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Foto: imago/VIADATA
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Janós Kóbor gab mit seiner Rockband "Omega" 1962 sein erstes Konzert.

Interview „Rockmusik ist 80 Prozent Freiheit“

Herr Kóbor, Sie sind Rockstar und haben die halbe Welt gesehen, wissen Sie, wo Sie hier gerade sind?

Ja, ja.

Die Bühne, auf der Sie heute singen werden, steht auf dem Zeltplatz, wo in den 90er Jahren die halbe Kelly Family gemeldet war. Historischer Boden.

Ach.

Sie kennen die Kellys?

Hab’ ich mal gehört. Vor allem aber hab’ ich mal Franz Liszt gehört.

Weil der wie Sie Ungar war?

Weil meine Eltern dafür gesorgt haben, dass ich klassische Musik kennenlerne. Und weil der ein Rocker gewesen ist. Sagt Ihnen Barbarossa was?

Sie wissen tatsächlich, wo Sie sind.

Ich habe nur andere Koordinaten.

Die Nazis benutzten eines von Liszts Werken, um im Radio und der „Wochenschau“ die Berichte vom Überfall auf die Sowjetunion einzuleiten, „Unternehmen Barbarossa“ nannten sie den Angriff 1941.

Wir haben seit ein paar Jahren auch so ein bisschen Liszt im Repertoire …

Foto: imago/Andreas Weihs

Der Omega-Sänger wollte eigentlich nie Musiker werden.

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Der Omega-Sänger wollte eigentlich nie Musiker werden.

… und Kaiser Barbarossa soll hier im Kyffhäuser, in diesem Gebirge hinter uns, herumspuken. Wenn die Sage stimmt, sitzt er dort auf einem Elfenbeinstuhl an einem Marmortisch.

Die Welt ist klein. Man kann sie sich nicht aussuchen.

Aber genau das konnten Sie doch immer. Sie lebten in einem sozialistischen Land und konnten trotzdem im Westen arbeiten. Die ersten großen Erfolge hatten Sie dort. Sie hatten die Wahl.

Mindestens einmal aber nicht, komischerweise gleich am Anfang. Die erste Band, die wir gegründet haben, das war in der Mittelschule, 15, 16 waren wir da, 1959. Und 1962 haben wir dann diesen Namen bekommen, Omega.

Weil Sie sich selber vorher keinen ausgedacht hatten. Der Chef des Klubs, in dem Ihr erster Auftritt stattfand, fragte, was er auf die Plakate drucken solle. Sie zuckten mit den Schultern. Er soll dann gesagt haben: „So, ihr heißt jetzt Omega.“

Ja, 55 Jahre ist das her, ab da zählen wir. In dem Jahr haben auch die Beatles und die Rolling Stones ihre ersten Schritte gemacht.

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Die Band von links nach rechts: Albert Földi (Keyboards), Kati Szöllössy (Bass), Georg Hill (Gesang), László "Laci" Benkö (Keyboards), Ferenc "Ciki" Debreczeni (Schlagzeug), Tamás Szekeres (Gitarre), Sänger János "Mecky" Kóbor.

Foto: imago/Andreas Weihs

Die Band von links nach rechts: Albert Földi (Keyboards), Kati Szöllössy (Bass), Georg Hill (Gesang), László "Laci" Benkö (Keyboards), Ferenc "Ciki" Debreczeni (Schlagzeug), Tamás Szekeres (Gitarre), Sänger János "Mecky" Kóbor.

Anfangs liefen die Stones und Sie quasi nebeneinanderher. Ihr erstes Album wurde in London von deren Plattenfirma Decca produziert.

Na ja. Wir waren erst mal fünf Jahre auf Tournee in Ungarn. Wir konnten nicht in die anderen sozialistischen Länder. Tschechoslowakei, das war sehr streng, Polen ging so. Aber in Ungarn lief es, Sporthallen und so. Und dann kam plötzlich diese Einladung aus England.

Von wem?

Zwei englische Bands, die Spencer Davis Group und die Nashville Teens, waren in Budapest. Deren Manager kam in den Uniklub, wo wir jede Woche gespielt haben, und fragte, ob wir uns vorstellen könnten, durch England zu touren. Er warnte uns aber auch gleich vor der britischen Musikergewerkschaft. Die hatte was gegen neue Bands, die könnten den alten die Preise verderben.

Ihr Problem war nicht, aus Ungarn raus-, sondern nach England reinzukommen. Ihre Songs hatten es da leichter im Ausland. Die Scorpions fragten Sie, ob sie sich eine Ihrer Melodien ausborgen dürften. Frank Schöbel auch. Kanye West fragte nicht.

Für mich war das eine große Sache. Ich kannte den nicht, aha, irgendein Rapper, aber was mich wirklich interessiert hat: Wo hatte der das her? Eineinhalb Minuten unserer Musik in einem Rap-Hit von 2013, sehr schlecht aufgenommen von uns Jahrzehnte zuvor, irgendwann ’68 oder ’69.

Hat er es Ihnen gesagt?

Ich hab’ rausgekriegt, dass irgendwer, der mit ihm zu tun hat, in Chicago ein polnisches Stammrestaurant hat. Dort lief unser Lied.

1968, das war auch das Jahr Ihrer Englandtourneen.

Wir haben probiert, auf Englisch zu singen. Nicht gut. Da waren so viele gute Bands unterwegs, Led Zeppelin, Jimi Hendrix, nicht nur die Beatles, die Stones, The Who und so. Ich dachte: Was sollen wir hier? Gehen wir nach Hause.

Sie waren schüchtern? Oder weise?

Die erste Tour war im Frühjahr, die zweite im Oktober und November. Da war eine junge Band dabei, ein Trio. Die hatten einen Keyboarder, der hat uns beeindruckt. Keith Emerson hieß der.

Der, der zwei Jahre später Emerson, Lake and Palmer gegründet hat?

Er gab uns den Rat: „Macht was Eigenes, denkt nicht drüber nach, was hier gerade angesagt ist.“ Spätestens da hatten wir es begriffen. Das wird hier nichts. Besser als die Engländer selber konnte man es nicht machen.

Diese Erkenntnis muss schlimm für Sie gewesen sein.

Es war der Himmel dort! Durch England fahren, Konzerte geben. Mit zwei Ford Transits auf der Autobahn, einer für uns, einer für die Boxen, die hatten wir von den Animals gemietet. Wales, Schottland, Irland, Newcastle, Liverpool.

Der Rockhimmel.

Eines Nachts landeten wir in einer Autobahnraststätte. Da saßen ein paar Kerle am Tresen – das sind doch The Who! Daltrey, Townshend, Entwistle!

Ihre Rockgötter.

Die haben uns gefragt: Und, auch auf Tour? Und wir: Ja, ja. Wo kommt ihr her? Ungarn, Hungary. Hungary? So was gibt es nicht. Ich glaube, Pete Townshend hat dann verkündet, doch, doch, kenn ich, kenn ich, das ist irgendwo in der Mitte des russischen Empires.

Foto: imago/Karina Hessland

Neben Rolling Stones gehören "Omega" zu den ältesten noch musizierenden Rockbands.

Foto: imago/Karina Hessland

Neben Rolling Stones gehören "Omega" zu den ältesten noch musizierenden Rockbands.

Der war gebildet, der war auf so einer Art Kunsthochschule.

Und irgendwer von denen sagte: „Touren nervt.“ Komische Erfahrung.

Die waren so jung wie Sie und schon satt. Sie dagegen sind es bis heute nicht.

Die Leute brauchen uns. In den Jahren danach versuchten wir dann, uns auf Kontinentaleuropa zu konzentrieren. Westdeutschland, Skandinavien, Holland, da konnten wir mithalten. Wir probierten, mehr klassische Sachen in unsere Musik reinzubringen, Orchesterklänge. Aber der größte Schritt für uns war ein anderer: Wir waren technisch sehr klug.

Wie meinen Sie das?

Ich war Architekt, die anderen waren Ingenieure. Wir hatten unseren ersten Synthesizer in Betrieb, noch bevor Robert Moog seinen Minimoog gemacht hatte. Wir hatten sogar so eine Art Personal Computer gebaut, bevor Steve Jobs seinen erfunden hatte. Ein Fernseher, eine Schreibmaschinentastatur davor. Ende der 70er, Anfang der 80er hatten wir eigene Sampler, Sequenzer. Wir haben das alles auf der Frankfurter Musikmesse ausgestellt.

Aus Ihrer Band war eine Elektronikbude geworden.

Wir nennen das unsere Spacezeit. Wenn wir mit dem Zeug im Westen waren, kamen andere Bands zu Besuch und fragten: Was habt ihr da? Brian May von Queen lief zum Messestand, aha, ein Gitarrensynthesizer soll das sein? Aber es stellte sich heraus: Mehr als einige Einzelstücke konnten wir kaum bauen. Es gab ja CoCom, das Embargo. Hochtechnologie, Einzelteile für unsere Maschinen, durften vom Westen nicht in den Ostblock gelangen. Nicht die ungarische Grenze war für uns gefährlich, sondern Salzburg oder München. Da saß der Zoll.

Sie hatten nie Ärger in Ungarn?

Wir haben keine politischen Probleme gemacht. Wenn wir im Westen Interviews gegeben haben, haben wir immer gesagt: Ungarn? Ist okay dort. Wir sind zufrieden. Alles läuft. Heute kann ich sagen, das war damals wirklich nicht so schlecht, wie viele es heute darstellen.

In Ungarn oder generell im Ostblock?

Wir haben beide Seiten gesehen. Von der DDR nach Westdeutschland zu fahren, das war wie in eine Sauna zu kommen.

Weil es Illustrierte mit nackten Leuten drin gab?

Man kam aus der Kälte ins Heiße. Aber ich hab auch die Nachteile gesehen. In Westdeutschland waren die Studentenproteste, irgendwann mündete das in die Rote Armee Fraktion, es gab Leute, die Maoismus toll fanden. Ich dachte immer, die müssten mal verreisen, ein paar Tage in die DDR. Bisschen Anschauungsunterricht nehmen.

Die Ahnungslosigkeit der Linken ist der erste Nachteil, der Ihnen einfällt?

Arm und Reich, die Unterschiede zwischen Mensch und Mensch, die wir im Westen gesehen haben, das war auch nicht so sympathisch. Ich war nie ein Sozialismusfreund, aber auch nie ein Kapitalismusfreund. Wir waren nicht hundertprozentig sicher, ob der Westen besser war als der Osten.

Was sind die Nachteile speziell an England?

In England gibt es keine Nachteile, ich bin ein Anglomane. England ist perfekt, dort ist alles gut.

Und zu Hause?

Wir sind nicht mehr die lustigste Baracke des Sozialismus, wir sind im Moment einfach nur ein kleines Land – in vieler Hinsicht. Aber in Ungarn zu leben, ist nicht schlecht. Wenn jemand arbeiten will, dann kann er, und dann funktioniert es.

Wie sieht es mit Viktor Orbán aus?

Er ist kein Diktator, als der er im Westen oft gesehen wird, er wurde gewählt. Ich glaube nicht einmal, dass er wie behauptet ein Rechter ist. Na ja, ein bisschen vielleicht. Ich erinnere mich an seine Ansprache auf dem Budapester Heldenplatz im Sommer 1989.

Ein junger Mann mit langen Haaren, der freie Wahlen und den Abzug der Sowjetarmee forderte.

Orbáns Partei Fidesz, das waren richtig gute junge Revolutionäre. Aber heute? Da ist keine Strategie, sie machen sich die Taschen voll. Das haben sie von den Sozialdemokraten gelernt und von der Rechtspartei. Das größte Problem ist, es existiert in Ungarn keine starke Opposition. Die radikale Rechte ist uninteressant, und von den sozialistischen Parteien gibt es ungefähr acht. Jede arbeitet gegen jede. Eine richtige Linke zu organisieren, ist in Ungarn unmöglich.

Waren Sie vor zwei Jahren in Budapest, als die Flüchtlinge kamen?

Die Stadt war voll. Hier in Deutschland sehen Sie das nicht, Ihr Land ist groß. In Budapest konnten Sie nicht Auto fahren, die Straße war voller Menschen. Und da war die einzige Möglichkeit, diese Menschen zu stoppen, einen Zaun zu bauen. Ich weiß, das ist nicht sehr menschlich, aber es ist auch nicht menschlich, die Leute kommen zu lassen, ohne Hilfe, ohne Hoffnung.

1989, als Budapest ebenfalls voller Flüchtlinge war, aus der DDR, war das anders. Viele von denen verdanken den Ungarn eine Menge, die Hilfsbereitschaft war riesig. Und Ihr Außenminister hat den Eisernen Vorhang zerschnitten.

Die Ungarn waren aufgeschlossener damals. Wir dachten, wir kennen eure Probleme, helfen wir euch also. Gleichzeitig glaubten wir, das dauert sowieso nicht lange, und die Russen kommen mit ihren Panzern …

… so wie 1956 beim Volksaufstand …

… ja, auf unserem neuen Album gibt es ein Lied über die Zeit, ich habe das ja erlebt, ich war schon 13. Wir hatten Angst vor den Russen bis weit in die 90er Jahre. Bis heute ist nicht klar, mit wem man es in Moskau zu tun hat, mit der Regierung Russlands oder der der Sowjetunion. Wie hieß der Trinker gleich noch mal, der das Riesenreich nach Gorbatschow angeführt hat?

Boris Jelzin. Zu der Zeit sollte auch Omega längst Geschichte sein.

In den 80ern schon. Da kam New Wave, das war viel frischer als wir. Wir hatten das früh mitbekommen, weil viele dieser neuen Bands ihre Elektronik von uns bekommen hatten, Kraftwerk auch. Außerdem fühlten wir uns ein bisschen alt, ich wurde 40.

Es war vorbei?

Ein paar Jahre vorher hatte in den englischen Zeitungen noch gestanden, wir seien die beste Band Kontinentaleuropas. Nun war unsere Zeit um. Doch gleichzeitig konnten wir im Ostblock Stadionkonzerte veranstalten, und die Menschen kamen. Wir merkten, wir sind eine lebende Legende, machen wir also weiter.

Sie sind 74. Für jemanden, der von sich sagt, dass er nie Musiker sein wollte …

… stimmt, das wollte ich nie. Ich bin bis heute ein studierter … wie heißt das Wort?

Hallodri?

Mit der Musik wollten wir eigentlich immer nur eines sichern: frei sein. Das hat geklappt. So handhabe ich das auch beim Segeln. Um eine Boje rumkurven, Anweisungen befolgen, nein, ich segele einfach. Segeln heißt für mich Freiheit. Und in der Rockmusik habe ich die zu 80 Prozent gefunden.

Sie haben eine Tochter, die ist zehn.

An der Schule treffe ich die ganzen anderen Väter, die sind in ihren 20ern, 30ern. Ich möchte nicht tauschen mit denen.

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