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Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Demonstration des Reichtums: Die Webseite der Zentralbank zeigt den aktuellen Kontostand in Kronen.

Die Norweger streiten um ihren Staatsfonds Der Schatz der Wikinger

Der Gebäudekomplex an der Ecke von Rathaus- und Kirchstraße im Herzen Oslos macht nicht viel her. Der rötlich graue Klotz mit den großen Fenstern hat gerade mal vier Stockwerke. Die Eingangshalle ist hinter metall-verkleideten Schiebetüren verborgen, und selbst die Fahne auf dem Dach ist von der Straße kaum zu sehen. Doch hier, im Sitz der norwegischen Zentralbank („Norges Bank“), lenken an die 250 Manager und Händler eines der spannendsten ökonomischen und politischen Experimente der Welt: den Staatsfond des Königreichs Norwegen.

Seit 20 Jahren schon fließen dem Fonds alle staatlichen Einnahmen aus dem Geschäft mit dem Öl und Gas zu, das aus dem Grund der Nordsee gepumpt wird. 7,2 Billionen norwegische Kronen, umgerechnet rund 750 Milliarden Euro, haben die Zentralbanker in Wertpapieren und Immobilien der ganzen Welt angelegt, anderthalbmal so viel wie die jährliche Wirtschaftsleistung des Landes. „Wir sichern das Vermögen für künftige Generationen“, verspricht die zugehörige öffentliche Website. Gleich darüber zeigt eine Sieben mit zwölf ständig wechselnden Ziffern dahinter im Takt von Millisekunden den aktuellen Wert des Portfolios an – eine weltweit einmalige Einrichtung. Während andere Nationen allenfalls die Verschuldung ihres Staatswesens zählen, geschieht in Norwegen das Gegenteil. Der Staat hortet einen stetig wachsenden nationalen Schatz, und zu jeder Sekunde darf jedermann wissen, wie viel er wert ist und wo er liegt. Aber ist das Geld auch gut angelegt? Ist es nicht höchst riskant, die Zukunft der kleinen Nation am Nordrand Europas dem globalen Finanzsystem und seinen unberechenbaren Krisen auszuliefern?

In Deutschland verwalten sie Anteile an mehr als 200 Firmen

Trond Grande lächelt. Der 46-jährige Investmentexperte kennt diese Fragen nur zu gut – und mag sie doch ungern beantworten. Seit acht Jahren arbeitet der schlanke, groß gewachsene Manager im Führungsteam von Norwegens Schatzhütern, erst als Leiter des Risiko-Managements, heute als Verwaltungschef. Er weiß, dass der „Öl-Fonds“, wie er im Volksmund heißt, sowohl in Norwegen als auch in den Finanzzentren von London bis Singapur unter genauer Beobachtung steht. Darum wägt er im Gespräch jedes Wort. Die Vorgaben, wie investiert wird, „hat das Parlament beschlossen“, erklärt er und stellt damit gleich klar, dass er und seine Kollegen nur ihrem staatlichen „Mandat“ folgen, ihnen folglich kein Urteil zusteht.

Demnach kaufen und verkaufen seine Mitarbeiter für bis zu 60 Prozent der Anlagesumme Aktien auf Basis des „FTSE Global All Cap Index“, der den weltweiten Aktienmarkt abbildet. Bis zu 40 Prozent des Geldes sind in sichere Zinspapiere von Staaten und Firmen investiert. Dazu kommen wertvolle Immobilien in „Global Cities“, in Berlin etwa das Geschäftshaus mit dem Kranzler-Eck am Kurfürstendamm. „Damit arbeiten wir, soweit es geht, wie eine private Vermögensverwaltung es auch tun würde“, fügt Grande hinzu, und bei ihm klingt es so, als handele es sich um eine rein technische Aufgabe, fern der Politik und der Macht.

Doch die Arbeit der Investmentbanker im Staatsdienst ist alles andere als unpolitisch. Schließlich ist der Milliardenfonds aus dem Land der Fjorde und Ölplattformen ein Koloss unter den Investoren. Allein in Europa hält er 2,5 Prozent aller börsennotierten Aktien. Unvermeidlich nehmen Grande und seine Kollegen damit Einfluss auf Unternehmen wie Börsenkurse, zumal sie durchaus vom FTSE-Index abweichen dürfen.

In Deutschland etwa verwalten sie Anteile an mehr als 200 Firmen, darunter auch neun Prozent am größten Wohnungskonzern Vonovia, dessen Management derzeit die feindliche Übernahme des zweitgrößten betreibt, der Deutsche Wohnen AG. Ein Konzern mit mehr als einer halben Million Wohnungen soll so entstehen. 138 000 davon sind in Berlin, der größte Vermieter der Stadt würde noch größer. Ohne Deckung des Großaktionärs aus Oslo wäre diese Konstruktion gar nicht möglich, zumal die Norweger auch am Übernahmeobjekt mit sechs Prozent beteiligt sind.

Nicht minder politisch ist die Auswahl der Anlageziele selbst.

Grafik: TSP/Bartel

Wachstum: Ein Überblick über das Volumen des norwegischen Staatsfonds.

Grafik: TSP/Bartel

Wachstum: Ein Überblick über das Volumen des norwegischen Staatsfonds.

Dürfen die Norweger am Rüstungsgeschäft verdienen? Sollten sie bei den Kohlekonzernen aussteigen, die das Klima ruinieren? Und sollte das Geld nicht besser genutzt werden, um das Land auf das Ende des Ölgeschäfts vorzubereiten? Immer wieder ringen Parlament, Regierung und Aktivisten um solche Vorgaben für die Geldverwalter. „Wir Norweger und unser Ölfonds, das ist eine unglaubliche Geschichte“, sagt der Schriftsteller Asle Skredderberget, und gab seinem jüngst veröffentlichten Buch zum Thema darum den Titel „Unglaublich reich“.

Tatsächlich verlief Norwegens Umgang mit den Rohstoffmilliarden höchst wechselhaft. Nachdem 1969 das riesige Ölfeld „Ekofisk“ entdeckt wurde und die Förderung im großen Stil begann, ereilte das Land ein Problem, auf das es nicht vorbereitet war: Norwegen bekam die „holländische Krankheit“, wie es im Jargon der Ökonomen heißt. Die einströmende Dollarflut trieb den Kurs der Krone sowie Löhne und Inflation auf extreme Werte, so wie es den Niederlanden nach dem Start ihres Erdgasexports Anfang der 60er Jahre ergangen war. In der Folge verdrängte die Ölindustrie andere Branchen und lieferte Staat und Gesellschaft auf Gedeih und Verderb den Preisschwankungen auf dem Ölmarkt aus. Prompt stürzte das Land 1982 parallel zum Ölpreis in eine tiefe Krise.

Nach einer sieben Jahre währenden Debatte gelang den Norwegern dann jedoch, worum sie heute alle Welt beneidet: Im Konsens beschlossen alle Parteien im Parlament die Einrichtung eines Sonderfonds für sämtliche Öleinnahmen des Staates, die seitdem von der Zentralbank ausschließlich im Ausland angelegt werden dürfen. Das schützte die Ökonomie fortan vor dem Dollarzufluss. Der Öl-Fonds war geboren.

Die Löhne und Lebenshaltungskosten sind 30 Prozent höher als in Schweden

2001 schließlich vollzog Norwegens politische Klasse einen einzigartigen Schritt – sie legte sich selbst Fesseln an und beschloss, maximal den erwarteten jährlichen Ertrag in Höhe von vier Prozent der Fondsanlagen für das Budget zu verwenden. Damit verbunden ist ein kühner Plan: Der Fonds soll „für immer“ erhalten bleiben, wie das Finanzministerium erklärt. Bis 2060, wenn die Öl- und Gasquellen versiegen, soll der Ertrag aus dem Fonds die Einnahmen des Staates aus dem Rohstoffgeschäft ersetzen. Das angesparte Vermögen selbst gilt deshalb als unantastbar.

All das hat Norwegens Wirtschaft zwar nicht von der holländischen Krankheit geheilt. Nach wie vor sind Löhne und Lebenshaltungskosten gut 30 Prozent höher als im Nachbarland Schweden. Zudem beherrscht die Öl- und Gasindustrie die Wirtschaft. Nicht mal zehn Prozent der Investitionen fließen in andere Branchen wie die Papierherstellung oder die Fischindustrie. Aber der Fonds verschafft dem Staat einen starken Puffer gegen die Preisschwankungen auf dem Ölmarkt. Anders als die Regenten in anderen Ölländern kann deshalb die Regierung in Oslo, derzeit unter Führung der konservativen Ministerpräsidentin Erna Solberg, dem jetzigen Sturz des Ölpreises von 100 auf unter 30 Dollar pro Fass gelassen begegnen. Um das staatliche Defizit zu decken, plant das Finanzministerium zwar, dieses Jahr erstmals bis zu 300 Millionen Euro mehr aus dem Fonds abzuziehen, als aus dem Ölgeschäft zufließen. Aber das ist durch die Erträge am Kapitalmarkt gedeckt, und genau dafür ist der Fonds ja gedacht.

So können die Norweger selbst bei schlechter Weltkonjunktur einen Wohlfahrtsstaat finanzieren, von dem die meisten Europäer nur träumen können. Die Kinderbetreuung wird stark subventioniert, Eltern dürfen bezahlte Auszeiten bis zu einem Jahr nehmen, Arbeitslose haben ein Recht auf Umschulung, und Arbeitsangebote und die Arbeitslosenquote liegt trotz der Krise im Ölgeschäft unter fünf Prozent. Zudem werden die Löhne weitgehend zentral zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften vereinbart. All das streut den Reichtum aus dem Ölgeschäft weit. In der Folge ist die materielle Ungleichheit mit die geringste aller Industrieländer, nur Slowenien steht besser da.

Diese besondere Stellung beschert den Norwegern aber auch ein ungewöhnliches Dilemma: Während ihre Nation dem Ideal des Sozialismus so nahe ist wie keine andere, agieren ihre Schatzhüter im Zentralbankhaus an der Rathausstraße wie gewöhnliche Kapitalisten, die auf den Finanzmärkten nach Rendite jagen. Dies passe „so gar nicht zur norwegischen Mentalität“, sagt Asle Skredderberget, der Chronist der Öl-Fondsgeschichte. „Das Misstrauen gegen die Londoner City und die Wall Street“ sei weit verbreitet, kaum einer seiner Landsleute habe selbst Aktien.

Das schlechte Gewissen regte sich erstmals 2001, nachdem die UN-Konvention gegen den Einsatz von Landminen in Kraft trat. Dafür hatte sich die damalige Regierung weltweit engagiert. Aber dann stellte sich heraus, dass der Öl-Fonds Aktien des Rüstungskonzerns Singapore Technologies hielt, der eben diese Waffen herstellte. Eilig berufene Experten kamen zu dem Schluss, das verstoße gegen Norwegens völkerrechtliche Pflicht – und die Aktien wurden verkauft. Seitdem ist der Widerspruch zwischen Anspruch und Mammon ein Dauerthema der norwegischen Politik.

Für die Ökonomin Eli Lund ist das ihr tägliches Geschäft. Die Mittfünfzigerin leitet das Sekretariat des „Rates für Ethik“, das nahe der Norges-Bank in der Rathausstraße residiert. Das fünfköpfige Gremium aus angesehenen Finanzexperten und Juristen prüft im Auftrag der Regierung die Investments des Fonds auf Verstöße gegen ethische Richtlinien. Diese sind unter dem Druck der öffentlichen Meinung seit dem Landminen-Fall stetig gewachsen. Längst ist auch die Beteiligung an der Herstellung von Atomwaffen, Streubomben und Tabak sowie schwerer Umweltzerstörung, Korruption, Kinderarbeit und „ernsten Menschenrechtsverletzungen“ offiziell nicht erwünscht.

Das klingt jedoch strenger, als es ist.

Foto: imago/Bluegreen Pictures

Am Ende des Regenbogens: Die Bohrinsel Statfjord Bravo im norwegischen Teil der Nordsee.

Foto: imago/Bluegreen Pictures

Am Ende des Regenbogens: Die Bohrinsel Statfjord Bravo im norwegischen Teil der Nordsee.

„Der Ausschluss von Unternehmen“ aus dem Portfolio der Nation solle „nur das letzte Mittel sein“, versichert Lund. „Wir ziehen es vor, die Firmen zu Veränderungen zu drängen“, erklärt sie. So jedenfalls wünscht es sich die Regierung. Man dürfe den Fonds „nicht instrumentalisieren, um sozialdemokratisch-skandinavische Ziele im Ausland zu fördern“, mahnt da etwa Paal Björnestad, der zuständige Finanzstaatssekretär von der rechtsliberalen Fortschrittspartei. „Das könnte uns Feinde machen“, während Norwegen als Investor das „Vertrauen an den Märkten braucht“, erklärt er – und gesteht damit unfreiwillig, wie schlecht ethische Standards und großes Geld zusammenpassen.

Darum hat die Schwarze Liste der Firmen, die Fondsmanager Grande und seine Händler meiden müssen, derzeit gerade mal 61 Namen. Darunter sind zwar auch Weltkonzerne wie der Handelsriese Walmart oder die Airbus-Gruppe, die wegen Beteiligung an Frankreichs Atomwaffenprogramm mit Bann belegt ist. In den meisten Fällen haben die Ethik-Regeln jedoch nicht diese Konsequenz. Der Öl-Konzern Shell etwa steht nur „unter Beobachtung“, obwohl er seit Jahren in Nigeria schwerste Umweltschäden anrichtet.

Um die Kritik der Bürger abzufangen, pflegen die staatlichen Schatzhüter lieber die Rolle des „aktiven Investors“. Zu diesem Zweck treffen sich Vertreter des Fonds mehr als 2600 Mal im Jahr mit Top-Managern betroffener Unternehmen, um bei ihnen bessere Unternehmensführung, Achtung der Menschenrechte oder mehr Umweltschutz anzumahnen, berichtet Fondsverwalter Grande. Und wenn das nicht hilft, schreiben die Großinvestoren aus Oslo auch schon mal einen offenen Brief. So beschwerten sich die Norges-Bank-Experten 2009 bei Volkswagen über den „Mangel an Transparenz“, der „Nicht-Insider-Anleger“ benachteilige. „Wir können die Konzernvorstände nicht überstimmen, aber wir ziehen sie zur Rechenschaft“, verspricht Grande. Über handfeste Erfolge dieses Engagements hat er allerdings wenig zu berichten. Ob die angesprochenen Manager wegen des Drucks aus Oslo ihre Praxis ändern, „würden die nie zugeben“, räumt er ein, „wir sind ja auch nur ein Aktionär unter vielen“. Bei Volkswagen etwa änderte sich nichts, auch zum Schaden für den Fonds selbst, wie Grande mit einem gequälten Lächeln einräumt. Der Kursrutsch nach dem Abgasskandal habe rund „eine halbe Milliarde Euro Verlust“ eingebracht.

Trotz des Versprechens vom „aktiven Investor“ stehen Regierung und Fondsmanagement daher fortwährend in der Kritik. Dafür sorgen Aktivisten wie Sigurd Jorde. Der 35-Jährige frühere Journalist recherchiert für die mit 25 000 Mitgliedern einflussreiche Umweltorganisation „Framtiden i våre hender“ (Die Zukunft in unseren Händen, FIVH) über die Investitionen der Norges Bank in aller Welt. Gerade erst ist er aus Kambodscha zurückgekehrt, wo er prüfte, welche Textilhersteller womöglich mit Norwegens Geld Kinder und Frauen ausbeuten. In gleicher Mission war er zuvor in Indonesien, nur dass es dort um Ölpalmplantagen ging. Der Fonds sei jedoch „bei mehr als 9000 Unternehmen investiert“. Darum sei völlig klar, dass „sie keine Kontrolle haben“, sagt er. Und Bürger und Medien seien es „müde, nach schlechten Firmen zu suchen, an denen wir beteiligt sind“. Nötig sei deshalb ein neuer Ansatz.

Den fanden er und seine Mitstreiter dann ausgerechnet bei dem für Norwegen heikelsten Thema: dem Klimawandel. Als amerikanische Aktivisten vor drei Jahren begannen, weltweit für den Ausstieg der Anleger aus der Förderung fossiler Brennstoffe zu werben, geriet auch Norwegens Staatsfonds unvermeidlich unter Druck. FIVH legte gemeinsam mit den versierten Bankenkritikern der deutschen Organisation „Urgewald“ ein weltweit recherchiertes Dossier über die Klimafrevel von Kohlekonzernen vor, an denen der Ölfonds beteiligt war, darunter auch der deutsche Braunkohlenriese RWE.

Trotzdem wandten sich Regierung und Fondsmanagement gegen einen Ausstieg („Divestment“). „Wir wollten nicht, dass der Fonds politisiert wird“, sagt Staatssekretär Björnestad. Schließlich stamme „das Geld im Fonds selbst aus dem Verkauf fossiler Brennstoffe“. Dann nicht mehr in dieses Geschäft zu investieren, „könnte uns leicht den Vorwurf der Heuchelei einbringen“. Norwegens Demokratie ist jedoch höchst lebendig, und das Parlament nahm das Thema auf. Nach harten Debatten sprachen sich die Abgeordneten vergangenen Juni schließlich geschlossen für den Ausstieg bei Kohleunternehmen aus. Nun muss die Norges Bank die Aktien aller Firmen verkaufen, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Förderung oder Verstromung von Kohle machen, also auch RWE.

Dabei sind sich die Abgeordneten des Dilemmas ihrer Nation sehr bewusst. „Natürlich machen wir das, um unser Gewissen zu beruhigen“, gesteht zum Beispiel der 30 Jahre junge Abgeordnete Torstein Solberg ganz offen, der für die Sozialdemokraten den Beschluss aushandelte, obwohl er aus Stavanger kommt, dem Zentrum der Ölindustrie. Irgendwo müsse man schließlich anfangen. Wäre es dann nicht vernünftig, jetzt auch den Ausstieg aus der Öl- und Gasförderung in Norwegen selbst zu planen, und das Geld des Fonds für den nötigen industriellen Umbau zu nutzen?

Die Frage liegt nahe, doch an dieses Tabu mögen die Norweger noch nicht rühren. „Wir wissen, dass es darauf hinausläuft, wir sagen es nur noch nicht“, sagt Jungpolitiker Solberg. Der große Kampf um Norwegens Schatz steht noch bevor.

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