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Abb.: John Davies/mauritius images
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Auf der Flucht. Schaffner der Underground Railroad helfen einem Sklaven, zu entkommen.

Underground Railroad Zug der Sklaven: Die geheime Untergrundbahn in die Freiheit

Cora war baff. Sie hatte schon so viel hinter sich. Das brutale Leben in Sklaverei, von der Mutter verlassen, eine Massenvergewaltigung, die Flucht vor ihrem „Herrn“ und seinen Hunden in Georgia, die Tötung eines weißen Jungen in Notwehr. Doch jetzt wurde ihr schwindelig vor Verblüffung. Ein Schleuser hatte sie und ihren Kompagnon durch eine Falltür im Haus in einen steilen, tiefen Treppenschacht geführt, an dessen Ende ein Bahnhof lag. Wann der Zug kommen, wohin er fahren würde, das wussten sie nicht. Aber er kam. Ein dreckiger Güterwagen, der sie unterirdisch nach South Carolina brachte.

Underground Railroad, in seinem gleichnamigen Roman, dessen Hauptfigur Cora ist, hat der Schriftsteller Colson Whitehead wörtlich genommen, was eigentlich nur Metapher ist: für ein Netzwerk im Untergrund, das amerikanischen Sklaven im 19. Jahrhundert bei der Flucht half. Als „wichtigsten amerikanischen Roman des Jahres 2016“ hat die „London Review“ das Buch bezeichnet, das außerordentlich Realistisches mit Surrealistischem verbindet und am Montag bei Hanser auf Deutsch erscheint. Die beiden bedeutendsten amerikanischen Literaturpreise hat Whitehead damit schon gewonnen, den Pulitzer Preis und den National Book Award. Eine Million Exemplare wurden verkauft, Lizenzen in 35 Länder vergeben, „Moonlight“-Regisseur Barry Jenkins verfilmt das Buch als Serie.

Der enorme Erfolg – in seltener Einmütigkeit bei Kritikern und Publikum –, hat mit der literarischen Qualität so viel zu tun wie mit der Aktualität des Themas. In der Sklaverei von einst liegt die Wurzel des Rassismus von heute. Whitehead bezeichnet sie als eine der beiden Ursünden, neben Vertreibung und Ausrottung der Ureinwohner, auf denen die Vereinigten Staaten gegründet ist. Umso erstaunlicher, dass der Stoff in den USA noch vergleichsweise selten literarisch und filmisch verarbeitet wurde.

Es ranken sich viele Legenden um die Untergrundbahn

Auch die echte Underground Railroad hatte keinen Fahrplan. Sie war ein sehr lockeres Netzwerk von einzelnen Helfern und Gruppen, Organisationen, die sich dem Kampf gegen die Sklaverei verschrieben hatten. Als „ein Modell der Demokratie in Aktion“, beschreibt sie der Historiker Fergus M. Bordewich, eine Grassroots-Initiative, die ohne zentrale Richtlinien auskam. „Jeder tat, was er für richtig hielt.“ Dabei arbeiteten entflohene Sklaven, freie Schwarze und Weiße zusammen. Was an sich schon eine Sensation war: eine gemeinschaftliche Bürgerrechtsbewegung, 100 Jahre vor dem Civil Rights Movement.

Foto: Madeline Whitehead

Im Rampenlicht. Colson Whitehead, Autor des preisgekrönten Romans „Underground Railroad“.

Foto: Madeline Whitehead

Im Rampenlicht. Colson Whitehead, Autor des preisgekrönten Romans „Underground Railroad“.

Die Metapher der Eisenbahn wurde konsequent durchgehalten. Agenten halfen Entschlossenen bei der Vorbereitung der Flucht, Schaffner führten die Fracht oder die Passagiere von einem Ort zum nächsten, meist im Dunkeln und zu Fuß. Bahnhöfe nannte man die Häuser, in denen sie Unterschlupf fanden, das konnten Dachböden, Ställe, Keller sein, manchmal auch ein Heuhaufen oder ein Federbett. Bahnhofsvorsteher versteckten sie, versorgten sie mit Kleidung und Essen, Aktionäre gaben Geld.

Es ranken sich viele Legenden um die Untergrundbahn – was auch damit zusammenhängt, dass es einer der wenigen Momente in der Geschichte der Sklaverei ist, in der Weiße eine positive Rolle spielten: Abolitionisten, Menschen mit Mitgefühl, Angehörige religiöser Gemeinschaften, allen voran die pazifistischen Quäker, für die Sklaverei eine Sünde war und die sich an eine einfache Goldene Regel hielten. Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Oder andersrum, behandle jeden so, wie du behandelt werden möchtest.

Die Aktionen liefen so heimlich wie möglich

Amerikanischen Schulkindern werden gern spektakuläre Fluchtgeschichten wie die von Ellen und William Craft aus Georgia erzählt. Wie alle Paare und Familien lebten sie in ständiger Angst, auseinandergerissen und in unterschiedliche Richtungen verkauft zu werden; das passierte oft, wenn ein „Master“ starb. Ellen, so hellhäutig, dass sie als weiß durchgehen konnte, verkleidete sich als Mann, der in Begleitung seines Sklaven, William, reiste. 1000 Meilen legten sie zurück, bis sie in Philadelphia ankamen, der Hauptstadt der Befreiungsbewegung, wo besonders viele Quäker und freie Schwarze lebten.

Kein Mensch weiß, wieviele tatsächlich entkommen konnten, und nicht gleich im nächsten Sumpf geschnappt wurden. Die Aktionen liefen so heimlich wie möglich, selbst die Fluchthelfer auf einer Bahnstrecke kannten einander oft nicht, konnten nicht weiter sehen als bis zur nächsten Station. Je weniger der Einzelne wusste, desto geringer die Gefahr, verraten und erwischt zu werden.

Daher gibt es nur wenige Aufzeichnungen, auf die Historiker zurückgreifen könnten, denn auch die erhöhten das Risiko, konnten später vor Gericht benutzt werden. Der Einzige, der es ausgiebig wagte, war William Still (1821-1902), selber geflüchteter Sklave und Mitarbeiter der Pennsylvania Society for the Abolition of Slavery, der als einer der wichtigsten Underground-Bahnhofsvorsteher Hunderten auf ihrem Weg half. Still interviewte die Betroffenen, schrieb ihre Geschichten auf und machte 1872 ein Buch daraus. Still kämpfte für Gerechtigkeit. So protestierte er auch, 100 Jahre vor Rosa Parks, gegen die Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln. Mit Erfolg. 1865 schaffte Pennsylvania sie ab.

Foto: imago/ZUMA Press

Im Untergrund. Schauspieler im Slave Haven Underground Railroad Museum in Memphis.

Foto: imago/ZUMA Press

Im Untergrund. Schauspieler im Slave Haven Underground Railroad Museum in Memphis.

Die Schätzungen, wie vielen die Flucht tatsächlich gelang, schwanken zwischen 50 000 und 100 000. Und das in einem Zeitraum von 60 Jahren, 1800 bis 1860. Lächerlich wenig, angesichts der Tatsache, dass 1860 vier Millionen Sklaven in den USA lebten. Andererseits erstaunlich, dass es überhaupt so viele schafften. Sie hatten ja weder Landkarten noch GPS, ihr einziger Kompass war der Nordstern. Viele kannten die Welt jenseits der Plantagen nicht, und fast alle waren Analphabeten. Lesen und Schreiben zu lernen, überhaupt jede Form von Bildung war ihnen in der Regel verboten. Je dümmer die Herren ihre Leibeigenen hielten, desto leichter konnten sie sie unterdrücken. Die Flüchtlinge mussten sich auf Gerüchte und Nachrichten verlassen, die einer dem anderen zuflüsterte. Und wenn sie dann an einen fremden Ort kamen, woher sollten sie wissen, welchem Weißen sie trauen konnten, wer ein Spitzel war?

Das Risiko, vor allem für die Entlaufenen, aber auch für ihre Helfer, war riesig. 100 Hiebe mit der neunschwänzigen Katze, einer Peitsche mit neun geflochtenen Seilen, auf den Plantagen ein gängiges Strafmaß, gehörte fast zu den gemäßigten Vergeltungsmaßnahmen. Es konnte einem Geschnappten passieren, dass sein Ohr an einen Stamm genagelt und anschließend abgeschnitten wurde. Das Abhacken von Händen und Füßen war verbreitete Praxis. Ein „runaway nigger“ wurde an die Kutsche seines Masters gekettet, der dann seinen Pferden einheizte. Ein Lynchmord war kein schneller Tod, sondern qualvoll gestreckte Folter. In seinem Roman schildert Colson Whitehead die Brutalität des Systems in gruseligen Details.

Im tiefen Süden, wozu Georgia gehört, ging es besonders bestialisch zu. Doch von dort war der Weg in die Freiheit am weitesten. Wer nahe der Grenze zu den Nordstaaten lebte, hatte es leichter. Pennsylvania und Ohio waren die Bundesstaaten mit besonders aktiver Résistance.

Kopfgeldjäger kidnappten auch freie Schwarze

Die Situation wurde immer schlimmer. Seit der internationale Sklavenhandel 1808 verboten wurde, kein Nachschub mehr von außen kam, wuchs der Druck auf den Binnenmarkt. Denn mit dem Boom der Baumwollindustrie wurden viele Arbeitskräfte gebraucht. Und wer es in den freien Norden geschafft hatte, war keineswegs in Sicherheit. Auf die Entflohenen wurden Prämien ausgesetzt, Zeitungen veröffentlichten Steckbriefe. Professionelle Kopfgeldjäger hetzten und entführten die Flüchtigen, kidnappten auch freie Schwarze – davon erzählt der oscargekrönte Film „12 Years a Slave“, der auf einer wahren Geschichte basiert.

Noch dramatischer wurde es 1850 mit der Verabschiedung des „Fugitive Slave Law“, wonach Sklaven, selbst wenn sie im freien Norden lebten, Eigentum ihrer Peiniger blieben. Den Flüchtlingen zu helfen, galt als Diebstahl; per Gesetz waren jetzt eigentlich alle Amerikaner dazu verpflichtet, entflohene Sklaven auszuliefern.

Es gab nur einen Ort, der tatsächlich Freiheit und Sicherheit garantierte, „das gelobte Land“: Kanada. Im Britischen Commonwealth war Sklaverei seit 1833 verboten. Wobei die Glücklichen, die es über die Grenze schafften, schnell feststellen mussten, dass Rassismus und Diskriminierung damit nicht automatisch abgeschafft waren.

Foto: mauritius images / Science Source

Die Freiheitskämpferin Harriet Tubman (1820/1822-1913).

Foto: mauritius images / Science Source

Die Freiheitskämpferin Harriet Tubman (1820/1822-1913).

Nicht zufällig hat Colson Whitehead eine Frau zur Hauptfigur seines Romans gemacht. Sklavinnen hatten doppelt zu leiden, waren sie doch nicht nur der gängigen brutalen Willkür ausgesetzt, sondern wurden als sexuelles Freiwild missbraucht. Wollten sie fliehen, standen sie vor der horrenden Entscheidung, ob sie ihre Kinder mitnehmen oder zurücklassen sollten. Die Mutter des Bahnvorstehers William Still zum Beispiel war bei ihrem Versuch, mit allen vier Kindern wegzurennen, schnell wieder eingefangen worden. Beim nächsten Mal ließ sie die beiden Jungen zurück, in der Hoffnung, dass sie besser für sich selbst sorgen könnten, und nahm nur die Mädchen mit.

Auch die bekannteste Figur der Underground Railroad ist eine Frau: Harriet Tubman. In Maryland geboren (ob 1820 oder 1822, wusste sie selber nicht), wurde sie von ihrem Master schon als Sechsjährige an andere Farmer vermietet, die sie missbrauchten. Bei einer Familie diente sie als Babysitterin; wann immer der Säugling schrie, hat man sie verprügelt. Ihre drei älteren Schwestern wurden in den tiefen Süden verkauft. Mit 13 traf Tubman ein schweres Eisengewicht am Kopf, das ein weißer Aufpasser einem anderen Schwarzen hinterhergeworfen hatte. Danach litt sie ihr Leben lang unter schweren Kopfschmerzen, epileptischen Anfällen und Narkolepsie. Ihre Entschlossenheit konnte das nicht schmälern. Als ihr selber der Verkauf in den tiefen Süden drohte, lief sie weg und gelangte 1849 nach Philadelphia.

Tubman soll die Vorderseite eines Geldscheins krönen

Ein Jahr später zog sie zum ersten Mal als Schaffnerin los, zurück in die Gefahrenzone. Überzeugt, unter Gottes Schutz zu stehen, unternahm „Moses“, wie man sie nannte, die lebensgefährliche Reise insgesamt 13 Mal. Mindestens 70 Menschen hat sie gerettet, Verwandte, Freunde, Fremde. Klein und tiefschwarz, verkleidete sie sich als alte Frau oder als Mann, führte ihre Gegner auf falsche Spuren. Und „General Tubman“ hatte immer eine Pistole dabei. Die sie auch als Drohmittel einsetzte, falls ein Flüchtling Angst kriegte und zurückgehen wollte; das hätte für alle anderen das Ende bedeutet. Stolz verkündete sie, nie einen Passagier verloren zu haben. Und sie machte weiter, nachdem der Civil War die Sklaverei 1865 beendet hatte, setzte sich als Freiheitskämpferin nun für die Rechte von Frauen ein. Sie selbst heiratete 1869 einen 22 Jahre jüngeren Mann.

Im vergangenen Jahr verkündete der US-amerikanische Finanzminister, dass Tubman – als erste Schwarze überhaupt und als erste Frau seit über 100 Jahren – die Vorderseite eines Geldscheins krönen soll, und zwar die 20-Dollar-Note. Damit verdrängt sie Andrew Jackson, den siebten US-Präsidenten. Wobei sich immer noch ein kleines Plätzchen fand für den militanten Sklavenhalter und Rassisten, der für den Genozid an Indianern verantwortlich war: auf der Rückseite der Note.

Bis der Schein fertig ist, soll es allerdings Jahre dauern, und bis er tatsächlich im Umlauf ist, noch weitere. Bis dahin, unkte ein Komiker, werde es wohl gar kein Bargeld mehr geben.

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Die Underground Railroad, schreibt der Historiker Tom Calarco, wurde zur „Metapher für Hoffnung, Freiheit und Hilfsbereitschaft“. Das ist sie nach wie vor. Der Name wird heute wieder benutzt für die Wege und Unterstützung, die Asylsuchende, etwa aus Syrien oder Afghanistan, finden, um aus Trumps Amerika ins sichere Kanada zu gelangen.

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