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Foto: IMAGO
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Das Ordnungsempfinden ist sehr unterschiedlich.

Wie hält man Ordnung als Familie? Räum endlich auf!

Ralph Gerstenberg

Unser Frühjahrsputz findet in diesem Jahr später statt als normalerweise. Sofas werden abgerückt, um dahinter zu saugen, Fenster geputzt und vor allem: Sachen werden aussortiert, Sachen, die sich in den fünf Jahren, in denen meine Frau, ich und unsere beiden Töchter hier wohnen, angesammelt haben. Die sich in Schränken stauen, in Regalen stapeln und den Keller unbegehbar machen. Drei blaue Müllsäcke stehen bereits vor der Tür.

Bevor es dazu kam, gab es zwischen uns immer wieder Auseinandersetzungen darüber, wie wir es schaffen können, die Dinge um uns herum so zu ordnen, dass wir uns wohler fühlen und unseren Alltag besser in den Griff kriegen. Meine Frau stört sich daran, dass ich ihre Ordnung in Schränken und Regalen nicht erkenne und durcheinanderbringe. Ich kann es nicht leiden, am Morgen in der Küche Dinge beiseiteräumen zu müssen, um mir einen Tee zu kochen.

Gespräche darüber endeten selten mit einer Einigung oder gar mit einer Strategie, wie wir die alltäglichen Herausforderungen im Kampf um ein aufgeräumtes Leben sgemeinsam meistern können. Irgendwann wurde mir klar, dass das Ordnungsempfinden eine höchst individuelle Angelegenheit ist. Ob man etwas liegen lässt oder wegräumt, ist nicht unbedingt eine rationale Entscheidung, sondern hat vor allem damit zu tun, ob man es als störend empfindet oder nicht. Und das hängt davon ab, ob und wie man es gelernt hat, die Dinge in seinem Lebensraum zu ordnen und in Ordnung zu halten.

"Immer muss ich dein Zeug wegräumen!"

Mein Vater war in dieser Beziehung streng und unerbittlich. Hatte ich etwas liegen gelassen, zeigte er mit dem Finger darauf und fragte: „Soll ich das wegräumen?“ Die Mutter meiner Frau hingegen beschwerte sich nur: „Immer muss ich dein Zeug aufräumen!“

Am Abend nach einem Gespräch mit meiner Frau über unser unterschiedliches Empfinden treffe ich mich mit meinem Freund und Kollegen Matthias bei ihm zu Hause zum Schachspielen. Das Thema schwirrt mir noch im Kopf herum, ziemlich unvermittelt frage ich: „Hast du gerade aufgeräumt?“ Überrascht antwortet er mit einer Gegenfrage: „Wieso, sieht es ordentlich aus?“

Ich finde schon. Matthias’ Wohnung besteht aus einem Zimmer mit angrenzender Küche, Flur und Bad, insgesamt 32 Quadratmeter, auf denen der Journalist seit der Trennung von seiner langjährigen Lebenspartnerin lebt und arbeitet. Ein Sofa steht in der Ecke auf der einen Seite des Wohnzimmers, das Bett diagonal gegenüber auf der anderen. Auf einem kleinen Schreibtisch befindet sich ein aufgeklapptes Notebook, ein Bücherboard hängt an der Wand, in Regalen reihen sich CDs. Man fühlt sich nicht beengt, trotz des wenigen Raumes. Anders als bei uns scheint hier alles seinen Platz zu haben.

Nie hat sie die Zahnpasta zugemacht

„Manchmal hat die eine oder andere Sache auch keinen Platz“, erklärt Matthias. „So ein Fahrradrücklicht zum Beispiel. Das packt man irgendwohin, dann kommt noch was dazu, und so entsteht innerhalb kürzester Zeit ein Müllhaufen. Der wächst und wächst, bis irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem aufgeräumt wird.“ Während wir die Schachfiguren aufstellen, erinnert sich Matthias an Konflikte in seiner früheren Beziehung und an Strategien, damit umzugehen: „Meine Frau schloss nie die Zahnpastatube, sodass ich morgens, als Erster im Bad, diesen harten Knubbel auf der Zahnbürste hatte. Ich hab so oft darum gebeten, die Tube zuzumachen.“ Vergebens. Also hat er irgendwann bei jeder neuen Zahnpasta sofort den Deckel weggeschmissen. „Es hat mich dann nicht mehr gestört, wenn sie die Tube nicht zu gemacht hat, weil sie sie gar nicht mehr zumachen konnte.“

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Weg damit? Oder behalten?

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Weg damit? Oder behalten?

Mein eigenes ästhetisches Empfinden wird von einer Sehnsucht nach Klarheit und Schönheit, Behaglichkeit und Funktionalität bestimmt. Da ich vorwiegend zu Hause arbeite, ist ein kreatives Chaos aber oft nicht zu vermeiden. Nach einer abgeschlossenen Arbeit empfinde ich das Aufräumen des Schreibtischs wie eine Befreiung. Die Unordnung wird beseitigt, es entsteht Platz für Neues.

Im Rest der Wohnung ist das weit schwieriger. Auf 120 Quadratmetern hinterlassen vier Personen ein Durcheinander, das sich täglich vergrößert. Krimskramskisten quellen über, Zeitschriften, Spielzeuge, Bastelobjekte stauen sich auf Ablagen und Flächen, Kleidungsstücke bilden auf dem Weg vom Wäschetrockner zum Schrank textile Wanderdünen. Das Aufräumen erscheint im aufreibenden Familienalltag oft als aussichtsloses Unterfangen.

In der Ratgeberecke einer Buchhandlung stoße ich auf einschlägige Lebenshilfeliteratur. „Einfacher und glücklicher leben“ soll man nach der Lektüre des Bestsellers „Simplify your life“. Eine „gewisse Grundunordnung“ sei ganz normal, heißt es darin. Die Autoren raten zu Gelassenheit und vor allem dazu, sich von überflüssigen Dingen zu trennen. „Ihr Bewusstsein hat gelernt, über ungeordnete Regale oder mit alten Sachen vollgestopfte Zimmer hinwegzusehen. Ihr Unterbewusstsein aber ist damit überfordert und belastet. Frei ist es erst, wenn das Zeug aus dem Haus ist.“

Magic Cleaning nach japanischer Art

Die Japanerin Marie Kondo schlägt mit ihrem Buch „Magic Cleaning – wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“ in eine ähnliche Kerbe. Der zentrale Baustein ihrer Methode lautet: „Jedes Ding wird einzeln in die Hand genommen. Was Erfüllung bringt und uns glücklich macht, behalten wir, was keine Erfüllung bringt, werfen wir weg.“ Aufräumen ist eine stille Angelegenheit, erfahre ich. So sei es nicht ratsam, dabei das Radio laut aufzudrehen, „weil dadurch das einmalige Gespräch des Herzens mit den Dingen gestört wird“.

Das Gespräch des Herzens mit den Dingen! Ich befürchte, das könnte bei einem esoterischen Inhalten gegenüber eher skeptisch eingestellten Menschen wie mir ein etwas zäher Dialog werden. Meine Frau kann den Simplify-your-life-Empfehlungen von Werner Tiki Küstenmacher und Lothar Seiwert etwas abgewinnen. Ich verstehe: eine Vereinfachung unseres Lebens! Die könnte uns wirklich guttun. Sie hat sich vorgenommen, das Buch ganz zu lesen oder mal hier und da zu blättern. Das kann allerdings dauern.

Ordnung mit System

Auf der Suche nach einer schnelleren Lösung stoße ich im Internet auf die Website von Rita Schilke, die als Aufräumcoach arbeitet und „Ordnung mit System“ zu schaffen verspricht – „schnell, diskret und seriös“. Ich rufe an, und wir machen einen Termin. Meine Frau ist ein bisschen skeptisch. Dann steht Rita Schilke in unserer Wohnung, eine freundlich-resolute Frau um die fünfzig. Beim Rundgang trägt sie ihre Arbeitskleidung – ein schwarzes Polo-Shirt mit der orangenen Aufschrift „Aufräumcoach“.

Nach der Inspektion unseres gemeinsamen Bücherregals und einer Glasvitrine, in der sich CDs stapeln, rät sie, nicht überraschend, zum konsequenten Aussortieren. Man müsse sich einen Termin setzen, erfahren wir, wie für den Zahnarzt. Da gehe man schließlich auch hin. „Und dann ist es wichtig, dass man sich nicht zu viel vornimmt. Kleine Ziele setzen und sich dafür belohnen. Wenn Sie dann dranbleiben, ist es auch irgendwann erledigt.“

Auf die Idee, professionell anderen Leuten beim Aufräumen zu helfen, kam Rita Schilke, als sie vor knapp fünf Jahren in der „Süddeutschen Zeitung“ einen Artikel über einen Aufräumcoach las. „Da hab ich sofort gesagt: Das mach ich. Das bin ich. Ich bin der Aufräumcoach.“

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Das Ordnungsempfinden ist sehr unterschiedlich.

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Das Ordnungsempfinden ist sehr unterschiedlich.

Rita Schilke, die damals in der Hauskrankenpflege beschäftigt war, stürzte sich in das berufliche Abenteuer. Für 45 Euro pro Stunde berät sie seitdem Menschen, die ohne fremde Hilfe im Chaos versinken würden. Und davon gibt es offenbar einige. Vor allem Leute, die beruflich sehr eingebunden sind, kommen auf sie zu, aber auch Menschen, die es nie gelernt haben, aufzuräumen. Sie erinnert sich an einen jungen Mann, der glaubte, Messie zu sein. „Es hat sich aber herausgestellt, er war gar kein Messie. Seine Mutter ist früh gestorben, und er war mit allem überfordert. Ich musste ihm zeigen, wie man Wäsche zusammenlegt, das wollte er auch wirklich lernen. Das hat mich sehr berührt.“

Im Gegensatz zu Schilkes Klienten wissen wir durchaus, wie aufräumen geht. Nur hängt das Herz meiner Frau an sehr vielen Dingen. Beim Rundgang durch unsere Wohnung entdeckt die Aufräumhelferin einen Stapel mit Kinderzeichnungen. Warum wir die aufheben, will die Aufräumerin wissen. „Weil ich es schön finde, sie später unseren Kindern zeigen zu können“, antwortet meine Frau. Rita Schilke lacht. „Wenn das Kind erwachsen ist, guckt es einmal rein und sagt: Oh, ja, toll. Da reichen fünf Bilder, man muss nicht so viel aufheben.“ Immer wieder müsse man das durchdenken: Wozu, warum hebe ich die Sachen auf?

Der Papierkorb wird voller

Meine Frau runzelt die Stirn. Doch nach dem Besuch ist ihr Papierkorb zentraler positioniert und öfter gefüllt. In der Kammer steht ein Karton mit Dingen, die ins Sozialkaufhaus gebracht werden sollen. Und wir haben uns auf einen Termin für einen gemeinsamen Frühjahrsputz einigen können. Alles auf bestem Wege. Wären da nicht noch immer die kleinen Hakeleien wegen stehen gelassener Kaffeetassen.

„Zunächst würde ich mir klarmachen: Was ist mein Bedürfnis, mein Teil? Was bringe ich für Erwartungen mit ein? Welche hat mein Partner?“ Peer Wollsiefer ist als Heilpraktiker für Psychotherapie Spezialist für alltägliche Konflikte in Partnerschaften. Er empfiehlt, Ich-Botschaften zu formulieren, statt den Partner mit Vorwürfen zu bombardieren. So sei es leichter möglich, ins Mitgefühl zu kommen. Das stärkere Mitgefühl mache es möglich, sich zu einigen.

Ärger über die eigene Wut

Ich erzähle, dass ich mich mit der Rolle des Ordnungshüters nicht identifizieren kann und ärgerlich werde aufgrund meiner Wut – nicht nur über die stehen gelassene Kaffeetasse, sondern auch über mich, dass ich eine bestimmte Ordnung einfordere. Dass ich wütend werde, weil ich mich dabei selbst als kleinlich empfinde. Es ist auch ein Ärger darüber, nicht gelassen zu bleiben.

„Es ist, wie es ist“ steht auf einem Zettel an der Wand in der Praxis des Therapeuten. Vielleicht ist es das: den anderen so sein lassen zu können, wie er ist, versuchen, großzügig zu sein. Das Ordnungsempfinden ist nicht verhandelbar.

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Und so klappt es doch noch, das gemeinsame Ausmisten. Bücher, die nicht mehr gelesen werden – weg damit. Das Aquarium, das seit Jahren im Keller steht, die verstaubte Spielzeugeisenbahn, die nicht mehr gehörten CDs – weg, weg, weg!

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