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Bukowksi und Linda Lee Beighle 1986.

Charles Bukowski Gnadenlos direkt

Linda King ist muskulös. Die Bildhauerin weiß genau, wie kräftig sie ist. Doch Charles Bukowskis Betonkopf, den kriegt auch sie nicht klein.
Unzählige Male hat er sie betrogen, zuletzt mit einer Rothaarigen, 38 D, eine deutsche 85 D, Spitzname: „Cupcakes“. King rächt sich, indem sie mit Fremden schläft. Von wem sie schwanger wird, weiß sie nicht. Bei der folgenden Fehlgeburt, sie packt gerade Kartons für ihren Umzug, stirbt sie beinahe.
Bukowski, der als Erzeuger infrage kommt, reagiert gleichgültig. Er habe Cupcakes gerade losgeschickt, Champagner kaufen, erklärt er Linda King am Telefon. Er beabsichtige, mit der neuen Frau die frische Matratze zu feiern, die eben geliefert wurde. Das Kind könne unmöglich von ihm gewesen sein.
In Rage fährt Linda King zum Carlton Way, Bukowski wohnt ganz in der Nähe des Sunset Boulevards. Als niemand auf ihr Klingeln und Klopfen reagiert, klettert sie durchs hochgeschobene Küchenfenster, greift sich Bukowskis schwere Schreibmaschine, rennt mit ihr auf die Straße, stemmt sie mit beiden Händen über ihren Kopf und schmettert sie brüllend auf ein parkendes Auto.
Guter Stoff für „Women“. Der Roman erscheint 1978, in Deutschland unter dem Titel „Das Liebesleben der Hyäne“. Geschrieben im Suff, auf einer nagelneuen Schreibmaschine, die sein Verleger ihm längst schuldig war.
Hunderte solcher Storys existieren über den selbst ernannten „Dirty Old Man“. Es sind Geschichten vom angeblich versehentlichen Beischlaf mit einem Mann, vom Masturbieren hinter vertikalen Lamellen, von Vergewaltigungen und Katerschweiß. Bukowski braucht das Drama genauso wie das Bier, den Whiskey und die Zigaretten. Der Mann, der Mitte 20 für seinen ersten Sex bezahlen muss und dessen Haut nicht nur in der Pubertät mit tischtennisballgroßen Pusteln übersät ist, zieht in seinen 30ern und 40ern die Frauen an wie ein Kühlschrank Magneten.
Vertieft man sich in Howard Sounes’ aufwendig recherchierte, sehr empfehlenswerte Biografie „Bukowski – Locked In The Arms Of A Crazy Life“, entsteht der Verdacht, der Schriftsteller habe sich zeitweilig kaum gegen das überbordende Interesse wehren können. Frauen, die nachts plötzlich auf der Veranda stehen, Frauen, die Fanbriefe schreiben und Besuche anbieten, Frauen bei Lesungen, die aufmerksame Schülerinnen sein wollen. Nachbarinnen, Bar-Bekanntschaften. Dicke, Dünne, Alte, Junge. Bukowskis erster Ehefrau, Barbara Frye, fehlen zwei Halswirbel, was der Redakteurin des „Harlequin“-Magazins etwas Schildkrötenhaftes verleiht. Er säuft sie sich alle schön, und umgekehrt.
Sesshaft wird Bukowski erst mit Linda Lee Beighle. Sie treffen sich 1976, führen lange eine On-off-Beziehung, heiraten 1985 und bleiben trotz diverser Kapriolen Bukowskis bis zum Tod des Schriftstellers vor 20 Jahren ein Paar. Im gemeinsamen Haus in San Pedro, dem verhältnismäßig beschaulichen Wohnviertel von Los Angeles, entdeckt Bukowski erstmals den Reiz der Gemüseküche und des Sonnenbadens im eigenen Garten.
Da ist das dauerverkaterte Testosteronopfer längst unsterblich – als Bukowskis literarisches Alter Ego Henry Chinaski.
Im literarischen Untergrund wird er gefeiert für sein Werk, dessen Vorlage das eigene Leben ist. Das lästige Malochen bei der Post, das Außenseitertum, Pferderennen ohne Ende, Prügeleien vor der Bar, ein wild gewordener, sexbesessener Teufel in der Stadt der Engel. Pose und Leben verschmelzen zur Off-Legende. Doch es muss erst die eigentlich verhasste Mainstream-Filmindustrie anklopfen, damit Charles – oder „Hank“, wie ihn seine Freunde nennen – Bukowski einer breiten amerikanischen Öffentlichkeit bekannt wird.
Ob er sich vorstellen könne, ein Drehbuch zu schreiben, fragt ein Filmproduzent Bukowski Anfang der 80er Jahre. Nein. – 10 000 Dollar Vorschuss? Er willigt sofort ein. Ein großer Batzen Geld. Endlich muss Bukowski keine öffentlichen Lesungen mehr halten, das wünscht er sich doch schon so lange! Der Mann, der an seiner Schreibmaschine am glücklichsten ist, ist all die Jahre nur wegen des Geldes auf die Bühne gegangen.

Das Publikum hat diese Auftritte trotzdem geliebt, vor allem in Deutschland tritt man ihm ehrfürchtig gegenüber. Er liest in der ausverkauften Hamburger Markthalle, neben sich der Kühlschrank mit ein paar Flaschen Müller-Thurgau, den er verlangt hat. Seine Vorliebe für Liebfrauenmilch teilt er mit Mick Jagger. Wein ist gesünder als Bier, findet „Buk“.
Einem deutschen Journalisten, dem vor lauter Bewunderung keine Frage einfällt, spuckt er auf die ausgestreckte Hand.
Schreiben ist für ihn wie atmen oder aufs Klo gehen oder Cunnilingus. Ganz natürlich, er muss es einfach tun. Deshalb ist er produktiver als andere. Besonders am späten Nachmittag und in den Abendstunden haut er Gedichte raus, Kurzgeschichten, Kolumnen, schräge Sodomie-Fantasien für das Männermagazin „Hustler“. Sie stapeln sich in Schubladen, auf Tischen – einfach überall. Manche sind sehr witzig, das unterscheidet ihn von Hemingway. Den Nachbarn, die sich über sein lautes, nächtliches Tippen beschweren, das ist noch aus seiner Zeit am Carlton Way, legt er fiese Briefchen vor die Wohnungstür.
Bukowski sagt von sich, er sei keinesfalls ein echter Alkoholiker, denn echte Alkoholiker stünden nicht am nächsten Tag auf, um zu arbeiten. Selbst in dem von ihm als „Ten years drunk“-Phase bezeichneten Lebensabschnitt geht er nicht auf Schreibentzug.
Als die Ärzte ihm 1955 nach einem lebensbedrohlichen Magendurchbruch raten, sofort mit dem Trinken aufhören, schafft er das nicht. Warum auch, er lebt ja weiter – seit 1969 endlich ausschließlich vom Schreiben. John Martin, Chef des damals kleinen Verlagshauses Black Sparrow Press, gewährt ihm eine monatliche Apanage. Ob Martin ahnt, dass er aufs richtige Pferd gesetzt hat? Bukowski tippt im Galopp. Vier Wochen später ist „Post Office“ fertig, zu Deutsch: „Der Mann mit der Ledertasche“.
Ich drehte mich um, und da stand ein Deutscher Schäferhund, voll ausgewachsen, und drückte mir die Schnauze in den Arsch. Mit einem kräftigen Biß konnte er mir die Eier abreißen. Ich beschloß, daß diese Leute an dem Tag keine Post bekommen würden, daß sie vielleicht überhaupt nie wieder Post bekommen würden. Mann, wie der mir die Schnauze hinten ’reinrammte! Und schnüffelte und schnupperte!
Zu verdanken hat Bukowski die schnelle Genesung seinem Vater, der Blut für ihn spendete. Ausgerechnet ihm, der den Sohn schwer misshandelte, wenn er beim samstäglichen Rasenmähen einen Halm übersah. Ausgerechnet ihm, der das Gesicht des betrunkenen Jugendlichen zur Strafe zurück in seine Kotze auf den Teppich drückte, während die Mutter schweigend danebenstand.
Am 23. April 1923 setzt die Familie von Bremerhaven nach Baltimore übergesetzt. Die ersten beiden Jahre seines Lebens verbringt Bukowski noch in Andernach, doch die Inflation macht dem US-stämmigen Vater schwer zu schaffen. Er will zurück in die Heimat. Glücklich ist er dort nicht, wird zum Tyrannen. Die Mutter schickt unaufhörlich Fotos nach Deutschland, der kleine Charles muss vor der amerikanischen Flagge posieren. Den Erfolg des einzigen Sohnes erleben beide nicht mehr.
Das Drehbuch zu „Barfly“ öffnet Bukowski die Tür zur Hollywood-Gesellschaft, er schließt Freundschaft mit Sean Penn, der gerade mit einer recht erfolgreichen Sängerin namens Madonna anbändelt. Der Biograf Howard Sounes: „Ihr Besuch überraschte die Nachbarn, die Bukowski einfach für den Alki von nebenan gehalten hatten. ,Hank, ist es wirklich wahr, dass Madonna hier war?’, fragte ein kleines Mädchen aus der Straße. (…) ,Sicher.’ – ,Aber warum sollte Madonna ausgerechnet dich besuchen, Hank?’“
Bukowski mag Madonna nicht. Als sie ihn, nach der Trennung von Sean Penn, als Maskottchen für ihr Buch „Sex“ gewinnen will, sagt er leichten Herzens ab.
Bukowski-Kenner attestieren dem Schriftsteller einen ungetrübten Blick für alles Falsche. „Brutal ehrlich“, lautet ihre Diagnose. Voller Bewunderung sind sie für eine triebgesteuerte und doch tiefsinnige Existenz aus einer Zeit, in der man sich mit einem Dirndl-Spruch beliebt machen konnte. Auch verlockend: den Sound des Meisters annehmen. So hieß es zum Beispiel in der „Zeit“: „Wer nach Lektüre dieses Buches den Menschen Bukowski nicht liebt, den Schriftsteller Bukowski nicht verehrt, wem nicht klar ist, dass hier eines der größten und originellsten Talente des 20. Jahrhunderts sein Leben kommentiert, möge fortan Thomas Mann lesen, bis ihm die Augen aus den Höhlen faulen.“
Shake it in my face, baby!
Doch verletzt so ein Held des 20. Jahrhunderts eigentlich nur andere, oder trifft es ihn auch mal selbst?
1962, nach dem Tod seiner Freundin Jane Cooney Baker, erlebt Bukowski eine derart schwere Krise, dass er Scheren, Messer und Rasierklingen vor sich selbst in Sicherheit bringen muss. Er war 27, als er die 38-Jährige mit den langen Beinen in der Kneipe „The Glenview“ kennenlernte. Baker, die den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen hatte, wurde Bukowskis Saufkumpan. Mehrere Male hintereinander landet er in der Ausnüchterungszelle, sie taucht irgendwo unter. Jane arbeitete als Zimmermädchen in einem Motel – gegen Logis und ein bisschen Kleingeld für Getränke. In der Beziehung mit Bukowski verwahrloste sie immer mehr, bekam einen dicken Bierbauch und wurde schließlich krank. Krebs und Leberzirrhose.
Wenige Monate nach Jane Cooney Bakers Tod bekommt Bukowski Besuch von John Bryan, dem Herausgeber eines Literaturmagazins namens „Renaissance“. Bryan erzählte dem Biografen Howard Sounes: „Er hatte einen Mülleimer voller Hämorrhoiden-Salbe. Er hatte offensichtlich die schlimmsten Hämorrhoiden der Welt.“ Sein Werk in dieser Zeit wird gern mit dem Baudelaires verglichen.
Am Ende seines Lebens schenkt ihm seine Tochter Marina, mit der nur kurze Zeit zusammenlebte, bevor die Mutter resigniert das Haus verließ, einen Apple. „Schau mal“, ruft er begeistert, „das Ding korrigiert meine Fehler!“ Ein wunderbarer, später Anflug von Selbstironie.
John Martin, dessen Black Sparrow Press inzwischen kräftig von Bukowskis Schaffen profitiert, druckt „The Last Night of the Earth Poems“. Bukowski verliert die Kraft, da kommt ihm die leichtgängige Computertastatur gelegen.
Auf Bukowskis Grabstein steht „Don’t try“. Versuch’s erst gar nicht. Besser, ihm gehört das letzte Wort.

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