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Foto: imago/Horst Galuschka
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Meret Becker spielt eine der Hauptrollen im neuen Kinofilm:„Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“.

Interview mit Meret Becker "Holt die Wäsche rein, die Artisten kommen!"

Es hat mal jemand herumgefragt, was die Leute wählen würden, fliegen können oder sich unsichtbar machen. Da kam raus: Männer wollen fliegen, Frauen unsichtbar sein.

Super, dann ist’s jetzt raus: Ich bin Mann! Natürlich würde ich fliegen wollen! Ich hab’ mal einen Raben großgezogen, war seine Rabenmama. Wenn der dann umherflog, dachte ich: Was bin ich für ein Würmchen für den

Und wohin würden Sie fliegen?

Egal, von Dach zu Dach, Sturzflug, Leute erschrecken. Mein Rabe hat immer Tauben erschreckt.

Im Tagesspiegel gab es vor 19 Jahren ein großes Interview mit Ihnen, damals waren Sie 30, oder?

21! Ein schönes Alter. Dabei bleiben wir. Ich finde das so sinnlos mit dem Alter, weil man Menschen damit einpfercht. Als ob man ihnen sagen wollte: Du kannst jetzt das und jenes nicht mehr tun. Furchtbar! Ich hänge noch am Trapez, kann immer noch Spagat in alle drei Richtungen.

Aber das tut mehr weh als früher.

Kein bisschen. Das Einzige, was ich nicht mehr kann: in der Brücke den Kopf zwischen die Füße legen. Das will mein Rücken nicht. Also will ich das auch nicht mehr.

Wann haben Sie gemerkt: Ich bin erwachsen?

Ich wollte reif werden. Nicht erwachsen. Bei Erwachsenen – nicht bei Künstlern! – hatte ich immer das Gefühl, dass die sich was abschneiden, was verbieten. Das wollte ich nie. Wenn Erwachsensein aber heißt, Verantwortung zu übernehmen, dann kann ich sagen: Das hab’ ich gelernt, spätestens fürs Kind. Da musste ich auf einmal Grenzen ziehen. Etwas, das ich für mich selbst nie konnte. Ich habe gemerkt, dass Künstler sein und alleinerziehende Mutter eine ziemlich halsbrecherische Kombination sein kann.

Andere werden durch die Arbeit erwachsen. Müssen andauernd Dinge tun, die sie nicht gern tun, nur fürs Geld. Mussten Sie das nie?

Ich bin mit 15 putzen gegangen, hab’ in Kneipen gearbeitet und gebabysittet. Als Playbackschlampe habe ich für andere Sänger auf der Bühne so getan, als würde ich ein Instrument spielen, für Falco einmal Keyboard und einmal Querflöte. Mit 18 war ich ein halbes Jahr lang Telefonsexhure. Nur mit Verantwortung hatte das nicht viel zu tun. Vor allem war das eine Entweihung. Keine gute Erfahrung. Viel krassere Dinge habe ich aber später mitbekommen: Vergewaltigungs- und Morddrohungen, als ich auf einmal bekannt wurde. Da bekam ich plötzlich ganz komische Anrufe und lernte, die Welt da draußen ist nicht nur freundlich.

Sie haben mit Dieter Wedel zusammengearbeitet, gegen den es jetzt die schlimmen Anschuldigungen gibt. Sie waren die Nibelungen-Brünhilde auf der Bühne, er der Regisseur.

Als ich ihn kennenlernte, viel früher, dachte ich: Mit dem wirst du niemals arbeiten. Dann war ich bei einem Casting für die Nibelungen, und er hat so toll übers Mittelalter gesprochen, wofür ich mich vorher nie begeistern konnte. Ich bin mit ihm super klargekommen und mochte ihn. Er lebt in einer komplett anderen Welt als ich, trotzdem haben wir uns respektiert. Auch seine Ausfälle konnte ich einigermaßen wegstecken. Ich bin unter Cholerikern aufgewachsen, da habe ich gelernt, das wegzuatmen. Man musste seinen Text können und sich bemühen. Dann war die Welt rund. Ich bin kein Richter, aber die Vorwürfe gegen ihn wiegen schwer. All den Frauen, die sich getraut haben, den Mund aufzumachen, und diese ganze Debatte eröffnet haben, bin ich unendlich dankbar, denn es tut sich seitdem ganz viel.

Über eigene, schwierige Erfahrungen sprechen Sie aber nicht?

Nicht öffentlich. In der Arbeit gab es grenzwertige Fälle, die schlimmeren Erfahrungen habe ich aber jenseits davon machen müssen. Ich finde auch, dass es um viel mehr geht, als irgendwelche Männer anzuklagen. Muss ich immer lieb und freundlich sein? Muss ich als Frau besonders vorsichtig formulieren, oder kann ich genauso klar Kritik äußern wie ein Mann? Ich traue mich inzwischen, Bescheid zu sagen, wenn ich was scheiße finde. Früher hieß es gleich: „So brauchst du nicht mit mir zu reden, Fräulein!“ Fräulein! Neulich hat einer Mäuschen zu mir gesagt. Da habe ich den Raum verlassen, in dem neun Männer saßen. Am Abend hat er sich entschuldigt. Das ist neu.

Foto: pa /Alamode Film/dpa

Meret Becker als Alex (l) und Sabine Timoteo als Marion in einer Szene des Films "Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?".

Foto: pa /Alamode Film/dpa

Meret Becker als Alex (l) und Sabine Timoteo als Marion in einer Szene des Films "Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?".

Als Frau erscheinen körperliche Dinge so ungleich wichtiger. Denken Sie manchmal: Wäre ich doch nur ein Kerl?

Immer wenn beim Film eingeleuchtet wird. Sie leuchten meistens nur für Jungs ein, so hartkantig. Schöne Frauen mittleren Alters sehen wie dellige Monster aus. Die muss man weich, frontal einleuchten. Passiert im deutschen Film zu selten. Früher habe ich mehr darüber nachgedacht, wie ich mich aufzwirbeln muss, wenn ich einen Produzenten treffe. Was für ein Quatsch!

Aber bisschen gut aussehen will man schon noch.

Na klar. Sie kommen ja auch nicht im Pyjama zum Interview. Obwohl, ich fänd’s wahrscheinlich ganz cool. Inzwischen mache ich mich schön, wenn mir danach ist.

Sprechen wir über Ihre Musikprogramme auf der Bühne. Was Sie da tun, ist hochgradig unseriös.

Nein! Wieso?

Sie verrenken sich in einem Ring, der an der Decke hängt, Sie entlocken einer Säge wimmernde Töne.

Ich spiele wunderschöne Musik auf der Säge!

Entschuldigung, die Musik, die ganze Show ist wunderschön. Gerade weil sie so unseriös, verspielt ist.

Spielerisch, ja. Aber nicht unüberlegt. Wenn ich in dem Ring über der Bühne stecke, dann ist das ja ein Bild: Mondwesen, Vogel, Embryo. Die Nummer folgt auf eine tragische Erzählung von einer Frau, die ihrem Mann davongelaufen ist.

Und dann …

Gut, dann springe ich aus dem Reifen raus und mache als Artist ein bisschen Zirkus. Als kleiner Artist, das ist wichtig. Denn obwohl ich kein richtiger Artist bin, mache ich das trotzdem. So ein schönes Wort: trotzdem. Ich will die Leute anstiften, trotzdem Dinge zu tun. Es gibt ein Stück, da gurgel ich die Melodie. Und ich denke mir: Wenn von den Zuschauern ein einziger am Abend vorm Badspiegel steht und nach dem Zähneputzen eine Melodie gurgelt, dann hab’ ich gewonnen. Dann habe ich eine kleine Saat der Anarchie gepflanzt. Das ist meine politische Arbeit. Ich will alt gewordene Kinder lebendig machen.

In Ihrem neuen Film sagen Sie als Mutter zur Tochter: Ich hab mir den Arsch aufgerissen für dich. Darauf die Tochter: Ich hab’ nicht darum gebeten.

Das ist etwas, das eine Mutter niemals sagen darf. Aber es passiert natürlich trotzdem. Die Antwort der Tochter ist die einzig richtige. Es ist die Natur des Kindes, zu fordern und zu fordern. Damit muss man als Mutter umgehen lernen.

Was schuldet eine Mutter ihrer Tochter? Und was die Tochter ihrer Mutter?

Im besten Falle nichts. Im besten Falle ist man einfach da und miteinander. Es geht um eine Liebe, die durch nichts infrage gestellt wird.

Wie war das für Sie als Tochter?

Meine Mutter war oft unterwegs. In unseren ersten Jahren in Bremen gab es eine Zieh-Oma, die sich oft um meinen Bruder Ben und mich gekümmert hat. Wir lebten in einer Hausgemeinschaft, da herrschte eine komische Mischung aus antiautoritärer und streng westkommunistischer Erziehung. Alles war superlocker und auf einmal wieder strikt politisch, und man wusste nie, wann was ist. Später dann, seit ich vier war und wir in Berlin lebten, waren wir eine klassische Familie mit Mutter und Vater, das war Otto Sander. Nach außen sah das aber nicht so klassisch aus: Holt die Wäsche rein, die Artisten kommen! Wir hatten alle verschiedene Nachnamen, ich wurde anders gekleidet, ich kam oft zu spät. Manche Kinder durften nicht zu meinem Geburtstag. Als eine Freundin mal zu Besuch war und Otto im Nachbarzimmer Texte lernte, sagte sie: „Der führt die ganze Zeit Selbstgespräche. Hat der noch alle Tassen im Schrank?“ Da ist mir das – mit 15 – zum ersten Mal aufgefallen, dass Otto pausenlos allein rumgeredet hat.

Es war ein Schauspielerhaushalt, in dem die Eltern wahrscheinlich mehr bei sich als bei den Kindern waren.

Man lief als Kind so mit. Andauernd waren Leute da, wir aßen oft außerhalb, und wir steckten zwischendrin. Bei einer Freundin fand ich toll, dass sie mit ihren Eltern und Hund im Wald spazieren gegangen ist. So was haben meine Eltern nie gemacht. Die haben auch keine Brötchen am Wochenende eingekauft. Bei uns gab’s Graubrot. Dafür haben sie spät und lange gefrühstückt.

Könnte es sein, dass Schauspieler, die mehr über ihre Bühnenrolle nachdenken als über ihre Elternrolle, Nachwuchs erzeugen, der um jedes bisschen Aufmerksamkeit kämpfen muss, Narzissten, die es auf die Bühne treibt?

Da kann was dran sein. Aber ich liebe meine Mutter, auch wenn sie uns mal vernachlässigt haben sollte. Meine Mutter ist eine Perle! Und auch wenn Otto nicht so viel da war, hab’ ich ihn über alles geliebt. Ich würde meine Eltern mit niemandem tauschen wollen! Wirklich nicht!

Foto: imago/APP-Photo

Meret Becker ist auch als Sängerin erfolgreich. Hier bei einem Auftritt im neuen Wintergarten an der Potsdamer Straße.

Foto: imago/APP-Photo

Meret Becker ist auch als Sängerin erfolgreich. Hier bei einem Auftritt im neuen Wintergarten an der Potsdamer Straße.

Sie haben mal von dem Stunk erzählt, als Ihr Bruder, Ben Becker, zu Weihnachten die Ballade von „John Maynard“ aufsagen wollte. Das hatte bis dahin immer Otto Sander getan.

Oh ja, das war schlimm. Zu jedem Weihnachtsfest gab es Stunk. Es war furchtbar. Eine italienische Tragödie. Jeder hat sich bemüht, irgendwas vorzuführen, irgendwas zu tun, wovon er dachte, dass das zu Weihnachten gehört.

Aber das Publikum hat gefehlt.

Waren ja alles Künstler, die selbst was sagen mussten. Dazu kam, wie in jeder anderen Familie: Dieser Abend muss der schönste werden! Dann brechen alle Konflikte aus, und der Baum fängt an zu brennen. Aber so schlimm das manchmal war – ich will’s nicht missen.

Noch ein Filmzitat: „Gäbe es den Tod nicht, würde man im Leben alles auf morgen verschieben.“

Vorm Tod hatte ich, seit ich sieben war, panische Angst. Der Gedanke, dass er mir irgendwann passiert, unausweichlich. Mit dem Tod ins Reine zu kommen, ist eine meiner Lebensaufgaben. Als Otto starb, war ich’s für einen kleinen Moment. Weil er, obwohl er tot war, noch da war. Es war ein kurzer Augenblick.

Was könnte sonst noch helfen?

Ich finde einen Gedanken ganz interessant, den ich gerade gelesen habe: Angenommen, in Zukunft würde die Sterblichkeit abgeschafft, wie würde man mit seinem Körper umgehen? Man würde sich viel vorsichtiger bewegen, um diese Maschine, die man noch ewig brauchen wird, nicht zu zerstören. Und wie scheiße wäre das denn? Seitdem bin ich irgendwie damit versöhnt, dass ich sterblich bin. Risiken einzugehen, das gehört doch dazu! Wenn ich in dem Bühnenprogramm an der Decke baumel’, dann spreche ich darüber: Der Gedanke, jetzt zu springen, gleich loszufliegen, auf die Gefahr, dass was passiert, den finde ich so wichtig, so sensationell.

Die Trauerfeier für Otto Sander fand im Berliner Ensemble statt. Ein hochseriöser Staatsschauspieler wurde verabschiedet ...

So so, der ist also seriös und icke nich‘?

Könnte ein Ahnungsloser glauben. Was für einen Schlussakt würden Sie sich denn wünschen?

Auf jeden Fall müsste eine Marching Band spielen.

Eine große Blaskapelle mit vielen Trommeln, und alle machen beim Marschieren ordentlich Rabatz.

Ja! Und dann fallen mir ganz viele Lieder ein, viel zu viele. Das müsste man leider einschränken, weil’s ja keine Dauerveranstaltung werden sollte. Eins auf jeden Fall, oh Gott, das ist so kitschig, aber so schön. „She’s Always a Woman.“

Billy Joel singt da: „She hides like a child, but she’s always a woman to me“ …

… und meine Grabrede sollte Walter Schmidinger halten. Der ist nur leider auch schon tot.

An wen sollten sich die Leute erinnern? An eine lustige, bisschen durchgeknallte Lolitafrau?

Nein! An Meret! Ich will doch, dass die Leute sich an was erinnern, das mir wichtig war. Ich hab’ mal einen Satz erfunden: „Hätte ich getan, was ich konnte, wäre ich tatenlos geblieben.“ Verstehen Sie, was ich meine? Man muss Fehler machen! Ich hatte so große Angst vor Fehlern, sogar in den Proben. Dann sagte mir einer: Stell dich doch mal hin und mach mit Absicht einen Fehler. In einer Conference habe ich schließlich einen künstlichen Hänger eingebaut. Der hat eine Spannung erzeugt und mir eine riesengroße Sicherheit verschafft.

Und die Fehler der anderen?

Die muss man betrachten und genießen. Darin war Otto gut. Der hat sich die Leute so genau angesehen, und am wichtigsten fand er die Fehler. Ich hab’ mir mal eine Wohnung ausgebaut, und es ging um die Kacheln im Bad. Ich hatte mir so schöne grüne ausgesucht mit einem ganz feinen Muster. Da sagte Otto: Du musst eine hellblaue dazwischentun, als Fehler. Das war’s! An das grüne Muster hat man sich schnell gewöhnt. Erst durch den kleinen blauen Fehler fiel immer wieder auf, wie schön es ist.

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