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Freunde überall. Gottfried von Cramm, auf der Bank mit H.W. Austin in Wimbledon.

Porträt einer Tennislegende Gottfried von Cramm: Sein Platz war die Welt

Als der Amerikaner John Donald „Don“ Budge den fünften Matchball verwandelt hat, tritt Gottfried von Cramm mit einem Lächeln ans Netz. Die Zuschauer erheben sich von ihren Sitzen und applaudieren. Einige verneigen sich sogar, denn nie zuvor hat Tennis so elegant ausgesehen wie in diesem Davis-Cup-Halbfinale von 1937. Walter Pate, der Kapitän des US-Teams, sagt später: „Kein anderer Spieler – die Lebenden und die Toten zusammengenommen – hätte einen der beiden an diesem Tag schlagen können.“ Auch Cramm, der große Deutsche mit dem akkuraten Seitenscheitel, ist überwältigt. „Don“, sagt er und streckt dem siegreichen Amerikaner die Hand entgegen, „das war das beste Match, das ich je gespielt habe. Ich bin sehr glücklich, dass ich es gegen jemanden spielen durfte, den ich sehr mag. Herzlichen Glückwunsch!“

Gottfried von Cramm war stets auf der Suche nach dem perfekten Schlag. Wenn er Schwächen auf der Vorhand bemerkte, trainierte er sie fünf Stunden am Stück. Doch vernichten wollte er seine Gegner nie. Vielleicht, so meinten viele von ihnen, war er zu fair. „Er spielte beneidenswert schönes Tennis, das war ihm wichtiger als der Sieg“, sagte Budge. Cramms Schläge wirkten federleicht, er setzte die Bälle gefühlvoll an die Grundlinie, als führe er einen Pinsel über eine Leinwand. Und wenn er glaubte, eine Linienrichterentscheidung sei fälschlicherweise zu seinen Gunsten ausgefallen, korrigierte er sie – selbst in entscheidenden Situationen. Seine wichtigen Spiele verlor er alle. Drei Wimbledon-Endspiele in Folge. Drei Davis-Cup-Halbfinals in Folge. Ein US-Open-Finale. Trotzdem oder gerade deswegen wurde Cramm zur Legende. In Wimbledon nannten sie ihn den „gracious loser“, den würdevollen Verlierer.

In den 30er Jahren war Cramm einer der populärsten Sportler Deutschlands

Cramms Geschichte war lange in Vergessenheit geraten, in seiner Heimat noch mehr als in den USA. Dabei galt er in den 30er Jahren neben Max Schmeling als einer der populärsten Sportler Deutschlands. 101 Spiele bestritt er im Davis Cup, 82 entschied er für sich. Zweimal triumphierte er bei den French Open. Dreimal in Folge, von 1935 bis 1937, stand er im Wimbledon-Finale. 1977 wurde er posthum als erster Deutscher in die „International Tennis Hall of Fame“ aufgenommen. 50 Jahre nach seinen Erfolgen war all das nicht mal mehr eine Fußnote. Als Boris Becker 1985 in Wimbledon gewann, sprach DTB-Präsident Claus Stauder vom „Jahr null“ des deutschen Tennissports. Und als Becker auf den neuen Tennis-Hype angesprochen wurde, sagte er: „Vielleicht gibt’s jetzt einen Aufschwung, weil wir hier noch nie ein Tennisidol hatten.“

Das Spiel gegen Don Budge stellt vermutlich eine Zäsur in Cramms Karriere dar. Adolf Hitler höchstpersönlich soll vor der Partie bei ihm angerufen haben. Das Gespräch soll mit den Worten „Ja, mein Führer“ geendet haben. So erzählte jedenfalls Budge die Episode später. Cramm bestritt, überhaupt jemals einen Anruf von Hitler bekommen zu haben. So oder so, die Nazis hatten Cramm schon länger im Visier. Es hieß, er sei homosexuell und judenfreundlich. Aber vor allem war den Machthabern seine Weltoffenheit suspekt. Cramm, ein adeliger Kosmopolit, ein Mann, den die Fans den „Tennisbaron“ nannten, hatte Freunde in Kairo, London, Tokio und New York. Als Champion hätten ihn die Nazis in Ruhe gelassen. Sie konnten sich sogar in seinem Ruhm sonnen. Nun aber, als er gegen Budge wieder mal ein wichtiges Spiel verloren hatte, schien er für sie wertlos. Mehr noch: Sie konnten ihn endlich aus dem Verkehr ziehen.

Gottfried von Cramms Geschichte ist einerseits eine Reise in eine Zeit, als Tennis aussieht wie eine Gartenparty in einer britischen Grafschaft. Die Spieler nippen bei den Seitenwechseln am Earl Grey, sie benutzen Holzschläger, und die Tennisklubs sind einer elitären und aristokratischen Oberschicht vorbehalten, die sich komplett in Weiß kleidet. Man taucht aber auch ein in das präfaschistische und bunte Berlin der 20er und frühen 30er Jahre. Damals gibt es in der Stadt mehr als 600 Nachtclubs, 85 davon ziehen eine schwul-lesbische Klientel an. Für jeden ist etwas dabei. Ein Etablissement gilt als Favorit unter älteren Männern in Schuluniformen und engen Matrosenanzügen, ein anderes bewirtet nur Aktienhändler mit schütterem Haar, die ihre Abende mit Transvestiten verbringen. Mittendrin: der stets auf Etikette bedachte Gottfried Freiherr von Cramm, Jahrgang 1909, Sohn eines Rittergutsbesitzers, aufgewachsen auf dem elterlichen Schloss im niedersächsischen Brüggen.

Mit elf Jahren bringt er sich selbst das Tennisspielen bei, mit 20 steht er unter den Top 10 der deutschen Rangliste. Für ein Jurastudium zieht er nach Berlin und tritt dort dem LTTC Rot-Weiß bei. 1931 gewinnt er den ersten internationalen Titel bei den Eastern Mediterranean Championships in Athen, 1934 belegt er hinter dem Engländer Fred Perry und Jack Crawford aus Australien Platz drei der Weltrangliste. Cramm ist ein Künstler auf dem Platz, seine Fans gelten als Ästheten. Er kleidet sich in lange Bügelfaltenhosen, sein Hemd ist rot-weiß gestreift, darüber trägt er einen Strickpullover mit weitem V-Ausschnitt. Optisch entspricht Cramm eigentlich dem Ideal der Nazis, er sieht aus wie eine Figur aus einem Leni-Riefenstahl-Film.

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Freunde überall. Gottfried von Cramm, auf der Bank mit H.W. Austin in Wimbledon.

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Freunde überall. Gottfried von Cramm, auf der Bank mit H.W. Austin in Wimbledon.

Immer wieder versucht Reichsminister Hermann Göring, der ebenfalls bei Rot-Weiß Tennis spielt, ihn zu einem Parteieintritt zu bewegen. Cramm lehnt jedes Mal ab. Dabei ist er anfangs keiner, der lautstark gegen die NS-Diktatur protestiert. Vielleicht auch aus Sorge, weil er mit Elisabeth von Dobeneck verheiratet ist, einer sogenannten „Vierteljüdin“. Vielleicht weil er Konflikte hasst und eigentlich nur Tennis spielen möchte. Insgeheim aber sind ihm die Nazis zuwider, ihre Manieren, ihr Gebell, ihre Rassenpolitik. Er bekommt ihre „Säuberungswelle“ aus nächster Nähe mit, kurz nach der Machtübernahme entziehen sie seinem ehemaligen Mitspieler und Freund Daniel Prenn, einem Juden, das internationale Spielrecht. Prenn emigriert nach England.

Zum offenen Konflikt kommt es im Davis-Cup-Halbfinale 1935. Nach den ersten beiden Einzeln steht es zwischen Deutschland und den USA 1:1, im Doppel haben Kai Lund und Gottfried von Cramm Matchball. Ein Returnschlag der Amerikaner landet im Aus, Deutschland steht im Finale. Das zumindest entscheidet der Schiedsrichter. Doch Cramm schüttelt den Kopf, er geht zum Unparteiischen und erklärt, dass er den Ball – oder besser: eine Faser des Balles – mit dem Schläger berührt habe. Niemand in der Halle hat es gehört oder gesehen – außer Cramm. Der Punkt wird wiederholt. Am Ende gewinnen die Amerikaner nicht nur das Doppel, sondern auch die finalen Einzel. Der deutsche Kapitän, Heinrich Kleinschroth, tobt in der Kabine. Er wirft Cramm Vaterlandsverrat vor. Der Baron aber bleibt ruhig. „Ich finde nicht, dass ich das deutsche Volk verraten habe“, entgegnet er. „Ich finde vielmehr, dass ich es geehrt habe.“

Trotz Verletzung bringt er sein Spiel zu Ende

Ein Jahr später fällt Cramm erneut auf. Das Wimbledon-Finale verliert der Deutsche 1:6, 1:6 und 0:6 gegen den Engländer Fred Perry. Eine Blamage, zumindest aus Sicht der Nazis. Was die Zuschauer nicht wissen: Cramm hat sich auf der Fahrt zum Platz bei einem Autounfall verletzt, und als er sich im ersten Satz eine Bänderdehnung zuzieht, humpelt er mehr über den Rasen, als dass er läuft. Das Spiel bringt er trotzdem zu Ende, denn das gehört sich so. Erst als er nach der Partie in die entgeisterten Gesichter der Zuschauer blickt, geht er zum Schiedsrichter und flüstert ihm etwas zu. Der Referee verkündet danach: „Herr von Cramm möchte sich heute bei Ihnen entschuldigen, weil er kein gutes Tennis spielen konnte.“

1937, nach dem verlorenen Davis-Cup-Spiel gegen Budge, geht Cramm auf Welttournee. Über die USA reist er nach Japan, dann nach Australien. In Osaka wird er gebeten, als Repräsentant Deutschlands eine Rede zu halten. Der Tennisspieler erwähnt Adolf Hitler oder das NS-Regime mit keinem Wort. Aber er spricht von einer Welt, in der sich die Menschen gegenseitig schätzen und kennenlernen sollten. In Sydney besucht Cramm eine Vorführung von „The Road Back“, einer Verfilmung des in Deutschland verbotenen Antikriegsromans „Der Weg zurück“ von Erich Maria Remarque.

Cramm wird nach Paragraf 175 verhaftet

Einen Tag nach seiner Rückkehr nach Deutschland, am 5. März 1938, stehen zwei Gestapo-Leute vor dem Tor des elterlichen Schlosses. Eine Bedienstete fragt, was der Anlass des Besuches sei. Die Männer sagen, sie wollten Cramm zu seinen guten Leistungen auf der Tour gratulieren. Als sie das Gut betreten, nehmen sie den Baron fest. Cramm wird nach Paragraf 175 wegen „sexueller Unregelmäßigkeiten“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ein Denunziant hat berichtet, dass Cramm nur pro forma verheiratet gewesen sei und ein Verhältnis mit dem jüdischen Schauspieler Manasse Herbst gehabt habe, dem er 1935 außerdem zu einer Flucht aus Deutschland verholfen haben soll. Die Inhaftierung wird in den NS-Zeitungen mit keinem Wort erwähnt, dafür berichtet die „New York Times“, und bald hat Cramm Unterstützer auf der ganzen Welt.

Sein Kontrahent und Freund Don Budge setzt eine Petition auf, in der die Freilassung Cramms gefordert wird. Auch Baseballstar Joe DiMaggio unterzeichnet sie. Aber erst nach dem energischen Einschreiten von Cramms Mutter knicken die Nazis ein. Der junge Tennisspieler darf nach sieben Monaten vorzeitig aus der Haft. „Vorsprache bei Göring“, vermerkt Jutta von Cramm am 13. April 1938 in ihrem Tagebuch: „Versprach zum Schluss, für milde Bestrafung zu sorgen und sich nach verbüßter Strafe hinter G. zu stellen.“

Als mit ihm gebrochen wird, ist er in der Form seines Lebens

Wimbledon bricht trotzdem mit Cramm. Dabei ist er 1939 in der Form seines Lebens. Im Mai gewinnt er mühelos das Vorbereitungsturnier in Queens. In London darf er aber als Vorbestrafter, so die Begründung des All England Lawn Tennis and Croquet Club, nicht teilnehmen. Das Turnier gewinnt Bobby Riggs, der ein paar Wochen zuvor, im Halbfinale von Queens, 0:6 und 1:6 gegen Cramm verloren hat. Danach ist es mit dem Tennis erst einmal vorbei. Der Krieg fegt über Europa, Cramm muss an die Front. Im Winter 1942 kämpft er in Moskau und erleidet Erfrierungen an beiden Beinen. Von den 120 Männern in seiner Einheit überleben neben ihm nur 18 weitere. Sein ehemaliger Doppelpartner Henner Henkel stirbt in der Schlacht von Stalingrad nach einem Schuss in den Oberschenkel.

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Freunde überall. Gottfried von Cramm, auf der Bank mit H.W. Austin in Wimbledon.

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Freunde überall. Gottfried von Cramm, auf der Bank mit H.W. Austin in Wimbledon.

Die letzten zwei Kriegsjahre pendelt Cramm zwischen Schweden und der Heimat in Brüggen bei Hildesheim. Mittlerweile solidarisiert er sich offen mit dem Widerstand gegen Hitler. Als in der Nähe des elterlichen Schlosses ein US-Soldat angeschossen wird, rettet er ihm das Leben. „Warum hilfst du mir?“, fragt der Amerikaner. „Weil ich einst gegen Don Budge Tennis gespielt habe“, sagt Cramm. Der Pilot blickt ihn erstaunt an: „Dann müssen Sie Gottfried von Cramm sein.“ Mittlerweile bewegt sich Cramm auch im Umfeld der Widerstandskämpfer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Nach dem missglückten Anschlag auf Hitler am 20. Juli 1944 sagt Cramm über die Attentäter: „Ich will nicht wissen, was mit ihnen geschieht. Ich will lediglich wissen, wer von ihnen überleben und wieder freikommen wird, wer noch frei ist und wann sie es das nächste Mal versuchen. Denn dann können sie auf mich zählen!“

Hätten sie wirklich? Gottfried von Cramms Geschichte ist die eines Tennisspielers, der zu den besten der Welt gehörte, es trotzdem nie ganz an die Spitze schaffte. Sie erzählt auch von dem Druck, dem Sportler im „Dritten Reich“ ausgesetzt waren. „Er war ein aufrechter Mann“, sagt Budge. „Er wollte konstruktive Kritik üben.“ Erst nach dem Krieg wird Cramm konkret. Ein Interviewer fragt ihn, ob er seine Siege für Deutschland errungen habe. Der Spieler antwortet: „Schrecklich, diese Einstellung, mit dem Racket die Ehre des Vaterlandes retten zu müssen. Ich erinnere mich mit Unbehagen daran, dass ich oft spielen musste, wenn ich es nicht wollte.“

1951 öffnet Wimbledon wieder die Tür für Cramm

1951 öffnet Wimbledon wieder die Tür für Cramm. Er tritt ein letztes Mal an. Anfangs ist er skeptisch, ob die Zuschauer ihn, den Deutschen, noch akzeptieren. Aber die Sorge ist unbegründet. Als er zum Erstrundenmatch gegen den Tschechen Jaroslav Drobný auf den Platz schreitet, erheben sich die Zuschauer und applaudieren ihm. Trotzdem hat Cramm, mittlerweile 41 Jahre alt, keine Chance. Er verliert in drei Sätzen. In den Jahren danach baut er gemeinsam mit seinem Freund Wolfgang Hofer den Tennisklub Rot-Weiß wieder auf, und schließlich geht Cramm nach Hamburg und etabliert ein Großhandelsunternehmen, mit dem er Baumwolle aus Ägypten importiert. Am 9. November 1976 stirbt er in Kairo bei einem Autounfall im Alter von 67 Jahren.

Später erinnert sich sein Freund Don Budge in einem „Spiegel“-Interview an eine Begegnung mit dem alten Rivalen in Bad Nauheim. Budge spielt damals, irgendwann in den Nachkriegswirren, eine Partie gegen Bobby Riggs, als ein Balljunge ihm einen Zettel bringt. Der Amerikaner fragt: „Wo hast du den her?“, und der Junge zeigt hinüber zum Zaun. Budge dreht sich um und sieht einen Mann, der ihm zögernd zuwinkt. Als Budge auf ihn zugeht, erkennt er seinen alten Kontrahenten Gottfried von Cramm. Den Spieler, mit dem er 1937 eines der besten Tennisspiele aller Zeiten bestritten hat. „Er schaute so, als sei er sich nicht sicher, ob wir trotz des Krieges noch Freunde waren.“ Budge steckt die Bälle in die Tasche und legt den Schläger beiseite. Dann umarmt er den Deutschen.

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