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Foto: promo
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Wald-Idylle. Die Lodge der Familie Kühl.

Ökotourismus auf Kaffeeplantagen Fachwerk für Nicaragua

Alexandra Rojkov

Im Schwarzwald hört es sich an wie im Dschungel. Die Zikaden zirpen, der Farn rauscht. Ab und an kreischt ein Äffchen in der Dunkelheit. Raubkatzen streifen durch den Wald, Faultiere schwingen sich von Ast zu Ast.

Dieser Schwarzwald heißt tatsächlich so – doch er liegt nicht in Deutschland, sondern in den Höhen Nicaraguas. Hier, im Norden des Landes, auf mehr als 1000 Metern Höhe, haben sich einst deutsche Einwanderer niedergelassen. Der Name ihres Anwesens: Selva Negra, zu Deutsch Schwarzwald.

Der Weg nach Selva Negra beginnt in Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, einer Millionenstadt, die sich eher anfühlt wie ein Städtchen im Urwald. Bäume blühen am Straßenrand, grüne Hügel durchlaufen die Szenerie. Dahinter liegt graublau der Managuasee, doppelt so groß wie der Bodensee. Dass die Stadt auch im Jahr 2016 kaum Hochhäuser aufweist, liegt an ihrer traurigen Geschichte. Im Dezember 1972 zerstörte ein Erdbeben Managua fast vollständig. Tausende Menschen starben damals.

Nicaragua, geschunden von Revolutionen, ist bis heute eines der ärmsten Länder in Mittelamerika. Noch immer lebt jeder dritte Einwohner in Armut.

Mitten im Dschungel steht ein Fachwerkhaus

Wer Managua gen Norden verlässt, passiert Wellblechhütten, vor denen Hühner picken. Kinder spielen im Staub. Am Straßenrand verkaufen Händler Reis und Bohnen. Nicaragua ist bisher auch touristisch wenig entwickelt. Nur etwas mehr als eine Million Menschen besuchten das Land im vergangenen Jahr. Selbst Albanien zählt mehr Gäste. Auf der Fahrt trifft man kaum andere Besucher, die schmalen Gassen, die bunten Fassaden der Dörfer entlang der Route hat man oft ganz für sich.

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Heller Stein, dunkles Balkenskelett: ein typisches Fachwerhäuschen.

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Heller Stein, dunkles Balkenskelett: ein typisches Fachwerhäuschen.

Nach etwa zwei Stunden Fahrt erreicht man Matagalpa, eine Kolonialstadt mit barocker Kathedrale und Palmen. Die Fahrbahn windet sich hinauf aus der Stadt und hinein in den Nebelwald. Vorbei an tropischen, von Lianen umschlungenen Bäumen. Plötzlich – eine Abfahrt. Sie endet nahe eines Gebäudes, das man am wenigsten in Nicaragua erwartet hätte: Mitten im Dschungel steht ein Fachwerkhaus. Heller Stein, dunkles Balkenskelett. Davor wartet Mausi Kühl.

Mausi Kühl heißt eigentlich Annegret, doch niemand nennt sie so. Ihr Großvater, ein Mann mit deutschen Vorfahren, gab ihr einst den Spitznamen. Dass man sie heute, mit ihren 70 Jahren, noch immer so ruft, stört die Landwirtin nicht. „Es ist auch einfacher auszusprechen“, sagt sie und streicht sich die grauen Haare aus dem Gesicht.

Deutschen sind ihre Bohnen zu teuer

Mausi Kühl und ihr Mann Eddy besitzen die Selva Negra. Das Anwesen ist eine Mischung aus Bauernhof und Ökoressort. Die Kühls bauen hier Kaffee an, aber auch Gemüse. Besucher können auf dem Grundstück übernachten oder an Nachtwanderungen durch den Dschungel teilnehmen. Rund 450 Hektar Land gehören dem Paar.

Kühls Spanisch ist besser als ihr Deutsch, das sie von ihren Eltern gelernt hat. Sie hat ihr ganzes Leben in Nicaragua verbracht. „Trotzdem fühle ich mich deutsch“, sagt sie und besucht regelmäßig Verwandte in der Nähe von Oldenburg. Bei der Weltmeisterschaft jubelt sie für den deutschen Kader.

Jeder Tag beginnt für Mausi Kühl mit einer Kontrollfahrt über das Gebiet. Sie trägt Cargohosen und schwere Stiefel, an ihrem Schlüsselbund baumelt ein Schweizer Taschenmesser. In ihrem Geländewagen passiert sie die Gäste-Bungalows, auf deren Dächern wilde Orchideen wachsen, die kleinen Seen, aus denen das Hotel Süßwasser gewinnt. Rundherum erstrecken sich die Kaffeeplantagen. Aus der Ferne sehen sie aus wie dichter Urwald: Weil die Kaffeepflanzen im Schatten gedeihen, wachsen sie hier unter hohen Orangen- und Zitrusbäumen.

Kühl lässt die langen Blätter der Pflanzen durch die Finger gleiten. Am dünnen Stamm hängen die roten Kaffeekirschen. „Unser Kaffee schmeckt sehr stark und süß, ein bisschen schokoladig“, sagt sie. Den Großteil exportiert sie in die USA. Den deutschen Einkäufern seien ihre Bohnen bislang zu teuer gewesen.

Foto: LAIF
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So weit die Ähnlichkeit zu anderen Kaffeeplantagen. Dass ihre Farm anders ist, zeigt sich, als Mausi Kühl im Restaurant Halt macht. Der Frühstückssaal ist ein hoher Raum mit dunklen Dachgiebeln, der eher Ähnlichkeit mit einer Besenwirtschaft hat als mit einem Hotelrestaurant. Von den Wänden blicken Nussknacker-Figuren auf die Besucher. Am Holztresen gibt es Weißbier zu kaufen. „Neuerdings stellen wir auch deutsche Würste her“, sagt Kühl. „Und Brezeln!“ Sie ist stolz darauf, ein wenig deutsche Tradition bewahrt zu haben.

Mausi Kühls Ur-Ur-Großvater war einst nach Nicaragua ausgewandert. So wie viele Deutsche im 19. Jahrhundert. Ein deutsches Ehepaar veränderte das Land sogar von Grund auf: Ludwig Elster und Katharina Braun kamen 1852 aus Hannover nach Nicaragua. Eigentlich hatte das Paar geplant, eine Fähre nach Kalifornien zu besteigen, um dort nach Gold zu graben – so wie Tausende, die damals von allen Ecken der Welt aufbrachen, um in Amerika reich zu werden. Weil es damals noch keine Eisenbahntrasse durch die USA gab, führte der schnellste Weg nach Kalifornien über Mittelamerika. Viele Familien landeten damals an der Atlantikküste Nicaraguas, durchquerten das schmale Land, um an der Pazifikküste ein Schiff nach San Francisco zu nehmen.

Doch Ludwig Elster und Katharina Braun verwarfen die Idee vom Goldrausch auf halber Strecke und blieben in Nicaragua. Elster begann eher aus Neugier, im Hochland Kaffee anzupflanzen – und entdeckte, dass die Bohnen hier größer und aromatischer wuchsen, als er es bislang gekannt hatte. Viele europäische und nordamerikanische Pächter folgten seinem Beispiel.

Kaffee ist für viele Familien die Lebensgrundlage

Auch weitere Erfindungen, die den Kaffeeanbau in Nicaragua revolutionierten, stammen von deutschen Einwanderern. Das Gerät zum Beispiel, das die Haut der Kaffeekirsche von der Bohne im Inneren trennte und die Verarbeitung enorm beschleunigte. Der Name des Erfinders: Otto Kühl, ein Vorfahre von Mausis Ehemann. Auch seine Familie hat deutsche Wurzeln.

Durch den Erfindergeist der Einwanderer wurde Kaffee zu Nicaraguas wichtigstem Exportprodukt. So wichtig, dass in einigen Regionen eine Hungersnot ausbrach, als der Kaffeepreis im Jahr 2001 drastisch sank. Tausende Menschen wurden arbeitslos, es gab mehr als 100 Hungertote. Mehrere große Banken gingen pleite, weil die Bauern ihre Schulden nicht bezahlen konnten.

Heute gibt es wieder mehr als 45 000 Kaffeefarmen in Nicaragua. Für viele Familien ist Kaffee die Lebensgrundlage.

In ihrem Fachwerkhaus im Dschungel versucht Familie Kühl beides zu bewahren: Die Kaffeetradition Nicaraguas und ihre deutsche Herkunft. „Nur leben könnte ich in Europa nicht“, sagt Kühl bestimmt, während sie ihre Runde über das Anwesen dreht. „Ich brauche das Grün.“

Rund um die Selva Negra steigt Nebel aus dem Dschungel. Brüllaffen rufen zur Nacht.

ANREISE

Delta Airlines fliegt mehrmals wöchentlich von Berlin über Amsterdam und Atlanta in die Hauptstadt Managua (ab ca. 450 Euro). Von Managua sind es etwa zwei Autostunden bis Matagalpa. Etwa 20 Autominuten nördlich davon liegt die Selva Negra.

ÜBERNACHTEN
Doppelzimmer kosten in der Ecolodge Selva Negra ab 45 Euro pro Nacht, die Bungalows (ein bis fünf Zimmer groß) ab 80 Euro. Immer inklusive: Schaukelstühle auf der Terrasse. Zum Gelände gehört auch eine

Jugendherberge, dort gibt es Sechsbettzimmer ab insgesamt 100 Euro.

Selva Negra Ecolodge, Matagalpa, Nicaragua, Tel. +505-2770-1894, selvanegra.com

AKTIVITÄTEN
Kaffee-Touren („Vom Samen bis zur Tasse“) werden täglich in Selva Negra angeboten.

Dabei wandern die Besucher durch die Plantage, schauen beim Pflücken und Waschen der Bohnen zu. Außerdem gibt es geführte Nachtwanderungen, Ausritte, Ausflüge in den mittelamerikanischen Schwarzwald und für Frühaufsteher Vogelbeobachtungstouren.

DIE STADT

Matagalpa, Hauptstadt des gleichnamigen Departements, ist dank des Kaffeeanbaus eine relativ wohlhabende Stadt, auch „Perle des Nordens“ genannt. Das ganze Jahr über herrscht ein angenehmes Klima, Durchschnittstemperaturen: 26 bis 28 Grad. Idealer Ausgangspunkt zum Erkunden der Natur.

KAFFEE
In Matagalpa befindet sich das nationale Kaffeemuseum, in dem die Geschichte des Anbaus erzählt wird. Museo del Café, Frente al Teatro Perla, Tel. +505 2772 4608.

SCHOKOLADE
Im El Castillo del Chocolate in Matagalpa wird hochwertige Schokolade aus Biobohnen produziert. Die Manufaktur kann auch besichtigt werden.

El Castillo del Cacao, Tel. +505 2772 2002, elcastillodelcacao.com.

VERANSTALTER

Der Veranstalter Matagalpa Tours hat sich auf Ökoreisen in Nicaragua spezialisiert.

Im Angebot sind spezielle Ausflüge zu den Themen Kaffee und Kakao, Agrotourismus, Wander- und Mountainbiking-Touren. Das Programm beginnt bei dreistündigen Führungen durch Matagalpa, es gibt Tagestouren und viele Kombinationsmöglichkeiten.

matagalpatours.com, Tel. +505 2772 0108.

LEKTÜRE
„Lonely Planet Nicaragua“ ist gerade neu erschienen, circa 17 Euro.

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