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Oliver Welke kann Fußball wie Satire.

Sonntagsinterview „Ich bin irre, ich weiß“

Joachim Huber Thomas Eckert

Herr Welke, Sie haben eine Saison Champions League mit Oliver Kahn im ZDF hinter sich. Das war doch sicher sehr lustig.

Ja, und das meine ich völlig ironiefrei. Als junger Fieldreporter hätte ich das nie geglaubt: Olli Kahn kann sehr selbstironisch sein. Das habe ich damals nicht so bemerkt, weil er als Alpharüde gerade junge Reporter weggebissen hat. Heute kann man ihn damit sehr schön aufziehen – ein klassischer Fall von Altersmilde. Das passiert den meisten von uns.

Oder das Fernsehen hat ihn umerzogen.
Vielleicht hat er, seitdem er die Seiten gewechselt hat, gemerkt, dass auch Journalisten Menschen sind, mit denen man ab und zu ganz vernünftig reden kann. Das könnte ihn überrascht haben, denn das kommt in der Machowelt des Fußballs nicht so oft vor. Alle, die irgendwann ein Mikrofon in der Hand gehalten haben, hören sich danach anders an. Selbst Matthias Sammer war nach seiner Zeit bei Sky etwas gelöster. Doch das ist natürlich wieder vorbei, seitdem er bei Bayern München arbeitet.

Was stimmt nicht an folgendem Satz: Oliver Kahn ist der beste Fußballexperte im deutschen Fernsehen?
Ich würde den Satz gerne korrigieren und hinzufügen: ... und Mehmet Scholl. Kahn und Scholl sind die Besten, so stimmt’s.

Es kann doch nur einen Titanen geben!
Ich bin bei diesem Thema leider nicht objektiv. Oliver Kahn und ich bilden ein Team. Und ich kann immer nur so gut sein, wie Kahn drauf ist. Da wäre ich doch total bescheuert, wenn ich hier meinen Oliver Kahn schlechtreden würde. Das sehen Sie ein, oder?

Sie reden gern. Aber viel dürfen Sie nicht sagen, wenn Champions League ist, besonders nicht vor dem Spiel.
Da muss sehr unterschieden werden. Zum Beispiel zwischen Vorlauf und Nachlauf. Der Vorlauf, also die Zeit vor einem Spiel, ist sehr knapp, da haben wir keine Zeit für viele Worte. Da muss ich auch dem Olli Kahn immer sagen, nicht weinen, lieber Olli, du hast jetzt leider nur zwei Sätze, aber das machen wir nach dem Spiel alles wieder gut, kleines Regengesicht. Und so ist es dann auch. Nach dem Spiel senden wir 45 Minuten oder mal eine ganze Stunde am Stück durch, ohne Werbeunterbrechung. Da ist dann auch einer wie Olli Kahn ganz glücklich. Wenn man viel Zeit hat, ist allerdings die Gefahr groß, dass man ins Labern kommt. Davor sind wir gefeit, wir sind schließlich Profis.

Sie waren beim Privatfernsehen, Sie sind beim ZDF. Irgendein Unterschied zu erkennen?
Wenn wir beim ZDF nach dem Halbfinale der Champions League drei Millionen Zuschauer mehr haben, als es bei den Privaten der Fall war, dann zeigt mir das, wie sehr den Leuten die Werbeblöcke, immerhin dreimal acht Minuten, auf den Geist gegangen sein müssen. Das hätte ich so nicht gedacht.

Das lag doch sicher nur an Ihnen! Also, dass so viele eingeschaltet haben.
Ich habe mich schon in meinen frühesten Fernsehtagen von dem Irrtum trennen müssen, dass die Leute meinetwegen Fußball gucken. Als ich eines Morgens aufwachte und mir das in aller Deutlichkeit klar wurde, war es zwar hart, doch es hat mich auch freier gemacht.

Ist es nicht äußerst beruhigend zu wissen, wie überflüssig Sie sind?
Für viele sind wir Kommentatoren und Reporter sicher so etwas wie humanoide Störgeräusche, nicht schön, jedoch unvermeidlich. Ich glaube trotzdem, dass es wichtig ist, dass da Leute stehen, die sich für Fußball interessieren und Spaß an dem haben, was sie machen. Es kann nicht schaden, noch einmal ein paar Fakten in Erinnerung gerufen zu bekommen oder sich ein paar nette Geschichten anzuhören. Man könnte die Übertragung einfach mit dem Anpfiff beginnen lassen. Ob das auf Dauer trägt, ich weiß nicht.

Günter Netzer, größter noch lebender Fußballexperte, soll gesagt haben, es gebe im Leben Wichtigeres, als gegen einen Fußball zu treten. Der Mann muss verrückt geworden sein.
Er hat auf jeden Fall mit Gerhard Delling den Mann seines Lebens gefunden und dabei gemerkt, drüber reden ist mindestens genauso wichtig wie gegen den Ball treten. Es könnte natürlich sein, dass ihm diese Erkenntnis gekommen ist, nachdem er den Grimme-Preis fürs Reden bekommen hat.

Sie haben etwas mit Herrn Netzer gemeinsam.
Da bin ich aber mal gespannt!

Die Haare! Oder sagen wir: die dünnen Haare.
Sie wissen nicht, was Sie da sagen! Und Sie glauben mir sicher nicht, wie viele Menschen mich nach Bekanntwerden der Haartransplantation des Jürgen Klopp von Borussia Dortmund angesprochen haben, nur um mir zu sagen, hör mal, das wär doch auch ’ne Möglichkeit für dich. Und das ohne jede Ironie! Man stelle sich vor: Sich die Haare vom Hinterkopf nach vorne transplantieren zu lassen und dann ein halbes Jahr mit Mütze rumrennen, wie’s der Klopp getan hat. Wie sieht denn das aus?

Vor nicht allzu langer Zeit haben Sie die Gründung einer Partei angekündigt, die sich für das Recht der Menschen auf Haartransplantationen starkmachen wollte. Nichts draus geworden?
Zum Thema „volksnah bleiben“ Folgendes: Ich habe gelesen, dass Wayne Rooney, Stürmer von Manchester United, sich ebenfalls die Haare hat machen lassen, für 35 000 Pfund, und danach in einem Interview gesagt hat, wenn das so billig sei, verstehe er nicht, warum das nicht alle machten.

Sind Haare ein Thema in Fußballkreisen?
Ich kann Ihnen verraten, dass Oliver Kahn deutlich länger in der Maske sitzt als ich.

Sie haben sich aufgegeben, was das angeht.
Ich habe mich schon vor Jahren aufgegeben, und das in vielerlei Hinsicht. Wenn ich nach der Sommerpause bei der „heute-show“ mit einem neuen Scheitel auftauchen würde, Sie können sicher sein, da wäre der Teufel los. Auf so etwas achten die Leute.

Wie witzig darf ein Fußballmoderator sein?
Das ist eine Gratwanderung. Ich finde allerdings viel entscheidender, dass ein Fußballmoderator erstens gut vorbereitet und zweitens authentisch ist. Und wenn es dazugehört, dass man selber mal mit einer gewissen Distanz über Fußball redet und ihn nicht immer als einen Kampf auf Leben und Tod betrachtet, dann ist das okay. Es muss nur passen. Wenn man nur so tut, dann merken das die Leute, und man hat verloren. Ironie setzt Distanz voraus. Nur wenn Sie zum Beispiel in der K.o.-Runde der Champions League mittendrin sind, dann ist das mit der Distanz nicht mehr ganz so einfach.

Warum der Spaß für Oliver Welke Grenzen hat

Wie viel Spaß verträgt eine Sache, die Sie total ernst nehmen müssen? Fußball ist ja nun mal die ernsteste Sache der Welt.
Als Moderator musst du dich daran erinnern, dass in dem Augenblick, in dem du einen Scherz machst, draußen vor den Bildschirmen Millionen Menschen sitzen und vielleicht gerade ins Kissen beißen, weil ihr Verein verloren hat. Wenn du dich darüber erhebst, dann bist du nicht mehr lange dabei. Ein bisschen gesunder Menschenverstand kann da nicht schaden. Ich gehe ja auch nicht auf eine Beerdigung und sage „Herzlichen Glückwunsch“.

Herr Welke, Sie als sportlicher Mensch…
… der war gut!

Haben Sie jemals selbst Fußball gespielt?
Ja, wahnsinnig gern. Leider auch wahnsinnig schlecht. Ich war mit Feuereifer dabei, hatte jedoch ein unfassbar mieses Ballgefühl. Was ich gut konnte, war Leute umtreten. Schön von der Seite reingrätschen. Das hatte den Vorteil, dass ich mir in meiner Schulzeit auf diese Weise einen gewissen Ruf erarbeiten konnte, das war manchmal ganz hilfreich. Meinem Standing im Schulrudel hat es sehr genützt. Beim Spaßfußball heute kommt das allerdings nicht so gut. Da ist Grätschen unter Freunden irgendwie verpönt.

Wie viele Amigos haben Sie inzwischen? Der Sportreporter ist doch der erste Diener der Fußballfunktionäre und Vereinsmeier.
Das kommt sehr darauf an. Wenn Sie als Reporter ausschließlich über einen bestimmten Verein berichten, dann sind Sie jeden Tag sehr nah dran, und es entsteht eine gewisse Nähe. Ich habe vor diesen Reportern einen Heidenrespekt, wenn sie sich trotz der Nähe zu dem Objekt ihrer Berichterstattung eine gewisse Distanz bewahrt haben. Die werden im Fall des Falles ganz klassisch mit Liebesentzug bestraft.

Was fasziniert Sie denn am meisten am Fall Uli Hoeneß?
Ich kann Ihnen sagen, was mich stört: die allgemeine Heuchelei im Umfeld. Da melden sich einige zu Wort, die sich den moralischen Furor eigentlich nicht erlauben dürften. Und die ganz loyalen Hoeneß-Fans verwechseln natürlich Äpfel mit Birnen. Wenn es dann heißt: „Man muss doch auch sehen, was er an anderer Stelle Gutes geleistet hat!“ Das ergibt ungefähr so viel Sinn wie: „Ja, Euer Ehren, er hat die Handtasche geklaut, aber bedenken Sie, dafür kann er wahnsinnig gut singen!“

Sie hätten kein Problem damit, mit Uli Hoeneß vor der Kamera zu stehen? Der Fall ist ja juristisch noch in der Schwebe.
Nein. Überhaupt nicht. Ich habe in guten wie in schlechten Zeiten den Vorteil, immer schon Distanz zur Branche gehabt zu haben. Ich gehe auf keine Bankette, weder von Bayern München noch von Borussia Dortmund, ich moderiere keine Vereinsabende.

Wahnsinnig bescheiden.
Ich bezahle sogar mein Essen aus eigener Tasche. Ich bin irre, ich weiß.

Ein deutscher Medienarbeiter, ehrlich, aufrecht, stolz.
Und der letzte seiner Art! Eine schöne Überschrift, finden Sie nicht? Des Rätsels Lösung ist viel einfacher. Als Moderator, der alle paar Wochen in Sachen Fußball unterwegs ist, komme ich gar nicht in Versuchung, eine gefährliche Nähe herzustellen. Ich bin nie mit Spielern um die Häuser gezogen, auch nicht in meiner Zeit bei Sat.1, weil ich schon damals zu alt und zu spießig war. Die meisten von denen kenne ich wie Sie nur aus dem Fernsehen.

Sie machen Fußball, Sie machen die „heute-show“. Zwei Welten, die sich nie begegnen?
Der Fall Uli Hoeneß ist tatsächlich der erste, in dem sich eine Überschneidung ergeben hat. Wir halten das Thema Fußball im Normalfall komplett aus der „heute-show“ raus, es gibt einfach genügend andere, die das für uns übernehmen. Wir konzentrieren uns auf Politik, da gibt es ja genug Lustiges.

Sie hätten einfach beim Fußball bleiben können.
Das haben viele Kollegen von Ihnen auch gesagt, als wir mit der „heute-show“ anfingen: Warum muss denn der olle Fußballansager jetzt in Satire machen? Er muss nicht, er will.

Sie moderieren zwölfmal im Jahr die Champions League, Sie verfassen Bücher und Drehbücher, Sie schreiben viele Texte Ihrer „heute-show“ selbst – Sie sind uns ein bisschen unheimlich.
Ich bin weniger stolz auf mein Multitasking als darauf, dass ich es geschafft habe, in den letzten drei Jahren außer Fußball und „heute-show“ nichts anderes gemacht zu haben.

Sie sind ruhiger geworden, seit Sie aus Berlin weg und nach Bonn gezogen sind. Ein Wunsch der Familie, oder weil die „heute-show“ in Köln produziert wird?
Wegen der „heute-show“. Das war mit der Familie abgesprochen. Oder sagen wir, zumindest mit meiner Frau.

Bonn soll nicht nur ruhig, es soll langweilig sein.
Es fing jedenfalls ulkig an. Als wir uns in Bonn anmelden wollten, hat uns der Mann vom Einwohnermeldeamt erst mal ausgelacht: Wie man denn so blöd sein könne. Von Berlin nach Bonn! Als ich ihn gefragt habe, warum er lache, schließlich lebe er ja auch in Bonn, war die Antwort: Weil ich muss!

Findet Ihre Frau Sie noch komisch? Oder womöglich schon wieder?
Zwischendurch und ab und zu findet sie mich, glaube ich, irgendwie komisch, doch, ja. Ich finde meine Frau absolut komisch. Und meine Kinder haben sowieso den besten Humor. Sie beherrschen schon die hohe Kunst, in die Pausen, wenn die Erwachsenen schweigen, Pointen zu setzen. Da bin ich dann immer sehr stolz.

Wie lebt es sich in Bonn?
Unspektakulär. Aber gut. Das Pendeln zwischen Köln und Berlin war einfach Gift für unsere Familie, das ging nicht mehr. Meine Frau hat irgendwann angefragt, ob wir uns nicht mal wieder öfter sehen wollten. Das fand ich fast schon romantisch. Dann haben wir uns umgesehen, und der Blick fiel auf Bonn. Ich bin in Gütersloh aufgewachsen, dagegen ist Bonn wie Manhattan. Nee, das passte einfach.

Sehr bodenständig.
Sie können sich sicher vorstellen, wie die Nachricht, dass wir nach Bonn ziehen, bei unseren Freunden, den blasierten Hauptstädtern, ankam. Da wird dann sehr viel Mitleid geheuchelt. Oliver Kalkofe nennt mich, seit wir in Bonn wohnen, nur noch den Spießer.

Oliver Welke, Oliver Kahn, Oliver Pocher, Oliver Dittrich, Oliver Kalkofe: Fällt Ihnen etwas auf?
Die Oliver-Dichte? Wiglaf Droste hat mal ein nicht unbedingt nett gemeintes Lied gemacht, das hieß: Warum heißen plötzlich alle Oliver? Ich habe keine Ahnung, warum in den 60er Jahren viele Mütter den Drang hatten, ihre Söhne Oliver zu nennen. Ich glaube nicht, dass der Name per se witzig macht.

Sie könnten sich ja umbenennen. Wir erinnern an Max, früher Dieter, Moor, den Moderator von „ttt – Titel Thesen Temperamente“ .
Ich hab’ mich an Oliver gewöhnt. Aber Norbert wäre auch schön gewesen. Das hat so einen Kontrast zum eher weichen Welke. Dann hätte ich ein noch besseres Standing in der Fußballwelt.

Das Interview finden Sie am Sonntag im gedruckten Tagesspiegel.

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