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Foto: culture-images/foticon
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Philippe Pétain, Kopf des Vichy-Regimes, war im Schloss Sigmaringen untergebracht.

Französische Nazi-Kollaborateure Als die Vichy-Regierung in Schwaben residierte

Ende 1944 erlebt Sigmaringen ein paar relativ unbeschwerte Tage. Am Heiligen Abend findet im Lichtspieltheater der oberschwäbischen Kleinstadt, 40 Kilometer nördlich des Bodensees gelegen, eine große Weihnachtsfeier mit hochkarätigen Gästen statt. Organisiert hat sie das „Comité Artistique et Littéraire“. Ab 21 Uhr sind auf der Bühne die Pianistin Lucienne Delforge zu sehen und der Schauspieler Robert Le Vigan, ein Star des französischen Kinos. Auch der junge René Arrieu tritt auf, nach dem Krieg wird er als Komiker in unzähligen Filmen, Fernsehspielen und Theaterstücken reüssieren. Im Anschluss ziehen die Menschen zur Stadtpfarrkirche, wo um Mitternacht ein französischer Priester die Messe zelebriert.

Es ist ein kalter, unbarmherziger Winter. Doch die etwa 2000 Franzosen von Sigmaringen, das damals insgesamt 10 000 Einwohner zählt, spüren wieder ein wenig Zuversicht. Ihre Hoffnungen ruhen auf Nazi-Deutschland und auf der Ardennenoffensive, die gerade begonnen hat; diese wird in die Geschichte eingehen als das letzte große Aufbäumen der Wehrmacht an der Westfront. Vielleicht, so spekulieren manche in diesen Tagen, kann man doch noch in die Heimat zurückkehren. Nicht gedemütigt und in Gefangenschaft, sondern als Sieger.

Die französische Gemeinde am Rande der Schwäbischen Alb, sie besteht aus dem harten Kern all jener, die nach der militärischen Niederlage 1940 mit den Nazis zusammengearbeitet haben. Manche von ihnen sind Konservative, manche Faschisten. Vier Jahre hatte das Regime der Kollaborateure – von den meisten Staaten, selbst den USA, lange als Frankreichs legitime Regierung anerkannt – seinen Sitz im Kurbad Vichy in der Auvergne. Seit September ist es nun in der deutschen Provinz gestrandet. Die Alliierten haben Frankreich inzwischen eingenommen und die Macht an General Charles de Gaulle und seine Gefolgsleute übergeben. De Gaulle, 1940 ins britische Exil gegangen, repräsentiert den widerständigen Teil des Landes; nach seiner Rückkehr hat er sich in Paris mit einem Triumphzug feiern lassen. Derweil ist Sigmaringen zu einer Art französischer Gegen-Haupstadt geworden – in der die Deutschen die Fäden ziehen.

Abgelegen und überschaubar, wie das Städtchen ist, können die Nazis die Franzosen hier gut überwachen. Weil es kaum Industrie gibt, bleiben alliierte Luftangriffe aus. Außerdem besitzt Sigmaringen in seiner Mitte ein Hohenzollern-Schloss, das einen repräsentativen Regierungssitz abgibt. Es wurde für exterritorial erklärt, dort residieren nun Präsident Philippe Pétain, der greise Kopf des Vichy-Regimes, und Pierre Laval, bisher Premier. Montags bis samstags wird um 9 Uhr, sonntags um 10 Uhr die Trikolore gehisst. Französische Milizsoldaten in blauen Uniformen halten Wache vor dem imposanten, jahrhundertealten Gebäude, das auf einem Kalkfelsen über der Donau thront. Viele der Franzosen sind in beschlagnahmten Hotels und als Untermieter bei Sigmaringer Bürgern einquartiert.

Foto: AFP

Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline beschreibt seine Sigmaringer Zeit in "Von einem Schloss zum andern".

Foto: AFP

Schriftsteller Louis-Ferdinand Céline beschreibt seine Sigmaringer Zeit in "Von einem Schloss zum andern".

Die Regierung führt jetzt Fernand de Brinon, ein Vertrauensmann der Nazis. Die Achsenmächte – Italien, Japan, sogar Deutschland – haben Botschaften in Sigmaringen eingerichtet. Der japanische Gesandte Mitani, ein gläubiger Katholik, besucht regelmäßig die Messe. Im Hotel Deutsches Haus finden französische Vorträge und Veranstaltungen statt, am 27. Januar 1945 wird zum Beispiel zu französischen Matrosenliedern geladen. Seit Oktober erscheint vor Ort die Zeitung „La France“. Und ein Radioprogramm, das auch hier produziert wird, ruft die Menschen in Frankreich zum Widerstand gegen de Gaulle auf. Der Sender heißt „Ici la France“, hier ist Frankreich.

70 Jahre später erinnert im beschaulichen Sigmaringen wenig an die bizarre Episode aus den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs. Hinter einer unscheinbaren Holztür im Eingangsbereich des Schlosses findet sich immerhin eine französische Kritzelei: „Frankreich wird leben, weil es unsterblich ist“, steht dort an der Wand. „Es lebe Pétain! Tod dem verrückten, blutrünstigen de Gaulle“.

Wer solche Spuren entdecken möchte, braucht Hilfe, und keiner ist dafür geeigneter als Otto Becker. Anfang der 90er Jahre, da war er noch Archivar, beauftragte ihn die baden-württembergische Landeszentrale für politische Bildung, etwas über die Vichy-Zeit in Sigmaringen zu schreiben. Seitdem hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen, obwohl er längst im Ruhestand ist. Zu faszinierend findet es der gebürtige Pfälzer, wie seine Wahlheimat für einen Augenblick zum Brennpunkt deutsch-französischer Geschichte wurde. Er hat alles an Quellen zusammengetragen, was sich finden ließ. „Viel ist es nicht“, sagt er. In den Kriegswirren wurde manches nicht dokumentiert, Aufzeichnungen gingen verloren oder man vernichtete sie. „Und die Erinnerung älterer Sigmaringer trügt manchmal.“

Becker sitzt im Café Schön, gegenüber dem Hoftheater, in dem 1944 die Weihnachtsgala stattfand. Das „Schön“ verströmt die Atmosphäre der Bundesrepublik der 80er Jahre. Es ist das letzte noch existierende der drei Cafés, in denen sich die Franzosen einst jeden Tag zu treffen pflegten. Ihr südlicher Lebensstil wurde von den Einheimischen bestaunt. Das weiß Becker aus den Tagebüchern von Maximilian Schaitel. Darin beschreibt der Sigmaringer Diplomlandwirt, wie sich das Stadtbild 1944/45 wandelte. In den Straßen hörte man plötzlich überall Französisch. Die Fremden, das waren „lebhaft gestikulierende Männer mit Baskenmützen, meist gut angezogen“. Die Frauen wiederum fielen laut Schaitel „durch ihre meist rötlich gefärbten Haare auf, noch mehr durch die dick verschmierten Gesichter“.

Bis heute kommen französische Besucher nach Sigmaringen, deren Verwandte einst ein paar Monate hier verbracht haben. Der historischen Bedeutung der Stadt sind sich in Frankreich sicher mehr Menschen bewusst als in Deutschland. Erst dieses Jahr hat der Autor Pierre Assouline unter dem Titel „Sigmaringen“ einen Roman veröffentlicht, dessen fiktive Geschichte vor dem Hintergrund des Vichy-Exils spielt.

Die berühmteste Darstellung stammt von Louis-Ferdinand Céline. Der Arzt und Schriftsteller war ein Zeitzeuge; als Vichy-Anhänger floh er selbst nach Sigmaringen. Bis in die Gegenwart wird Céline als genialer Sprachkünstler verehrt und für seinen Antisemitismus verabscheut. Sein Roman „Von Schloss zu Schloss“, in den die Erlebnisse vom Kriegsende eingeflossen sind, sei jedoch keine zuverlässige Quelle, sagt Becker. Zu viel dichterische Fantasie. Trotzdem vermittelt das Buch, geschrieben in einem atemlosen, sprunghaften Stil, ein Bild von der Stimmung, die die meiste Zeit unter den Franzosen herrschte. Es war die eines Himmelfahrtskommandos, bestimmt von Enge, Verzweiflung, materieller Not und Intrigen. „Touristen waren wir zwar! aber spezielle ... zu viel Krätze gab’s, zu wenig Brot“. Über das Schloss heißt es: „Verdammte Hohenzollernwiege! Sakra! Wie es da oben auf seinem Felsen aufgepflanzt lag! ... schief! verdreht überall! Außen! Innen! ... Alle seine Zimmer – alles Labyrinthe, Irrgänge!“

Foto: Scherl/SZ Photo/laif

Fernand de Brinon war der Chef der französischen Regierung in Sigmaringen.

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Fernand de Brinon war der Chef der französischen Regierung in Sigmaringen.

Ähnlich unübersichtlich war die politische Konstellation in der französischen Kolonie. Pétain und Laval verweigerten in Sigmaringen die Zusammenarbeit mit den Nazis, sie waren nicht freiwillig hierhergekommen. Andere arrangierten sich. Und dann gab es noch die Ultrakollaborateure, die fest an der Seite Deutschlands standen; untereinander waren sie teilweise zerstritten.

Die Vichy-Regierung war 1940 nicht als Marionettenregime der Nazis entstanden. Vielmehr hatte die französische Rechte die schockierend schnelle Niederlage gegen Deutschland, die man der „Dekadenz“ der Dritten Republik zuschrieb, für einen konservativen Umsturz genutzt. Das Parlament entmachtete sich selbst, auch die Linke stimmte mehrheitlich für die uneingeschränkte Herrschaft des 84 Jahre alten Marschalls Pétain. Dessen enormes Ansehen beruhte auf seinen Erfolgen im Ersten Weltkrieg – gegen die Deutschen. Jetzt unterschrieb Pétain einen demütigenden Waffenstillstand mit den Nazis. Während die Wehrmacht den Norden Frankreichs besetzte, errichtete die Vichy-Regierung im Süden einen autoritären Staat, in dem die Losung „Arbeit, Familie und Vaterland“ an die Stelle von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit trat.

Erst 1942, als sich die Alliierten von der anderen Seite des Mittelmeers näherten, nahmen die Deutschen ganz Frankreich ein. Die Vichy-Regierung hatte damit fast jeden Handlungsspielraum verloren; sie wurde zum mehr oder weniger willigen Helfer bei der Verfolgung der Juden und der Widerstandsbewegung Résistance. Je mehr Erfolge die Alliierten erzielten, desto mehr fürchtete Hitler, Pétain könnte sich auf deren Seite schlagen. Deshalb wurde die Vichy-Führung ins ostfranzösische Belfort und weiter nach Sigmaringen gebracht. Hunderte Anhänger, die die Rache ihrer Landsleute fürchteten, folgten.

„Pétain und Laval betrachteten sich hier als Gefangene und stellten ihre Arbeit ein“, sagt Becker. Doch der populäre Marschall war zu wertvoll, als dass ihn die Nazis hätten schlecht behandeln können. Ihm stand ein Auto zur Verfügung, mit dem er zu Spazierfahrten ausrückte. Sonntags erschien er in der Kirche. Ansonsten soll er vor allem gegessen haben, er besaß viele Lebensmittelkarten. Mit seiner Frau residierte er ganz oben im Schloss. „Pétain schläft in meinem Bett!“, empörte sich die ausquartierte Fürstin in einem Brief.

Bei einer Vichy-Tour durch die Gemäuer können Besucher heute die zwei Schlafzimmer Pétains besichtigen. Alles ist noch da: nicht nur die Betten, auch die Stofftapete, der Kaminofen, der alte Waschtisch. Durch die Fenster blickt man steil hinunter auf die Stadt. Ein Stockwerk tiefer liegen die prächtigen Räume, in denen Pierre Laval residierte.

Die Nazis wollten die Illusion einer eigenständigen französischen Führung aufrechterhalten, um das Regime nach der Wiedereroberung Frankreichs erneut einsetzen zu können. Einer ihrer wichtigsten Männer in Sigmaringen wurde Fernand de Brinon. Er war der ehemalige Vichy-Botschafter im besetzten Nordfrankreich – und verfügte so ansatzweise über politische Legitimität. De Brinon stand nun an der Spitze der „Regierungskommission für die Verteidigung der nationalen Interessen“. Sein Marionettenkabinett residierte im klassizistischen Prinzenbau, gegenüber dem Schloss. Auch „La France“ und „Ici la France“ hatten dort ihre Redaktionen. Heute ist in dem Gebäude das Staatsarchiv untergebracht. Otto Becker hatte da sein Büro.

Am liebsten wäre es Hitler gewesen, Pétain hätte den Faschistenführer Jacques Doriot als Regierungschef abgesegnet. Doch der Marschall verweigerte sich. Im Februar 1945 waren die Pläne sowieso vom Tisch: Ein alliierter Tiefflieger beschoss das Auto von Doriot, der sich auf dem Weg vom Bodensee nach Sigmaringen befand. Der Franzose starb, beerdigt ist er im Städtchen Mengen.

Und dann kam der April. Alle Hoffnungen der Vichy-Anhänger hatten sich als Hirngespinste erwiesen. Die Alliierten waren nicht zurückgeschlagen worden, sondern rückten immer näher. Jetzt flohen die Franzosen Richtung Alpen. Pétain verließ das Schloss am 21. April um 4 Uhr. Zunächst ging er in die Schweiz, dann zurück nach Frankreich. Dort wurde er wegen Hochverrat und Kollaboration mit dem Feind zum Tode verurteilt, anschließend jedoch begnadigt.

Schon am 22. April 1945 ging über dem Schloss wieder die Trikolore hoch. Dieses Mal hissten de Gaulles Freie Französische Streitkräfte die Fahne. Für die nächsten Jahre gehörte Sigmaringen zur französischen Besatzungszone.

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