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Foto: Jan Steinhaus
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Heikedine Körting hat bereit mehr 3000 Hörspielproduktionen verantwortet.

Interview mit Hörspiel-Macherin Heikedine Körting „Eine gute Stimme muss nicht schön sein“

Frau Körting, seit gut vier Jahrzehnten führen Sie Regie bei den „Drei ???“, mit rund 45 Millionen verkauften Tonträgern die wohl erfolgreichste Hörspielserie der Welt. Zahllose Hörer benutzen diese vor allem als Einschlafhilfe. Beleidigt Sie das?

Ach was, das ist doch herrlich. Ich mache das nicht anders. Vergangene Nacht habe ich gerade mal 20 Minuten geschafft, dann war ich weg. Und geschäftlich hat das einen angenehmen Nebeneffekt. Seit wir auf Spotify sind, erzeugt jeder weggedöste Hörer am nächsten Abend neue Klicks.

„Die drei ???“ sind eigentlich eine Buchreihe. Um daraus Hörspiele zu machen, müssen Sie kürzen. Was streichen Sie als Erstes?

Jedes Buch wird von unseren Autoren so werkgetreu wie möglich dialogisiert, aber streichen kann man alles, was nicht zum Hauptplot gehört. Ansonsten vor allem Beschreibungen. Die kann man durch Geräusche ersetzen. Es muss einem ja niemand erzählen, wie doll es gewittert, wenn man es gleich donnern lassen kann.

Die Technik hat sich in den vergangenen 40 Jahren enorm weiterentwickelt. Für die „He-Man“-Hörspiele haben Sie in den 80ern mit Plastikspielzeug die Raumschiffsounds kreiert.

Wir machen immer noch viel per Hand. Pro „Drei ???“-Folge erarbeiten wir sicher 60 bis 100 Geräusche.

Vom Autoanlasser bis zum Papierknistern?

Papier, Visitenkarte, Lichtschalter und so liegen hier bei den Mikrofonen, das machen die Jungs selbst. Aber die atmosphärischen Geräusche, die muss man aufnehmen. Die großen Soundbibliotheken, die man kaufen kann, habe ich zwar. Doch das passt nie. Bei Fall 193, „Schrecken aus der Tiefe“, da titscht einer der Detektive am Anfang einen Stein übers Wasser. So was finden Sie nicht. Oder es fällt jemand ins Meer. Das klingt ja völlig anders, je nachdem, ob jemand dick ist oder dünn.

Und dann gehen Sie mit dem Aufnahmegerät an den Pool?

Genau. Wir haben hier auch schon mal einen knarzenden Steg ins Studio gebaut. Nebenan ist ein Raum voll mit Lederhandschuhen, Strohmatten, Uhren, Glocken, Wasserpistolen. Zur Not zeichne ich auch mal im Urlaub in Djerba einen Basar auf. Ich habe immer was zum Aufnehmen dabei. Früher ein großes Gerät von Nagra, heute ein kleines Tonbandgerät. Die Geräusche archivieren wir dann auf Magnetband, unverwüstlich. Und wenn ich was brauche, erinnere ich mich: Ah, Moment, bei „TKKG“ ist doch schon mal jemand mit dem Sessellift abgestürzt.

Die Geräusche sind das eine, was macht eine gute Stimme aus?

Eine gute Stimme muss nicht schön sein. Die kann schrill oder hässlich sein. Wichtig ist nur, dass man von vornherein die richtige Stimme für die richtige Rolle nimmt. Es hat überhaupt keinen Sinn, jemanden zu verbiegen. Der Schauspieler Pinkas Braun zum Beispiel war toll in Krimis, aber die Märchen, die er eingelesen hat, die musste ich in die Tonne kloppen.

Sind Schauspieler nicht automatisch gute Sprecher?

Nein. Ich hatte gerade einen bekannten Darsteller im Studio, wunderbare Stimme. Aber dann saß der hier und machte mit den Händen herum, statt mit seiner Stimme zu spielen. Ich habe die beste Erfahrung mit denen, die Schauspieler und Synchronsprecher sind. Das ist ein richtiger Beruf! Wenn Sie normale Leute ans Mikrofon lassen, das hört sich so laienhaft an.

Trotzdem tauchen bei Ihnen gelegentlich Amateure auf. Kim Frank von der Band Echt, oder die Sängerin Jasmin Wagner. Kommt da die Plattenfirma und sagt: Wir brauchen einen Part für Blümchen?

Nee, da lasse ich mir nicht reinreden. Oft fragen die Leute bei mir an. Die Freundin von Daniel Brühl hat mal geschrieben, ob er nicht eine Rolle als Geburtstagsgeschenk sprechen dürfe. Er sei ein so großer Fan. Ich wollte schon ablehnen, hab dann aber doch noch mal geschaut, wer das ist.

Und bei den Aufnahmen sitzen hier alle gemeinsam um den Tisch mit den Mikrofonen?

Wenn es voll wird, steht auch mal einer.

Foto: Sven Hoppe/dpa

TKKG-Krimis gibt es seit über 35 Jahren. Die ersten 100 Folgen sind voller Vorurteile - und mehr im Handel.

Foto: Sven Hoppe/dpa

TKKG-Krimis gibt es seit über 35 Jahren. Die ersten 100 Folgen sind voller Vorurteile - und mehr im Handel.

Viele Studios nehmen die Sprecher einzeln auf und schneiden erst später zusammen.

Aus Kostengründen, klar, aber ich finde das furchtbar. Natürlich, wenn da ein Polizist vorkommt oder ein Angler, der nur einen Satz sagt, den bestelle ich nicht extra dazu. Aber zumindest die Hauptfiguren, die versuche ich immer an einen Tisch zu bekommen. Bei einer Sonderproduktion der „Drei ???“, die wir in Planetarien aufgeführt haben, ging das mal nicht. Wenn man die zu Hause hört, merkt man das auch. Da fehlt der Witz, das Lebendige.

Sie haben viel mit Kindern gearbeitet. Ist das nicht furchtbar anstrengend?

Manchmal hat man das Problem, dass eine sehr ehrgeizige Mutter schon mit dem Kind geübt hat. Das hört man. Oft hilft es, die Eltern wegzuschicken und die Dialoge vorzusprechen, statt die Kinder lesen zu lassen. Wenn die Rolle verlangt, dass jemand aus der Puste ist, dann sage ich einem Kind nicht: Jetzt hechle doch mal mehr, sondern jage es einmal hier durchs Treppenhaus, bevor es ans Mikro darf.

Millionen Kinder hörten und hören Ihre Produktionen. Spüren Sie da so was wie Verantwortung?

Natürlich. Wir hatten schon früh genaue Prinzipien für unsere Hörspiele: kurze Szenen, Musik zum Erholen. Und in fast allen Geschichten gibt es etwas Didaktisches.

Was konnten Kinder denn bitte bei „He-Man“ lernen, wenn muskelbepackte Krieger gegen Monster ins Feld zogen?

Erwischt, da vielleicht weniger. Aber die „Fünf Freunde“ diskutieren, ob man Wölfe erschießen muss, das Bienensterben ist ein Thema, dass Ozeandampfer Dreck ins Meer ablassen ebenfalls. Es gibt viele Beispiele!

Gleichzeitig wird das Rollenbild, das die britische Autorin Enid Blyton in ihrer Jugendserie verbreitet, als völlig überholt kritisiert. Und auch andere Kindergeschichten, die Sie vertont haben, sehen sich zum Teil harten Vorwürfen ausgesetzt: „TKKG“ mobbten Übergewichtige, schuld seien immer die Ausländer …

Im Fall „TKKG“ ist das Label Europa ja darauf eingegangen, die ersten 100 Hörspiele sind nicht mehr im Handel und auch nicht im Streaming. Bei Enid Blyton ist das so geblieben, wie sie es geschrieben hat. Natürlich müssten wir heute Sinti und Roma sagen statt Zigeuner und Schaumküsschen statt Mohrenkopf, aber ich denke, es ist oft schon ein bisschen übertrieben, was da alles in Büchern gestrichen wird. Und ich finde es auch nicht frauenfeindlich, wenn Tante Mathilda bei den „Drei ???“ ständig Kirschkuchen backt.

Was geht in Ihren Augen nicht?

Zu viel explizite Gewalt. Oder wenn Sachen nicht auf fantasievolle Art gruselig sind, sondern nur realistisch. Früher bei den ersten Märchenhörspielen habe ich den Figuren auch nicht die Augen ausstechen lassen.

Psychologen sagen, es sei gar nicht notwendig, Kinder vor dergleichen zu beschützen.

Ja, die halten das aus. Aber Dinge, bei denen ich im Kino unter den Sitz rutschen würde, brauchen wir nicht, um Spannung zu erzeugen. Ich möchte immer ein gutes Ende.

Haben Sie eine Erklärung, warum das Hörspiel bei uns anders als in vielen Ländern so erfolgreich ist?

Ich denke, das kommt daher, dass in Deutschland viele Menschen damit aufgewachsen sind. Zumindest im Westen. Im Osten verkaufen wir bis heute viel weniger. Wir haben mal versucht, in den USA Fuß zu fassen, aber da durften die Kinder viel früher fernsehen. Dafür war in den Staaten oder Frankreich das gesprochene Buch schon deutlich eher ein Thema. Die Deutschen hatten lange das Gefühl, ich muss das Buch gelesen haben, während die Amerikaner keine Hemmungen hatten, es zu hören. Thomas Mann als Hörbuch ließ sich in Deutschland erst gut verkaufen, als die Kassettenkindergeneration groß geworden war.

Sie haben Jura studiert, waren eine der jüngsten Rechtsanwältinnen in Deutschland. Wie wird man mit so einer Biografie Hörspielregisseurin?

Eigentlich wollte ich Zeitungswissenschaften studieren, aber Marion Gräfin Dönhoff, die Herausgeberin der „Zeit“ und Schulfreundin meines Vaters, hat mir das damals ausgeredet. Das zu studieren, macht dich nicht zur Journalistin, hat sie gesagt. Ihr Tipp: Lern einen richtigen Beruf und schreib nebenher, so viel es geht. Also habe ich Jura studiert und mir das finanziert, indem ich Hörspielskripte für das Studio Europa geschrieben habe.

Dessen Besitzer, Ihr späterer Mann Andreas Beurmann, hat Ihnen ziemlich schnell die Verantwortung für die ganze Hörspielsparte gegeben. Nie gezweifelt: Kann ich das überhaupt?

Doch. Und auch: Will ich das überhaupt? Denn ich musste mich irgendwann entscheiden, ob ich richtig stark anwaltlich arbeiten oder ob ich im Kinderbereich bleiben wollte. Ich habe mich dann dafür entschieden, die Anwaltstätigkeit weniger zu betreiben, was manchmal Ärger gab, wenn über die Hörspiele berichtet wurde und Anwaltskollegen meinten, das sei ja Reklame für meine Kanzlei. Anwälte durften früher nicht für sich werben.

Foto: Hendrik Schmidt dpa/lsn

Lass mal horchen! In Deutschland wachsen viele Menschen mit Hörspielen auf.

Foto: Hendrik Schmidt dpa/lsn

Lass mal horchen! In Deutschland wachsen viele Menschen mit Hörspielen auf.

In vielen Geschichten sind Sie auch selbst zu hören.

Mir macht das Spaß. Ich habe schon als Kind mit einer Freundin auf einem alten Telefunkengerät Hörspiele aufgenommen. Bei „Hanni und Nanni“ bin ich Mrs. Sullivan, bei den „Drei ???“ mache ich von Folge eins an den Vogel Blacky. Der „seltsame Wecker“ in Folge zwölf, das bin auch ich, mit einem grässlichen Schrei.

Oft unter Pseudonym. War Ihnen das unangenehm?

Ach was, aber wir fanden es doof, wenn da immer nur unsere zwei Namen gestanden hätten. Wir wollten den Hörern nicht die Illusion nehmen. Bei den großen Radioproduktionen waren Dutzende Leute beteiligt. Bei den Kindern habe ich später oft die Nachnamen weggelassen, damit die Konkurrenz mir die nicht gleich wegschnappen konnte.

Ihre Kinderserien werden heute von zahlreichen Erwachsenen gehört. Ein schwieriger Spagat?

In erster Linie produzieren wir immer noch Hörspiele für Kinder und nicht für Nostalgiker. Aber es stimmt, zahlreiche alte Fans wollen nicht zu viel Veränderung. Als den „Drei ???“ vor Jahren vom Autor Freundinnen verpasst wurden, kam das überhaupt nicht an. Man kennt das von männlichen Popstars, die verheimlichen, dass sie verheiratet oder fest liiert sind, damit die Mädchen für sie schwärmen können. Etwa die Hälfte der Hörer heute ist weiblich, und es ist nicht so, dass die Serie für sie interessanter wäre, wenn feste Freundinnen dabei eine Rolle spielten.

Unter Fans der „Drei ???“ hält sich eh hartnäckig das Gerücht, der zweite Detektiv Peter Shaw sei schwul.

Davon habe ich noch nie gehört, und er ist es ganz sicher nicht. Aber es würde mich auch nicht interessieren.

Und hinter dem Pseudonym des „Drei ???“-Autors Ben Nevis versteckt sich auch nicht Joschka Fischer, wie in Fanforen gemunkelt wird?

Fanforen scheinen eine unerschöpfliche Quelle für unwahrscheinliche und mysteriöse Geschichten zu sein …

Sie nähern sich der 200. Folge der „Drei ???“. Die Sprecher der Hauptrollen sind alle älter als 50. Wann ist Schluss?

Ich denke, wir machen weiter, bis es nicht mehr funktioniert. Die Jungs sind nie in einen krassen Stimmbruch gefallen, das geht noch. Allerdings wird es zunehmend schwierig, die anderen Rollen zu besetzen. Wenn ein 50-Jähriger einen 17-Jährigen spricht, muss im Hörspiel ja jeder 40-Jährige bald schon von einem 60- bis 70-Jährigen gesprochen werden. Ich glaube, ganz Schluss ist, wenn einer von den drei Jungs nicht mehr will oder kann.

Bei „TKKG“ wurde der Sprecher von Karl Vierstein ausgetauscht. Das Ende der Serie war das nicht.

Ja, leider gab es da Probleme, die aber mit dem Studio Körting nichts zu tun haben, sondern mit der Firma Sony ausgetragen wurden, für die wir die Hörspiele exklusiv produzieren. Wir sind sehr glücklich mit unserem neuen Karl.

Man stritt um finanzielle Beteiligungen, hieß es.

In meine Zuständigkeit fallen Regie, Produktion und Gagen, über Beteiligungen befinde ich nicht.

In der Öffentlichkeit entstand trotzdem erneut der Eindruck, Frau Körting scheffelt Geld, und wenn Mitarbeiter ihren gerechten Anteil wollen, werden sie gefeuert. Wie bei dem Titelmusik-Komponisten Carsten Bohn, der Ihnen bis heute vorwirft, ihn um Millionen geprellt zu haben.

Zum Thema Carsten Bohn darf und will ich mich nicht äußern.

Und die Kritik in den Internetforen, in denen Fans sich abreagieren, wenn ihnen mal wieder eine Folge nicht gefallen hat oder sie Fehler gefunden haben – wie gehen Sie damit um?

Fehler suchen und finden ist eines der schönsten Hobbys unserer Fans. Heute finden wir sie meist schon selber, bevor sie öffentlich werden. Schnitzer wie in der ersten Folge, wo die Zahlen 13 und 31 vertauscht wurden, kommen kaum noch vor. Schade eigentlich, denn das sind später oft die größten Lacher.

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