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Foto: Bernhard Freutel
Foto: Bernhard Freutel

Der Erich Honecker an der Wand stammt aus der DDR. Die Uhr darüber ist allerdings "Made in West-Germany".

Escape Rooms Flucht aus Berlin: 60 Minuten im Jagdfieber

Die Tür fällt ins Schloss. Nun gilt es, in 60 Minuten muss man hier raus sein. Aus der DDR der 80er Jahre in Gestalt eines Wohnzimmers, komplett, mit Schrankwand, Röhrenfernseher und Honecker an der Wand. Im Radio schimpft Nina Hagen ihren Micha: „Du hast den Farbfilm vergessen“, aber bevor es richtig losgeht, hat Bernhard Freutel, stämmig und mit langen Haaren, erst mal etwas am Ambiente zu kritisieren: „Ich kenne keinen, der damals Honecker im Wohnzimmer hängen hatte“, sagt er. Er sollte es wissen, hat er doch die ersten 30 seiner inzwischen 60 Lebensjahre im ostdeutschen Staat verbracht. Einige davon in Haft.

Jetzt spielt er Ausbruch. Freutel ist zu Gast bei „The Room“ in der Lichtenberger Ruschestraße. Der Veranstalter von Live-Escape-Spielen hat drei Räume im Keller eines ehemaligen Werks für Fleisch- und Wurstwaren gestaltet. Gleich nebenan residierte einst das Ministerium für Staatssicherheit.

Bei Live-Escape handelt es sich um eine Art Schnitzeljagd in geschlossenen Räumen. Es geht meistens ums Ausbrechen. Zwei bis sechs Mitspieler sollen den Weg aus einem verschlossenen Zimmer finden, durch Knobeln, geduldiges Suchen und das Aufdecken geheimer Zahlencodes – und zwar bevor ihre Zeit abgelaufen ist. Die Spiele boomen seit vier, fünf Jahren. Inzwischen gibt es in Berlin fast zwei Dutzend Anbieter.

Sich in Gefahr fühlen, ohne in Gefahr zu sein

Die Settings ähneln sich naturgemäß alle ein bisschen: Aliens, Krimis, verrückte Wissenschaftler. So viele Szenarien, die einen Ausbrecher herausfordern, gibt es nun einmal nicht. Finstere Verliese sind typisch. Und die wenigsten Spiele kommen ohne Verbrechen aus, je schauriger, desto besser. Ein Anbieter bemüht sich gerade, eine Art psychiatrische Anstalt in Szene zu setzen.

Umso überraschender, dass sich lediglich drei Berliner Firmen ausdrücklich am Thema DDR versuchen, dem größten verschlossenen Raum der deutschen Geschichte. Wer daraus ausbrechen wollte, begab sich in tödliche Gefahr. Weit mehr als 100 DDR-Bürger starben allein an der Berliner Mauer.

Vielleicht liegt darin der Reiz der Spiele. Sich in Gefahr fühlen, ohne in Gefahr zu sein. Obwohl: Bei „Make a break“, einem anderen Escape-Game-Anbieter in Friedrichshain, wird erzählt, es seien schon Leute den Tränen nahe gewesen, nachdem sie der Ausflug in die DDR mit ihrer eigenen düsteren Vergangenheit konfrontiert hatte.

Die Möbel sind vom Flohmarkt

Und Freutel? „Arbeitsscheu“, lautete der Vorwurf, der den Fotografen in jungen Jahren in Konflikt mit der DDR-Justiz brachte. Eine Anklage, die sich schnell einfing, wer den für ihn vorgezeichneten Weg verließ. Sein Ausreiseantrag und sein Engagement in der heute legendären Umweltbibliothek trugen ebenfalls nicht dazu bei, dass die Behörden sich mit ihm versöhnen mochten. Auch nicht, nachdem er den Antrag zurückzog. 1988, nach dem Auftritt Oppositioneller auf der staatlich verordneten Rosa-Luxemburg-Demo, dachte Freutel plötzlich, da geht was, dieser Staat wird nicht für alle Zeit der gleiche bleiben.

Bei seinem heutigen Ausbruchsversuch beschäftigt er sich jedoch erst mal weniger mit seiner Vergangenheit, sondern mit den Möbeln. Lobt den Sessel mit den Holzbeinen als ihm noch gut bekannt, kritisiert die Uhr als „Made in West-Germany“ und auch die Eierbecher entstammen nicht einem Volkseigenen Betrieb, ist er sich sicher. Später bietet er dem Veranstalter an, ihm ein paar passende zu besorgen. „Ich hab da noch welche.“

Chris Lattner, einer der Macher von „The Room“, inszenierte „Go West“ 2014 mit seinen Kompagnons. Das Interieur haben sie auf Flohmärkten zusammengesucht, mit erkennbarer Liebe zum Detail, mit Pittiplatsch und Sandmännchen, allerdings ohne Anspruch, die DDR-Wirklichkeit authentisch abzubilden.

Foto: Bernhard Freutel

Auch wer im Westen aufgewachsen ist, wird bei "Go West" dank Rambo und Knight Rider mit seiner Vergangenheit konfrontiert.

Foto: Bernhard Freutel

Auch wer im Westen aufgewachsen ist, wird bei "Go West" dank Rambo und Knight Rider mit seiner Vergangenheit konfrontiert.

„Das ist so, wie wir uns als Wessis die DDR vorgestellt haben“, sagt Lattner. Und vielleicht ist Freutel deshalb auch eher amüsiert als eingeschüchtert, als er auf allen Vieren durch einen Tunnel kriecht und schließlich den Durchbruch in ein West-Kinderzimmer schafft, komplett mit Bravo-Postern, dem Star-Wars-Sternenzerstörer auf dem Schrank und dem Amiga-Computer auf dem Jugendschreibtisch.

Anders als an der echten Mauer gelingt bei „The Room“ rund 80 Prozent der bis dato 75 000 Besucher die Flucht in den Westen. Nach etwa 50 Minuten darf Freutel sich dazuzählen. An seiner DDR-Erfahrung liegt das aber nicht. Nur einmal zahlt sich aus, dass er ein Stück Metall sofort als Schlüssel identifiziert, während die im Westen groß gewordenen Mitglieder seines Teams noch versuchen, mit der eingestanzten Nummer ein Zahlenschloss zu öffnen.

Wenn „The Room“ an „Sonnenallee“ erinnert, dann führt „Prison Break“ beim Veranstalter Final Escape in der Prenzlauer Allee ins „Leben der Anderen“. Etwas beklommen schaut Freutel sich um: Die schwere Stahltür, die sich gerade geschlossen hat, und die grüne Ölfarbe wecken ungute Erinnerungen. Auch die dreckige Pritsche. „Im Knast wurde die tagsüber immer hochgezogen, damit man sich nicht hinlegen konnte“, erzählt er.

Die Haft hat ihre Spuren hinterlassen

Freutel selbst saß unter anderem in der Haftanstalt Rummelsburg, manchmal mit 27 weiteren Dissidenten in einer Zelle. Das war deutlich weniger düster als in jenen klaustrophobischen Kammern, aus denen es jetzt wieder gilt, binnen 60 Minuten einen Weg in die Freiheit zu finden. Ihre Spuren hat die Haft trotzdem hinterlassen. Seit er im Knast war, lässt er zu Hause immer Fenster und Türen offen, sagt Freutel nun doch ein wenig nervös. Also lieber schnell anfangen, umso rascher ist man raus.

Dass Leute diesen Nervenkitzel suchen, versteht Freutel, der Führungen durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen geleitet hat, dennoch. „Es ist ja durchaus eine Möglichkeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen“, sagt er, nach einmal mehr erfolgreich simulierter Republikflucht. Vielleicht kann man sich nachher besser in diesen Aspekt der DDR-Geschichte einfühlen, weil einen die Erfahrung berührt hat.

Und tatsächlich gehen die Spiele nicht spurlos an Freutel vorüber, wie sich bei „Make a break“ in Friedrichshain zeigt. Wenn auch nicht so wie gedacht.

Schneller! Die Uhr läuft!

Das DDR-Szenario „Tear down this wall“ in der Müggelstraße ist etwas anders gestaltet. Statt Ausbrecher mimen die Spieler Agenten, deren Auftrag es ist, in den Westen zu gelangen, um dort mit einem Funkspruch und ihrem erbeuteten Wissen den Mauerfall auszulösen. Wer an „Der Spion, der aus der Kälte kam“ denkt, liegt nicht ganz falsch. Es geht um Aktenkoffer, Morsezeichen, Walkie-Talkies – und gut im Kopfrechnen sollte man auch sein.

Foto: Bernhard Freutel

In der Hektik, die bei den Spielen entsteht, vergisst so mancher, dass er mit Kriegsdienst früher wenig anfangen konnte.

Foto: Bernhard Freutel

In der Hektik, die bei den Spielen entsteht, vergisst so mancher, dass er mit Kriegsdienst früher wenig anfangen konnte.

An dem rumpligen Charme der Altbauwohnung, in der der Raum untergebracht ist, stört sich Freutel nicht. Eher an der unwahrscheinlichen Story. „Dass da ein Wachmann direkt vor der Mauer schläft, so ein Quatsch“, sagt er, während er dessen Taschen auf der Suche nach Hinweisen durchsucht. Der Dopaminausstoß, der jedes erfolgreich gelöste Rätsel begleitet, entfacht trotzdem zuverlässig sein Jagdfieber. Schneller! Die Uhr läuft! Als sich der Zugang zum Keller auftut, stürmt er voran und entsperrt im Alleingang eine Waffenkammer mit einem beim Wachmann gefundenen Code.

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Am Ende mag er, der in der DDR seinen Wehrdienst nur widerwillig leistete, sich gar nicht mehr von der gefundenen Kalaschnikow trennen.

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