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Foto: privat
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Der MfS-Ausweis von Werner Stiller.

Doppelagent Werner Stiller Der Mann, der die Stasi verriet

Es rumpelt ein bisschen, dann hat der BMW die Bordsteinkante geschafft. Peter Fischer stellt den Motor aus. Rechts fließt die Donau, links der Verkehr – und dazwischen, mitten auf dem Bürgersteig, steht nun sein Wagen. Von hier aus sind es bloß ein paar Schritte bis zu dem Restaurant am Flussufer, in dem Fischer einkehren möchte. Wie bequem. „Kreatives Parken“ nennt er das. Macht er öfter. Obwohl er seit Ende der 90er Jahre in Ungarn lebt, ist sein Auto in Deutschland gemeldet. Auf dem Nummernschild findet sich die Abkürzung SK, für Saalekreis. Strafzettel in Budapest könne er damit ignorieren, sagt Fischer.

So hält es der Mann, der zu den wichtigsten Überläufern im Kalten Krieg gehörte, wohl seit jeher: Im Zweifel macht er einfach, was er will. Sechs Mal war Fischer verheiratet; in seinen bisher 67 Jahren hat er immer wieder Länder, Menschen und Identitäten hinter sich gelassen. Ein Leben, von dem manche fasziniert sind und andere abgestoßen.

Der Tag, der Fischer in die Geschichtsbücher brachte, war der 18. Januar 1979. Damals hieß er noch Werner Stiller und war Oberleutnant des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS). Sein Zuständigkeitsgebiet: Industriespionage in Westdeutschland. Stiller führte zum Beispiel Agenten bei Siemens und im Kernforschungszentrum Karlsruhe. Kein allzu hoher Posten, trotzdem kam es einer Sensation gleich, als er an besagtem eisig kalten Wintertag unter abenteuerlichen Bedingungen von Ost- nach West-Berlin floh. Monate zuvor hatte er heimlich Kontakt zum Bundesnachrichtendienst (BND) aufgenommen, dem er schließlich einen Packen brisanter Stasi-Unterlagen überließ. Zahlreiche MfS-Agenten im Westen wurden dadurch enttarnt, außerdem identifizierte Stiller auf Fotos seinen bisherigen Chef Markus Wolf, Kopf der Auslandsspionage, der als „Mann ohne Gesicht“ gegolten hatte. Es war der größte Sieg über die Stasi, der dem BND je gelungen ist.

Dem Überläufer drohte in der DDR die Todesstrafe; erst 1987 wurde diese abgeschafft, und wer weiß, ob man ihn nicht so oder so getötet hätte. Deshalb nahm sich der amerikanische Geheimdienst CIA seiner an. In den USA erhielt er eine neue Identität, samt des unauffälligen Namens, den er bis heute trägt. Er studierte ein zweites Mal, wurde Banker bei Goldman Sachs in New York und dann in London.

Zehn Jahre nach seinem Seitenwechsel fiel die Mauer. Auch für Stiller, der jetzt Fischer hieß, ein Moment der Befreiung. Die Männer, deren Rache er bis zuletzt hatte fürchten müssen, waren schlagartig selbst zu Gejagten geworden.

Seine Stasi-Rente beträgt 182 Euro

Wiederum 25 Jahre später, an einem sonnigen Dienstag im Oktober 2014, erinnert sich Peter Fischer in Budapest an diesen Moment. Es ist Mittagszeit, in dem Restaurant an der Donau hat er gerade auf Ungarisch Fischsuppe bestellt, eine lokale Spezialität mit Paprika, Wels, Karpfen, von der er behauptet, wenige könnten sie so exzellent kochen wie er selbst, aber hier in diesem Lokal sei sie ziemlich gut. „Am 9. November 1989 war ich zu Hause in London mit einem Freund“, erzählt Fischer. „Mitten in der Nacht klingelte das Telefon. Meine damalige Frau, die gerade nach New York geflogen war, sagte zu mir: In Berlin tanzen sie auf der Mauer. Wir hatten was getrunken und geraucht, mein Freund meinte bloß: Jetzt ist sie durchgedreht. Am Morgen habe ich die BBC eingeschaltet und erfahren, dass es stimmte.“

Sofort traf er damals in West-Berlin seine Schwester, den Ostteil der Stadt mied er noch. Mit der Wende ging auch die dritte Ehe kaputt. Seine Frau, eine Italo-Amerikanerin, kannte zwar Fischers wahre Identität, „und sie wusste, dass ich verheiratet gewesen war. Aber meine zwei Kinder in der DDR hatte ich verschwiegen.“

Es ist einer der vielen Brüche in seinem Leben, von denen an diesem Oktobertag die Rede sein wird. Auch um seinen Blick aufs wiedervereinigte Deutschland und auf die drei Geheimdienste, die er von innen gesehen hat, soll es gehen. Fischer trägt eine Sportjacke und wirkt drahtig. Er trainiere im Fitnessstudio und esse wenig, erzählt er . Mittlerweile ist er Privatier, versucht sich als Thriller-Autor. Die Stasi-Rente von 182 Euro, die er tatsächlich bekommt („die Rentenversicherung hat mich ausfindig gemacht, nicht ich sie“), schenke er seiner Schwester. Die lebt immer noch im selben Dorf, aus dem auch er stammt, in der Nähe von Merseburg in Sachsen-Anhalt. Den örtlichen Dialekt hat er nicht ganz verloren.

Foto: Björn Rosen

Peter Fischer heute.

Foto: Björn Rosen

Peter Fischer heute.

Das Auffällige an Fischers Kindheit und Jugend ist das Unauffällige. Er war weder gläubiger Sozialist noch heimlicher Regimegegner. In Leipzig studierte er Physik, am selben Institut wie kurz darauf Angela Merkel, und als die Stasi ihn auf der Suche nach Naturwissenschaftlern anwarb, sagte er ohne Zwang ja. Probleme, sich mit dem Geheimdienst einzulassen, hatte er keine. Die entstanden für ihn erst, als er merkte, dass es nichts werden würde mit den Aufenthalten in Rom und London, mit denen man ihn geködert hatte.

Fischer berichtet von seinen Erlebnissen im DDR-Auslandsgeheimdienst in einer Autobiografie, die vor ein paar Jahren erschienen ist (als E-Book im Christoph Links Verlag, broschiert bei Rotbuch). Vieles davon klingt wie aus einem Roman von John le Carré. Da ist zum Beispiel die Episode mit der gut aussehenden Frau, die er für das MfS gewinnen wollte, damit sie wichtige Männer im Westen aushorcht, und in die er sich am Ende selbst verliebte.

Doch der Alltag an der Frankfurter Allee in Lichtenberg war eher öde, mindestens für den jungen Stiller. Als er dann doch mal raus durfte – er war einer der Stasi-Jubler, die bei der Fußball-WM 1974 in Westdeutschland das DDR-Team anfeuerten – versuchte er auch gleich, Doppelagent zu werden. Nach gerade mal zwei Jahren im Dienst. Stiller war noch immer nicht sonderlich politisch, was er wollte, war ein besseres, aufregenderes Leben.

In Gelsenkirchen wirft er damals in einem unbeobachteten Moment einen aufwendig präparierten Brief ein, adressiert ans Amtsgericht in Augsburg, zur Weiterleitung an den BND im ebenfalls bei München gelegenen Pullach. Damit er nicht sofort zurückverfolgt werden kann, gibt er als Absender eine Psychiatrie an. Das ist leider auch der Haken des Plans. Bei Gericht hält man Stiller für einen Verrückten, seine Post erreicht Pullach nie.

Werner Stillers Pläne scheitern zunächst


Stillers nächste Idee: Eine Westdeutsche mit Ostverwandtschaft vornehmlich als MfS-Agentin anwerben und über sie einen Draht zum BND aufbauen. Auch das scheitert.

Stiller ist zu dieser Zeit verheiratet, zum zweiten Mal. Seine Frau stammt aus Ungarn, deshalb spricht er schon damals Ungarisch. Die Ehe steckt in einer Krise. Stiller geht gern fremd, und obwohl er bereits Vater ist, hat er wenig Skrupel, seinen Übertritt in den Westen zu planen – ohne der Familie gegenüber Andeutungen zu machen. „Das war zu ihrer eigenen Sicherheit“, sagt Fischer heute. Außerdem hätte seine Frau, die an das System glaubte, ihn womöglich verraten.

Im Winter 1978 lernt er im verschneiten Oberhof eine Kellnerin kennen, „eine sehr attraktive“, wie er in seinem Buch schreibt. Helga, so heißt sie, mag die DDR nicht besonders, und sie hat einen Bruder in Westdeutschland. Wieder wittert Stiller seine Chance. Dieses Mal funktioniert es. Er beginnt eine Affäre mit Helga und dank ihrer Hilfe auch eine mit dem Bundesnachrichtendienst.

Die zaghafte Kontaktaufnahme des BND: ein Holzbrett, 20 mal 15 Zentimeter groß, deponiert im Plänterwald. Darin versteckt sind ein Begrüßungsschreiben sowie Briefe mit Westanschrift und DDR-Absender – auf diese soll Stiller mit Geheimtinte verschlüsselte Botschaften schreiben. Die Pullacher wiederum senden ihre Nachrichten per Funk, auf Frequenz 3,7 Megahertz.

Der Abwehr des MfS, die nicht nur den Funkverkehr abhört, sondern auch Briefe öffnet, bleiben diese Aktivitäten nicht verborgen. Auch, weil der BND haarsträubende Fehler begeht, als Stiller Stasi-Personalakten auf Microfiches Richtung Westen schicken soll. Das MfS kann den Verrat jedoch nicht ihm zuordnen. Gesucht wird nach den Unbekannten „Schakal“ und „Pirat“.


Bei der Vorbereitung der Flucht macht der BND – zumindest nach Peter Fischers Darstellung – erneut vieles falsch. So erhält Stiller damals einen gefälschten Pass, in dem seine Augenfarbe mit grau angegeben ist, obwohl seine Augen braun sind. Er beschließt, auf eigene Faust zu handeln.

Am Abend des 18. Januar 1979 fährt er nach Dienstschluss in die Stasi-Zentrale, lässt Akten mitgehen und vor allem Dienstaufträge für die Gepäckschleuse im Bahnhof Friedrichstraße. Diese Schleuse, etwa auf Höhe des heutigen Edekamarkts, ist ein Schleichweg in die andere Hälfte der Stadt, so dass Stasi-Leute unbemerkt Material für Agenten im Westen in Gepäckfächern deponieren können. Stiller kommt mit Glück durch, nimmt die U-Bahn und geht auf dem Flughafen Tegel zur Polizei.

„Es war knapp“, sagt er beim Treffen in Budapest. Zwei Tage mehr, und die Stasi hätte sie gehabt. Gefährtin Helga konnte schließlich über die bundesdeutsche Botschaft in Warschau entkommen. Bald nach der Zusammenkunft im Westen trennte sich Stiller von ihr.

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Der MfS-Ausweis von Werner Stiller.

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Der MfS-Ausweis von Werner Stiller.


Zurück in der DDR blieb seine Familie – und nicht nur die wurde durch die Flucht des Agenten zerrüttet. Tochter Edina Stiller, Jahrgang 1971, hat diese andere Perspektive auf ihren Vater, den Überläufer, vor ein paar Jahren in einem Buch dargelegt. Der Titel sagt eigentlich alles: „Verratene Kinder“. Ihre Ko-Autorin war Nicole Glocke, deren Vater im Westen für die Stasi spionierte, bei RWE: Er wurde durch Stiller enttarnt, kam ins Gefängnis. Beide Frauen haben sich Peter Fischer nach der Wende angenähert, beide waren anfangs eingenommen von ihm und kommen doch zu einem bitteren Fazit. Fischer erscheint bei ihnen als Spieler, der Zuneigung und Verantwortungsgefühl suggeriert, einen am Ende aber enttäuscht.

Er selbst sieht die Sache anders. Ein Verräter sei nicht er – „die Stasi-Leute sind es, die die Idee vom Sozialismus verraten haben.“ Und die Spione im Westen, die hätten ihr Schicksal selbst zu verantworten. Nur einen Vertreter der Stasi bewundert er: Markus Wolf, den er „absolut charismatisch“ nennt. Er war sogar auf Wolfs Beerdigung. Vor dessen Tod 2006 hat er ein paar Mal versucht, Kontakt zu seinem früheren Chef aufzunehmen, doch der erwiderte die Zuneigung nicht. Fischer glaubt, dass seine Flucht in mehrfacher Hinsicht ein Schock war für die Genossen: „Die verstanden nicht, dass jemand, der wie ich einen mustergültigen Lebenslauf besaß, der die FDJ durchlaufen hatte und in der Partei war, auf die andere Seite wechseln konnte.“ War man erstmal drin im MfS, hatte man viele Freiheiten.

Den BND hält Fischer bis heute für einen trägen und unfähigen Beamtenapparat. Auf die CIA aber lässt er nichts kommen. Das seien echte Profis, die durch psychologische Kriegsführung die Sowjetunion in die Knie gezwungen hätten. Die Aufregung über die NSA findet Fischer denn auch „total übertrieben“, „wo die Leute doch selber all ihre intimen Sachen ins Facebook stellen“.

Seine Jahre in den USA, im Rückblick sind es die schönsten. Erst das Wirtschaftsstudium in St. Louis, dann die Arbeit bei Goldman Sachs, die seinem Spielernaturell entgegenkam. Zwischenzeitlich hatte er ein Haus in Wimbledon und eines an der Côte d’Azur. Doch die Scheidung von seiner dritten Frau war kostspielig. Nach der Londoner Zeit folgte ein Neuanfang als Banker in Frankfurt, später besaß er Modeläden in Ungarn.

Heute führt Fischer ein bescheidenes Leben. Seine Wohnung in einer neu hochgezogenen Siedlung im Norden Budapests hat einen Balkon zur Donau hin, „550 Euro Miete zahle ich hier, für ungarische Verhältnisse ist das viel“. Über dem Esstisch hängen Zeichnungen, die seine derzeitige Freundin zeigen, „jung und schön“, sagt er. Im Schlaf- und Arbeitszimmer steht eine Menora im Regal, ein siebenarmiger jüdischer Leuchter.

Zu den wundersamen Wendungen im Leben des Peter Fischer gehört, dass er in den vergangenen Jahren das Alte Testament für sich entdeckt hat („ich lese jeden Tag darin“) und damit den jüdischen Glauben. „Ich habe derart viel Unwahrscheinliches erlebt, dass ich mir sage, da muss göttliche Fügung dahinter sein.“


Sucht er Halt? Edina Stiller vermutet in ihrem Buch, die Energie und Rastlosigkeit des Vaters dienten ihm dazu, „vor sich selbst zu fliehen“. Fischer sagt, er sei zwar ruhiger geworden, doch die „abenteuerliche Art“ liege eben in seiner Natur. Nach Deutschland will er nicht zurück, die Leute da seien so alt im Kopf. Budapest mag er, „aber mit den Ungarn habe ich Probleme“. Sein neuer Traum: „Afrika!“ Eine Schule gründen, Gutes tun.

Bevor die Fischsuppe im Restaurant an der Donau serviert wird, kommt der Kellner an den Tisch: Ob ihm, Fischer, das Auto draußen auf dem Bürgersteig gehöre? Er müsse es sofort wegfahren, sonst werde es abgeschleppt. Fischer findet schnell einen anderen Parkplatz, erneut im Halteverbot. Zurück im Lokal löffelt er hastig seine Suppe und zahlt. Wenn Krallen an die Räder angebracht werden, „das ist unangenehm“, sagt er beim Hinausgehen.
Mit schnellen Schritten nähert er sich dem BMW, blickt auf die Räder, sieht: nichts. Fischer ist der Kralle ein weiteres Mal entkommen. Er wirkt sehr erleichtert.

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