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Foto: imago/ imagebroker
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Machtphantasie mit Wumms: Ist die Plastikpumpgun beinahe so groß wie der Nachwuchs, leben Erwachsene gefährlich.

Spielzeugwaffen Sollte man Kindern Wasserpistolen verbieten?

Herr Müller, haben Sie als Kind mit Wasserpistolen gespielt?

Ja. Vor 20 Jahren gab es nämlich auch schon leistungsfähige Spielzeugwaffen mit großen Tanks und ordentlich Reichweite.

Sehen Sie einen Zusammenhang mit Ihrer heutigen Tätigkeit als Experte für Rüstungskontrolle bei der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung?

Nein. Dass Kinder in den heißen Sommermonaten spielen und sich nass machen, finde ich extrem wenig furchtbar. Diesen Spaß möchte ich wirklich nicht übermäßig dämonisieren. Erziehungsberechtigte sollten nur darauf achten, welche Art von Spielen mit welchen Utensilien gespielt werden – ob das Spiel zum Beispiel harmonisch läuft oder das Spielzeug echten Waffen zu sehr ähnelt.

In Freibädern und an Stränden dominieren zurzeit Plastikpistolen, die bis zu 15 Meter weit spritzen können. Manche erzeugen Geräusche, die an Schnellfeuerwaffen erinnern. Kinder tragen Kanister als Rucksack, damit die Munition nicht ausgeht. Was sagt dies über unser Land aus, das über eine Freiwilligenarmee verfügt und in dem seit 72 Jahren Frieden herrscht?

Vermutlich wenig. Waffen üben grundsätzlich auch in Friedenszeiten eine besondere Faszination aus. Die rührt häufig von der Technik und der Präzision der Schusswaffen her. Auch das Schießen selbst kann seinen Reiz haben. Dazu geht es selbstverständlich um Pistolen als Machtinstrumente.

Mit einer Plastik-Pumpgun in den Händen muss das Kind nicht mehr gehorchen, sondern kann die Regeln plötzlich selbst bestimmen – zumindest kurzzeitig.

Waffen sind zudem ein elementarer Bestandteil der Popkultur, auf die beinahe jeder Jugendliche Zugriff hat, zum Beispiel in Form von Actionfilmen oder Computerspielen. Die Spielzeugindustrie macht sich diese Faszination zu eigen und orientiert sich an der technischen Entwicklung der Waffenindustrie …

… in den frühen 80er Jahren ähnelten die Wasserpistolen trotz Kalten Krieges eher zierlichen Damenrevolvern.

Genau. Die waren allerdings bei Weitem nicht so martialisch wie die Plastik-Pumpguns der Gegenwart. Die Spielzeugindustrie hat, wenn Sie so wollen, ein wenig nachgerüstet.

Foto: imago/Westend61

Hände hoch, oder ich spritze!

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Hände hoch, oder ich spritze!

„Ab 8“ steht auf der Verpackung eines „Nerf N-Strike Elite Modulus Tri-Strike Blaster“, der Schaumstoffpatronen abfeuert. „Bumm, bumm – du bist tot“, rufen Kinder. Geht diese Altersgrenze in Ordnung?

Mir fällt grundsätzlich keine sinnvolle Jugendfreigabe für diese Art von Spielzeug ein.

Warum nicht?

In dem Alter um acht Jahre sind Kinder immer noch relativ beeinflussbar, ich schätze, das ist zu früh. Gleichzeitig fände ich es auch nicht unbedingt besser, wenn man die Schaumstoffpatronen-Blaster erst ab 13 freigeben würde. Mit Beginn der Pubertät würden dann wohl realere Kriegsszenarien nachgespielt. Denkt man darüber nach, kommt man schnell zu dem Schluss: Ein Kind trainiert Kampfsituationen, und das führt potenziell zu Enthemmung. Es muss nicht so kommen, aber das Spiel mit Waffen kann zu einem salopperen und unkritischen Umgang damit führen.

Und das wäre der erste Schritt zur Glorifizierung von Waffen?

Möglich. Das fände ich dann problematisch. Generell verursachen Kleinfeuerwaffen, da gibt es Schätzungen, zwischen 60 und 90 Prozent der Todesfälle in bewaffneten Konflikten. Dazu kommen die Gewaltverbrechen. Vergessen Sie außerdem bitte nicht, dass Kleinfeuerwaffen auch von Kindersoldaten benutzt werden. Schon die Jüngsten lassen in Krisengebieten wie Liberia, Sierra Leone oder Nord-Uganda ihre Jugend und ihr Leben – da muss man sich als Mutter oder Vater überlegen, ob man es so toll findet, wenn das Kind mit entsprechender Wasserpistolenausrüstung in den Krieg am Planschbecken zieht.

Spielverderber.

Ach, ich kann auch die entspanntere Position gut nachvollziehen. Wie gesagt, ich habe als Jugendlicher selbst mit Wasserpistolen gespielt. Mein Tipp: Wenn Kinder Häuserkämpfe nachspielen, dringend das kritische Gespräch suchen.

Pädagogen sagen, der Umgang mit Spielzeugwaffen sei nicht pauschal zu verurteilen. Kinder lernten so, Gut von Böse zu unterscheiden.

Waffen als Lerninstrumente für ethisches Handeln? Da scheint es mir bessere Lehrmethoden zu geben. Man mag solche Spielzeugartikel durchaus als harmlosen Spaß tolerieren können. Moralisch zu überhöhen braucht man sie aber nun auch nicht.

Daniel Müller arbeitet im Bereich Rüstungskontrolle der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Die Fragen stellte Esther Kogelboom.

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