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Foto: Björn Rosen
Foto: Björn Rosen

Frisch. Statt Webstühlen rattern nun Kaffeemaschinen und Bierzapfanlagen im Alternativzentrum „OFF“.

Mit Ohrwurm durch Polen 48 Stunden industrielles Lodz

10 Uhr

Golden schimmern die Sterne auf dem Pflaster. Auf einem steht der Name von Roman Polanski, auf einem anderen der des Oscar-Preisträgers Andrzej Wajda und da der von Regisseurin Agnieszka Holland. Vor dem „Hotel Grand“, das so klassisch-prächtig aussieht, wie der Name vermuten lässt, hat Lodz seinen Walk of Fame eingerichtet. Die Großen des polnischen Kinos sind vertreten, allen voran jene, die es nach Hollywood geschafft haben. Lodz ist seit jeher das Zentrum der nationalen Filmindustrie, Polanski und Wajda haben einst an der Filmhochschule der Stadt gelernt. Und wenn Polens drittgrößte Metropole, die mindestens so viele städtebauliche Narben wie architektonische Juwelen besitzt, irgendwo Glamour hat, dann hier. Der Walk of Fame liegt auf der Piotrkowska. Links und rechts der Flaniermeile stehen Wohn- und Geschäftshäuser aus dem 19. Jahrhundert, bei schönem Wetter sitzen von früh bis spät Leute davor, trinken Kaffee oder Bier, essen georgische Teigtaschen und Sushi. Oder Kuchen. Zum Beispiel im „Lodziarnia Cukiernia Wasiakowie“ (Generala Romualda Traugutta 2), einem Eiscafé gleich um die Ecke vom Hotel.

11 Uhr

Es lohnt sich, die Höfe der Piotrkowska zu erkunden. Im Hof von Nummer drei hat die Künstlerin Joanna Rajkowska die Hauswände flächendeckend mit Spiegelstücken beklebt. „Pasaz Rozy“ glitzert in der Sonne. Das Werk ist ihrer Tochter Rosa gewidmet, die an einer schweren Augenerkrankung litt. Ein paar Häuser weiter kann man sich in der Buchhandlung Stompel (Nummer 11) mit deutsch- und englischsprachigen Büchern über die Stadt eindecken.

11.30 Uhr

Oh nein, da ist er, der Ohrwurm, der unvermeidliche. „Theo, wir fahr’n nach Lodz“, sang Vicky Leandros 1974. Auf Polnisch spricht man den Namen zwar nicht „Lodsch“ aus, sondern „Wudsch“, aber das Lied hat tatsächlich Wurzeln in der Gegend. Vor 200 Jahren war Lodz nur ein Provinznest im russisch kontrollierten Teil von Polen (St. Petersburg, Berlin und Wien hatten das Land gerade unter sich aufgeteilt). Dann kam die Textilindustrie, die Stadt boomte und Zehntausende suchten dort ihr Glück. Russen, Deutsche, Polen – und Juden, die sangen: „Itzek, komm mit nach Lodz.“ Da konnte man was werden. Wie Karl Scheibler aus der Eifel, der zum mächtigsten Fabrikanten der Stadt aufstieg. Sein Komplex im Stadtteil Ksiezy Mlyn, zu Deutsch: Mühle Pfaffendorf, ist riesig. Strahlend rote Backsteinbauten, die man besichtigen und in denen man übernachten kann (loftaparts.com).

Foto: BSTAR Images/Alamy Stock Photo

Modern. Die neue Tramhaltestelle in der Piotrowska erinnert an die Fabrikarchitektur.

Foto: BSTAR Images/Alamy Stock Photo

Modern. Die neue Tramhaltestelle in der Piotrowska erinnert an die Fabrikarchitektur.

12 Uhr

Mühle Pfaffendorf ist eines der Vorzeigeprojekte, bei denen gelungen ist, was ganz Lodz versucht, seit die Fabriken in den 90er Jahren schließen mussten: in Industrieruinen etwas Neues schaffen. In einem Teil von Scheiblers ehemaliger Fabrik arbeiten nun junge Kreative. „Art Inkubator“ heißt der Komplex (Ksiedza Biskupa Wincentego Tymienieckiego 3), wo auch das jährliche „Lodz Design Festival“ stattfindet. Wer einfach mal so vorbeischaut, kann zum Beispiel einen Kaffee im stylischen „Format“ trinken oder die handgemachten Wandteppiche von „Tartaruga“ bestaunen (und kaufen).

13 Uhr

Eine schnelle Mittagsstärkung in der Brauereigaststätte „Browar Ksiezy Mlyn“ (Ksiedza Biskupa Wincentego Tymienieckiego 22/24). Das Bier ist gut, da nimmt man gleich noch ein paar Flaschen Pils, American India Pale Ale und Hefeweizen für Zuhause mit.

14 Uhr

Piotr Ptaszek hat die Webmaschinen aus dem 19. Jahrhundert eingeschaltet. Der Krach ist ohrenbetäubend. „Täglich zehn Stunden dieser Lärm, da wurden die Arbeiter nach 15 Jahren taub“, erzählt er. „Hinzu kamen Lungenprobleme wegen der feinen Baumwollfasern.“ Ptaszeks kleines „Muzeum Fabryki“ (Drewnowska 58) zeigt, wie sich die Textilindustrie in Lodz entwickelte, vom Zarenreich bis zur Volksrepublik Polen. Für englischsprachige Führungen unbedingt anmelden. Das Museum befindet sich auf dem Gelände der „Manufaktura“, wo einst das Imperium des Fabrikanten Izrael Poznanski seinen Sitz hatte. Heute gibt es in den Gebäuden, in denen einst Baumwolle gelagert wurde oder man Textilien färbte, Geschäfte und Restaurants.

16 Uhr

Wie alle großen Industriellen wollte auch Poznanski seinen eigenen Palast und ließ deshalb Ende des 19. Jahrhunderts ein Gebäude gleich neben seiner Fabrik umbauen, in einer Mischung aus Neo-Barock und Neo-Renaissance. „Ich kann mir alle Stile leisten“, soll er gesagt haben. Nun ist hier das Stadtmuseum (Ogrodowa 15) untergebracht. Besonders in den Sälen mit ihren holzvertäfelten Wänden und dem üppigen Stuck kann man den Repräsentationswillen des Bauherrn noch gut erahnen. In der Ausstellung werden berühmte Lodzer vorgestellt. Den größten Teil nimmt Pianist Artur Rubinstein ein, der die Stadt früh verließ und ihr doch verbunden blieb. Gemälde zeigen ihn in Paris, New York, Los Angeles. Im Hintergrund spielt seine Klaviermusik. In Schaukästen sind Rubinsteins diverse Auszeichnungen, seine Zigarren und glücksbringenden Stofftiere ausgestellt.

18 Uhr

Jetzt eine Abkühlung – und einen Aperitif. In der einstigen Textilfabrik von Poznanski gibt es seit 2009 ein Hotel, das zur Kette „Andel’s Vienna House“ gehört (Ogrodowa 17). Der Umbau ist rundum gelungen. Das Gebäude bietet alle Annehmlichkeiten einer Luxusunterkunft, gleichzeitig besitzt es dank Backsteinwänden und Stahlsäulen noch rauen, industriellen Charme. David Lynch drehte hier Szenen seines Films „Inland Empire“. Auf dem fünften Stock thront ein Pool, nach allen Seiten verglast, so dass man einen tollen Blick auf die Stadt hat, auf Kirchen, Plattenbauten und Schornsteine. Schon die Fabrik besaß ein Wasserbecken auf dem Dach. Fing die Baumwolle Feuer, konnte der Brand auf diese Art schnell gelöscht werden. Die Tageskarte für Schwimmbad und Fitnessbereich kostet etwa 23 Euro, nicht inbegriffen ist ein Drink danach in der „Skyflybar“.

20 Uhr

Rote-Bete-Suppe, Pierogi mit Pflaumen und Rindfleisch, Entenbrust mit Kartoffelpfannkuchen. Im „Piwnica Lodzka“ (Sienkiewicza 67), einem versteckt gelegenen Kellerrestaurant, gibt es polnische Küche, wie sie sein sollte: mit frischen Zutaten, deftig, aber durchaus elegant. Hinterher nach dem aromatisierten Wodka des Hauses fragen.

22 Uhr

Gleich zurück ins Hotel? Oder nächtliches Sightseeing? Beides! „Stare Kino“ (Piotrkowska 120) ist nicht nur eine zentral gelegene Unterkunft, sondern auch ein geschichtsträchtiger Ort. 1899 eröffneten die Brüder Krzeminscy, das polnische Pendant zu den Lumières in Frankreich, hier eines der ersten Kinos überhaupt. Das Hotel knüpft an diese Tradition an. Die Zimmer sind jeweils nach einem Film benannt und gestaltet – von der Kultserie des Ostblocks „Drei Panzersoldaten und ein Hund“ bis zu James Bond. Im Keller gibt es ein kleines Kino. Hat man die Vorstellung des Tages verpasst, leiht die Rezeption gern DVDs und ein Abspielgerät fürs Zimmer aus. Zum Besuch in Lodz passt am besten Andrzej Wajdas „Gelobtes Land“. Der Film erzählt die Geschichte dreier Industrieller in der Stadt. Vieles erinnert nicht zufällig an Scheibler und Poznanski.

Foto: Björn Rosen

Street-Art in Lodz erinnert an das Ghetto.

Foto: Björn Rosen

Street-Art in Lodz erinnert an das Ghetto.

10 Uhr

Hohe Bäume spenden Schatten. Gras, Sträucher, Farne wachsen wild zwischen den Grabsteinen, auf denen polnische, jiddische, hebräische Inschriften stehen – Zeugen einer untergegangenen Welt. Mit dem Holocaust wurde die einst große jüdische Gemeinde der Stadt beinahe komplett ausgelöscht. Der jüdische Friedhof, erst 1892 angelegt, ist weitläufig, so dass man schnell den Eindruck bekommen kann, hier allein unterwegs zu sein. Ab und zu hält ein Bus mit Besuchern aus Israel oder den USA vor dem unscheinbaren Eingang, zu dem man sich am besten von einem Taxifahrer lotsen lässt. Entlang der Hauptallee findet man Gräber jüngeren Datums und auch das riesige Mausoleum für Izrael Posnanski. Um die 200.000 Grabstätten gibt es insgesamt – und ein Feld, ein Massengrab, in dem die Leichen von mehr als 40.000 Opfern des Ghettos Litzmannstadt liegen.

12 Uhr

An dieses Ghetto, das zweitgrößte nach dem in Warschau, erinnert auf den ersten Blick wenig. Die Gegend, in der vor dem Krieg viele Juden lebten, ist heute ein unscheinbarer Wohnbezirk mit Alt-, Platten- und Neubauten. Am Bahnhof Radegast, von wo die Deportationen abgingen, existiert eine Gedenkstätte. Im „Park der Überlebenden“ gibt es das Marek-Edelman-Dialogzentrum (Wojska Polskiego 83). Edelman war Kommandeur des Ghetto-Aufstands in Warschau und nach dem Krieg Kardiologe in Lodz. Leider ist die Ausstellung zur Geschichte der Juden nur auf Polnisch beschriftet, der Eintritt ist frei.

14 Uhr

Von Putenfilet mit Couscous bis zu Schweinebäckchen, von jüdischer (oder eher israelischer) bis zu polnischer Küche: „U Kretschmera“ serviert Speisen, die von Lodz’ multikultureller Geschichte inspiriert sind. Das Lokal gehört zum Tobaco-Komplex, einer ehemaligen Zigarettenfabrik (Kopernika 64).

15.30 Uhr

Die leuchtend weiße Fassade lässt keinen Zweifel: Das ist die richtige Adresse. Mit der „Weißen Fabrik“ begann in den 1830er Jahren der Boom der Lodzer Weber. Passenderweise ist hier nun ein Textilmuseum daheim (Piotrkowska 282). Es zeigt verschiedene, wechselnde Ausstellungen, etwa Kleider von Christian Dior oder prächtige Teppiche.

17 Uhr

Ein bisschen sieht es so aus, als wären Ufos gelandet. Vorne der neue Bahnhof Fabryczna mit seinem gewellten Dach, dahinter das ehemalige, spektakulär umgebaute Kraftwerk EC1 mit seiner ebenfalls gewellten Glasfassade. Im EC1 (Targowa 1/3) gibt es nun unter anderem ein Planetarium. Selbst wenn die Zeit nicht reicht, in alle Gebäude hineinzuschauen: Schon ein Spaziergang durch dieses neue Viertel ist reizvoll.

18.30 Uhr

Junge Leute sitzen in Liegestühlen auf einer Wiese und trinken Bier. Dahinter eine große Brandwand, auf der in Schwarz und Weiß ein Logo prangt: „OFF“. Es steht für „Off Piotrkowska“, der vielleicht coolsten Ecke der Stadt. In einen Komplex ehemaliger Industriegebäude sind Restaurants, Bars, Geschäfte eingezogen (Piotrkowska 138/140). Essen kann man hier zum Beispiel gut im „Spoldzielnia“. Auf der Karte stehen Burger, aber auch eher leichte, mediterrane Speisen. Von der Decke hängen Industrielampen, und die Rohre daneben sind natürlich unverkleidet. Wer auf den letzten Drücker noch ein paar Souvenirs sucht, sollte im „Pan Tu Nie Stal“ vorbeischauen. Auf Deutsch bedeutet der Name „Der Herr stand nicht hier“. So sagt man auf Polnisch, wenn sich jemand in der Schlange vorgedrängelt hat. Der kleine, schräge Laden verkauft Kleidung und Designobjekte im Retrolook und mit polnischem Aufdruck. „Zajete“ steht auf einem Badetuch, „besetzt“, „ptys“ („Pummelchen“) auf einem T-Shirt. Vielleicht keine perfekte Schönheit, aber entspannt und selbstironisch. Passt gut zu Lodz.

Hinkommen

Per Bahn sieben Stunden, ab 60 Euro hin und zurück, oder mit Flixbus (etwa sechs Stunden) ab 20 Euro.

Unterkommen

Eine Nacht im Doppelzimmer der „Stare Kino Cinema Residence“ etwa 60 Euro. Im Andel’s Vienna House bezahlt man etwa 100 Euro - dafür fällt dann aber auch keine Gebühr für den Spa-Bereich an: viennahouse.com

Rumkommen

Die Distanzen sind teilweise groß, Taxifahren ist aber nicht so teuer – die Fahrer akzeptieren Kreditkarten.

Information

Die Touristeninformation befindet sich in der Piotrkowska 28. lodz.travel, polen.travel

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