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Foto: promo
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Außer Tresen nix gewesen? Nicht ganz. In Bozen kann man den Aperol Spritz gemütlich an der Bar genießen.

Mampftrinken in Bozen Zeit für einen Südtiroler Aperitivo

Da ist wieder einer. Cobo, der eigentlich Rino heißt, doch seit 25 Jahren diesen Spitznamen hat, deutet auf einen älteren deutschen Herrn, der, kaum dass er sich auf den Korbstuhl gesetzt hat, den Zeigefinger hebt und nervös Löcher in die Luft pikst. „Das nenne ich das Gleich-Syndrom“, sagt Cobo. Er meint die Gäste seiner Bar in Bozen, die sofort bestellen möchten, sobald sie angekommen sind. Dabei steht an einem Schild über der Theke auf Deutsch: „Wir sind schon weiter als Slow Food, wir sind Slow Service.“

Für Deutsche klingt 18 Uhr nach Happy Hour, für Bozener heißt es: Aperitivo. Man geht vom Büro nicht nach Hause, sondern in eine Bar, um Freunde zu treffen, mit Kollegen zu lästern oder ein Date zu haben. Der Aperitivo soll Appetit auf das Abendessen machen. Er ist eine Tradition aus Mailand, früher hat man ein Glas Campari oder Martini getrunken, vor 20 Jahren tischten die Mailänder Bars dazu ganze Häppchen-Büfetts mit Pastasalat auf, und seit zehn Jahren boomt nun die Südtiroler Variante. Speck und Käse zu Aperol Spritz oder Hugo.

Der Aperitivo gehört inzwischen zu Bozen wie die Laubengänge in der Altstadt und der Blick auf die Dolomiten in der Abenddämmerung. Er ist Teil des Alltags geworden, wie der Espresso am Morgen, eine Art, die Stadt zu leben, zu erleben und an ihr teilzuhaben. Kein Kampftrinken, bis der Arzt kommt, sondern ein Genießen, bis das Kribbeln einsetzt. Lebensfreude, sagen die Bozener dazu, der Aperitivo – und dieses Wort sprechen auch die Deutsch redenden Südtiroler wirklich immer Italienisch und mit leicht rollendem R aus – sei ein Ausdruck dessen, wie gut es einem gehe.

„Ich bin im Aperitivo geboren“

Schaut man Cobo an, weiß man: Dem geht’s bestens. Er lacht jeden Gast an, als wären sie alte Freunde, die sich nach 30 Jahren zum ersten Mal wiedersehen. Selbst die mit Gleich-Syndrom bekommen die freundlichste, wenn auch etwas nachsichtige Behandlung. „Signore, was wünschen Sie?“ Der 69-jährige Wirt mit den schulterlangen grauen Haaren, dem Schnauzer und dem Strohhut zog einst der Liebe wegen nach Bozen und mochte den Ort so sehr, dass er ihm einen Comic zur Stadtgeschichte zeichnete. Als Einnahmequelle reichte das nicht aus, also hat Cobo seine Bar, die „Fischbänke“, vor 25 Jahren eröffnet. Er sagt: „Ich bin im Aperitivo geboren“, und meint das 100 Kilometer südliche Verona, wo das abendliche Camparitrinken längst Sitte war.

Foto: Ulf Lippitz

Bart-Tender. Cobo lässt sich beim Servieren nicht von seinen Gästen hetzen.

Foto: Ulf Lippitz

Bart-Tender. Cobo lässt sich beim Servieren nicht von seinen Gästen hetzen.

Fischbänke dienten früher den Händlern dazu, ihren Fang gekühlt auszulegen. Heute rankt sich an den Marmorsockeln Efeu hoch, bunte Lampions hängen von gespanntem Zelttuch herab. Es gibt Bruschetta mit Tiroler Speck und die Südtiroler Heilsbotschaft für alle Durstigen: den Hugo. Das Mixgetränk aus Holundersirup, Prosecco, Soda und Zitronenmelisse wurde in der Region erfunden und begann von hier aus seinen Siegeszug in die deutschen Bars über die Einflugschneise Brenner, München, Berlin.

Was einen guten Aperitivo ausmacht? „Buona compagnia“, antwortet Cobo, gute Gesellschaft. Man soll quatschen, lachen und Zeit mitbringen. Der Blick auf die Uhr gehört nicht zum Aperitivo, der schnelle Finger nach oben schon gar nicht. Noch ein Hinweisschild über der Bar: „Das Konzept ist, dass ihr wartet, nicht, dass ich rennen muss.“ Klappt das, Cobo? „Ich gebe mein Bestes“, sagt er.

Kleine Schlucke, große Erfrischung

Die Gäste bleiben, auch wenn es mal länger dauert. Die anderen Bars sind ja genauso voll. Zum Beispiel das „Exil“ am ältesten Platz Bozens, am Kornplatz, wo im Mittelalter die Waage für den Getreidehandel stand. Oder das „Carretai“, von Cobos Bar nur ein paar Schwankmeter durch das alte Stadttor entfernt. Dort servieren die italienischen Besitzer Wein vom Fass für 1,50 Euro und deftige Weißbrotscheiben mit Hackepeter. Im „Banco 11“ am Markt hinter den bunten Gemüse- und Blumenständen geht es etwas schicker, bürgerlicher zu – Spritz und Austern für die Samstagsbummler, die sich vom Ungetüm Einkaufsliste erholen müssen.

In der „Franz Bar“, einmal abgebogen vom Markt mit den weiß und gelb getünchten Häusern, steht auf engstem Raum halb Bozen zusammen. Die Bar hat nichts vom hippiesken Charme der Fischbänke, sondern strahlt jene Tüchtigkeit aus, für die Italiens nördlichste Region im ganzen Land respektiert wird. Um Stehtische im Freien gruppieren sich Angestellte einer Bank, die im Anzug den gelungenen Vertragsabschluss feiern, BWL-Studenten im Polohemd trinken neben italienischen Damen mit zu viel Blond im Haar. Das Spezialgetränk heißt Capri Simon, eine Hommage an die „Capri Sonne“ der Jugend, nur mit Alkohol und Maracujageschmack.

Kleine Schlucke, große Erfrischung. Das braucht man in Bozen auch. Die Stadt liegt in einem Tal mit Porphyrgestein, einem vulkanischen Fels, der im Sommer die Wärme speichert und an die Umgebung abgibt. Daher gehört die größte Stadt Südtirols regelmäßig zu den wärmsten Orten Italiens. Gerade hat es 35 Grad, die Palette von Grün, Rot oder Gelb in den Gläsern senkt die gefühlte Temperatur.

Foto: Suedtirol Marketing, Italy

Blick über die Weinhänge.

Foto: Suedtirol Marketing, Italy

Blick über die Weinhänge.

Hannes Niedermeier hat genug vom Regenbogen, diesen ganzen bunten Getränken, am liebsten würde der Barkeeper sie aus seinem Herrschaftsbereich verbannen und durch die Deckfarbe seines Outfits ersetzen. Schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Krawatte, so dunkel kommt auch sein Americano Molto Sbagliato daher, ein Aperitivo mit zehn Jahre altem Burmester-Portwein, Aperol und Soda.

Die holzgetäfelte Bar befindet sich im Erdgeschoss des Hotels Laurin, eines Grand Hotels mit eigenem Park und der Treffpunkt der Bozener Gesellschaft. Niedermeier hat die Klassiker wieder gestärkt, den Negroni, den Americano, bestehend aus Campari und rotem Wermut, verziert mit einer Orangenscheibe, den die amerikanischen Besatzungssoldaten immer verlangten und ihm so zu seinem Namen verhalfen. „Das waren die klassischen Aperitivo-Getränke der Nachkriegszeit“, sagt Niedermeier, und auf dieser Basis entwickelt er seine Neuinterpretationen.

Hugo - zu sauer, um den Magen zu öffnen

Niedermeier stammt aus Bruneck im Norden Südtirols, er hat jahrelang in Köln gearbeitet, an der Weltmeisterschaft der Cocktailmixer teilgenommen und gibt heute in Bozen Kurse für angehende Barkeeper. Man kann ihn sich trotz seiner sanften Stimme als strengen Lehrer vorstellen, durch seine filigrane Brille blickt er durchdringend.

Wenn er von Hugo spricht, tötet sein Blick. „Zu jung“, sagt Niedermeier, „mal gucken, ob der sich durchsetzt.“ Zitronenmelisse gäbe es doch gar nicht genug im Tal, um einen rezeptgetreuen Hugo zu kreieren. Für einen Aperitivo seien die Zutaten Limettensaft und Prosecco außerdem zu sauer, den Magen öffnen sie nicht so wie seine Klassiker, findet er, dem neumodischen Gesöff fehle die Harmonie.

Nur kommen die Gäste trotzdem auch wegen einer dieser Sommerkreationen in die Bar des Laurin. Der Laurin Spritz mit Passionsfruchtsirup und eben Limettensaft und Prosecco kühlt die Kehlen, prickelt aber auch recht aufdringlich. Gegen solche Geschmacksnoten mixt Niedermeier seit fünf Jahren an, vergeblich, denn die Kunden möchten ihn haben, weil sie ihn eben kennen.

Feine Drinks statt schnöder Snacks

Jeden Donnerstag trinken die Bozener und Touristen im schattigen Garten des Hotels auch den Aperitif Lungo, noch so eine Mode. Statt sich auf das Getränk zu konzentrieren und das Häppchen nebenbei zu essen, gibt es zum Lungo belegte Brötchen, Prosciutto mit Melone und einen herrlich süßen Kirschtomatensalat. Bis 22 Uhr können Gäste das Büfett genießen, danach bringt die Küche kleine Desserts hinaus. „Das geht eigentlich nicht für einen Aperitivo“, meint Niedermeier, aber der kleine Park ist ständig voll. Nur bei einer Laune macht der Barchef nicht mit. „Wenn ein Gast Cappuccino bestellt, bitte ich ihn, am nächsten Morgen noch mal zu fragen.“

Cobo lobt die Freiheit beim Trinken, das Miteinander. Niedermeier propagiert das Schöne, Wahre, Starke. Feine Drinks statt schnöder Snacks. „Das ist wie bei James Bond, da steht auch nicht Dr. No im Vordergrund“, sagt der Barkeeper. Er lächelt. Vielleicht würden manche Kollegen ihn konservativ nennen, er erklärt sich für wertebewusst.

Bald werden die Tage kühler. Hannes Niedermeier freut sich schon. Die gute Trinkgesellschaft wird sich wieder drinnen in der Bar einfinden. Und keiner wird Hugo bestellen. Gott sei Dank, seufzt Niedermeier, dann beginne die Zeit der richtigen Aperitivi.

Hinkommen

Von Berlin entweder mit dem Flugzeug nach Innsbruck und von dort mit dem Auto über den Brenner weiter bis Südtirol. Easyjet fliegt ab 49 Euro, die Flugpreise schwanken jedoch stark, je nach Datum und Airline.

Mit der Bahn geht es über München in etwa neun Stunden direkt nach Bozen, Sparpreise ab 90 Euro.

Unterkommen

Doppelzimmer pro Nacht im Vier-Sterne-Hotel Laurin ab 188 Euro. Hier braucht man nur wenige Schritte von der hauseigenen Theke bis ins Bett. Die Bar hat von 7.30 Uhr bis 1.00 Uhr geöffnet: laurin.it.

Rumkommen

Die Bar Fischbänke ist eine Institution in Bozen. Zeit mitbringen und bei Bedarf eine Lesebrille für die vielen Schilder im Laden. Täglich von 11 bis 21 Uhr, sonntags Ruhetag. Mehr Details zur Region, zu Unterkünften, Ausflugstipps und zur Anreise unter suedtirol.info.

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