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Foto: mauritius images
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Amphitheatrum Flavium, seit dem Mittelalter besser bekannt als Kolosseum, fasste etwa 50 000 Zuschauer.

Stadionbau im alten Rom Was Michael Preetz von Kaiser Vespasian lernen kann

Der eine, Marcus Valerius Martialis, lobte bei der Eröffnung allein schon den Bau an sich. Der andere, Publius Papinius Statius, begeisterte sich wenig später für das perfekte Catering. Servicekräfte kamen durch die Reihen, reichten Brotkörbe, weiße Servietten und „ziemlich üppige Speisen“. Beiden Augenzeugen gemeinsam war eines: die Überzeugung, im besten Stadion der Welt zu sitzen – und zwar vor rund 2000 Jahren.

So viel Jubel liest man über das Berliner Olympiastadion selten. Im Gegenteil, wenn der Kessel nicht voll ist, halten viele Fußballfans die Arena für vergleichsweise langweilig. Denn das Publikum kommt dem Geschehen nicht nahe genug. Zu breit ist die Bahn für die Leichtathleten. Zu flach die mit 25 Grad gemäßigte Neigung der Zuschauerränge. Anderswo geht es weit steiler zu. Gern hätten sie bei Berlins Bundesligisten Hertha BSC auch so einen Neubau.

Vielleicht orientiert man sich dann am eingangs gefeierten antiken Vorbild. Nach weniger als zehn Jahren Bauzeit wurde es im Jahr 80 in Rom als Amphitheatrum Flavium eröffnet, seit dem Mittelalter besser bekannt als Kolosseum. Das Oval fasste etwa 50.000 Zuschauer, das würde auch heute noch passen.

Im dritten Rang stieg die antike Arena um 35 Grad an, was exakt dem Stadion der Münchner Bayern entspricht, der Oberrang dürfte den 36,9 Grad im Stadion der Dortmunder Borussen vergleichbar sein. Das Kolosseum steht nach knapp 2000 Jahren zwar ramponiert, aber immer noch unübersehbar am Platz. Mit sieben Millionen Besuchern jährlich ist die Ruine aktuell Roms beliebteste Sehenswürdigkeit.

Schatten gab es überall, dafür sorgten 1000 Matrosen

Ein staunenswertes Bauwerk, vielleicht nicht den Himmel erreichend, wie der erwähnte Martialis im Überschwang nahelegte, mit 57 Metern jedoch doppelt so hoch wie das Olympiastadion. Das Kolosseum konnte nach modernen Berechnungen binnen 15 Minuten evakuiert werden. Und auch beim Einlass ging es geregelt zu. Dafür sorgten 76 nummerierte Eingänge.

Foto: imago/United Arhives International

Ein labyrinthisches Gängesystem unter dem einstigen Arenaboden machte eine ausgefeilte Bühnentechnik möglich.

Foto: imago/United Arhives International

Ein labyrinthisches Gängesystem unter dem einstigen Arenaboden machte eine ausgefeilte Bühnentechnik möglich.

Die Ziffern fanden die Besucher auf ihrer Tessara wieder, das Täfelchen nannte ihnen Cuneus, Gradus und Locus, also Sektor, Reihe und Sitz. Damit kein Plebejer sich auf die Polster der besseren Plätze verirrte. Schatten gab es überall, dafür bürgten 1000 Matrosen, abkommandiert aus dem Flottenstützpunkt Misenium bei Neapel. Sie hissten die Sonnensegel über dem weiten Oval. Wer trotzdem Durst bekam, fand in den umlaufenden Gängen genügend Trinkbrunnen. Auch für Latrinen war gesorgt.

Das freilich, was sich unten im antiken Kolosseum tat, hat wenig zu tun mit dem, was heute unter Sportbetrieb verstanden wird. Die Arena, der Name kommt vom Lateinischen harena für den Sand, der den Stadionboden bedeckte, war mit Blut getränkt. Die vermeintlichen Spiele befriedigten offenbar hemmungslos Blutgier und Sadismus.

Mörder mussten öffentlich gegen wilde Tiere antreten

Zur Belustigung des Publikums wurden im alten Rom Mörder zur damnatio ad bestias verurteilt, sie mussten öffentlich gegen wilde Tiere antreten. Es konnte auch die damnatio ad ferrum verhängt werden, der Kampf bis zum Tod mit eisernen Waffen. Professionell gefochten wurde auch, manchmal, keineswegs immer, freiwillig. Vor einer tobenden Menge, die den Daumen hob, wenn sie dem unterlegenen Kämpfer das Überleben gewährte, oder eben senkte und dazu „iugula, iugula“ skandierte, was so viel wie „stich ihn ab“ bedeutete.

Noch weniger Mitleid hatte man mit der wilden Kreatur. Der Geschichtsschreiber Cassius Dio berichtet, dass bei den 100 Tage währenden Eröffnungsfeierlichkeiten 5000 Tiere in den tödlichen Kampf gehetzt wurden, unter ihnen Bären aus Schottland, Löwen, Elefanten, gar Krokodile aus Afrika.

Die römische Gesellschaft war roh und gewalttätig. Kein Exzess, der ihr nicht zugetraut werden muss. Allerdings hatten die heutigen Moralvorstellungen auch 2000 Jahre Zeit zum Reifen. Und die blutigsten Jahrhunderte standen damals erst noch bevor.

Trotzdem gab es auch Zeitgenossen, die sich abwandten. Der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca verurteilte den ungleichen Kampf gar als „reinen Mord“. Alle Opferzahlen freilich sind mit Vorsicht zu betrachten. Standen doch die meisten Chronisten entweder dem Kaiserhaus nahe und neigten zur haltlosen Prahlerei. Oder, wenn es sich um frühchristliche Autoren handelt, dann konnte der Frevel der heidnischen Öffentlichkeit gar nicht extrem genug sein, zum Lob der eigenen, guten Sache.

Foto: imago/WHA United Archives

Die Römer mochten es blutig: Gladiatorenkampf im Kolosseum. (Jean-Léon Gérôme, 1859)

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Die Römer mochten es blutig: Gladiatorenkampf im Kolosseum. (Jean-Léon Gérôme, 1859)

Seneca war bei der Eröffnung des Kolosseums bereits seit 15 Jahren tot. Ein derartiges Stadion hat er nie gesehen. Die alten Griechen kannten nur ihr Halbrund. Die Römer hatten zwar in Pompeji und Capua so etwas wie ein kleineres Kolosseum errichtet. Rom selbst verfügte bis zum Jahre 70 nur über ein wirklich gigantisches Geläuf: den Circus Maximus.

Mehr als ein Böschungsoval ist von dieser Arena, die einst 125 000 Zuschauer aufnahm, nicht geblieben. Der Circus war eher ein Austragungsort für die beliebten Wagenrennen, deren Protagonisten es vergleichbar dem heutigen Sportbetrieb zu Starstatus und Vermögen bringen konnten. Für die andere große Leidenschaft des Publikums, die Schaukämpfe der Gladiatoren, war der Circus Maximus mit seiner langgezogenen Bahn nicht geeignet.

Die Gladiatorenkämpfe hatten sich im Lauf der Zeit von einer rituellen zu einer professionellen Veranstaltung entwickelt, die die Massen anzog, aber nur in eher provisorischen, meist hölzernen Arenen dargeboten wurde. In den Jahren der römischen Republik waren sie bereits vor der Zeitenwende ein Mittel der Politik, als Showereignis Bestandteil des Wahlkampfs vermögender Kandidaten. Mit Augustus, dem ersten Imperator, ging das Veranstaltungsrecht auf den Kaiser über. Und war nicht weniger politisch. Der antike Satiriker Juvenal fand dafür die griffige Formel „Brot und Spiele“, meinte die öffentlichen Getreidespenden und den wachsenden Sektor der Massenunterhaltung. Dahinter verbarg sich die Kritik, das Volk von Rom habe seine politischen Rechte verkauft und lasse sich allzu gern von den wirklich wichtigen Dingen ablenken.

Antike Graffiti in Pompeji nennen sie „Gebieter der Mädchen“

Auch einige Gladiatoren erreichten Starstatus. Und keineswegs jedes Gefecht endete mit dem Tod eines Kontrahenten. Sogar Ärzte standen für sie bereit. Galenus von Pergamon, einer der berühmtesten Mediziner des Altertums und Leibarzt mehrerer Kaiser, arbeitete seine ersten vier Berufsjahre in einer Gladiatorenkaserne.

Von einzelnen Gladiatoren ist überliefert, dass sie ihren Ruhestand erlebten, Trainer oder Schiedsrichter wurden. Andere stiegen zum Sexsymbol auf, antike Graffiti in Pompeji nennen sie „Gebieter der Mädchen“ oder „Medizin der Nacht“, und bis heute fragen sich Archäologen, was jene reich geschmückte Dame aus besseren Kreisen wohl in der pompejanischen Gladiatorenkaserne zu suchen hatte, wo sie vom Ascheregen beim Ausbruch des Vesuvs überrascht und für alle Zeiten eingeschlossen wurde.

Erstaunlich, dass erst Kaiser Vespasian erkannte, der Bau des Kolosseums werde gewissermaßen eine Marktlücke füllen. Vespasian, berühmt geworden durch seine Latrinensteuer, die er mit dem Satz „Geld stinkt nicht“ kommentierte, stammte aus vergleichsweise einfachen Verhältnissen und hatte sich in blutigen Unruhen durchgesetzt. Binnen anderthalb Jahren starben seine vier Vorgänger, zwei durch Suizid, zwei durch Mord. Vespasian war es, der die Lage beruhigte. Er nutzte den Platz, der durch den großen Stadtbrand zu Neros Zeiten entstanden war, und tilgte die Spuren des beim Volk verhassten Nero, indem er dessen unvollendeten Mega-Palast abreißen und an seiner Stelle mit dem Kolosseum einen Palast für das Volk bauen ließ.

Der Betrieb ging weiter bis hinein ins sechste Jahrhundert

Umstritten ist, ob das Stadion tatsächlich geflutet werden konnte, um darin ganze Seeschlachten auszurichten, wie es die antiken Autoren nahelegen. Unumstritten ist, dass das Kolosseum in seinen Katakomben eine ausgefeilte Bühnentechnik möglich machte. Davon zeugt noch heute ein labyrinthisches Gängesystem unter dem einstigen Arenaboden. Aufzüge erlaubten nicht nur den überraschenden Einzug wilder Bestien aus dem Untergrund, sondern den zügigen Aufbau ganzer Kulissenwelten.

Vespasian gebot über Baumeister mit erstaunlicher Expertise. Die gingen gründlich vor, entwässerten das sumpfige Areal mit einer aufwendigen Drainage und gossen ein meterdickes Fundament aus opus caementicium, dem römischen Beton.

Vespasian erlebte die große Eröffnung nicht mehr, die feierte sein Sohn Titus, der einen weiteren großen Nutzen der Arena erkannte: Sie war der Platz, an dem der Kaiser seinem Volk so nahe war wie nirgendwo sonst. Es ging zwar nicht mehr um Wählerstimmen, doch immer noch um die Gunst des Publikums. Kein anderer antiker Monarch, schreiben die Historiker Mary Beard und Keith Hopkins in ihrem Buch „Das Kolosseum“, inszenierte solche engen Begegnungen mit der Masse wie die römischen Kaiser.

Der Spielbetrieb währte über das Ende des Weströmischen Reiches hinaus bis ins sechste Jahrhundert. Im Mittelalter verkam die Ruine zum Steinbruch, erst im 19. Jahrhundert wurde sie als Touristenziel wiederentdeckt und erhalten.

So überdauerte das Kolosseum als eines von wenigen antiken Bauwerken in einer immer noch imposanten Gestalt bis in die Gegenwart. Und zeugt bis heute davon, wo ein erfolgreiches Stadion hingehört: in die Mitte der Stadt.

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