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Felsenfest. Als Kind kletterte unsere Autorin (vorne) problem- und furchtlos über glitschige Felsen im Maggiatal.

Ferien der Kindheit Camping im Tessin

Die Ohren erinnern sich gut. Das leise Schlagen der Wellen, der Wind in den Pappeln, das erste Motorboot am frühen Morgen, das ferne Rauschen der Autostrada und ab und zu kreischte eine Möwe. Die Fußsohlen erinnern sich auch. Das Gras stand hoch, der Sand reichte für die eine oder andere Burg, vor allem lag der Strand voller Kiesel. Die kleinen Steine vom Lago Maggiore sind immer noch da, der Sand darunter ist glibschig. Vorsichtig stakse ich in den See und werfe mich schnell hinein. Die pieksigen Algen gab es damals noch nicht.

Keine Sorge, sagt Gianfranco Patelli, il lago è pulito, die Tessiner Seen sind sauber, es ist nur ein heißer Sommer gewesen, der Lago steht tief wie lange nicht mehr. Die Rutschbahn am Sprunggerüst endet zwei Meter über dem Wasser. Gianfranco Patelli ist der Boss des Campingplatzes, sein Sohn der Vize-Direktor in Tenero-Brere nicht weit von Locarno, dem größten Campeggio-Gebiet des Tessin. Es sind hier alles Familienunternehmen, seit Generationen. Der Chef empfängt mich mit weißem Brusthaar unter dem offenen, azurblauen Hemd, er zeigt Fotos vom Anfang, dem wilden Zelten neben dem Kieswerk an der Verzasca-Mündung, als sein Großvater auf die Idee mit dem Campingplatz kam. Campofelice war 1955 der erste hier an der Nordspitze des Lago, zwei Jahre später zog der Lido Mappo nach.

Wir paddelten gern nach Locarno hinüber

Auf dem Lido Mappo waren wir öfter, einige Sommer Anfang der 70er Jahre. Vater, Mutter, drei Kinder, Wohnwagen, Zelt, Waffeleisen, Plastikgeschirr und Schlauchboot. Später war es ein Kanu. Mit den Jahren hatten wir uns in die erste Reihe am Wassersaum vorgearbeitet. Morgens noch schlaftrunken rein in den Badeanzug und raus aus dem Zelt ins Wasser, um dann mit noch tropfnassem Haar die Brötchen an der Rezeption abzuholen, es war der Inbegriff von Ferien.

Von den Bergen rund um den Lago konnte man von Weitem das Wetter kommen sehen. Weiße Kumuluswolken aus der Lugano-Gegend, graue Ungetüme aus dem Maggiatal, einmal rollte ein Kugelblitz über den Monte Tamaro. Wir Kinder paddelten gern nach Locarno hinüber, eine gute Stunde dauerte das, mindestens. Das Kunststück bestand darin, das T-Shirt für den kurzen Weg in die Altstadt und die Münzen fürs Eis bei der Überfahrt davor zu bewahren, ins Wasser zu plumpsen.

Die Peitz’sche Ferienplanung folgte am Lido Mappo einem verlässlichen, Eltern-Kind-gerechten Takt: ein Tag Freispiel, ein Tag Programm. An den Frei-Tagen paddelten wir oder bauten besagte Sandburgen mit den Kids der netten Holländer nebenan, übten Radschlagen und spielten Karten bis spät in die Nacht. An den Programmtagen pikste der Vater einen Zettel mit Tourenvorschlägen an den Baum.

Nirgendwo sonst ist die Schweiz so mediterran

Der Campingplatz stand voller Bäume. Mit den Jahrzehnten sind die Eichen, die Pappeln, die Birken ins Riesenhafte gewachsen; der Lido sieht immer noch herrlich zerzaust aus. Da, die Küchenhäuschen mit den Alu-Spülbecken, exakt wie früher. Den Abwaschdienst verkürzten wir mit Blödeleien. Im Schatten des Blattwerks dösen die Enten, ein Schwan putzt sich und steigt aus dem Wasser. Die Luft riecht nach Süden, nirgendwo sonst ist die Schweiz so mediterran.

Der Familienrat stimmte ab, ob es heute eine Wanderung, eine Talfahrt oder eine Besichtigung sein sollte. Wir Kinder waren meistens fürs Tal. Im Vallemaggia und im Valle Verzasca gibt es nicht nur romanische Kirchen, sondern auch die berühmten Bergbäche mit den Natur-Badewannen und rund geschliffenen Wackersteinen. Granit und Kalkschiefer, die Eltern sonnten sich auf den Felsen, wir kraxelten. Wieder erinnern sich die Füße: an das eiskalte, glasklare Wasser, an die Fische, die einem ums Sprunggelenk wedelten.

Man steigt nicht zwei Mal in denselben Fluss. Aber ja, der Wasserfall ist noch da. Mir ist ein wenig bang, ob ich ihn finde, nicht dass ich auch nur den Namen erinnern würde – Cascata del Salto. Aber es ist ganz einfach, der Pfad zum Seitenflüsschen beginnt gleich neben dem imposanten, hundertstufigen Treppenaufgang zur barocken Pfarrkirche von Maggia. Bang ist mir auch, ob ich 45 Jahre später noch immer mit bloßen Füßen über die glitschige Felswand zum Tosbecken mitten in den Sprühregen klettern kann. Kein Problem, die Gemeinde hat einen befestigten, teils abgetreppten Weg angelegt. Unser Refugium, unser Geheimort, wäre für die Eltern heute mühelos erreichbar.

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Bei der Rückkehr war ihr bang beim Gedanken an den rutschigen Grund. Aber es gibt jetzt einen bequemen Pfad.

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Bei der Rückkehr war ihr bang beim Gedanken an den rutschigen Grund. Aber es gibt jetzt einen bequemen Pfad.

Hier saßen wir, blinzelten in die Kaskaden und malten uns die Zukunft aus. Ob wir Kinder haben, welcher Arbeit wir nachgehen würden und was das Glück für uns sein würde. Ungeschützte Gedanken auf rutschigem Grund. An den Urlaubsort der Kindheit reisen, das bedeutet auch zu gucken, ob die Zukunft von damals der Gegenwart standhält.

Das Glück? Eine zerstiebende Gischt, mit Myriaden von hauchfeinen Tropfen. Die Sonne versteckt sich über dem Grat, man verrenkt sich den Kopf.

Die Mutter liebte es, in den Bächen zu schwimmen. Sie lachte uns aus, wenn wir fröstelten, zog seelenruhig ihre Bahnen, so, dass die Frisur keinen Schaden nimmt. Im Verzasca-Tal klappte das am besten, in Lavertezzo unter der doppelbögigen Steinbrücke, wo der Bach die tiefsten Becken gegraben hat. Ein verschlafener, verwunschener Ort. Erst ging es am Stausee entlang durch Tunnel, kaum dass man dort jemanden traf. Pierce Brosnan war noch nicht von dem 220 Meter hohen Staudamm gesprungen, er sollte als einer der besten Action-Stunts in die Geschichte des Kinos eingehen. Heute stauen sich hier die Autos. Wer will, kann selber Bond spielen und den „Goldeneye“-Bungee-Jump riskieren, für 255 Franken.

Die Malediven von Mailand

Lieber schnell weiter, nach Lavertezzo, oh je, dort ist es noch voller. Dutzende Touristen hocken auf den Felsen und feuern die Jungs an, die im Sekundentakt von der Brücke springen. Auf der Dorfstraße läuft ein Mädchen im Stringtanga, alles wegen Marco Capedri. Im Juli 2017 hatte der italienische Blogger ein 70-Sekunden-Video online gestellt, unter dem Titel „Die Malediven von Mailand“, mit sexy Girls und Boys im Kristallwasser der Verzasca, nur eine Autostunde von Milano entfernt. Drei Millionen Klicks, seitdem ist die Ruhe dahin.

Der Vater lockte uns mit den Bergbächen, weil er gern Kirchen guckte. Er war Weltmeister im Besorgen der Schlüssel, beim Pfarrer oder im Dorfladen. Er fertigte Skizzen von den Campaniles, vom pittoresken Gemäuer, das konnte dauern. Zum Zeitvertreib versuchten wir ebenfalls zu zeichnen, naja, es wurde eher Krikelkrakel daraus.

Kaum zu glauben, auch heute noch eilt eine kleine alte Donna am Stock herbei, um mir die Kapelle Santa Maria delle Grazie an der Ortseinfahrt von Maggia aufzuschließen. Die Renaissancefresken, die schönsten im Tessin, waren schwarz vom Zahn der Zeit. Jetzt strahlen die Bilder von der Krönung Mariens in der Apsis und der Anna-Legende in hellen Farben, auch das letzte Abendmahl mit den Flusskrebsen auf dem Tisch.

Früher kamen mehr Leute, sagt sie. Weil der Franken so teuer ist, bleiben die Deutschen aus, die seien von allen Touristen die kulturbeflissensten. Sie erzählt, wie vor Jahren die Lastwagen voller Kies über die nahe Hauptstraße nach oben ins Tal donnerten, für die Staubecken gegen Überschwemmungen. Es kam zu gefährlichen Rissen, die Wasserwerke zahlten die Restaurierung. Ein Taschengeld für die, freut sich die Signora. Sie zeigt mir noch die Votivgemälde eines Dorfmalers, das Mädchen, das am Felsen hängt, um ein Zicklein zu retten. Und die im Meeressturm von der Schutzmantelmadonna behüteten Australienfahrer. Aus Maggia sind viele weggegangen, das ganze verarmte Tessin war ein Auswandererland.

Gäste wollen heute Komfort und Animation

In den 70ern tummelten sich auch auf den Campingplätzen am Lago Maggiore vor allem Deutsche und Holländer. Heute sind es zu zwei Dritteln Schweizer. Der nahe Gotthard spült aber nach wie vor Nordmenschen in die sonnige italienische Schweiz. Camper sind treue Seelen, Familien kommen bis in die dritte Generation. Nur dass alles größer und schicker geworden ist, die Plätze, die Wohnmobile, die Hüpfburg im Wasser. Campofelice verfügt jetzt über eine eigene Marina, Bars, Restaurants, einen Friseur und ein Hotel. Das gab es damals schon, in den oberen Stockwerken eines der beiden Hochhäuser hier, Bausünden aus den 60ern. Der Blick über den See ist unfassbar schön, und wer die Seilbahn (von Mario Botta!) und den Sessellift von Orsellina bis hinauf nach Cimetta nimmt, erträgt die beiden Torre auch. Aus 1700 Meter Höhe schrumpfen sie zu zwei Streichholzschachteln.

Bis zu 2800 Menschen leben in der Hochsaison auf Campofelice. Früher, sagt Gianfranco Patelli, sah man die Gäste beim Ein- und dann wieder beim Auschecken. Heute brauchen sie einen ständig, wollen Komfort und Animation, vom Kinderzirkus bis zum Yoga. Man kann auch geräumige Holziglus und Bungalows mieten, mit Klimaanlage und Spülmaschine. Glamping heißt das.

Der Inbegriff des Mondänen an der Strandpromenade war für uns Kinder das Hotel Reber. Vom Gummiboot aus sahen wir fein angezogene, Cocktail trinkende Menschen auf der Terrasse und träumten davon, eines Tages auch dort zu sitzen. Als ich viele Jahre später auf der Terrasse Daniel Schmid über die 68er-Zeit interviewte und ihm den Kindertraum verriet, freute er sich. Der Schweizer Filmemacher war selber Hotelsohn, einer aus den Bergen.

Daniel Schmid ist gestorben, das Reber wurde abgerissen. Aber die Fallschirmspringer hinter dem Naturschutzgebiet des Magadino-Schwemmlands schweben immer noch am Nachmittag vom Himmel herunter, nur sind es jetzt Paraglider. Was bleibt, was geht. Vom historischen Kieswerk ist der Turm weiter da, bunt bemalt als Teil des Entertainment-Pavillons. Und abends funkeln die Lichter rund um den See, ein Tanz der Geister, eine vibrierende Welt.

Als ich zu Hause den Koffer auspacke, hängt eine Schwanenflaumfeder an der Sandale.

Hinkommen

Ryanair und Easyjet fliegen von Berlin nach Mailand. Von dort höchstens zwei Stunden per Auto Richtung Norden über die Schweizer Grenze. Man kann auch über Zürich anreisen und mit Bahn oder Auto durch den Gotthard. Mit dem Zug ab Berlin etwa elf Stunden Fahrt. Tickets ab 89 Euro.

Unterkommen

Campingplatz Campofelice, Plätze in der Hauptsaison ab 56 Euro pro Nacht: campofelice.ch.

Oder Lido Mappo, ebenfalls 56 Euro pro Nacht: lidomappo.ch

Rumkommen

Mehr Infos zur Region unter myswitzerland.com.

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