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Foto: Mauritius
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Bauern ernten auf Zypern Trauben.

Wein aus Zypern Sind Zyprioten die ersten Weinbauern?

Im östlichen Mittelmeer malt die Natur Symbole des christlichen Abendlandes an den Himmel. Abends öffnet sich in allen nur erdenklichen Farbtönen von Rot und Gold ein Kelch aus Licht, in den die Sonne vor Zypern wie eine Hostie eintaucht. Hier, in der wärmsten Ecke des Binnenmeeres, wo Aphrodite, die Göttin der Liebe und der Schönheit, der Sage nach aus dem Schaum der Wellen geboren wurde, sind Mythen und Legenden eng verwoben mit der Geschichte des Weins.

Schon Homer hat den süßen Wein der Insel besungen, ebenso Salomon im „Lied der Lieder“. Marcus Antonius dachte an den Geschmack des zypriotischen Weins, als er sich der Liebe seiner Kleopatra hingab. Manche sagen, der älteste Wein der Welt komme aus Zypern.

Auf der Spurensuche findet man im Haus des Dionysos in Paphos gut erhaltene Mosaike aus dem zweiten Jahrhundert. Eines vereint unterschiedliche Symbole in sich: den Davidstern und das Kreuz, Mandala und Labyrinth. In der Mitte prangt eine Amphore, ein großer Behälter für Wein. Dionysos, der Gott des Weines, ist gekrönt von einem Kranz aus Weinblättern, neben ihm lagert eine Nymphe, die Wein aus einer Schale trinkt.

Historiker nehmen an, dass ein reicher Weinhändler dieses Haus bewohnt hat, einer der ersten Exporteure, der das Getränk, das in jenen Zeiten „Nama“ genannt wurde, nach Rom lieferte. Sind die Zyprioten deshalb gleich die ersten Weinbauern?

Die ersten Weinmacher der Menschheit

George Kassianos, der Präsident der „Cyprus Sommelier Association“, denkt das nicht. Er glaubt, dass seine Landsleute die Weinbereitung von den Phöniziern gelernt haben, die einst die Stammrebe der meisten Weißweine nach Europa brachten. Aber das ist, wie er sagt, auch schon etwa 5000 Jahre her.

Tatsächlich streiten noch Armenier und Georgier um den Titel der ersten Weinmacher der Menschheit. Bis zurück in die Jungsteinzeit lassen sich die ältesten georgischen Trauben mit speziellen archäologischen Methoden datieren. Weine aus wilden Trauben soll es jedoch auch im Zypern nahe gelegenen Libanon schon vor 8000 Jahren gegeben haben.

Eine vor nicht allzu langer Zeit entdeckte Amphore mit Spuren eines uralten Weines beweist aus Kassianos’ Sicht die 5000-jährige Geschichte der biblischen „Gabe Gottes“ auf Zypern. Dass es bereits 1500 vor Christus auf Zypern ein florierendes Import-Export-Geschäft mit Weinen gegeben haben muss, offenbaren auch Schiffswracks mit einschlägigen Funden. Der tief dunkle Nama, sagt der Chefsommelier, sei der erste Wein in der Geschichte gewesen, dem die Menschen einen Namen gegeben haben. Er heißt „Commandaria“ und geht zurück auf die Ritter des Johanniterordens, die auf ihren in der Nähe von Paphos gelegenen Gütern „La Grande Commanderie“ den honigsüßen Wein produzierten.

Die Engländer lobten den Commandaria

Der Präsident der Sommeliers bleibt nicht bei dem kräutersüßen tiefroten Wein stehen, der eine ausgesprochen erfrischende Note hat. Bei einer Weinprobe in der Bar des Annabelle-Hotels stellt er neue Kreationen vor. Die heißen Tage und kühlen Nächte auf den 1200 bis 1500 Meter hohen Rebbergen, die zu den höchsten Europas zählen, erklären aus seiner Sicht die Kombination von intensivem Aroma und großer Frische. Wenn gleich die wechselvolle Geschichte des Landes nicht immer vorteilhaft war für den Weinbau. Unter osmanischer Herrschaft war er rund 300 Jahre lang verboten. An die für den Weinanbau nicht so förderliche englische Kolonialzeit von 1878 bis 1960 erinnern noch manche Pub-Namen in Paphos, „The Bottle Bank“ oder „Tea for Two“.

Dabei lobten die Engländer den Commandaria. Als 1363 bei einem Bankett in London die Könige Englands, Schottlands, Zyperns, Dänemarks und Frankreichs mit ihm anstießen, war sein Ruf als „Wein der Könige“ endgültig besiegelt. Heute bekommen normale Fluggäste ein Fläschchen davon für 15 Euro im Duty Free, wenn sie nicht vorher schon in den Weingeschäften fündig geworden sind.

In den frühen 1980er Jahren setzte eine Neubesinnung auf den alten Wein ein. Seit jenen Jahren wird zunehmend auf Qualität statt auf Masse produziert. Und es wird experimentiert, mit Hefe aus Australien oder mit Riesling-Trauben. Besonders beliebt ist die weiße Rebsorte Xynisteri, die gut an den südlichen Hängen des Troodos-Gebirges gedeiht.

Foto: JONATHAN EASTLAND/AJAX/Alamy

Ein Mönch präsentiert eine Flasche aus dem Kloster Panagia Chrysorrogiatissa.

Foto: JONATHAN EASTLAND/AJAX/Alamy

Ein Mönch präsentiert eine Flasche aus dem Kloster Panagia Chrysorrogiatissa.

George Kassianos kredenzt einige typische Tropfen, die nach seiner Überzeugung das Potenzial haben, noch besser zu werden. Die weißen Weine sind betont säurearm, zarte Zitrusnoten überwiegen, dazu kommen Anmutungen von Gras und Kräutern. Sie würden als Getränk gut passen zu den Spa-Anwendungen, bei denen therapeutische Öle aus Weihrauch und Wildkräutern die Mythen der Gegend beschwören. Die Rotweine aus den anspruchsvollen Maratheftiko-Trauben schmecken mit ihrem vollen, würzigen Aroma wunderbar nach Weihnachten.

Der Sommelier fährt nun zum Kloster Chrysorrogiatissa, lauter kleine Weingüter am Wegesrand. Dem souveränen Präsidenten merkt man eine gewisse Nervosität an, als er sich dem „Kloster der Heiligen Jungfrau des Goldenen Granatapfels“ (so die Übersetzung) nähert. Das liegt nicht nur daran, dass es sich um das Herz des neuen zypriotischen Weinbaus handelt, sondern auch daran, dass hier Abt Dionysios waltet. Nach der türkischen Besetzung 1974 von diesem Teil des Landes musste er den Norden verlassen und übernahm vor 40 Jahren die Leitung des Klosters im Süden.

Abt Dionysios ist mit fast 80 Jahren eine eindrucksvolle Erscheinung. Er trägt dichtes weißes Haar und einen langen weißen Bart. In seiner Jugend hat er im Vatikan die Kunst der Bilderrestaurierung studiert, früh ließ er sich einweihen in das Wissen der erfahrenen Winzer der Umgebung, in der auch der Commandaria wächst. Heute ist er selbst mit seinen in Jahrzehnten erworbenen Kenntnissen ein gefragter Berater bei den Weinproduzenten der weiteren Umgebung.

Noah war der erste Weintrinker

Mindestens fünf Madonnen mit Kind auf dem Schoß sind zu sehen in seinem Arbeitszimmer, aber das sind nicht mal die interessantesten Bilder hier. Der Legende nach hat der Evangelist Lukas die echte Madonna gemalt, das Bild dann gut verpackt ins Meer geworfen, wo es 1000 Jahre später von einem Fischer gefunden wurde, der daraufhin seinen Beruf aufgab und dieses Kloster gründete. Jetzt steht das Bild in dessen Kirche.

Über die Bezüge zum Wein, die im Alten und im Neuen Testament zu finden sind, forscht der Abt seit Langem. Noah, als erster Weintrinker, gehört dazu, aber natürlich auch die wunderbare Weinvermehrung bei der Hochzeit von Kanaan. Die eigentliche Weinproduktion ist inzwischen ausgelagert. Dafür werden im Keller des Klosters nicht nur besonders gute Flaschen aufgehoben, es gibt auch ein Museum mit den Geräten, die Mönche früher zur Weinherstellung verwendeten, als man die Trauben noch mit den bloßen Füßen zerquetschte. Zum Abschied verrät Dionysios seinen Lieblingswein: der „Ayios Andronicos“ aus Xynisteri-Trauben. In der 2017er Variante ist er von ergreifender Schlichtheit, sehr säurearm mit Nuancen von Gras und Oliven.

Obwohl der Abt eine Instanz ist, hat er es nicht immer leicht gehabt mit der Kirche, erzählen sich Einheimische. Die Kirche hat schließlich zur unbeschwerten dionysischen Lebensfreude asketische Aspekte addiert. Ein ganz schlechter Ort für Asketen ist die Pangratios-Taverne am Dorfplatz in Miliou, etwa 15 Autominuten vom Kloster entfernt. Zum Mittagessen werden immer wieder neue Vorspeisen aufgetragen, eine gigantische Mese-Tafel mit Salaten, Dips, in Rotwein getränkter Wurst, Halloumi, Fisch- und Fleischspießen und süßem Kuchen.

Ort für ein dionysisches Liebesmahl

Foto: promo

Urlauber auf Zypern erholen sich in der Blauen Lagune.

Foto: promo

Urlauber auf Zypern erholen sich in der Blauen Lagune.

Bei einem Glas Eros-Wein, einem kräftigen Rosé aus Maratheftiko-Trauben, erzählt George Kassianos von seinem Traum, einen zypriotischen Rosé-Sekt zu kreieren. Der würde bestens passen zur Vielfalt der Mese, die David Goodridge, Küchenchef im nahe gelegenen Anassa-Hotel, mit internationalen Einflüssen weiterentwickelt hat: marinierter Schwertfisch mit Zitronen- und Apfelsauce, Oktopus-Souflaki mit Bio-Honig und wildem Oregano. Im Gartenrestaurant Helios, in dem Dutzende von Hand angezündete Laternen in den Bäumen baumeln, finden moderne Anhänger der Aphrodite einen romantischen Ort für ein dionysisches Liebesmahl. Um wieder nüchtern zu werden, könnte man einen Schwimmausflug in die Blaue Lagune unternehmen, in der das Wasser weich und warm die Haut umspült.

Die ersten Touristen auf der Insel waren die Pilger, die Aphrodite verehrten. Der süße Wein, mit dem in vorchristlicher Zeit den Göttern geopfert wurde, spielte in ihren Ritualen gelegentlich eine Rolle, wenngleich die Göttin der Schönheit den Weihrauch noch mehr geliebt haben soll. Was bleibt: Ein erstes Glas des uralten süßen Commandaria weckt den Durst auf mehr von der Göttlichkeit, die auf Zypern in so vielen Erscheinungsformen in die Welt trat.

Hinkommen

Nach Paphos geht es nonstop mittwochs und sonntags mit Germania ab Schönefeld (270 Euro in der Economy) oder mit Easyjet dienstags und samstags ab Tegel (rund 170 Euro).

Unterkommen

Das Annabelle Hotel, wo Sommelier George Kassianos auch arbeitet, kostet ab 242 Euro im Doppelzimmer (annabelle.com.cy).

Im Anassa Hotel kocht David Goodridge seine Mese. Doppelzimmer sind ab 490 Euro zu haben (anassa.com).

Info

Mehr Details hat das Fremdenverkehrsamt unter visitcyprus.com zusammengestellt.

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