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Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Berlin. Hier trifft Gil Won-ok an einem heißen Sommersonntag Marwa Al Aliko, die für das Gespräch aus Hannover angereist ist.

Sexuelle Gewalt im Krieg "Wenn du den Mut hast, rede!"

Seit Menschengedenken werden Frauen zur Kriegsbeute. Viele Betroffene schweigen darüber. Frau Gil, Frau Al Aliko, Sie haben sich dazu entschlossen, davon zu berichten, was Ihnen angetan wurde.

Gil: Ja, obwohl sich das so anfühlt, als kratze man in einer Wunde. Ich tue es trotzdem, damit nachfolgenden Generationen nicht Ähnliches passiert.

Frau Al Aliko, Sie sind 66 Jahre jünger als Frau Gil. Drei Jahre ist es her, dass Sie vom IS verschleppt wurden. Sie konnten sich befreien und wohnen seit zwei Jahren in Hannover. Wie geht es Ihnen?

Al Aliko: Mein Leben ist überschattet von der Sorge um meine beiden jüngeren Schwestern und meinen Vater. Sie sind immer noch in den Händen des IS. Von den 59 Familienmitgliedern, die in Gefangenschaft geraten sind, als Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates unsere Dörfer in Sindschar überfielen, war ich die Erste, die freikam. Nach drei Monaten

Wann haben Sie sich entschlossen, offen über Ihre Erlebnisse zu sprechen?

Al Aliko: Bereits im Flüchtlingsheim im Dohuk, in der Autonomen Region Kurdistan. Nach meiner Befreiung war ich dort bei der Familie meines Onkels untergekommen. Mein Onkel bestärkte mich: „Wenn du den Mut hast, rede!“ Das tat ich, aber die Kurden haben mir nicht zugehört. Ich glaube, die wollten nicht, dass wir Jesiden so viel Aufmerksamkeit bekommen. Es kostet mich Überwindung, meine Geschichte zu erzählen.

Gil: Das finde ich gut: nicht zu schweigen, auch wenn es wehtut!

Wie geht es Ihnen denn, Frau Gil?

Gil: Wie es einem so geht, wenn man 90 ist. Ich kenne meine Betreuerinnen, die mit mir nach Berlin gekommen sind, seit 20 Jahren. Wenn ich sie so anschaue: Alle sind jung wie eh und je. Warum bin ich eigentlich die Einzige hier, die alt wird?

Foto: akg-images / Pictures From Histo

Sie waren viele. Diese „Trostfrauen“ standen der japanischen Armee zur Verfügung.

Foto: akg-images / Pictures From Histo

Sie waren viele. Diese „Trostfrauen“ standen der japanischen Armee zur Verfügung.

Sie wohnen in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul in einem Altersheim für sogenannte Trostfrauen. Ursprünglich stammen Sie aus Nordkorea, haben Ihre Familie nie wiedergesehen.

Gil: Es ist kein normales Altersheim. Die Leiterin kümmert sich, als seien wir ihre eigenen Eltern.

Wie viele Trostfrauen wohnen dort?

Gil: Wir sind noch zu zweit. Doch die Zweite ist gerade im Krankenhaus. Eine kleine Operation.

Die Japaner haben zwischen 1937 und 1945 200 000 Frauen und Mädchen in Kriegsbordellen zur Prostitution gezwungen. Die meisten der sogenannten „Trostfrauen“ stammten aus den damaligen japanischen Kolonien China und Korea. Wissen Sie, wie viele am Leben sind?

Gil: 2016 waren es in Südkorea 40, ein paar sind gestorben. Ich glaube, wir sind 37.

Sie engagieren sich trotz Ihres Alters dafür, dass die „Trostfrauen“ Wiedergutmachung erfahren …

Gil: … das Wort Trostfrau hat für mich einen verharmlosenden Beiklang. Vielleicht sollte man das Etikett nach all den Jahren einfach abreißen.

Sie demonstrieren jeden Mittwoch vor der japanischen Botschaft in Seoul.

Gil: Außer, wenn ich schwer krank bin. Ich bin eine Art Galionsfigur. Wir müssen Druck auf die japanische Regierung ausüben, dass sie sich endlich bei uns entschuldigt. Ich werde langsam ungeduldig.

Auf Ihrer letzten Japan-Reise mussten Sie im Rollstuhl an Demonstranten vorbei, die „Raus hier, koreanische Huren!“ und „Geht nach Hause, alte Schlampen!“ skandierten. Und der Bürgermeister von Osaka nannte den Einsatz von „Trostfrauen“ kriegsnotwendig. Haben Sie vom japanischen Staat eine finanzielle Entschädigung bekommen?

Gil: Nein. Die Summe müsste angemessen sein, kein Almosen. Wenn die mir ein Stück Land in Japan anbieten würden – ich würd’s nicht annehmen.

Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Nähe. Die beiden Frauen verbindet ähnliche Qualen.

Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Nähe. Die beiden Frauen verbindet ähnliche Qualen.

Frau Gil, können Sie sich an Ihre Kindheit erinnern?

Gil: Leider nur noch sehr schemenhaft. Ich bin auf dem Land geboren. Als ich drei war, ist meine Familie nach Pjöngjang gezogen. Meine Mutter war Fischverkäuferin. Sie ging von Haus zu Haus, einen Korb voller Fische auf dem Kopf. Mein Vater hat einen Trödelladen betrieben. Wir hatten nur eine große Decke, unter der die ganze Familie geschlafen hat: beide Eltern, fünf Kinder. Mein Vater hatte einmal Sachen gekauft, die gestohlen waren, was er nicht wusste. Das hat ihm Ärger eingebracht. Er sollte zur Strafe viel Geld zahlen, was wir nicht hatten.

Sie gingen in die Schule und ...

Gil: … nein! In die Schule durften damals nur die Jungs. Erst vor acht Jahren habe ich angefangen, lesen und schreiben zu lernen.

Wie sind Sie in die Hände der Japaner geraten?

Gil: Ich war 13, als ich Leute kennenlernte, die mir versprachen, dass ich in der Mandschurei nicht nur Geld verdienen, sondern auch einen Beruf erlernen könnte. Ich hab’s geglaubt.

Die Mandschurei, im Nordosten Chinas gelegen, war damals von den Japanern besetzt.

Gil: Mit dem Zug ging es los. Als wir immer weiter gefahren sind, habe ich Angst bekommen und angefangen zu weinen. Da haben die nur gespottet: „Heulsuse!“ Endlich angekommen, war alles ganz anders als versprochen. Ich bin betrogen worden. Mein ganzes Leben ist zerstört. Es hilft mir nicht, dass ich es heute bereue, mitgegangen zu sein.

Foto: REUTERS/Rodi Said

Durch die Wüste. Jesidinnen und ihre Kindern im syrisch-türkischen Grenzgebiet.

Foto: REUTERS/Rodi Said

Durch die Wüste. Jesidinnen und ihre Kindern im syrisch-türkischen Grenzgebiet.

Frau Al Aliko, Sie sind gewaltsam verschleppt worden. Könnten Sie bitte die Umstände schildern?

Al Aliko: Am 3. August 2014 bin ich mit meiner Familie um halb drei Uhr morgens festgenommen worden. Wir wurden zuerst in ein Nachbardorf gebracht, dort von den Männern getrennt. Um fünf Uhr ging es für die Frauen, Mädchen und Jungs weiter nach Mossul, wo wir in eine Halle gesperrt wurden. Um elf Uhr trieben IS-Kämpfer uns jüngere Frauen mit Stöcken in Lastwagen, als wären wir Vieh. Sie erzählten uns, dass sie uns zu den männlichen Familienmitgliedern bringen würden. Wir glaubten das auch noch. Stattdessen landeten wir in einer Lagerhalle in Rakka …

… der Hauptstadt des IS.

Al Aliko: Erst als ich sah, wie Frauen an IS-Kämpfer verkauft wurden – für fünf, zehn Dollar –, bekam ich eine erste Ahnung.

Wie war die Stimmung zwischen Jesiden und ihren muslimischen Nachbarn vor dem Überfall?

Al Aliko: Entspannt. Wir lebten in einem Bauerndorf, 3000 Menschen. Meine Familie hatte Obstbäume. Bei uns ist es ein religiöser Brauch, zur Beschneidung eines Jungen eine andere Familie als „Kiriv“ auszuwählen, als Paten. Häufig haben wir Muslime als Kiriv genommen. Deshalb war ich auch so konsterniert, als ich bei unserer Festnahme unter den IS-Kämpfern, von denen viele aus dem Ausland kamen, einige wiedererkannte.

Zehntausende jesidische Frauen und Mädchen wurden an IS-Kämpfer verheiratet, nachdem der Islamische Staat ihre Siedlungsgebiete besetzt hatte. An wen wurden Sie in Rakka verkauft?

Al Aliko: Zunächst an einen Ägypter. Es war ein großer Mann um die 50. Er bewohnte ein geräumiges Haus mit Garten, wo bereits sechs Jesidinnen lebten. Der Mann hat mich zusammen mit meinen beiden Schwestern gekauft. Wir waren also neun Frauen.

Der Ägypter war ein Zwischenhändler?

Al Aliko: Nein, Eigennutzer. Kaufen, vergewaltigen, verkaufen. Er wollte uns zwingen, den muslimischen Glauben anzunehmen, aber wir haben gesagt: „Wir bleiben Jesidinnen, auch wenn du uns dafür umbringst.“ Nach 15 Tagen ging es für mich weiter zu einer hochgestellten Persönlichkeit, einem Emir, der aus Syrien stammte: Er war um die 30, verheiratet. Seine Familie wohnte in einem anderen Haus. Meine kleinen Schwestern wurden woandershin verkauft. Der Gedanke daran, wie es ihnen wohl ergeht, ist kaum auszuhalten. Sie hatten während unserer Gefangenschaft immer solche Angst.

Sind die Mädchen seitdem verschollen?

Al Aliko: Mein Onkel macht Grenzgeschäfte und hat deshalb viele Kontakte. Vor zwei Monaten traf er jemanden, der wusste, wo sich meine jüngste Schwester aufhielt. Sie war oft verkauft worden: von Rakka bis in den Irak und wieder zurück nach Rakka. Mein Onkel versuchte sie mit Lösegeld freizukaufen, doch es hat nicht geklappt. Seitdem haben wir nichts mehr von meinen Schwestern gehört.

Foto: REUTERS/Jo Yong hak

Protest. Gil Won-ok (Mitte) demonstriert vor der japanischen Botschaft in Seoul.

Foto: REUTERS/Jo Yong hak

Protest. Gil Won-ok (Mitte) demonstriert vor der japanischen Botschaft in Seoul.

Wie oft sind Sie selbst während Ihrer IS-Gefangenschaft verkauft worden?

Al Aliko: Fünfmal. Der Emir verkaufte mich nach einem Monat, weil er an die Front musste und Angst hatte, dass ich abhaue, während er weg ist. Ich kam zu einem Iraker aus Bagdad. Als der mich wieder einmal vergewaltigen wollte, nahm ich eine Flasche vom Tisch, zerbrach sie und wollte mir damit die Pulsadern aufschneiden. Der Mann sagte, dass ich das sein lassen sollte. Er würde damit aufhören und mich weiterverkaufen. Bei der nächsten Familie traf ich zufällig meine Cousine. Ich sagte ihr, dass wir versuchen sollten, zu fliehen. Der Hausherr hat wohl Jesidisch verstanden, und so wurde ich nach nur einer halben Stunde zu einem weiteren IS-Kämpfer gebracht, der zusammen mit seinen drei Ehefrauen und einigen Kindern in einem Haus ganz in der Nähe lebte. Er hat mich zwei Tage eingesperrt, ohne Essen und Trinken.

Dachten Sie, Sie würden sterben?

Al Aliko: Zu dem Zeitpunkt war es mir egal, ob ich sterben würde oder nicht.

Warum waren die Männer so grausam: weil Sie Jesidin sind, oder weil Sie eine Frau sind?

Al Aliko: Hauptsächlich aus religiösen Gründen, nehme ich an.

Auch das japanische Kaiserreich fußte damals auf einer Ideologie, nach der die Japaner den anderen asiatischen Völkern überlegen seien und somit die Gräueltaten legitim. Frau Gil, war die Skrupellosigkeit der japanischen Soldaten, die Sie im Kriegsbordell erlebten, rassistisch motiviert oder bloßer Machismus?

Gil: Keine Ahnung, ich war ja erst 13 Jahre alt! Ich erinnere mich daran, wie uns die Männer aus Gewohnheit verprügelten. Heute sind Mädchen vielleicht reifer, aber ich war ein Kind und wollte mich nicht ausziehen. Ich muss geschrien haben. Da haben mich die Männer geschlagen, und zwar nicht mit der Handinnenfläche, sondern mit der Faust, bis ich zugeschwollene Augen hatte.

Wer schlug Sie: der Betreiber oder die Soldaten?

Gil: Der Betreiber hat mich nie geschlagen. Er musste uns ja verarzten, wenn wir verwundet waren. Ein Soldat war besonders brutal. Er hat mich mit dem Schaft seines Schwerts auf den Kopf und auf die Beine gehauen. Ich blutete so stark, dass das getrocknete Blut den Stoff meines Kleides bretthart werden ließ. Ich musste den Stoff zerreißen, um mich auszuziehen. Ich habe wirklich ein zähes Naturell. Normalerweise kann man an einem solchen Ort nicht überleben.

Hatten Sie daran gedacht, sich das Leben zu nehmen?

Gil: Nie. Ich hatte es schwer, so schwer, wie Sie es sich nicht vorstellen können, aber ich habe nie daran gedacht, mich umzubringen. Ich habe Mädchen gekannt, die das Leben in China nicht ertragen haben. Sie sind aus dem Zimmer gegangen, in dem wir gemeinsam wohnten, leise, damit es niemand mitbekam. Draußen haben sie sich mit einem scharfen Messer überall gestochen. Sie sind verblutet.

Was war schlimmer, die Gewalt oder die Demütigung?

Gil: Keine gute Frage!

Gehört es sich in Korea nicht, nach Gefühlen zu fragen?

Gil: Nein. Doch wer die Muße hat, solche Vergleiche anzustellen, dem geht es relativ gut. Wenn man in einer derart unerträglichen Situation drinsteckt, denkt man nur: Wie kann ich fliehen?

Al Aliko: Das stimmt. Unser einziger Gedanke, schon am ersten Tag, als wir noch in der Halle in Mossul waren, war: Wie kommen wir hier raus?

Sie kannten sich in Rakka überhaupt nicht aus. Keine gute Voraussetzung für eine Flucht.

Al Aliko: Ja, ich dachte, wenn ich abhaue, werde ich irgendwann aufgegriffen und umgebracht.

Nach zwei Monaten sind Sie trotzdem geflohen.

Al Aliko: Entkommen oder Sterben. Das war meine Devise.

Wie stellten Sie es an, zu fliehen?

Al Aliko: Eines Nachts, als alle schliefen, streifte ich eine Burka über und verließ das Haus. Das war ein gutes Versteck. Alle Frauen in Rakka liefen draußen so rum. Zwei Stunden streifte ich durch die Straßen, bis ich den Mut fand, ein Taxi anzuhalten. Ich sagte dem Taxifahrer, dass ich Jesidin bin. Dem Mann war das Risiko zu groß, mich bei sich aufzunehmen: Wenn das rauskäme, sagte er, würde er selbst umgebracht. Nach zehn Minuten setzte er mich ab. Ich habe an drei Türen geklopft, niemand hat aufgemacht. Die vierte Tür öffnete eine alte Frau, deren Familie mich 23 Tage bei sich wohnen ließ. Ich rief meinen Onkel an, der organisierte für mich einen Mitfahrplatz mit einer muslimischen Familie nach Amude, eine Stadt, die außerhalb des IS-Gebietes liegt. Als Erstes habe ich in Amude die Burka weggeschmissen. Mein Onkel hat mich dort abgeholt.

Foto: REUTERS/Ako Rasheed

Tränen. Zwei Jesidinnen umarmen einander nach ihrer Befreiung, hier im Nordirak.

Foto: REUTERS/Ako Rasheed

Tränen. Zwei Jesidinnen umarmen einander nach ihrer Befreiung, hier im Nordirak.

Frau Gil, Sie wurden erst mit dem Kriegsende, nach fünf Jahren, befreit.

Gil: Ich kann mich gerade gar nicht mehr erinnern, wie das war.

Jetzt schaltet sich Mee-Hyang Yoon ein. Sie ist vom „Korean Council for the Woman Drafted for Military Sexual Slavery by Japan“, einer Organisation, die sich für Entschädigungen für „Trostfrauen“ einsetzt. Yoon begleitet Gil Won-ok seit Jahren.

Yoon: Mir hast du das mal so erzählt: Eines Morgens bist du aufgewacht und hast dich gewundert, dass keine japanischen Soldaten mehr gekommen sind. Du wusstest gar nicht, dass der Krieg zu Ende war. Nach ein paar Tagen hast du auf der Straße einen Koreaner laut rufen hören, ein Schiff lege am Hafen ab, es sei das letzte zurück in die Heimat. Du hast das Nötigste zusammengepackt und es gerade noch geschafft.

Gil: Jetzt, wo sie das erzählt, kann ich mich daran erinnern. Ich dachte damals, das Schiff ginge nach Pjöngjang.

Yoon: Doch es war Incheon, Südkorea. Eine ältere Koreanerin, die Frau Gil in ihrem verdreckten, hilflosen Zustand sah, hat angeboten, dass sie bei ihr arbeiten kann. Es war in einer Kneipe.

Sie haben da bedient?

Gil: Nein, gesungen. Ich besaß ja nichts. Alles, was ich hatte, waren die Lieder, die ich konnte.

Yoon: Es ist nicht ganz klar, wann sie aufgehört hat, in der Schenke zu arbeiten, wahrscheinlich mit Anfang 20. Sie musste sich einer Totaloperation unterziehen. In ihrer Zeit als „Trostfrau“ wurden ihr in einem Militärkrankenhaus die Eileiter festgebunden, damit sie nicht schwanger wurde. Das hatte sich alles entzündet.

Gil: Warum müssen wir darüber sprechen?

Yoon: Damit viele Menschen davon erfahren. 2007 hat Gil Won-ok vor dem europäischen Parlament von ihrem Schicksal berichtet. Die Parlamentarier haben daraufhin eine Resolution verfasst, dass die japanische Regierung diese Kriegsverbrechen anerkennen soll. Wenn wir ohne sie hingehen, hat das nicht denselben Effekt.

Frau Gil, haben Sie eigentlich eine Wut auf die Japaner? Oder auf Männer im Allgemeinen?

Gil: Wenn man die Männer oder alle japanischen Bürger nicht mögen würde, auch die, die einem nichts getan haben, wäre die Welt doch nicht zu ertragen.

Und Sie, Frau Al Aliko, sind Sie wütend auf alle Männer?

Al Aliko: Ich sehe nicht die Männer als solche mit anderen Augen, nur IS-Kämpfer, die radikalen Islamisten und die Nachbarn, die uns ausgeliefert haben. Das sind die Schlechten.

Frau Gil, Sie haben einen Adoptivsohn, der heute protestantischer Pfarrer ist.

Gil: Es war eine große Freude, ihn aufwachsen zu sehen. Er war so ein liebes Kind.

Wie ist der Junge zu Ihnen gekommen?

Gil: Das weiß ich gerade gar nicht mehr.

Yoon: Frau Gil arbeitete als Gemüsehändlerin, als sie auf eine Frau mit einem Neugeborenen traf, das die ins Waisenhaus bringen wollte. Die anderen Marktfrauen sagten: „Du hast doch kein Kind, nimm du es.“ Frau Gil hat es sich zuerst nicht zugetraut, als arme Gemüsehändlerin ein Kind großzuziehen. Doch als sie das Baby weinen sah, hat sie es an sich genommen. Frau Gils Sohn hat mir mal erzählt, dass sie ihn als Kind sehr verwöhnt hat: Er bekam nur den guten weißen Reis, keinen Gerstenreis. Dabei war der Koreakrieg gerade erst vorbei, das Land war bitterarm. Frau Gil schickte den Sohn auf die Missionsschule. Sie hat sogar selbst Alkohol gebrannt und verkauft, obwohl das damals verboten war – nur, damit es dem Kind gut geht. Dennoch hatte sie immer Schuldgefühle dem Sohn gegenüber, weil er keine Geschwister hat und auch sonst keine Familie. Die war ja in Nordkorea.

Die Verbrechen an den „Trostfrauen“ sind in Korea lange tabuisiert worden. Erst 1992 hat die erste Frau von ihrem Schicksal erzählt. Frau Gil, Sie haben sich 1998 dazu bekannt.

Yoon: Erst in diesem Jahr hat ihr Sohn erfahren, dass Frau Gil nicht seine leibliche Mutter ist. Daraufhin hat der Sohn später selbst zusätzlich zu seinen beiden leiblichen Kindern eine Tochter adoptiert.

Foto: Tsukasa Yajima

Mut. Gil Won-ok zog ganz allein einen Adoptivsohn groß.

Foto: Tsukasa Yajima

Mut. Gil Won-ok zog ganz allein einen Adoptivsohn groß.

Frau Gil, wer von Ihren Freundinnen wusste, was Ihnen damals passiert ist?

Gil: Keine. Ich bin jemand, der nicht viel von sich erzählt. In einem bestimmten Alter haben mich die Leute gefragt: Warum heiratest du eigentlich nicht? Daraufhin habe ich geantwortet: „Weil ich krank bin.“ Warum ich krank geworden bin, habe ich nicht gesagt.

Warum nicht?

Gil: Es war ja keine schöne Sache. War mir unangenehm.

Schämten Sie sich?

Gil: Natürlich schäme ich mich. Aber die Leute, die mich dazu gezwungen haben, müssen sich zuallererst schämen. Und die koreanische Regierung muss sich dafür schämen, dass sie so schwach war und sich gegen die Japaner nicht wehren konnte.

Al Aliko: Ich schäme mich nicht. Warum sollte ich? Wir Frauen haben es ja nicht aus freien Stücken gemacht. Wir wurden dazu gezwungen.

Frau Al Aliko, viele Jesidinnen sprechen offen über ihre Erlebnisse. Die bekannteste ist Nadia Murat, die von der Anwältin Amal Clooney vertreten wird und sogar für den Friedensnobelpreis nominiert worden war. Ist sie ein Vorbild für Sie?

Al Aliko: Jeder, der über die Gräueltaten spricht, ist ein Vorbild für mich, nicht nur Nadia Murat. 3200 von uns sind in diesem Moment in den Händen des IS! Und dort, wo der IS zurückgedrängt worden ist, haben Kämpfer Jesidinnen bis nach Afghanistan mitgenommen. Andere Betroffene leben in Flüchtlingslagern in der Autonomen Region Kurdistan. Jetzt im Sommer, bei diesen hohen Temperaturen dort, ist es in den Zelten unerträglich heiß. Die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal. Die Frauen erhalten kaum psychologische Hilfe. Lebensmittel sind knapp. Manche hungern.

Nach einem Jahr im Lager kamen Sie zusammen mit 1100 anderen jesidischen Frauen nach Deutschland, leben jetzt mit Ihrer Mutter und Ihren beiden minderjährigen Brüdern in Hannover. Dort bekommen Sie psychologische Unterstützung. Tut es Ihnen gut, über Ihre Erlebnisse zu reden?

Al Aliko: Ich bin noch immer tief im Innern verletzt, deshalb hilft es nicht so viel. Doch es lindert den Schmerz.

Hatten Sie seit Ihrer Befreiung auch glückliche Erlebnisse?

Al Aliko: Ja, am 3. März 2015. An diesem Tag sind meine Mutter und meine beiden Brüder befreit worden. Die Jungs, damals neun und elf Jahre alt, waren in Militärcamps, sie sollten zu IS-Kämpfern ausgebildet werden. An dem Tag gab es wieder Hoffnung, dass auch die anderen irgendwann freikommen werden.

Wie soll Ihr Leben jetzt weitergehen?

Al Aliko: Ich will besser Deutsch lernen, seit zwei Jahren mache ich einen Kurs, und irgendwann arbeiten gehen.

Würden Sie gerne in Ihre Heimat zurück?

Al Aliko: Theoretisch schon, aber da ist ja nichts mehr. Unser Haus wurde gesprengt. Es gibt kein Zurück.

Frau Gil, haben Sie Pläne?

Gil: Ich kämpfe immer weiter dafür, dass es keinen Krieg mehr gibt, denn der war ja an allem schuld. Mein einziger Wunsch für mich persönlich ist, nicht schwer krank zu werden. Ich würde das zwar aushalten, aber ich will niemandem zur Last fallen.

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