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Foto: Dean Rogers/Studiocanal
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Er konnte nicht zurück. Im Film „Vor uns das Meer“, der am 29. März in die Kinos kommt, wird der unglückselige Donald Crowhurst von Colin Firth dargestellt.

Die Geschichte des Golden Globe Race Obwohl das Meer es gut mit ihm meinte

Man fand das Boot treibend mitten im Atlantik. Es hätte noch Wochen, Monate so treiben können, ohne entdeckt zu werden. Aber nun war es zufällig am 10. Juli 1969 der Besatzung eines britischen Postfrachters aufgefallen, der das ziellos in den Wellen schaukelnde Gefährt suspekt vorkam, sodass sie die Maschinen stoppen ließ, 1800 Seemeilen von der englischen Küste entfernt. Ein kleines Segel am Heck war gesetzt, die anderen sorgfältig zusammengebunden. Wo war die Besatzung?

Wie sich herausstellte, handelte es sich um den Trimaran eines englischen Geschäftsmannes, der am Golden Globe Race teilnahm. Alles, was die Seeleute über ihn wussten, hatten sie aus einem Zeitungsausriss: Im Oktober des Vorjahres war Donald Crowhurst als Letzter von neun Teilnehmern in das Nonstop-Rennen um die Welt gestartet, hatte im Südatlantik mächtig aufgeholt und galt zu diesem Zeitpunkt als aussichtsreicher Kandidat auf die Siegprämie von 5000 Pfund. Ein kleines Vermögen, das für die schnellste Erdumrundung ausgelobt worden war.

Was war geschehen, dass Crowhursts Dreirumpfboot nun aber unbemannt im Ozean dümpelte? Unbeschädigt, wie es schien. Nahrung und Trinkwasser waren ausreichend vorhanden. In der Kajüte lagen elektronische Bauteile durcheinander wie von einer unbeendeten Reparatur. Im Spülbecken stapelte sich Geschirr. In den sorgfältig geführten Logbüchern fand sich ein letzter Eintrag, der 16 Tage zurücklag. Das Ganze kam dem Kapitän des Frachtschiffs äußerst merkwürdig vor.

In den folgenden Tagen, da eine Suchaktion nach dem vermissten Segler eingeleitet und erfolglos wieder eingestellt wurde, hatte der Kapitän genug Zeit, sich durch Crowhursts Aufzeichnungen zu arbeiten. Sie ergaben wenig Sinn. Die Navigation war akkurat ausgeführt, vielleicht ein bisschen zu sorgfältig für einen Segler, der vollkommen auf sich allein gestellt doch unter Schlafmangel gelitten haben musste. Zwischen ausschweifenden philosophischen Betrachtungen fand der Kapitän ein paar verstörende Sätze: „Die Natur erlaubt Gott / Keinerlei Sünden zu sündigen / Außer Einer - / Das ist die Sünde des Verbergens / … Es ist das Ende meines Spiels / Die Wahrheit ist offenbart worden, und es wird geschehen wie meine Familie es von mir verlangt …“

Joshua Slocum brauchte drei Jahre, Francis Chichester nur 226 Tage

50 Jahre sind vergangen, seit das Golden Globe Race stattgefunden hat. Über Crowhursts rätselhaftes Verhalten sind etliche Bücher und TV-Dokumentationen erschienen, und Ende März kommt „Vor uns das Meer“ ins Kino, mit Oscarpreisträger Colin Firth in der Hauptrolle (Originaltitel: „The Mercy“). Der Film, der Crowhursts Reise rekonstruiert, könnte erstmals einem breiten Publikum begreiflich machen, welche Strapaze monatelange Einsamkeit auf See bedeutete, und warum sie vom Wahnsinn überschattet wurde.

In den Annalen der Seefahrt nimmt das Golden Globe Race einen bizarren Platz ein. Geboren in dem Wunsch nach Rekorden, war es einerseits der schlüssige nächste Schritt einer Entwicklung im Jachtsport, die kleine Segelboote immer widerstandsfähiger gemacht hatte. Andererseits wurde das gültige Maß für Tempo immer noch von den Teeklippern vorgegeben, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts packende Wettfahrten um die halbe Welt geleistet hatten, um als Erste mit der neuen Teeernte aus China in London einzutreffen und den Marktpreis diktieren zu können. Dass sich einer aus purem Vergnügen und noch dazu allein einer solchen Distanz aussetzen würde, war schon abwegig genug, da kam es erstmal nicht auf Geschwindigkeit an. Als der Amerikaner Joshua Slocum 1895 zu einer Weltumsegelung aufbrach, war er drei Jahre unterwegs. Mitte der 1960er glaubte der englische Flugpionier Francis Chichester, schneller als die Teeklipper sein zu können, wenn er die passende Jacht besäße.

Und tatsächlich: Bei seiner Rückkehr 1967 sollte er mit der Gypsy Moth IV nur 226 Tage benötigt haben. Eine Viertelmillion Menschen kam nach Plymouth, um die Ankunft des knochigen 66-jährigen Asketen mitzuerleben, der in seiner Jugend als Pilot bereits bemerkenswerte Streckenrekorde aufgestellt hatte. Sogar die Queen und ihr Hofstaat waren anwesend.

Dass Chichester seine Jacht in einer Werft in Sydney hatte überholen lassen, ließ allerdings noch Raum für etwas Größeres. Der Franzose Bernard Moitessier traf unverzüglich Vorkehrungen für eine Nonstop-Umsegelung. Er war ein genialer Vagabund, der als Autor viel gelesener Bücher bekannt geworden und mit 43 Jahren derjenige war, dem man einen Erfolg am ehesten zutraute.

Die "Sunday Times" rief das Golden Globe Race ins Leben

Als der britische Seemann Robin Knox-Johnston von den Plänen des Franzosen erfuhr, war sein Ehrgeiz geweckt: „Ich kann nicht hinnehmen, dass ein anderer als ein Brite der Erste sein würde, dem es gelingt“, sagte sich der 29-Jährige. Knox-Johnston war einige Jahre als Offizier auf Handelsschiffen unterwegs gewesen, jetzt diente er auf einer britischen Fregatte. In Indien hatte er sich mit Freunden eine knapp zehn Meter lange Holzketsch namens Suhaili gebaut. Die überführte er 1966 nach England, was ihm einigen Respekt verschaffte. Er wollte nun, nachdem Chichester „eine Sache unerledigt gelassen hatte“, selbst derjenige sein, der es schaffte. „Es gehörte auch eine Portion Egoismus dazu“, sollte Robin Knox-Johnston später über seine Motivation sagen. „Ich segelte um die Welt aus dem schlichten Grund, dass ich es verdammt noch mal wollte, und ich hatte gründlich Spaß.“

Auf der Suche nach einem Sponsor wandte sich Knox-Johnston an die „Sunday Times“, die schon Chichesters Unternehmungen gefördert hatte. Doch er wurde abgewiesen mit dem Argument, dass sein Boot zu klein sei. Es war dann das Konkurrenzblatt „Sunday Mirror“, das sein Projekt unterstützte. Und die „Sunday Times“ hatte ein Problem. Nachdem sie nun von mehreren Aspiranten erfahren hatte, die sich auf den Nonstop-Trip begeben würden, wollte sie ihren guten Ruf nicht an einen Teilnehmer binden, der womöglich unterlag. Die Lösung bestand darin, einen Preis für die schnellste Weltumsegelung auszuloben und auf diese Weise das Sunday Times Golden Globe Race ins Leben zu rufen. Als Startfenster wurde die Zeit zwischen 1. Juni und 31. Oktober 1968 festgelegt.

Moitessier hielt nichts von Ehrungen und Wettkämpfen. Er empfand zunehmend Verachtung für die Zwänge eines modernen Lebens. Die Kommerzialisierung von etwas, das er als seinen Lebenstraum auffasste, ekelte ihn an. Und so begab er sich nur widerwillig nach England, wo sich abgesehen von Knox- Johnston sieben weitere Segler auf die Reise vorbereiteten. Darunter ausgewiesene Seebären wie die beiden britischen Soldaten John Ridgeway und Chay Blyth, die zuvor gemeinsam den Atlantik in einem Ruderboot überquert hatten, der britische U-Boot- Kommandant Bill King, der Marine-Offizier Nigel Tetley, der mit seiner Frau auf einem Trimaran lebte, sowie der italienische Navigator Alex Carozzo, der als bester Hochseesegler seines Landes galt.

Grafik: Tsp

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Niemand von ihnen wusste, welche Art Boot man bräuchte, damit es hinter Australien nicht auseinanderfiele. Bis dahin waren nur sehr wenige Segeljachten ins südliche Polarmeer vorgedrungen, wo Stürme so heftig und Wellen so monströs hoch sein konnten wie nirgendwo sonst auf dem Planeten. Jeder Teilnehmer versuchte, eine eigene Antwort für den 30 000-Meilen-Trip zu finden, keine Jacht sah wie die andere aus. Am Ende sollte derjenige triumphieren, der als Einziger überhaupt ankam, denn der, der vor ihm hätte ankommen können, entschied sich im Südatlantik plötzlich anders und segelte einfach weiter in die Südsee. Und der, der lange als Schnellster gegolten hatte, kam nirgendwo mehr an.

Die Geschichte des Golden Globe hat deshalb bis heute etwas Abschreckendes behalten. Zwei Jahrzehnte verstrichen, bevor die Idee erneut in ihrer Reinheit aufgegriffen werden sollte: ein Mensch, ein Boot, ohne Hilfe einmal rum. Das Vendée Globe, das seit 1989 im Vier-Jahre-Turnus ausgetragen wird, hat daraus ein Karrieremodell für Profisegler gemacht. Eine eigene Bootsklasse (Open 60) hat sich entwickelt und Millionen-Budgets sind für eine Teilnahme nötig. Anlässlich des 50. Golden-Globe-Jubiläums wollen in diesem Sommer etwa ein Dutzend Amateure im Geiste des Originals um die Welt segeln, auf gewöhnlichen Serienjachten, die vor 1989 gebaut sein müssen. Elektronische Hilfsmittel sind verboten, navigiert werden soll mit Sextant. Es ist, als läge der Reiz dieses Abenteuers wieder darin, vollkommen abgeschnitten von der Welt zu sein.

Ursprünglich war das Golden Globe geprägt von dem Ehrgeiz, auf See etwas zu finden, das es seit den napoleonischen Kriegen dort nicht mehr zu erlangen gab: Ruhm. Und Robin Knox-Johnston schien wie geschaffen dafür. Er sei der Typus Engländer, sagte ein Freund, wie es ihn seit der Schlacht von Trafalgar eigentlich nicht mehr gebe. Ein antiquierter Charakter: unerschrocken, voller Elan, ohne die antrainierte Verachtung der Oberklasse, aber seiner selbst vollkommen sicher. Er schien im richtigen Moment immer das Richtige zu tun oder zu sagen. Der Psychiater, der ihn vor der Reise auf seine Tauglichkeit testete, fand ihn „erschütternd normal“.

Er musste Regen auffangen, um zu trinken

Von einem navigatorischen Standpunkt aus, sei eine Weltumsegelung einfach, meint Knox-Johnston in einer späteren Dokumentation über seinen Törn: „Man verlässt England, biegt links ab, fährt runter bis Kapstadt, biegt links ab, fährt um Kap Hoorn herum, biegt links ab, kommt in den Atlantik, riecht Fish & Chips und biegt rechts ab. Und da ist England.“ Aber seine Suhaili bewegte sich mit dem Tempo einer Schildkröte voran, während sie von Hasen gejagt wurde. Nachdem Knox-Johnston am 14. Juni als einer der Ersten aufgebrochen war, passierte nicht viel. Außer, dass er wach bleiben musste, wenn das Boot seine Aufmerksamkeit erforderte. Mehr Segel, weniger Segel. Er war glücklich in seiner Welt, wie er es in seinem Bestseller „A World of my own“ mit lakonischer Leichtigkeit beschrieb. „Wenn das eigene Leben vom Wetter und von Wellen beherrscht wird, wird Heimat zu einem abstrakten Gedanken.“

Er stopfte zwei Lecks in seinem Rumpf unter Wasser, indem er Kitt und Wolle in die sich auftuenden Ritzen der Planken stopfte, entledigte sich eines aufdringlichen Hais, indem er ihm in den Kopf schoss, und Batteriesäure spritzte ihm ins Auge. Aber sonst?

Im Südozean wetterte er sechs Stürme in zehn Tagen ab, einmal trafen ihn querlaufende Seen so hart, dass Suhaili weit durchkenterte. Sein Trinkwasservorrat war mit Salzwasser verunreinigt, sodass er von da an mühselig Regen auffangen musste. Und sein Funkgerät funktionierte nicht mehr. Aber sonst?

An Tagen, an denen ihn trübselige Gedanken zu überwältigen drohten, sagte er sich, dass er kein Recht habe, sein Ich aufzugeben, nachdem es ihn so weit gebracht hatte. Als seine Selbststeueranlage den Geist aufgab, lernte er, sein Boot durch Segelstellungen so auszubalancieren, dass es von alleine Kurs hielt. Aber sonst?

Er traf einen Reporter vor der Küste Australiens, der sich mit einem Fischerboot zu ihm hinausfahren ließ. Der hatte auch Post für ihn dabei, konnte sie ihm aber nicht aushändigen, weil das bereits als unerlaubte Hilfe angesehen wurde. So las der Journalist ihm die Briefe vor. Und er brachte ihn auf den neusten Stand: Beinahe alle Konkurrenten hatten aufgegeben. „Der Einzige, auf den ich achten musste, war Moitessier. Wo war er?“

Der Franzose strebte nach der Perfektion eines Solotänzers

Bernard Moitessier gehörte zur Generation der Überseefranzosen, die ihre Heimat in der Fremde hatten. Er war mit zwei Brüdern in Saigon aufgewachsen, wo sein Vater ein Handelskontor unterhielt, und er sollte zeitlebens wie ein Vietnamese in die Hocke gehen, um Arbeiten zu verrichten und dabei die Zehen zu Hilfe zu nehmen. Die Tropen waren Teil seines Temperaments. Ebenfalls ein Leben lang sollte ihn die Zwille begleiten, mit der er gelangweilt die Straßenlaternen von Saigon ausgeschossen hatte und später mühelos Möwen vom Himmeln zu holen vermochte. Als die Gewalt in Indochina zunahm, löste er seine Verlobung und suchte das Weite. Aber er benannte zwei Schiffe nach der Frau. Mit dem ersten erlitt er Schiffbruch, weil er nicht die nötigen Mittel zur Navigation besaß. Auch das zweite ging ihm kaputt in den sechs Jahren, die er benötigte, um schließlich in Paris zu landen.

Er kam in der Stadt nie zurecht. Dort schrieb er nur sein erstes Buch „Vagabund der Meere“. Und er fasste Pläne. Sein von ihm selbst aus Stahl gebautes Segelboot Joshua war wie gemacht für die Herausforderung einer endlosen Reise. „Die Schönheit liegt in seiner Einfachheit“, sagte der Asket. „Ich habe gelernt, mit dem Wesentlichen umzugehen. Denn es ist das Einzige, das der Beschäftigung wert ist.“

Nachdem er am 22. August von Plymouth aus in See gestochen war, strebte er nach der Perfektion eines Solotänzers. Er schaffte Strecken von 150 bis 170 Meilen am Tag, was fast das Doppelte von Knox-Johnstons Tagesleistungen war. Der stellte sich seinen französischen Verfolger als kleinen Napoleon vor, der auf einem feurigen Pferd hinter ihm her war, unaufhaltsam, unermüdlich. Es trieb den Engländer an, aktivierte Reserven in ihm. Bei Kap Hoorn hatte Moitessier seinen Rückstand von ursprünglich über zwei Monaten auf weniger als drei Wochen verkürzt. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen kündigte sich an.

Foto: imago/ZUMA/Keystone

Donald Crowhurst. Geboren 1932 in Indien, fühlte sich der Sohn eines Kolonialbeamten zu großen Taten berufen. Er erfand ein handliches elektronisches Navigationsgerät, doch seine Firma prosperierte nicht. Mit seiner Frau Clare bekam er vier Kinder. Seine tragische Reise wurde Gegenstand zahlreicher Sachbücher, Romane, Theaterstücke und Dokumentationen.

Foto: imago/ZUMA/Keystone

Donald Crowhurst. Geboren 1932 in Indien, fühlte sich der Sohn eines Kolonialbeamten zu großen Taten berufen. Er erfand ein handliches elektronisches Navigationsgerät, doch seine Firma prosperierte nicht. Mit seiner Frau Clare bekam er vier Kinder. Seine tragische Reise wurde Gegenstand zahlreicher Sachbücher, Romane, Theaterstücke und Dokumentationen.

Anfangs hatte Moitessier mit dem Gedanken gespielt, den Preis einzuheimsen und ohne ein Wort des Dankes wieder abzureisen. Aber nun kamen ihm Zweifel. „Jetzt zurückzufahren wäre so, wie nicht losgefahren zu sein.“ Wieder nach Europa zu gelangen, mit seinen falschen, verführerischen Götzen, kam ihm „wie ein Verrat“ vor. In einem Brief, den er in einer Blechdose an Deck eines Frachters warf, kündigte er an, nach Tahiti weiterreisen zu wollen und begründete es damit, dass er seine „Seele retten“ wolle.

Das war ein Schock. Obwohl die Gründe für seinen Entschluss vor allem in seinem Charakter zu suchen waren, entsprach er einer allgemeinen Sehnsucht nach etwas Persönlichem, an das man glauben konnte. Viele Menschen suchten 1968 nach einem solchen Weg und dabei trauten sie nicht einmal sich selbst. Moitessier zeigte, wie einfach es war, sich auf sich selbst zu verlassen. Er erreichte Tahiti nach zehn Monaten vollkommener Isolation. Die spirituelle Dimension, die ihn mit dem Meer verband, sollte ihn zeitlebens begleiten und zum Vorkämpfer der Umweltbewegung machen.

Um Knox-Johnston war es derweil still geworden. Seit Neuseeland hatte ihn niemand mehr gesehen oder gesprochen. Erst als er die transatlantische Schifffahrtsroute zwischen Europa und der Karibik kreuzte, bekam er wieder Kontakt zur Außenwelt. Er fragte einen französischen Frachterkapitän, wo Moitessier sei. Die Antwort: im Indischen Ozean. „Kann nicht sein“, dachte sich Knox-Johnston. Und er vermutete einen geheimen französischen Plan hinter dieser Antwort.

Eine Woche später gelang ihm der nächste Funkkontakt, diesmal mit seinem Bruder. Wo Moitessier sei, wollte er wissen. Im Indischen Ozean, lautete die Antwort. „Verdammt“, dachte Knox-Johnston, „jetzt hat der Franzose sogar meine eigene Familie auf seiner Seite.“ Bald darauf roch es nach Fish & Chips, und er bog rechts ab.

„Die traurigste Gestalt, die je auf dem Meer war“

Knox-Johnston wurde bei seiner Ankunft wie einer der Helden gefeiert, auf die sich England von jeher viel einbildete, aber mit der Massenhysterie, die Chichester ausgelöst hatte, war der Empfang nicht zu vergleichen. 312 Tage hatte er benötigt. Seine Zeit konnte noch unterboten werden von den zwei Teilnehmern, die sich offiziell weiterhin im Rennen befanden, beide auf Trimaranen, um deren Hochseetüchtigkeit es zu der Zeit nicht gut stand. Erst zehn Tage zuvor hatte sich Donald Crowhurst nach einer längeren Funkpause gemeldet und für eine Sensation gesorgt. Er schien so gut voranzukommen, dass ihm der Preis für die schnellste Umrundung fast schon sicher war. Außerdem drohte er den Konkurrenten Nigel Tetley noch einzuholen, dessen Trimaran immer mehr Strukturschwächen zeigte.

Was niemand ahnte: Donald Crowhurst, dessen Trimaran bald darauf unbemannt gefunden werden sollte, hatte die Welt betrogen. Am meisten aber betrog er sich selbst.

Er sei „die traurigste Gestalt, die je auf dem Meer war“, hieß es rückblickend in der „New York Times“. Aufgebrochen, um das ökonomische Desaster, das sich mit dem Niedergang seiner Elektrofirma für ihn und seine sechsköpfige Familie abzeichnete, durch den Glanz einer Pioniertat abzuwenden, war er zum Scheitern verurteilt. Die Einsamkeit der Wellen ist kein guter Ort für gehetzte Menschen. In der Nacht vor seinem Start weinte er bitterlich.

Auch er war ein Zögling des Kolonialismus. Geboren in Indien als Sohn eines Eisenbahnbeamten, der zur Trunksucht neigte, verbrachte er seine Kindheit in Pakistan und landete schließlich in der englischen Provinz. Man mochte ihn dort. „Immer der Wildeste, Tollkühnste, ein geradezu zwanghafter Draufgänger und Verächter von Autorität“, schreiben seine Biografen Nicholas Tomalin und Ron Hall. Er wollte Soldat werden, war es auch mehrfach, wurde aber jeweils um den vorzeitigen Abschied gebeten.

Crowhurst erfand ein elektronisches Navigationsgerät

Dabei war Crowhurst einer, der durch seinen scharfen Verstand auffiel. „Das Problem bestand darin“, meinten Tomalin und Hall später, „dass er in einer Kleinstadt auf dem Land wie Bridgewater kaum jemanden fand, mit dem er seinen Verstand messen konnte. So benutzte er ihn weitgehend, um sich vor anderen in Szene zu setzen.“ Er zeigte die frustrierten Zeichen eines Provinzintellektuellen, der überzeugt sei, Besseres verdient zu haben. Seiner späteren Frau Clare sagte er bei ihrem ersten Treffen auf den Kopf zu, dass sie „einen unmöglichen Mann“ heiraten werde.

Bescheidenen Erfolg bescherte ihm die Erfindung eines elektronischen Navigationsgeräts, des Navicators, für dessen Herstellung er eine Firma gründete. Die lebte nur von den Darlehen, die ihr gewährt wurden, aber Crowhurst hatte die Gabe, seinen Partnern stets Zuversicht zu vermitteln. Seine Begeisterung sei ansteckend gewesen, berichtete ein Geschäftsfreund, auch wenn sie „das Ergebnis eines – ja: zu einfallsreichen, schöpferischen Gehirns war, das sich den angestrebten Zustand immer gleich als Wirklichkeit geträumt hat.“

Zu seinem sprunghaften Wesen gehörte, dass er sich drohenden Niederlagen meist dadurch entzog, etwas noch Größeres anzustreben. Nun eben die Golden-Globe-Teilnahme. Zunächst bemühte er sich erfolglos um Chichesters Gipsy Moth IV. Als sich das zerschlug, belieh er sein geplantes Boot und sein Haus, aber als Knox-Johnston im Juni ablegte, hatte Crowhurst mit dem Bau seines Trimarans noch nicht einmal begonnen. Clare versuchte, ihn nur einmal von der Unternehmung abzuhalten, aber er sagte, diese sei „zu wichtig“ für ihn geworden. Nur wenige Stunden vor Ablauf der Frist am 31. Oktober fuhr auch er endlich los, heillos überfordert, mit zerrütteten Nerven und einem Untersatz, der einer Baustelle glich. „Dieses Scheißschiff zerfällt einfach“, notierte er an einem der ersten Tage in sein Logbuch.

Er führte zwei Logbücher und versteckte sich im Südatlantik

Obwohl das Meer es gut mit ihm meinte und er von schlechtem Wetter verschont blieb, kam er äußerst schleppend voran. Mitte November, auf der Höhe der Kapverden, wurde ihm klar, dass er mit dem missratenen Mehrrumpfboot eine Tour durch die „brüllenden“ südlichen Breiten nicht überstehen würde. Dann geschah etwas Merkwürdiges: Crowhursts Fortkommen wurde mit einem Mal so rasant, wie es dem Potenzial dieser leichten, neumodischen Bootstypen entsprochen haben mochte. 243 Meilen, so telegrafierte Crowhurst, habe er in 24 Stunden zurückgelegt. Das war ein Rekord. Er hatte begonnen, fiktive Positionsangaben zu übermitteln.

Von da an führte Crowhurst zwei Logbücher, eines, mit dem er die Öffentlichkeit über eine Weltumsegelung täuschen wollte, und ein anderes, in dem er wahrheitsgemäß berichtete. Monatelang hielt er sich von den Schiffsrouten fern, versteckte sich in der Leere des Südatlantik, während ihn seine Funknachrichten und Positionsmeldungen tausende Meilen von der Wahrheit entfernten.

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Robin Knox-Johnston. Es dauerte eine Weile, bis er nach seiner Solo-Umrundung zum Ritter geschlagen wurde. Heute gilt der 79-jährige Sir Robin als Nationalheld und ist als Veranstalter des Clipper- Race aktiv, eines Segelrennens um die Welt, das er für Amateure ins Leben rief. Er selbst schaffte noch eine weitere Weltumsegelung. Und er restaurierte seine Jacht Suhaili.

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Robin Knox-Johnston. Es dauerte eine Weile, bis er nach seiner Solo-Umrundung zum Ritter geschlagen wurde. Heute gilt der 79-jährige Sir Robin als Nationalheld und ist als Veranstalter des Clipper- Race aktiv, eines Segelrennens um die Welt, das er für Amateure ins Leben rief. Er selbst schaffte noch eine weitere Weltumsegelung. Und er restaurierte seine Jacht Suhaili.

Als ihn die Welt im Südpazifik wähnte, steuerte Crowhurst Anfang März einen kleinen argentinischen Küstenort am Rio Salado an, etwa 150 Kilometer südöstlich von Buenos Aires. Er benötigte dringend Ersatzteile, um einen Riss im Steuerbordschwimmer zu flicken. Und entkam unerkannt.

Sein Plan war, seine nur imaginierte Route Anfang Mai mit seiner realen zu vereinen. Doch je näher er danach der Heimat kam, desto mehr verschlechterte sich sein Zustand. Ihn erreichten nun immer euphorischere Meldungen über seinen erwarteten Rekord. Falls er bis dahin angenommen hatte, sich aus diesem „Spiel“ herauswinden zu können, weil er niemandem ernsthaft geschadet hatte, so änderte sich das, als er von Nigel Tetleys Schiffbruch erfuhr. Der Kapitänleutnant hatte seinen sich in seine Bestandteile auflösenden Trimaran energisch vorangetrieben, grimmig entschlossen, sich seinen Erfolg nicht wegschnappen zu lassen. Unter dieser Belastung brach das schwer beanspruchte Schiff am 21. Mai entzwei und sank. Tetley wurde von einem herbeieilenden Frachter aus der See gefischt.

Damit war Crowhursts Unschuld endgültig dahin. Und er sah auch keinen Ausweg mehr, wie er sich zu einem Triumph hätte mogeln können. Sein Sohn Simon sagte später, dass der Vater sich den Sieg nicht habe ergaunern wollen, „sondern lediglich vermeiden, als jemand zu gelten, der auf demütigende Weise gescheitert war“.

Wahrscheinlich sprang er einfach über Bord

Von dem Moment an hörte Crowhurst mit der „ernsthaften Segelei“ auf und beschäftigte sich nur noch mit sich selbst, versenkte sich in ausschweifende Essays und Notizen, als könnte er sein Dilemma gedanklich lösen. Sein psychischer Zusammenbruch ging schließlich einher mit der hochtrabenden Theorie von der „Macht schöpferischer Abstraktion“. Er glaubte, dass sein Geist die Grenzen des Realen überschreiten, seine Bindung an alles Körperliche überwinden könnte. 25 000 Wörter umfasste dieses Zwiegespräch eines Büßers mit Gott. Es endete in einem Countdown mit den Sätzen, „Ich bin was ich bin und ich erkenne die Natur meines Vergehens ... IT IS FINISHED. IT IS FINISHED. IT IS THE MERCY.“

So überließ sich Donald Crowhurst der Gnade. Wahrscheinlich sprang er einfach über Bord.

In Tomalins und Halls Rekonstruktion dieser unseligen Odyssee steht noch Folgendes: „Der Mann, der ein Held werden wollte und als Gott endete, nahm die beiden Dinge mit sich in den Tod, die für seinen größtmöglichen Fehler standen: den lügenden Chronometer und das lügende Logbuch. Zurück ließ er die große Schönheit der Wahrheit.“

Nach Bekanntwerden von Crowhursts Tod spendete Robin Knox-Johnston seine Siegprämie den Hinterbliebenen. Er hielt daran auch fest, als das Ausmaß von dessen Betrug sichtbar wurde und man aus seinen Aufzeichnungen auf die Existenz eines fingierten Fahrtenbuchs schloss. Man solle den Mann nicht zu hart beurteilen, fand Knox-Johnston – „und die Familie werde das Geld brauchen“.

Hinter Kap Hoorn hatte Knox-Johnston von der Apollo-8-Mission im Radio gehört, die den Mond erfolgreich umrundete, während er auf seinem schäbigen, aber unverwüstlichen Boot das von uralten Traditionen geprägte Leben eines Seemanns führte. Da wuchs ein Gedanke in ihm, und er ließ ihn nicht mehr los: „Da waren sie, drei Männer, die ihr Leben für den technischen Fortschritt riskierten und um die Grenzen zu erweitern, die uns so lange auf diesem Planeten festgehalten haben. Ich habe absolut nichts geschafft.“

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Bernard Moitessier. Der 1925 in Vietnam geborene Kolonialfranzose ist ein Wegbereiter des modernen Weltenbummlertums. Seine Reiseberichte inspirierten in den 60er Jahren viele Aussteiger, ein Leben nach ökologischen Prinzipien zu führen. Mit der Joshua erlitt er 1982 in Mexiko Schiffbruch. Nach Jahren in der Südsee kehrte er nach Frankreich zurück, wo er 1994 starb.

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Bernard Moitessier. Der 1925 in Vietnam geborene Kolonialfranzose ist ein Wegbereiter des modernen Weltenbummlertums. Seine Reiseberichte inspirierten in den 60er Jahren viele Aussteiger, ein Leben nach ökologischen Prinzipien zu führen. Mit der Joshua erlitt er 1982 in Mexiko Schiffbruch. Nach Jahren in der Südsee kehrte er nach Frankreich zurück, wo er 1994 starb.

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