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Foto: Heiner Mueller-Elsner
Foto: Heiner Mueller-Elsner

Ensemble. 15 Türme und 24 Schornsteine stehen auf einer Seeinsel.

Drohnenfotografie So hat man Deutsche Burgen und Schlösser noch nie gesehen

Schwerin, 1848: Kleines Land, großes Schloss

Wenige Gebäude symbolisieren das fürstliche Deutschland des 19. Jahrhunderts so plastisch wie das Schweriner Schloss: Es steht für die Zersplitterung in kleinste Herrschaften, deren Regenten auf uralten Vorrechten beharren; sowie für eine ästhetische Orientierung an der Vormoderne. Und schließlich für den Hang zum Prunk – ob man ihn sich leisten kann oder nicht.

So mancher deutsche Fürst erfüllt sich im 19. Jahrhundert seinen Traum von einem Märchenschloss. Oft sind das übertriebene Projekte, zu groß und zu teuer für den Herrscher. Doch nur wenige Provinzregenten überfordern ihre Untertanen so wie Friedrich Franz II. von Mecklenburg-Schwerin.

Denn kaum ein Staat im Deutschen Bund ist 1842, als Friedrich Franz seine Regentschaft antritt, politisch und wirtschaftlich so rückschrittlich wie das Großherzogtum von Mecklenburg-Schwerin: Eine wirkliche Verfassung gibt es dort nicht, als Ersatz einer Volksvertretung fungiert der Landtag, ein Gremium aus Großgrundbesitzern und Abgesandten der Städte. Und die Ritter herrschen auf ihren Gütern noch wie im Mittelalter weitgehend unumschränkt, es gibt nur eine kümmerliche Industrie.

Friedrich Franz ist 19 und Student in Bonn, als er nach dem überraschenden Tod seines Vaters Großherzog wird. Eine seiner ersten Amtshandlungen: Der Fürst gibt Pläne für einen neuen Palast in Auftrag.

Foto: Heiner Müller-Elsner

Heiner Müller-Elsner mit seiner Drohne „Aibotix“.

Foto: Heiner Müller-Elsner

Heiner Müller-Elsner mit seiner Drohne „Aibotix“.

Ein erster Entwurf ist ihm offenbar nicht prächtig genug; auch ein zweites Konzept scheitert an seinen Ansprüchen. Ein dritter Plan, der sich an dem Renaissancebau von Chambord orientiert, dem prunkvollsten Loire-Schloss, findet schließlich sein Gefallen.

Erst 1857 wird das Anwesen mit den mehr als 600 Räumen eingeweiht – unter anderem hatte die Revolution von 1848 den Bau verzögert. Doch der Volksaufstand brachte nur kurz Unruhe in das politische Stillleben Mecklenburgs: Bereits 1850 wird die zwischenzeitlich zustande gekommene fortschrittliche Verfassung wieder kassiert und die ständische Ordnung erneut in Kraft gesetzt.

Foto: Heiner Mueller-Elsner

Täuschung. Tuffsteinmauern, Schieferdächer, Maßwerkfenster lassen den Bau älter wirken.

Foto: Heiner Mueller-Elsner

Täuschung. Tuffsteinmauern, Schieferdächer, Maßwerkfenster lassen den Bau älter wirken.

Dass heute das Landesparlament von Mecklenburg-Vorpommern im Schweriner Schloss tagt, erscheint da wie eine angemessene Nutzung der Residenz eines der letzten feudalistischen Fürsten Deutschlands.

Löwenburg, etwa 1800: Die Illusion von Mittelalter

Foto: Heiner Mueller-Elsner

Tradition. Die Silbermöbel im Rittersaal hat schon 1725 ein Welfenprinz in Auftrag gegeben.

Foto: Heiner Mueller-Elsner

Tradition. Die Silbermöbel im Rittersaal hat schon 1725 ein Welfenprinz in Auftrag gegeben.

Zinnenbekrönte Türme aus bröckelndem Tuffstein, Wohn- und Wirtschaftsgebäude sowie eine Kapelle umstehen den lang gestreckten Hof dieser Bastion oberhalb Kassels. Doch der Bau, der wirkt, als sei er über Jahrhunderte gewachsen und dann in Teilen verfallen, ist erst um 1800 so errichtet worden

Um diese Burg ist nie gekämpft worden. Von ihren Wachtürmen flogen niemals Pfeile auf Angreifer, warfen Verteidiger zu keiner Zeit Felsbrocken herab. Ihre mächtige Zugbrücke wurde nie in höchster Not heraufgekurbelt, und ihre Mauern mussten nie Rammböcken und eisernen Kanonenkugeln standhalten. Sie hätten es auch nicht gekonnt.

Denn die Löwenburg zu Kassel, die von außen wie ein schlachtenerprobtes Bollwerk wirkt, ist in Wirklichkeit recht fragil. Ihre Mauern wurden bereits schadhaft errichtet, absichtlich mit Rissen und Lücken versehen. Ihre Türme, scheinbar eingebrochen, wurden bewusst niemals vollendet. Und den örtlichen Tuffstein haben ihre Erbauer gewählt, weil er rasch verwittert, unter Regen und Wind zu bröseln beginnt und schnell alt aussieht.

Kurz: Die Löwenburg ist die Imitation einer jahrhundertealten Wehranlage. Sie wird ab 1793 als Ruine errichtet. Denn Graf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel (1743–1821) begeistert sich derart fürs Mittelalter, dass er seinen Architekten anweist, einen Bau zu schaffen, der gezeichnet scheint durch Kämpfe und den Verlauf der Zeit.

Im Inneren aber will Wilhelm auf keinen Komfort verzichten, lässt aus Schlössern und Kirchen seiner Grafschaft Möbel, Gemälde und Schmuckfenster zur Einrichtung seines neuen Domizils heranschaffen, versieht manche der mehr als 100 Räume mit fein verzierten Ledertapeten. Seine Lieblingsmätresse, mit der er sechs überlebende Kinder hat, bekommt einen eigenen Trakt.

Nach seinem Tod 1821 wird Wilhelm in einem marmornen Sarkophag in der Gruft der Burgkirche bestattet.

Gut 120 Jahre später treffen im Weltkrieg Bomben der Alliierten das Schloss, zerstören ihren Bergfried. Derzeit lässt die hessische Landesregierung den Turm renovieren: um die Ruine wieder in ihren ursprünglichen – unfertigen – Zustand zu versetzen.

Foto: Heiner Mueller-Elsner

Wachschutz. Vier berüstete Ritter aus Stein halten vom Dach Ausschau in jede Himmelsrichtung.

Foto: Heiner Mueller-Elsner

Wachschutz. Vier berüstete Ritter aus Stein halten vom Dach Ausschau in jede Himmelsrichtung.

Marienburg, 1867: Residenz der vertriebenen Welfen

Es war einmal ein blinder König, der schenkte seiner Frau einen Berg, auf dass sie dort ein Schloss für sich errichten möge. Sie war überglücklich. Doch noch ehe der Bau vollendet war, verlor der Monarch seinen Thron, sein Gold und sein Land. Die treue Gemahlin aber folgte ihm in die Fremde – und sah ihren geliebten Palast nie wieder.

Die Marienburg, die sich 20 Kilometer südlich von Hannover über dem Leinetal erhebt, wirkt mit ihren Erkern und Türmchen nicht nur wie ein Märchenschloss, sie birgt auch eine märchenhafte Geschichte.

Der blinde Monarch ist Georg V., der das Königreich Hannover ab 1851 regiert. Er ist ein Welfe, Spross des ältesten Fürstengeschlechts in Europa und Verwandter des britischen Königshauses. Das Augenlicht hat er durch eine Krankheit sowie einen Unfall schon als Kind verloren.

1857 schenkt er seiner Frau zum Geburtstag den Schulenburger Berg. In den Jahren darauf entsteht dort im neogotischen Stil die nach der Königin benannte Marienburg, die mit ihren gestaffelten Türmen und Vorbauten wie eine Festung wirkt. Im Inneren aber liegen 140 prunkvolle Räume und Säle.

Georg ist rückwärtsgewandt, doch den Umbrüchen seiner Zeit kann auch er sich nicht entziehen: Als Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck die deutsche Einigung mit Waffengewalt vorantreibt, muss sich der Welfe 1866 zwischen Österreich und Preußen entscheiden. Er schlägt sich auf die Seite der Habsburger. Ein Fehler. Im Juni 1866 kapituliert seine Armee vor den Preußen, Georg flieht nach Wien.

Seine Frau bleibt in der Marienburg zurück – als Zeichen des Widerstands. Die Preußen annektieren Hannover, beschlagnahmen das königliche Vermögen. Bald darauf geht auch Marie ins Exil. Ihr Schloss bleibt 80 Jahre lang unberührt. Erst 1945 bezieht es einer ihrer Enkel.

Heute ist es ein Museum. In den Gemächern der Königin hängt ihr Abreißkalender. Das oberste Blatt zeigt noch immer jenen Tag, an dem sie die Marienburg verließ: Dienstag, 23. Juli 1867.

Muskau, 1870: Im Park des Fürsten Pückler

Foto: Heiner Mueller-Elsner

Gründerzeit. Wie die Front einer Ritterburg mutet die Fassade des hellen Herrenhauses an.

Foto: Heiner Mueller-Elsner

Gründerzeit. Wie die Front einer Ritterburg mutet die Fassade des hellen Herrenhauses an.

Filigrane Figuren zieren das um 1870 im Stil der Neorenaissance vollendete Neue Schloss von Bad Muskau. Der Prachtbau steht im Zentrum eines einzigartigen Kunstwerks: des gewaltigen Landschaftsparks, erschaffen von einem der schillerndsten deutschen Adeligen seiner Zeit.

Jeder Baum, jeder Strauch, jede Wiese und jeder Wasserlauf der Umgebung bezieht sich auf das Schloss in der Mitte des Parks. Denn die vermeintlich natürliche Landschaft ist ein Gesamtkunstwerk von Menschenhand.

1815 beginnt Hermann von Pückler-Muskau den Bau der heute 830 Hektar großen Grünanlage auf seinem Familienbesitz an der Neiße und lässt dafür ein ganzes Dorf versetzen, Gräben zuschütten, Seen ausheben. Pückler – ein Abenteurer und Exzentriker – will einen ausgedehnten Landschaftspark nach englischem Vorbild schaffen. Denn der höchste Grad der Gartenkunst sei nur da erreicht, schreibt er, „wo sie wieder freie Natur, jedoch in ihrer edelsten Form zu sein scheint“.

Der preußische Architekt Karl Friedrich Schinkel liefert die Pläne für die Umgestaltung eines in Muskau bereits stehenden Palastes zu einem Alten und einem Neuen Schloss. Als Pückler nach elf Jahren Bauzeit das Geld auszugehen droht, lässt er sich mit Zustimmung seiner Gemahlin scheiden, um eine noch vermögendere Frau zu suchen.

Aber es hilft alles nichts. 1845 muss der Fürst Schlösser und Park verkaufen. Später wird das Gebäudeensemble von Friedrich Prinz der Niederlande, dem neuen Besitzer, im aufwendigen Stil der Neorenaissance vollendet.

Heute erstrahlt das restaurierte Neue Schloss zwar rot statt einst ockergelb, doch die Wechselwirkung mit dem Park, der immer wieder durch sich überraschend öffnende Sichtachsen den Blick auf die Gebäude lenkt, wird dadurch nicht eingeschränkt.

2004 sind der Park und die Schlösser als „außergewöhnliches Beispiel eines europäischen Landschaftsparks und einer künstlerischen Ideallandschaft“ von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt worden.

Ralswiek, 1896: Stolz einer neuen Elite

Das Großbürgertum des deutschen Kaiserreichs, in der Zeit der Industrialisierung zu Reichtum gekommen, sehnt sich nach dem sozialen Nimbus der Aristokratie. Und kein Statussymbol verleiht mehr feudales Prestige als ein Schloss. Daher lässt sich der frisch geadelte Unternehmer Hugo Douglas ein Herrenhaus errichten, das die Paläste an der Loire nachahmt.

Hugo Sholto Oskar Georg Douglas ist ein typischer Vertreter jener neuen Elite, die das 1871 gegründete Deutsche Kaiserreich dominiert: ein Industrieller, reich geworden durch Braunkohlegruben und Kalisalzbergwerke. Dazu ist er ein konservativer Politiker sowie Freund und Bewunderer Wilhelms II., Nachfahre schottischer Einwanderer und 1888 in den Grafenstand erhoben. Zu dem frisch erworbenen Adelstitel soll natürlich auch ein Schloss gehören. Das lässt sich Douglas an eine der schönsten Stellen der Insel Rügen erbauen: auf eine Anhöhe über einer Bucht des Großen Jasmunder Boddens.

Im Mittelalter hat ein Räuberclan von diesem Ort aus angeblich Beutezüge unternommen. Nun lässt der Graf hier zwischen 1893 und 1896 ein zweigeschossiges Herrenhaus errichten, eine „verspätete Ritterburg“, wie ein Kunsthistoriker spottet, mit dicken Mauern, hohen Fenstern und Räumen, von Türmen bewehrt. Ab 1912 übernimmt einer der berühmtesten Architekten der Zeit die Umgestaltung der Innenräume: der Jugendstil-Baumeister Henry van de Velde. Der Belgier entwirft Eingangshalle, Haupttreppe sowie den Salon und kümmert sich auch um Details wie Wandleuchten und Türgriffe.

Bis 1945 bleibt das Schloss im Besitz der Familie Douglas. Dann wird es, wie alle Herrenhäuser in Ostdeutschland, von den sowjetischen Besatzern enteignet. Die meisten Prachtbauten im Land verfallen nach und nach, weil niemand sich um ihren Erhalt kümmert oder ihre Mauern als Baumaterial für Bauernhöfe ausgeschlachtet werden.

Schloss Ralswiek entgeht der totalen Zerstörung; es wird nach der Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone erst als Vertriebenenunterkunft und später als Altersheim genutzt. Nach umfassender Renovierung ist es nun: ein Hotel.

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