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Foto: picture alliance/Sergei Ilnitsky
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Alexander Gerst sah aus dem All, wie viel Regenwald schon gerodet wurde. Das haute den Geophysiker um.

Vor seiner nächsten Raumfahrt-Mission Alexander Gerst: Der All-Tägliche

Eva Wolfangel

Kurz vor der rettenden Station versagt die Automatik. Die Internationale Raumstation ISS ist nur noch wenige Meter entfernt. Auf der Erde würde Alexander Gerst, der bald das Kommando über die Station führen soll, die Strecke in wenigen Sekunden zurücklegen. Aber hier in der Sojuskapsel trennt ihn nur eine dünne Schicht aus Aluminium von der lebensfeindlichen Umgebung des Weltalls. Jetzt darf nichts schiefgehen. Gerst und sein russischer Kollege schalten auf eine andere Automatik um: die in ihrem Kopf.

Unzählige Male haben sie diesen Andockvorgang geübt. Sie steuern das Raumschiff von Hand. Gerst schaut durch ein Fernglas und richtet das Lasermessgerät auf einen festen Punkt an der Raumstation. „200 Meter“, sagt er. Der Russe sagt: „Und jetzt?“, „200 Meter“ „Jetzt?“ „200 Meter“. So geht das lange drei Minuten. Anton Schkaplerow steuert das Raumschiff, Gerst misst. Nichts bewegt sich. Dann: „195 Meter!“. 190. 190. 180. 175. Der Kosmonaut fliegt bewusst langsam. In dieser Nähe ist die Gefahr groß, die Station zu rammen. Mit lebensgefährlichen Folgen sowohl für die Raumfahrer in der Kapsel als auch für die Crew an Bord der ISS.

175 Meter.

174.

170.

Plötzlich erklingt eine Stimme aus dem Off. „Ok, nächstes Szenario.“ Die Sojuskapsel fliegt nicht im Weltraum, sie steht in einer großen Halle nordöstlich von Moskau. Daneben drei Tische mit Monitoren, davor die Männer, die sich den Notfall ausgedacht haben: Trainer der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos. Dies ist nicht der Weltraum. Dies ist Star City.

Hier im Sternenstädtchen nehmen derzeit alle westlichen bemannten Missionen ins All ihren Anfang. Und im Gegensatz zur nur sechsstündigen Reise von der Erde auf die Internationale Raumstation ISS dauert diese Vorbereitung Jahre.

Die enorme Konzentration ist das Schwierigste

Alexander Gerst verbringt seit Jahren ein Drittel seiner Zeit an diesem Ort – den Rest in Houston und Köln, seinen anderen beiden Trainingsstationen. Im Juni fliegt er zum zweiten Mal zur Internationalen Raumstation ISS, diesmal wird er zeitweise Kommandant der Station sein.

Es ist nicht einfach, Gerst zu besuchen, an jenem Ort, an dem schon Juri Gagarin trainiert hat. Erst nach unzähligen Anfragen und einem aufwendigen Akkreditierungsprozess kann man ihn zwei Tage lang begleiten. Und selbst dann ist Begleiten relativ: Die meiste Zeit kauert Gerst wie ein Embryo in Nachbauten der Sojuskapsel. Von außen gesehen bewegt er sich kaum. Doch innen tropft der Schweiß in den stickigen Raumanzug. Gerst muss das Raumschiff im Notfall komplett händisch steuern können, von einem Moment auf den anderen.

Das ist das Schwierigste, erklärt Gerst, diese enorme Konzentration, sofort zu reagieren, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. „Wir haben nur wenige Sekunden, um das zu bemerken und zu handeln“, sagt Alexander Gerst, als er der Kapsel entstiegen ist. Im schlimmsten Fall droht eine Kollision mit der Raumstation oder ein tödlicher Absturz auf die Erde. Die Modelle seien so originalgetreu wie möglich nachgebaut, damit sich die Raumfahrer wie zu Hause fühlen, wenn es dann wirklich losgeht. „Man vergisst manchmal, dass man bald eine echte Rakete mit 300 Tonnen Treibstoff unter sich haben wird.“

„Ich führe für andere Menschen Experimente durch“

Die Vorbereitung für die sechs Monate im All ist unvorstellbar aufwendig. Für den ersten Flug 2014 trainierte er nach der dreijährigen Grundausbildung weitere drei Jahre, große Teile davon hier in Star City. Auch für den jetzt anstehenden Flug verbrachte er zusammengerechnet Jahre an dem Ort, der an eine Mischung aus Kaserne und DDR-Landschulheim erinnert.

Hat er keine Angst? „Bei meinem letzten Flug hatte ich zwar großen Respekt, aber keine Angst.“ Die entstehe nur, wenn man die Kontrolle verliere. „Wir spielen die schlimmsten Fälle zig bis hunderte Male durch, um die Wahrscheinlichkeit eines Kontrollverlusts zu minimieren.“

Dazu kommt Training für Zwischenfälle aller Art auf der Raumstation selbst – von der Zahnoperation bis zum Umgang mit Feuer, Druckabfall oder dem Ausfall der Lebenserhaltungssysteme.

Wenn Alexander Gerst mit seinem Mountainbike vom Sport zum Russischunterricht fährt, vorbei an unzähligen Gagarin-Denkmälern, schauen ihm die Menschen hinterher und sagen schwärmerisch: „Er ist ein Held.“

Gerst winkt ab. „Ich bin eigentlich nur Laborant“, sagt er provokativ bescheiden. „Ich führe für andere Menschen Experimente durch.“ Nicht mal darauf, dass er bald Kommandant der ISS sein wird, als erster Deutscher, will er stolz sein. „Naja, das war auch Glück“, sagt er. „Europa war wahrscheinlich einfach mal wieder dran.“

Foto: pa/Sebastian Gollnow/dpa

Am vergangenen Sommer eröffnete Gerst eine Ausstellung über den Mars in Künzelsau.

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Am vergangenen Sommer eröffnete Gerst eine Ausstellung über den Mars in Künzelsau.

Dabei brauchte es sicher mehr als nur Glück. Gerst hat sich 2008 mit drei Kollegen gegen rund 8000 andere Bewerber durchgesetzt. Klar, er musste körperlich und geistig fit sein, und er braucht ein extrem leistungsfähiges Gedächtnis, um diese Notfälle im Raumschiff und all die Alternativpläne händeln zu können. Aber ein Großteil dieses Auswahlverfahrens zielt auf die Psyche ab. Schließlich muss Gerst es mit fünf anderen Menschen mehr als ein halbes Jahr lang aushalten. In einer Extremsituation: Sie sind dann die einzigen sechs Menschen, die gerade nicht auf der Erde sind – und auch nicht mal eben so zurückkönnen, wenn sie Streit haben.

Tatsächlich demonstriert Gerst oft eine extreme Ausgeglichenheit. Eine Ausstellungseröffnung im Februar 2017 in Künzelsau, Gersts schwäbisch-fränkischer Heimatstadt. Radioreporter recken ihm ihre Mikrofone entgegen, Kameraleute schieben sich zwischen die Zeitungsleute, um möglichst wenige Hinterköpfe im Bild zu haben. Gerst steht an einem Stehtisch im Rathaus, ein bisschen ratlos zwar, welche Wünsche er zuerst berücksichtigen soll, aber mit der zuversichtlichen Ausstrahlung einer Kinderkrankenschwester.

Ihm ist wichtig, dass vor allem die lokalen Medien an diesem Tag nicht zu kurz kommen. Geduldig spricht er die Grüße an die Hörer eines Radiosenders nach, die ihm eine junge Mitarbeiterin diktiert. Nur vergisst sie diese und jene Hörergruppe, und es muss ja alles korrekt sein – also wiederholt Gerst seine Grüße.

Er nimmt ein Fossil aus der Region mit

Gerst ist hier aufgewachsen und zur Schule gegangen, beinahe jeder im Ort reklamiert für sich, Deutschlands berühmten Raumfahrer wenigstens über ein paar Ecken persönlich zu kennen. Und Gerst vermittelt eine für seine Generation schon unübliche Heimatverbundenheit. Auf die Reise zur ISS im Jahr 2014 nahm er ein Kleeblatt aus seinem Garten mit, Familienbilder und einen Füllfederhalter seiner alten Schule. Der Rektor unterschreibt damit heute die Zeugnisse. Aus dem All gab er eine Live-Schaltung auf den Marktplatz, und kaum zurück, erschien Gerst persönlich auf der Festwiese für eine Willkommensparty. Diesmal nimmt er ein Fossil aus der Region mit, und am Rathaus läuft ein öffentlicher Countdown, der bis zu seinem Start herunterzählt.

Wahrscheinlich braucht es diese Entschlossenheit und innere Ruhe in Extremsituationen, um überhaupt an diesen Punkt zu kommen. Der heute 41-jährige Gerst hat schon als Wissenschaftler den einen oder anderen Forschungsaufenthalt unter unwirtlichen Bedingungen in der Arktis verbracht, im Zelt bei unvorstellbarer Kälte, monatelang mit nur wenigen Mitmenschen an einem Ort, der alles andere als lebensfreundlich ist. Und er hat auch von diesen Expeditionen zu den südlichsten aktiven Vulkanen der Erde beeindruckende Fotos mitgebracht. Von daher hat sich gar nicht so viel geändert: Gerst erlebt Extremes und schickt Fotos. Nur neuerdings eben von außerhalb der Erde auf die Erde – nicht ohne stets zu betonen, wie faszinierend unsere Heimat und wie bedroht sie gleichzeitig ist.

"Das hat mich umgehauen"

Wenig später, bei einem Gespräch auf dem Flur des Rathauses, erinnert sich Gerst mit ungewohnt ernstem Gesicht an diese Bilder. „Mir war nicht klar, wie viel Regenwald am Amazonas schon fehlt. Das kann man von oben deutlich sehen. Oder die dünne Atmosphäre. Ich bin Geophysiker, ich weiß schon vieles, aber das hat mich umgehauen.“

Dass Gerst über Social Media kontinuierlich auch von diesen Sorgen berichtete, hat der bemannten Raumfahrt einen großen PR-Erfolg verschafft. Dabei ist sein Ziel vermutlich tatsächlich, die Menschen aufzurütteln. Hat er das erreicht? Verändert sich etwas? „Schwer zu sagen“, antwortet Gerst nachdenklich. „Vieles, was unsere Welt verändert, geschieht in kleinen Schritten.“

Foto: picture alliance / Kyodo/dpa

Lift-off. 300 Tonnen Treibstoff fasst der Tank einer Sojus-Rakete.

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Lift-off. 300 Tonnen Treibstoff fasst der Tank einer Sojus-Rakete.

Das ist ein bisschen wie in seiner eigenen Biografie. Es gibt eine Anekdote, die besonders häufig erzählt wird. Jene mit seinem Großvater: Als kleiner Junge habe Gerst mit seinem Opa Funksprüche zum Mond geschickt. Später hat er das relativiert, es sei nur eine, aber nicht die Schlüsselszene gewesen – eine solche habe es nämlich gar nicht gegeben. Doch sein Einspruch ging unter: die Idee, dass dieser Junge ein Leben lang geträumt hat, schließlich Geophysik studierte, immer mit der Idee im Hinterkopf, sich diese Astronautenoption offenzuhalten. Die Ausschreibung kam genau rechtzeitig, als Gerst in der Endphase seiner Doktorarbeit war.

Danach wollten alle wissen: Wie hat sich das angefühlt, als der Anruf von der Europäischen Raumfahrtorganisation Esa kam? Wie haben die Eltern reagiert, wie die Freundin, was hat er als Erstes gemacht? Aber Gerst verweigert sich diesen Fragen hartnäckig. Er trennt Privates und Berufliches, und er kann es nicht leiden, dieses Stochern in seinem Privatleben. Kürzlich tauchte ein Foto auf: Gerst mit Schultüte. Das mag ihn geärgert haben. Ansonsten gibt es nur die Bilder, die wirken, als hätte man Gerst mit dem immer gleichen begeistert-neugierigen Grinsen in verschiedene Szenen hineinmontiert: in den Raumanzug, in Nachbauten der ISS, vor Gagarin-Denkmäler und mit der Maus aus der „Sendung mit der Maus“ in der Hand, die auch diesmal wieder mit ins All fliegen darf.

Amtssprache in der Sojuskapsel ist Russisch

Doch vorher muss Gerst Vokabeln pauken. In Star City fragt eine streng dreinblickende Frau um die 50 mit sehr aufrechter Haltung und Zeigestock sein Wissen über das neue automatische Andocksystem der Sojus ab. Schüler Gerst, der mehr fläzt als sitzt, hält statt eines Heftes sein iPad vor sich.

01:30 Min

Sie diskutieren über die richtigen Begriffe für Sauerstoffkartuschen und Steuerbefehle und vor allem über die richtigen grammatikalischen Fälle, von denen das Russische sechs kennt anstatt vier wie das Deutsche. Die Sprache ist schwer, und Gerst muss auch hier für alle Eventualitäten die richtigen Worte finden, alle Notfälle im Schlaf durchdeklinieren können. Amtssprache in der Sojuskapsel ist Russisch, da gibt es keine Ausnahme – selbst wenn alle Kosmonauten und Astronauten Englisch können.

Alle Astronauten schwärmen von der ISS-Familie

Nur sehr selten lässt sich die Anstrengung erahnen, die dieses Leben mit sich bringt. Wenn Gerst in einer Interviewpause mal kurz das Kameralächeln ausknipst und mit ernstem Gesicht durchatmet; oder wenn er am Ende des Gesprächs in den trostlosen Gängen des Esa-Gebäudes in Star City verschwindet, wo er ein Zimmer hat, weit weg von Freunden und Familie.

Für einen Familienmenschen muss das hart sein. Auch wenn es da noch diese andere Familie gibt, von der alle Astronauten schwärmen: die ISS-Familie. „Ich habe sehr gute Freunde gefunden, Russen und Amerikaner“, betont Gerst bei jeder Gelegenheit. Die Astronautenszene ist klein. Abends trifft er sich mit amerikanischen Kollegen auf ein Bier oder sitzt mit den russischen Veteranen in der Sauna. Bis heute leben einige Kosmonauten der ersten Generation in Star City. „Wenn es möglich ist, dass drei Nationen im Weltraum so eng zusammenarbeiten, ist das eine Perspektive für die Menschheit.“

Manche Astronauten glauben, dass es keine Kriege mehr gebe, wenn jeder Mensch verpflichtend einmal ins All fliegen müsste.

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