deutschland beherrschen sie, sie gilt als technisch sehr anspruchsvoll. Und was nützt die beste Methode, wenn so wenige Frauen darauf Zugriff haben? Wir suchen gerade nach einer Möglichkeit, die Operation zu vereinfachen. Es geht darum, den kranken Gebärmutterhals zu entfernen, denn um schwanger zu werden, reicht der Gebärmutterkörper. Allerdings nicht, um schwanger zu bleiben: Da braucht es einen sicheren Verschluss des Muttermundes.

An Ihrer Klinik arbeiten 14 männliche Chefärzte und zwei Chefärztinnen. Ein Problem für Sie?

Häufig spricht der Mann die Sprache der Dominanz am besten. Da steuert man entweder mit größerer Dominanz dagegen – oder probiert es inhaltlich. Nur freundlich drauf hinweisen, das funktioniert nicht.

Frau Mangler, die beiden intimsten Fragen stellen wir zum Schluss. Haben Gynäkologinnen den besseren Sex?

Pfff! Was mich anfangs eher davon abgehalten hätte, Gynäkologin zu werden, war meine Furcht davor, eine Aversion gegen Geschlechtsorgane zu entwickeln und keine Lust mehr zu haben. Aber das war nicht der Fall. Wenn du dich den ganzen Tag mit Geschlechtsorganen beschäftigst, hast du höchstens ein besseres Bewusstsein für die Relevanz von Sex. Sex ist wichtig, er kann sehr glücklich machen, aber auch sehr unglücklich.

Und: Führen Sie nach all den Jahren heimlich eine Hitliste der absurdesten Babynamen?

Wieso heimlich? Als selbst Betroffene darf ich da offen sein. Platz 3: Jay-Jay Jamie, Platz 2: Justin Dustin Jason, und mein Favorit: Schetäm-Gina. Da musste die Geburtshelferin einschreiten, damit das wenigstens Je t’aime-Gina geschrieben wurde.

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