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Foto: Karlheinz Schindler/dpa
Foto: Karlheinz Schindler/dpa

Die Autorin aus New York lebt heute in Kreuzberg und schätzt die Freiheit in Berlin.

Interview mit Deborah Feldman "Meine Sprache ist Deutschmerisch"

Frau Feldman, Sie sind in einer extremistischen jüdischen Gemeinde aufgewachsen, bei den chassidischen Satmar in New York. Inzwischen wohnen Sie in Berlin-Kreuzberg. Was ist heute anders?

Mit 17 wurde ich an einen Mann verheiratet, den ich kaum kannte. Ab da war es meine Aufgabe, eine gute Balabusta, eine Meisterin des Haushalts, zu sein. Von einer Chassidin wird absolute Perfektion erwartet. Heute ist mir der Haushalt, wie Sie sehen, nicht besonders wichtig.

Schon als Kind wurden Sie darauf vorbereitet.

Morgens um acht bin ich in die religiöse Schule, man wollte uns Mädchen von der Straße fernhalten. Wir haben den Tag mit Gebeten und dem Lernen von Haushaltsvorschriften verbracht, mit Stricken, Kochen, Nähen. Dann wurde gepredigt, um unseren Charakter zu formen. Um 17 Uhr bin ich heimgekommen, habe meiner Großmutter in der Küche geholfen, Abendessen und ins Bett. Es gab wenig Aufregendes. Ich war einsam, weil ich Angst hatte, Freundschaften aufzubauen. Unsere Kultur ist Stasi-mäßig. Man berichtet übereinander, um den Respekt der Autoritäten zu gewinnen.

Sie haben sich in Bücher geflüchtet.

Wir haben nur Jiddisch gesprochen, Englisch war verboten, ich habe heimlich welche in der Bibliothek ausgeliehen und sie in einem Schrank hinter drei Reihen Mänteln meiner Großmutter versteckt. Dort habe ich mit einer Taschenlampe gelesen. Meine Erinnerung an die Kindheit: Im Dunkeln sitzen und von einer anderen Welt träumen.

Mit 22 haben Sie die „Sekte“, wie Sie sagen, verlassen, sich ziemlich allein durchgeschlagen und eine lebensgefährliche Eizellenspende auf sich genommen, um sich und Ihren Sohn zu ernähren. Warum haben Sie sich nicht an eine NGO wie „Footsteps“, die sich um aussteigende Chassiden kümmert, gewandt?

Ich habe Angst vor Organisationen! In mir hat sich die Überzeugung verfestigt, dass Gruppen nie gut funktionieren. Gerade haben sich sieben Frauen gemeldet und anonym ausgesagt, von Männern aus diesem Umfeld vergewaltigt worden zu sein.

Diese Männer sind auch Aussteiger.

Sie haben vielleicht die Repressionen der Gemeinschaft hinter sich gelassen, nicht aber ihre Überzeugungen. Bei den Satmar gibt es kein Konzept der Zustimmung, sobald man verheiratet ist, darf man mit seiner Frau alles tun, sie ist Eigentum. Die Aussteiger verstehen das als neue Freiheit: Jetzt dürfen sie nicht nur ihre Frau missbrauchen, sondern alle. Bei „Footsteps“ haben sich die Männer in die Machtstruktur eingearbeitet, sie begegnen dort Frauen, die besonders verletzlich sind. Ich bin damals zu ein paar Treffen gegangen, die Männer ermutigten uns zu trinken, zu kiffen, wollten uns zum Sex erpressen. Da ich nicht nachgab, wurden Gerüchte über mich verbreitet, ich hätte seltsame sexuelle Interessen, prostituiere mich, nähme Drogen. Sie bedienten sich der klischeehaften amerikanischen Vorwürfe gegen Frauen, wie sie in unserer Gemeinschaft noch genährt wurden.

Warum verlassen so viel mehr Männer die Sekte?

Die sind schon als Jugendliche freier, weniger überwacht als Frauen. Und weil sie kaum Bezug zu ihren Kindern haben, haben sie keine Angst vor einem Sorgerechtsstreit. Wir sprechen manchmal in Deutschland über Männer, die aus patriarchalischen Kulturen kommen und hier in der U-Bahn Frauen belästigen. Viele, ob in Berlin oder New York, wollen nicht wahrhaben, dass es dieses Problem gibt. Also leiden wir Frauen weiter, im Namen der Toleranz. Es ist nicht die Schuld der Männer, dass sie so erzogen worden sind. Aber wir schulden ihnen eine Ausbildung.

Aus Ihrem Bestseller „Unorthodox“ wissen wir, dass Frauen in Ihrer Gemeinde brutal unterdrückt werden. Sie müssen beispielsweise nach ihrer Menstruation, während der ihnen kein Mann auch nur die Hand reichen darf, dem Rabbi ihre Unterhosen zur Inspektion vorlegen. Gab es keine Solidarität unter Frauen und Mädchen?

In solchen Kulturen passiert das eher selten, weil die Frauen denken, wenn sie mit den Männern mitspielen, kriegen sie einen kleinen Bonus. Dafür betrügen sie schon mal eine andere Frau. Das sehen wir gespiegelt in der westlichen Gesellschaft, wo die Frauen einander bei der Arbeit hintergehen, weil sie im Innersten noch immer glauben, dass es für sie eine begrenzte Anzahl von Plätzen gibt.

Fühlen Sie eine Verbindung zu anderen unterdrückten Frauen?

Ich spüre oft Mitleid, wenn ich durch Neukölln laufe. Häufig glaube ich, eine Körpersprache zu erkennen oder einen Gesichtsausdruck. Wenn du dich in einer säkularen Gesellschaft mit Kopftuch – bei mir war’s Perücke – bewegen musst, weißt du gleichzeitig, dass du dafür verurteilt wirst.

Foto: imago/Pacific Press Agency

Kinder der Satmar in Williamsburg wachsen abgeschottet von der modernen Welt auf.

Foto: imago/Pacific Press Agency

Kinder der Satmar in Williamsburg wachsen abgeschottet von der modernen Welt auf.

Gibt es bei den Satmar überhaupt positive Fälle von Aussteigern?

Wenige. Alle, die ich kenne, haben sich radikal von der Sekte entfremdet, sind in die Außenwelt gesprungen. Sie versuchen, die Vergangenheit zu verstecken, geben sich neue Namen, erzählen niemandem, woher sie kommen. Sie schämen sich. Darum bringen sich viele um. Auch von den säkularen Juden werden sie nicht angenommen.

Wer hat Ihnen schließlich geholfen?

Meine Freunde im College, in das ich mich während meiner Ehe heimlich eingeschrieben hatte. Das waren nicht-religiöse, privilegierte Amerikaner, die langsam verstanden, aus welcher Situation ich entfliehen wollte und dann ihre Netzwerke nutzten. Ich habe fast alles in meinem Leben erreicht, weil ich die richtigen Menschen gekannt habe.

Nachdem Sie um die ganze Welt gereist sind, leben Sie heute in Berlin.

Ich merkte, dass ich keine Wurzeln hatte, in der Leere herumschwebte. Je mehr ich reiste, desto schlimmer wurde das Gefühl. Ich spürte, wie verwurzelt die Menschen in anderen Städten und Gesellschaften waren. Und als ich mich sehr verliebt habe – in Europa –, ist mir aufgefallen, dass sich viele Leute in Paris, Rom oder Madrid von Kindesbeinen an kennen. Dort ist es schwierig, noch spät im Leben tiefe Freundschaften aufzubauen. Und dann komm’ ich nach Berlin, und alles ist anders.

Hier sind viele zugezogen.

Und wenn nicht, dann fühlen sie sich neu. Weil die Stadt selbst keine Wurzeln hat. Berliner sein ist keine Frage der Geburt. Es sind eher gewisse Eigenschaften, die einen dazu machen: Widerstand gegen Autorität, frei sprechen und denken, frei Kunst fertigen, Antikapitalismus, Immaterialismus, Antiausbeutung. Berliner Geist hat mit Veränderung zu tun. Ich kenne Menschen, die in den letzten Jahren ihre Meinung völlig gewandelt haben. Die bereit waren, sich überzeugen zu lassen. Die einzige Regel ist, dass alles sich bewegt. Du darfst alles, musst nichts. Du bist absolut frei.

Sie zogen zunächst ausgerechnet ins sehr muslimische Neukölln und haben schnell Freunde gefunden.

Auch so eine Berliner Sache: Man ist offen für Freundschaften. Manche meiner neuen Freunde haben vom Osten aus die Wende erlebt. Ich finde sie umweltbewusst, politisch. Sie sind oft ernst, meinen es ernst. Beeindruckend. Andererseits merke ich, dass sie diese unsichtbare Grenze noch immer nicht überwinden können. Dass sie das neue Leben überfordert. Das teilen wir. Andere sind vor ihren konservativen Dörfern im Süden geflohen, einige vor Krieg, manche sind Künstler. New York ist viel getrennter. Als ich die Stadt verlassen habe, sagten die New Yorker: Die versteht New York einfach nicht. In Berlin darf man auch mal weggehen, ohne dass man damit jemanden beleidigt.

In den USA fehlte Ihnen auch der gesamte kulturelle Hintergrund. Sie kannten die Fernsehserien nicht, die Musik, waren niemals in einem Museum gewesen.

Mir fehlte das social capital. In Amerika wirst du als Freundschaftskandidat angesehen, wenn du die richtigen Filme gesehen hast.

Ihr Viertel Williamsburg ist von Hipstern bevölkert, überall hängen Reklametafeln. Wie war es möglich, dass Sie mitten in New York so isoliert aufwuchsen?

Die Gemeinde kämpft dafür, politisch und finanziell, dass in unserer Nähe keine verführerischen Bilder plakatiert werden. Einmal hat sie sogar eine Werbefläche gekauft, damit die Sonnenbrillenreklame mit dem Model im Bikini verschwindet. Auch eine Radspur haben die Chassiden nachts übermalt. Sie hatten Angst, dass Frauen in kurzen Röcken vorbeifahren und unsere Männer verführen. Das haben sich die Hipster nicht bieten lassen, malten sie wieder drauf, so ging es hin und her.

Holen Sie jetzt hier Ihre Jugend nach?

Ich bin eher so eine old lady, ich trinke Tee und lese viel. Mein Freund sagt, das wird passieren, wenn ich 40 bin. Da ist mein Sohn dann gerade im vierten Semester an der Uni.

Die Literatur, die Sie als Kind rettete, war ja auch keine zeitgenössische.

Wenn man aus so einer altertümlichen Welt kommt, Kleidung aus dem 17. Jahrhundert trägt, eine Sprache von damals spricht, kann man mit gegenwärtiger Literatur nicht viel anfangen. Ich hätte mich nie mit den Protagonisten identifizieren können, das hätte mich entmutigt. Bis auf wenige Ausnahmen ist es heute ein ähnlicher Kampf mit den Romanen: Ich kann mich nicht darin wiederfinden.

Foto: pa/Andrew Kelly/Insider Images Ho

Verheiratete Satmar-Frauen werden brutal unterdrückt, müssen ihre Haare abrasieren und dem Mann gehorchen.

Foto: pa/Andrew Kelly/Insider Images Ho

Verheiratete Satmar-Frauen werden brutal unterdrückt, müssen ihre Haare abrasieren und dem Mann gehorchen.

Sie sprechen perfekt Deutsch. Wo ist Ihr Jiddisch?

Ich nenne meine neue Sprache Deutschmerisch, es ist nicht vollkommen, sehr beeinflusst vom Jiddischen. Doch es ist meins, und verständlich. Immer, wenn ich ein deutsches Wort lerne, durchsuche ich meinen Kopf nach einer jiddischen Version. Beispielsweise das Wort erzählen. Auf Jiddisch heißt es derzeilen. Als ich „erzählen“ gelernt habe, bin ich an die Stelle in meinem Gehirn gewandert, wo „derzeilen“ gelagert war: Du musst jetzt hier weg. In diese Lücke kommt das neue Wort. Und so habe ich nun eine doppelte Schicht an Assoziationen zu jedem Wort, aus der Vergangenheit und der Gegenwart. Das ist verstörend. Aber auch magisch.

Sie haben jetzt auch die deutsche Staatsbürgerschaft – fühlen Sie sich als Deutsche?

Absolut! Gerade sagte ich beim Reich-Ranicki-Symposium mit Augenzwinkern: Ich bin jetzt Deutsche, ich verbiete, dass man mich als etwas anderes vorstellt. Deutschsein bedeutet für mich eben jene Identität, die mit Schuld und Scham verbunden ist, das gemeinsame Hadern mit der Vergangenheit. Auch ich habe mich davon befreien müssen.

Suchen Sie Kontakt zu anderen Juden in Berlin, gerade zu den vielen Autoren, die hier leben?

Ja, aber es kommt oft zu Streit. Mich stört, dass das Gespräch über das Jüdischsein von unserer Seite unaufrichtig geführt wird. Dass wir nie zugeben, dass wir eine privilegierte Minderheit sind. Dass wir Antisemitismus stets als Knüppel bedienen können und damit auch unangenehme Meinungen unterdrücken. Dass wir viel Entgegenkommen fordern, weil wir glauben, es unserer Vergangenheit wegen zu verdienen. So wird die Trennung doch nur vertieft!

Sie sagen „wir“.

Ich habe keine Wahl. Die Juden sagen: Ich habe immer kollektive Verpflichtungen. Die Nichtjuden sagen: Wir nehmen dich sowieso als Jüdin wahr. Das bin ich nicht losgeworden.

Empfinden die Satmar Sie noch als Jüdin?

Sie sehen alle anderen Juden, die nicht zu dieser Gemeinschaft gehören, als Nicht-Juden. Sie sind die einzig wahren, alle anderen sind Freaks.

Wie füllen Sie die Leere nach dem Glauben?

Sie ist weg. Weil ich mir ein Zuhause erkämpft habe. Mein Leben ist einfach, ich mag, was ich tue, meine Freunde, ich liebe meinen Sohn und schätze meinen Alltag. Sie sehen meine Wohnung, ich habe nur diese zwei Zimmer. Sie kosten 600 Euro im Monat, ich könnte mir mehr leisten, aber ich will das nicht mitmachen. Ich gehe gern zu Wohnungsbesichtigungen, nur um dem Makler zu sagen: Ihr seid doch verrückt!

In Ihren Büchern geht es viel ums Kochen. Trotz der Köstlichkeiten Ihrer Großmutter, dem ungarischen Gulasch, den Torten, wurden Sie nie satt.

Ich habe versucht, emotionalen Mangel mit Essen zu ersetzen. Außerdem bin ich mit dem Wissen aufgewachsen, dass es mal eine Zeit gab, in der man Essen horten musste. Meine Großeltern haben beide nur sehr knapp den Holocaust überlebt. Meine Tanten haben das Essen aus Protest gegen ihre Mutter verweigert, ich musste es wiedergutmachen.

In der Gemeinde war jegliche Sinnlichkeit verboten. Der Bratenduft war eine Ausnahme.

Meine Großmutter war auch eine Ausnahme. Die wenigen Geschichten, die sie aus dem Ungarn ihrer Kindheit, bevor sie nach Auschwitz kam, erzählte, waren Märchen für mich. Manchmal liegt meine größte Freude am Tag im Geruch eines Baumes. Diese Sinnlichkeit habe ich von ihr geerbt, ich kann mich in solchen Momenten verlieren. Heute ist es für mich zu einem Ritual geworden, dass ich mir dafür Zeit nehme, fast eine Art religiöse Praxis.

Sie sind bei Ihren Großeltern aufgewachsen. Ihre Mutter, eine deutschstämmige Jüdin, wurde als schlechte Partie an Ihren geistig behinderten Vater verheiratet. Später ist sie ausgestiegen und lebte als Lesbe – war sie ein Vorbild?

Unterbewusst bestimmt. So wusste ich ja erst, dass es Aussteiger gibt. Wir haben Kontakt, aber unser Verhältnis ist nicht innig. Ich wollte alles erfahren und aufwühlen, meine Mutter wollte die Vergangenheit tilgen.

Sie haben Ihren Sohn auf Ihre Flucht mitgenommen, Ihre Mutter hat Sie zurückgelassen.

Weil es für sie unmöglich war. Sie war Ausländerin ohne Anspruch auf Aufenthalt in den USA. Als sie ging, gab es keinerlei Vorbilder. Sie hätte mit mir nicht überleben können.

Foto: pa/Andrew Kelly/Insider Images Ho

Ein 18-Jähriger wird zu seiner Hochzeit begleitet. Bis heute werden die Ehen in der Satmar-Gemeinde arrangiert.

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Ein 18-Jähriger wird zu seiner Hochzeit begleitet. Bis heute werden die Ehen in der Satmar-Gemeinde arrangiert.

Auch Sie wussten lange nicht, wie Sie Ihren Sohn durchbringen sollten. Wie haben Sie es bei all Ihrer Verzweiflung geschafft, ihn morgens pünktlich in der Schule abzuliefern?

Falsche Frage. Mein Leben hatte Bedeutung und Zweck, weil ich morgens aufstehen musste. Ohne diese Verantwortung hätte ich mich verloren. Das war die Rettung! Ich war Mutter, das hat mir eine Selbstdefinition gegeben.

Nebenher haben Sie ein dickes Buch geschrieben.

Schreiben ist meine wichtigste Leidenschaft. Es wäre schlimm, das zu verlieren.

Sie haben nach Ihrem Ausstieg so viele Dinge zum ersten Mal erlebt: der erste Speck, die erste Sonnenbrille ... was war das Intensivste?

Das klingt jetzt klischeehaft – der erste frei gewählte Kuss. 2010, New Orleans, ganz spontan. Niemand hat ihn arrangiert, niemand hat mich gezwungen.

Eine weitere Form der Unterdrückung, neben kratzigen Wollstrumpfhosen, war, dass Sie Ihre Haare abrasieren und eine Perücke tragen mussten.

Es fällt mir heute schwer, sie zu schneiden. Ich habe lange versucht, etwas aus ihnen zu machen, sie blondiert. Als brauche man sie wie eine Maske oder Verzierung, als eine Verlängerung seines Selbst. Heute sind die Haare ein Teil von mir: nicht besonders kräftig, nicht besonders verführerisch, nicht besonders gefährlich.

Als Kind haben Sie sich in der völligen Kontrolle durch die Gemeinschaft nach Privatsphäre gesehnt. Über Ihre Großmutter und Ihren Ex-Mann schreiben Sie recht detailliert. Ist das fair?

Meine Großmutter ist seit meinem Ausstieg dement. Es ist wie mit unseren Ahnen – irgendwann verschwindet diese Verpflichtung. Bei meinem Ex-Mann habe ich gewisse Dinge gestrichen, aus Respekt vor seinem Verhältnis zu unserem Sohn. Er ist inzwischen selbst ausgestiegen, lebt mit einer nicht-religiösen Frau und einem Kind in New York, mein Sohn fährt zwei-, dreimal im Jahr hin. In meiner Gemeinschaft hat man meine Privatsphäre so verletzt, dass ich nicht denke, dass dies dort ein Wert ist. Und mein Buch hatte eine Wirkung!

Woher wissen Sie das?

Von anderen Aussteigern. Viele haben es gelesen, sind dann ausgestiegen, es kam zu Gesprächen über Zugang zu Ausbildung, die Rolle der Frau und ob man erlauben soll, dass später geheiratet wird.

Ihr Sohn ist elf Jahre alt. Wie wird er es finden, dass Sie der ganzen Welt so viel über ihn erzählt haben?

Er weiß es längst, wir reden über alles. Er ist ein Kind, dem man das zumuten kann, er ist intelligent, reif, empathisch, hat viel erlebt. Er weiß, dass ich immer versucht habe, ihn zu schützen. Dadurch ist eine ganz tiefe Verbindung entstanden, wie man sie oft bei alleinerziehenden Eltern und Kindern sieht.

Er war doch noch ein Kleinkind, als Sie das erste Buch veröffentlicht haben.

Vor Jahren stand mein Sohn am Flughafen neben einer Frau am Büchertisch, da lag auch meines. Er machte sie darauf aufmerksam: Das ist das Buch meiner Mutter. Wovon es handele, fragte die Frau neugierig. Er antwortete: Im Prinzip davon, dass sie mich liebt.

Ihre Verwandten schickten Ihnen Morddrohungen. Was würde passieren, wenn Sie heute in Ihr altes Viertel gingen?

Das mache ich nicht, man erkennt mich sofort. Ich lebe ja auch in Berlin, weil ich von deren Radar verschwinden wollte, Deutschland interessiert die nicht. Die denken, ich sei hier, weil ich ein Nazi bin.

Sie haben so viel überwunden: Gibt es noch etwas, wovor Sie sich fürchten?

Ich habe weiter eine leichte Angststörung, die aus der Vergangenheit kommt, das Ererbte, als hätte ich mal in einem aufgewühlten Meer versucht, zum Strand zu schwimmen. Ich habe es geschafft, die Sonne wärmt, aber die Wellen sind noch da, kommen und gehen. Das ist die Angst. Sie wird immer da sein. Aber ich bin am Strand.

Sie wirken glücklich. Ein Begriff, den es in Ihrer Gemeinschaft nicht gibt.

Bis heute empfinde ich das große Glück als bedrohlich, weil es mir nicht vertraut ist, mir verdächtig vorkommt. Deshalb bin ich ein Anhänger des kleinen Glücks. Heute früh zum Beispiel. Ich saß vorn am Platz, mit einem Buch, einem Kaffee und dem Blick nach vorn, wo sich die Bäume im Wind geschüttelt haben und die Blätter flogen. Da kamen plötzlich alle Herbste meines Lebens zusammen, all die Momente, in denen ich die Blätter im Wind gesehen habe, sind zu einer Erfahrung geworden. Es war wie Zauber.

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