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Foto: pa/ZB
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Die Gruppe "Wir" beim Konzert auf dem Alex.

Weltfestspiele der Jugend 1973 Love & Peace in Ost-Berlin

Das Foto zeigt eine Gruppe junger Männer vor einem Plattenbau. Einer trägt weiße Tennissocken in Sandalen, ein anderer eine voluminöse Umhängetasche, alle haben sie ihre Bäuche in enge Leibchen gezwängt, auf dem Rücken steht in Großbuchstaben: JUNGE UNION. Eberhard Diepgen ist zu erkennen, schon mit dem braven Scheitel, den er später auch als Regierender Bürgermeister tragen wird. Neben Diepgen steht Klaus-Rüdiger Landowsky. Mit der linken Hand zupft er an der Hosentasche, in der rechten hält er eine Jacke, zwischen den Lippen klemmt eine Zigarette.

Sein Blick sagt: So, jetzt geht’s los!

Das mit der Zigarette wirkt heute furchtbar politisch unkorrekt und passt deshalb ganz gut, denn nichts anderes hatten sie damals im Sinn. Vor 40 Jahren, bei den „X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten“ in Ost-Berlin. Die Stadt war noch geteilt und eine Vereinigung weiter entfernt als der Mond von der Erde. Im Osten regierte die SED, im Westen führte Landowsky als Landeschef die Junge Union, deren Delegation er auch beim Ost-Berliner Jugend-Festival vorstand.

Klaus-Rüdiger Landowsky ist heute 71 Jahre alt. Er hat eine politische Karriere als Vorsitzender der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus hinter sich und einen in letzter Instanz gewonnenen Prozess im Zuge der Berliner Bankenaffäre. Jetzt sitzt er im „Floh“, seiner Stammkneipe am Bahnhof Grunewald, um vom Sommer 1973 zu erzählen. Als er 31 Jahre alt war und Vater einer 15 Monate alten Tochter. „Sie können sich ja vorstellen, welche Sorgen meine Frau sich gemacht hat.“ Aber Landowsky hat gekämpft um die Teilnahme und sie nach Zusage und Absage und Zusage und Absage erst Anfang Juni beim Deutschlandtreffen der Jungen Union durchgeboxt. Gegen den heftigen Widerstand konservativer Exponenten wie Franz-Josef Strauß oder Gerhard Löwenthal.

Die Zigaretten hat er sich vor ein paar Jahren abgewöhnt. Bei alkoholfreiem Weizen erzählt Landowsky vom Kalten Krieg, den habe es ja nun mal gegeben, und er freut sich, dass er auf der siegreichen Seite stand. Bei der Jungen Union wollten sie kein Appeasement. Sie wollten die politische Konfrontation und, gewiss!, sie wollten provozieren. „Was denn sonst?“, sagt Landowsky. Das unterschied sich deutlich vom Ansatz der Jungsozialisten, den ihr Vorsitzender Wolfgang Roth so formulierte: „Wir werden doch hier nicht den großen Otto losmachen, schließlich wollen wir die nächsten fünf Jahre konkrete Politik betreiben.“

Zwei Jahre zuvor hat Erich Honecker den greisen Walter Ulbrich an der Spitze der SED abgelöst und einen neuen Führungsstil mit mehr Offenheit verkündet. Bei den neun Tagen im Sommer 1973 will er seine DDR als weltoffenes und modernes Land präsentieren.

Schon Wochen vor der Eröffnung am 28. Juli 1973 wird das ganze Land berieselt mit der offiziellen Festspielhymne:

„Ja, ja, wir treffen uns auf jeden Fall /

im Sommer 73 zum zehnten Festival“

Dieser Einladung folgen neben einer Million Aktivisten der FDJ und anderer DDR-Verbände auch 25 000 Ausländer aus 140 Ländern, unter ihnen Landowsky, Diepgen und 15 weitere Mitglieder der Jungen Union. „Wir waren beim Festival bekannt wie bunte Hunde“, sagt Landowsky. Besser gesagt: wie gelbe Hunde, denn das Erkennungszeichen der Jungchristen sind die grellgelben T-Shirts. Das von Landowsky hängt immer noch im Kleiderschrank. Ein paar von den anderen Souvenirs hat er in einem dicken Ordner mit in den Floh gebracht. Das Handtuch mit dem Fernsehturm und der Aufschrift „Berlin, Hauptstadt der DDR“. Die Erinnerungsmedaille aus Aluminium mit der Losung „für antiimperialistische Solidarität, Frieden und Freundschaft“. Dutzende Zeitungsartikel und Auszüge seiner Stasi-Akte, denn natürlich steht die Junge-Union beim Klassenfeind rund um die Uhr unter Beobachtung. Im Festivalausweis steht unter der Rubrik „Land“: BRD – und nicht „Westberlin“, wie es in der DDR offiziell hieß: „Das war unsere Bedingung", erzählt Landowsky, „kein Auseinanderdividieren von Bundesrepublik und West-Berlin. Hätte man uns das verweigert, wären wir nicht hingefahren.“

Noch heute schwärmen viele der damaligen Teilnehmer von der unbeschwerten Atmosphäre, vom Woodstock des Ostens oder dass der Alexanderplatz so etwas wie der Hyde Park von Ost-Berlin gewesen sei. Überall wird musiziert und getanzt und diskutiert, so frei und offen, wie es in der DDR niemand kennt. Rockmusik, freie Rede, lange Haare – alles zuvor Undenkbare ist auf einmal erlaubt. Die zur Zurückhaltung aufgeforderten Genossen von der Volkspolizei lächeln sogar, wenn die Festivalteilnehmer im Brunnen an der Weltzeituhr baden, ein im realsozialistischen Alltag undenkbarer und aufs Schärfste sanktionierter Straftatbestand.

Die Weltspiele werden seit 1947 vom Weltbund der demokratischen Jugend ausgerichtet. Bukarest, Moskau, Prag und Warschau sind schon Gastgeber gewesen, Ost-Berlin ist nach 1951 zum zweiten Mal dran. Der Radiosender „Stimme der DDR“ kündigt die Junge Union als „Jugendreaktionäre der CDU/CSU“ an. Sie müssen mit einem Bus über die Grenze, denn zum Reisegepäck gehören geschätzt 40 Kisten mit 20 000 Flugblättern. An die genaue Adresse des Festival-Quartiers kann Landowsky sich nicht mehr erinnern. Macht nichts, ist alles im Festival-Ausweis dokumentiert: Wohnheim der Humboldt-Universität, Stadtbezirk Lichtenberg, Mellenseestr. 39 - 41. Die Junge Union wohnt im elften Stock, und weil der Fahrstuhl kaputt ist, müssen die 40 Kisten mit den 20 000 Flugblättern die Treppen hochgeschleppt werden.

Auch der West-Berliner Studentenführer Rudi Dutschke will zum Festival, er hat eine persönliche Einladung von Wolf Biermann und wird doch bei der Einreise zurückgewiesen. „Sie sind hier nicht erwünscht“, sagt der Grenzer.

Zur Eröffnungsveranstaltung am 28. Juli hat sich das Organisationskomitee einen Marsch durch die Innenstadt ausgedacht. Los geht es an der der Kreuzung Unter den Linden/Friedrichstraße über die Weidendammer Brücke in Richtung Oranienburger Tor zum Stadion der Weltjugend, das vor dem Festival noch Walter-Ulbricht-Stadion hieß. Oder Zickenwiese, nach dem Kinnbart des entmachteten SED-Chefs. Der Einmarsch ins Stadion zieht sich über drei Stunden hin. Auf der Ehrentribüne sitzen neben Honecker der PLO-Chef Jassir Arafat und die amerikanische Kommunistin Angela Davis. Landowsky, Diepgen und ihre Mitstreiter in den gelben Leibchen sind mit dem Rest der westdeutschen Delegation ziemlich weit hinten, und sie zeigen gleich mal, wie sie die kommenden Tage gestalten wollen. Auf der Höhe der Tribüne drehen sie sich um und der versammelten Nomenklatura demonstrativ den Rücken zu. Im Tagesspiegel vom 29. Juli 1973 ist zu lesen: Es „fiel kaum jemandem auf, daß die 17 Vertreter der Jungen Union der Ehrentribüne mit Erich Honecker, Willi Stoph, dem Palästinenser-Chef Arafat und anderen Prominenten keinen Gruß entboten und daß sie beim Einzug der separierten West-Berliner Delegation ihren Unmut mit einer zusammengeballten Faust und dem nach unten gerichteten Daumen bekundeten.“

Der Alexanderplatz ist in diesen Tagen so belebt wie nie zuvor. Hier bringt die Junge Union auch ihre Flugblätter unters Volk, aber das ist ein schwieriges Unternehmen. Landowsky spricht in der Rückschau davon, „dass jeder aus unserer Gruppe sehr schnell von zehn Leuten umzingelt war, und sehr viele von denen haben gleich mehrere Flugblätter auf einmal genommen“.

Das Ministerium für Staatssicherheit führt die nachrichtendienstliche Festivalarbeit als „Aktion Banner“. Der „Spiegel“ hat die Akten nach der Wende aufgespürt und den Aufwand der Stasi dokumentiert. 27 000 Mitarbeiter sind im Einsatz. Vor dem Festival werden 23 532 potenzielle Störer im gesamten Land von der Polizei einbestellt zu einem „Gespräch zwecks Verhinderung einer Einreise in die Hauptstadt der DDR, Berlin“. 604 Menschen werden während des Festivals in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen. Vorsorglich wird während der Eröffnungsfeier im Stadion der Weltjugend der nahe gelegene Grenzübergang Chausseestraße geschlossen. Erich Mielke vermerkt laut Protokoll: „Der Schießbefehl wird natürlich nicht aufgehoben.“

Im Floh erzählt Landowsky beim zweiten alkoholfreien Bier, die Überwachung sei ihnen sehr wohl bewusst gewesen: „Wir hatten einen Betreuer. Ernst, Mitte dreißig, ein netter Mann, aber alle wussten, dass er von der Stasi war.“ Einmal kündigen sie ihm einen Ausflug nach Halle an. „Da stand wahrscheinlich schon ein Empfangskomitee bereit, aber wir sind mit dem Zug nach Brandenburg gefahren und haben dort unsere Flugblätter verteilt“, sagt Landowsky. Nach der Rückkehr habe er dem Stasi-Betreuer gesagt: „Tut mir leid, Ernst, aber wir haben kurzfristig umdisponiert.“

Franz-Josef Strauß schickt ein Telegramm, er revidiert seine ablehnende Haltung und gratuliert der Jungen Union. Rudi Dutschke darf doch zu Wolf Biermann einreisen. Und Landowsky verteilt weiter Flugblätter. Politische Diskussionen sind am Alexanderplatz schwieriger als weiter draußen, in Pankow oder Köpenick. Die FDJ hat ihre Kader politisch geschult. „Ich habe öfter mal gesagt: Guckt mal, da drüben ist der Kurfürstendamm, ich kann da problemlos hinfahren, warum könnt ihr das nicht“, erzählt Landowsky. „Aber immer, wenn wir die Reisefreiheit oder Menschenrechte angesprochen haben, kamen die mit Vietnam.“

Im Tagesspiegel von 1973 heißt es über die Diskussionskultur beim Festival: „Verwunderung löste auf dem Alexanderplatz und anderswo die Offenherzigkeit der diskutierenden FDJler aus, die sich auch kritisch zu DDR-Fragen und dem System im Ostblock überhaupt äußerten, sich aber ebenso entschieden mit dem kapitalistischen Westen auseinandersetzten. Als die gastgebenden DDR-Funktionäre nach den ersten Tagen registrierten, mit welchem Selbstbewußtsein ihre FDJler diskutierten, unterließen sie auch den Versuch, die Diskussionen durch besonders Linientreue unter Kontrolle zu bekommen.“

Am 1. August, vier Wochen nach seinem 80. Geburtstag, stirbt Walter Ulbricht. Ein paar Jahre zuvor wäre das ein Anlass für den sofortigen Abbruch des Festivals gewesen, aber Honecker mag sich nicht die politische Schau stehlen lassen. Über Lautsprecher lässt die DDR-Führung mitteilen, es sei Ulbrichts „Wunsch, dass das Festival, das so großartig und eindrucksvoll begonnen habe, zu Ende geführt werden möge, falls das Schlimmste eintrete, damit sich antiimperialistische Solidarität und Freundschaft weiter festige und der Frieden sicherer werde“.

Am selben Tag spricht der Juso-Vorsitzende Wolfgang Roth auf einer Kundgebung am Bebelplatz, es ist die erste öffentliche Rede eines SPD-Politikers in Ost-Berlin nach dem Mauerbau. Roths Manuskript wird nicht zensiert, und der „Spiegel“ merkt später an, er hätte problemlos zum „vollen Rundumschlag“ ansetzen können. Roth preist Erich Honecker und Leonid Breschnew und den Kampf gegen die „konservativen und reaktionären Kräfte“. Am Tag darauf findet seine Rede im vollen Wortlaut Abdruck im „Neuen Deutschland“.

Die große Mehrheit der Jugendlichen hat anderes im Sinn. Bei bestem Sommerwetter erfährt das Festival eine eigene Dynamik. Weg von der politischen Veranstaltung, hin zum frühen Ost-Berliner Vorläufer der Love-Parade. Auch Landowsky erzählt von jungen Frauen, die ihn und seine Kollegen umgarnen. Mit einer sei er abends mal ausgegangen, „ich war aber nicht mit ihr im Bett, wenn Sie das jetzt fragen wollen“. Die beiden sind also in die Melodie-Tanzbar an der Friedrichstraße, aber die Schlange am Eingang ist so lang, dass die Frau schon aufgeben will. Landowsky sagt, er habe sie an die Hand genommen und dem Türsteher gesagt: „Lassen Sie uns bitte durch, ich zahle mit Westgeld!“

Das eigentliche Festival findet nicht in den Bars oder Klubs statt, sondern unter freiem Himmel. Zehntausende von Jugendlichen kampieren in den Grünanlagen der Ost-Berliner Innenstadt. Das bleibt nicht ohne Folgen. Das Festival zeitigt Festival-Ehen und Festival-Kinder, und im Volksmund heißen die Jugend-Weltfestspiele bald Jugend-Feldbettspiele. Doch der Rausch verfliegt so schnell, wie er gekommen ist. In den frühen Morgenstunden des 6. August, kurz nach der Abschluss-Kundgebung, rattern die Kehrmaschinen über den Alexanderplatz und scheuchen all jene auf, die noch auf Wiesen oder Bänken dösen.

Erich Honecker hat das Fenster geöffnet, um der Welt eine moderne Festival-DDR zu zeigen. Das heißt noch lange nicht, dass er auch eine moderne Alltags-DDR will. Bald herrscht derselbe Mief wie zuvor unter Ulbricht. Die „Zeit“ zieht damals ein ernüchtertes Fazit: Das Verständnis zwischen den Deutschen sei nach bald 20 Jahren Trennung geringer als jenes zwischen England und Amerika, die sich trotz über 200-jähriger politischer Teilung noch mühelos auf Englisch unterhalten könnten. Landowsky sieht das ein wenig anders, beim dritten und letzten alkoholfreien Weizenbier im Floh: „Die jungen Menschen der DDR haben während des Festivals eine andere Welt kennengelernt. Und die einmal angestoßene Entwicklung ließ sich nicht mehr aufhalten.“

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